Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) findet zunehmend mehr Gehör in der breiten Öffentlichkeit. Grund dafür seien die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch eine veränderte Wirtschaftsweise, die den Sozialstaat in eine Krise gestürzt habe. Durch den Wandel von einer Selbstversorgungs zu einer Fremdversorgungsgesellschaft haben die Fortschritte in der Arbeitsteilung, in der Standardisierung und der Automatisierung von Arbeitsabläufen zu einer höheren Produktivität und zu einer Erleichterung des Arbeitsprozesses geführt. Diese Entwicklung bedeutet aber gleichzeitig eine zunehmende und voraussichtlich auch langfristige Arbeitslosigkeit, da menschliche Produktivkräfte immer weiter durch maschinelle ersetzt werden. Als eine weitere Folge der veränderten Wirtschaftsweise kann der Anstieg der Einkommens- und Vermögensungleichheiten betrachtet werden. Während die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher immer mehr verdienen, können die unteren zehn Prozent von ihrem Einkommen nicht einmal mehr ihren Lebensunterhalt decken. Für die Fürsprecher des BGE bedeutet diese Entwicklung eine zunehmende soziale Ungerechtigkeit, die in der Ungerechtigkeit des Steuersystem, der Bildungschancen, der Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation etc. zu erkennen sei. Der Sozialstaat könne daher der neuen Herausforderung durch die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nur begegnen, wenn er neu strukturiert werden würde. Eine Idee dafür wäre die Einführung des BGE, welches jedem bedingungslos ein Einkommen garantiert und dadurch die soziale Ungerechtigkeit minderte.
Wenn das BGE die soziale Ungerechtigkeit mindern würde, impliziert das, dass es soziale Gerechtigkeit schaffte und somit nicht nur eine gerechtfertigte, sondern auch eine gerechte Idee wäre?
Ziel dieser Arbeit ist es vielmehr anhand von Rawls Theorie der Gerechtigkeit" darzustellen, ob es gerecht wäre, Menschen ein Einkommen einzugestehen, ohne dass sie erwerbstätig sind oder anderen Auflagen unterliegen. Die Frage, welcher diese Arbeit nachgeht, ist daher: Entspricht die Idee des BGE Rawls Vorstellung einer gerechten Verteilung?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das bedingungslose Grundeinkommen
3. Die Begründung der Gerechtigkeitsprinzipien
3.1 Der Urzustand
3.2 Die Gerechtigkeitsgrundsätze
3.3 Die lexikalische Ordnung der Gerechtigkeitsgrundsätze
3.4 Unterscheidungsprinzip
4. Die Verteilungsgerechtigkeit
4.1 Regierungsabteilungen
5. Rawls und das bedingungslose Grundeinkommen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) mit John Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit" vereinbar ist und ob es dessen Kriterien für eine gerechte Verteilung innerhalb einer Gesellschaft erfüllen kann.
- Grundlagen und Definition des bedingungslosen Grundeinkommens
- Analyse von Rawls' Konzept des Urzustands und der Gerechtigkeitsgrundsätze
- Untersuchung der lexikalischen Ordnung und des Unterscheidungsprinzips
- Anwendung der Gerechtigkeitstheorie auf staatliche Regierungsabteilungen
- Kritische Bewertung der Kompatibilität von BGE und Rawls' Gerechtigkeitsverständnis
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Urzustand
Der Urzustand, an den Rawls den Naturzustand des Gesellschaftsvertrages anlehnt, bezeichnet einen theoretischen Zustand, in dem sich vernünftige Menschen, die keine aufeinander gerichteten Interessen haben, befinden, um die Grundregeln ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu bestimmen. In diesem Zustand sind sie nicht in der Lage festzustellen, welchem sozialen und gesellschaftlichen Status sie angehören. Dadurch können „Die Grundsätze der Gerechtigkeit ... hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt“ (Rawls 1979: 29) werden, die Rawls mit „Gerechtigkeit als Fairness“ bezeichnet, da niemand mehr in der Lage sei Grundsätze zu definieren, die ihn selbst bevorteilen und diese somit unparteilich wären (vgl. Rawls 1979: 28f.). Bei der Wahl der Grundsätze sollen sich die Beteiligten alleine von ihren Eigeninteressen leiten lassen, welche auf die Grundgüter gerichtet sind. Rawls geht davon aus, dass sich trotz Pluralismus und Subjektivität die Menschen darüber einig seien, dass sie für ein gemeinschaftliches Leben über Grundgüter wie Grund- und Partizipationsrechte, Chancen, Einkommen und Vermögen verfügen müssten (vgl. Romanus 2008: 68f., Maus 2006: 75f.) Nach Auffassung von Rawls würden diese Voraussetzungen dazu führen, dass sich die Menschen auf zwei Gerechtigkeitsgrundsätze einigen, die ihnen ein Maximum an Grundgütern garantieren würden (vgl. Rawls 1979: 114f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des bedingungslosen Grundeinkommens ein und erläutert die Relevanz einer ethischen Betrachtung basierend auf Rawls' Gerechtigkeitstheorie.
2. Das bedingungslose Grundeinkommen: Das Kapitel definiert den Begriff des BGE als leistungslosen staatlichen Transfer und grenzt ihn von bestehenden sozialen Sicherungssystemen ab.
3. Die Begründung der Gerechtigkeitsprinzipien: Es werden die theoretischen Grundlagen von Rawls' Vertragslehre dargelegt, insbesondere das Gedankenexperiment des Urzustands.
3.1 Der Urzustand: Dieses Unterkapitel erläutert den Zustand unter dem „Schleier des Nichtwissens“ als Voraussetzung für eine unparteiliche Wahl von Gerechtigkeitsregeln.
3.2 Die Gerechtigkeitsgrundsätze: Hier werden die beiden zentralen Gerechtigkeitsgrundsätze erläutert, die eine faire Verteilung von Grundgütern garantieren sollen.
3.3 Die lexikalische Ordnung der Gerechtigkeitsgrundsätze: Das Kapitel erklärt den Vorrang der persönlichen Grundfreiheiten gegenüber ökonomischen Verteilungsregeln.
3.4 Unterscheidungsprinzip: Es wird das Prinzip analysiert, nach dem soziale Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie den am schlechtesten Gestellten den größtmöglichen Vorteil bringen.
4. Die Verteilungsgerechtigkeit: Dieses Kapitel verknüpft die Gerechtigkeitsprinzipien mit den institutionellen Aufgaben eines gerechten Staates.
4.1 Regierungsabteilungen: Darstellung der vier von Rawls entwickelten Regierungsabteilungen, die die wirtschaftliche und soziale Ordnung absichern sollen.
5. Rawls und das bedingungslose Grundeinkommen: Die theoretischen Prinzipien von Rawls werden direkt auf die Idee des BGE angewendet, um deren Vereinbarkeit zu prüfen.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Rawls' Theorie nicht eindeutig für das BGE spricht, da die Bewertung stark von der Interpretation seiner Grundsätze abhängt.
Schlüsselwörter
Bedingungsloses Grundeinkommen, John Rawls, Theorie der Gerechtigkeit, Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Gerechtigkeitsgrundsätze, Unterscheidungsprinzip, Verteilungsgerechtigkeit, Soziale Gerechtigkeit, Grundgüter, Chancengleichheit, Wohlfahrtsstaat, Wirtschaftsordnung, Politische Philosophie, Gesellschaftsvertrag
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens auf Basis der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Gerechtigkeit, die ökonomische Verteilung und die ethische Rechtfertigung staatlicher Transferleistungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens den Anforderungen an eine gerechte Verteilung nach Rawls entspricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und philosophische Literaturanalyse der Gerechtigkeitstheorie angewandt auf ein aktuelles sozialpolitisches Modell.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Rawls' Theorie, die Erklärung der vier Regierungsabteilungen und die kritische Diskussion des BGE anhand dieser Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Gerechtigkeit, Urzustand, Grundeinkommen, Verteilungsgerechtigkeit und soziale Sicherung geprägt.
Warum spielt der Urzustand für das BGE eine Rolle?
Der Urzustand dient als hypothetischer Ausgangspunkt, um zu prüfen, ob rationale Akteure ein Grundeinkommen als gerechtes Prinzip wählen würden.
Wie lautet das Fazit der Arbeit bezüglich Rawls und dem BGE?
Das Fazit stellt fest, dass Rawls' Theorie keine eindeutige Antwort liefert; die Kompatibilität bleibt eine Frage der Interpretation, wobei Rawls selbst das Konzept eher kritisch sah.
- Arbeit zitieren
- Rosa Grieser (Autor:in), 2010, Das bedingungslose Grundeinkommen. Eine gerechte Idee?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209368