Die Wahrnehmung zwischen Personen ist ein alltäglicher Vorgang und wesentlicher Bestandteil der Interaktion. Jede soziale Begegnung hinterlässt bei uns einen bestimmten Eindruck, ein „Bild vom anderen“. Welcher Art dieses Bild ist, kann weitreichende Folgen haben. So enthält das Bild nicht nur vermeintliche Informationen über den anderen, es wird auch in doppelter Richtung verhaltenswirksam: Es beeinflusst unser Verhalten ihm gegenüber und damit auch sein Verhalten.
Wie aber kommt das Urteil, das Bild über den anderen Menschen zustande? Welche Faktoren beeinflussen die Personenwahrnehmung? Und ist der Eindruck, den wir uns von unseren Interaktionspartnern machen, ein Abbild der Wirklichkeit? Die Beantwortung dieser Fragen spielt eine bedeutsame Rolle in personenbezogenen Dienstleistungen wie der Altenpflege. Die Kenntnisse des Prozesses der interpersonalen Wahrnehmung in all seinen Facetten – mit seinen Regelmäßigkeiten und verzerrenden Einflüssen – ist eine notwendige Voraussetzung, um über das eigene Wahrnehmen und Verhalten reflektieren zu können und eine emotional zufriedenstellende Beziehung zu den Heimbewohnern aufbauen zu können. die den Bedürfnissen der Bewohner gerecht wird.
Daher stellt die vorliegende Arbeit – „Die Theorie der interpersonalen Wahrnehmung und ihre Rezeption in der Altenpflegeausbildung“ – die Frage, ob die Ergebnisse zur interpersonalen Wahrnehmung in der Ausbildung der Altenpflegerinnen eine Rolle spielen. Die Fragestellung wird anhand einer Literaturauswertung erarbeitet.
Im ersten Teil der Arbeit soll es darum gehen, den Forschungsstand zur interpersonalen Wahrnehmung darzustellen.
Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der interpersonalen Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung. Hier soll zunächst die Bedeutsamkeit der interpersonalen Wahrnehmung in der Arbeit der AltenpflegerInnen zum einen durch strukturelle Merkmale des Berufs, zum anderen durch die Analyse von Fallbeispielen aus dem Pflegealltag herausgestellt werden, um dann zu überprüfen, ob sich die beträchtliche Relevanz dieses Forschungsbereichs in der Altenpflegeausbildung niederschlägt. Zu diesem Zweck sollen zum einen die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung und zum anderen die einschlägigen Lehrbücher für die Ausbildung betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
I Forschungsstand zur interpersonalen Wahrnehmung
2 Das Wesen der Personenwahrnehmung
2.1 Unterschiede in der Wahrnehmung von Personen und Objekten
2.2 Personenwahrnehmung als Fähigkeit?
3 Der Prozess der Eindrucksbildung
3.1 Algebraische Modelle der Eindrucksbildung
3.2 Implizite Persönlichkeitstheorien
3.3 Kategorisierung und Eindrucksbildung
3.4 Die Bedeutung der kognitiven Struktur des Wahrnehmenden
4 Einflussfaktoren auf die Personenwahrnehmung
4.1 Halo-Effekte
4.2 Reihenfolge – Effekte
4.3 Stimmungskongruenzeffekt
4.4 Negativitätstendenz
4.5 Sich selbst erfüllende Prophezeiungen
4.6 Attributionsverzerrungen
II Interpersonale Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung
1 Interpersonale Wahrnehmung in der Arbeit der AltenpflegerInnen
1.1 Welche Rolle spielt die interpersonale Wahrnehmung für den Beruf der Altenpflege?
1.2 Die Bedeutsamkeit der Forschungserkenntnisse zur interpersonalen Wahrnehmung – Fallbeispiele
2 Rezeption der Forschungsergebnisse zur interpersonalen Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung
2.1 Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für den Beruf der Altenpflege
2.2 Durchsicht der Lehrbücher
III Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der Theorie der interpersonalen Wahrnehmung für das Berufsfeld der Altenpflege und geht der Forschungsfrage nach, inwiefern die wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese Wahrnehmungsprozesse in der aktuellen Altenpflegeausbildung vermittelt werden.
- Grundlagen der Personenwahrnehmung und Eindrucksbildung
- Einflussfaktoren und Verzerrungspotenziale bei der Wahrnehmung
- Relevanz der interpersonellen Wahrnehmung für die professionelle Pflege
- Analyse von Fallbeispielen aus dem Pflegealltag
- Rezeption der Thematik in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sowie in einschlägigen Lehrbüchern
Auszug aus dem Buch
3.1 Algebraische Modelle der Eindrucksbildung
Wenn wir auf einen Menschen treffen, erschließen wir unter anderem aus seinem Äußeren, seinem Verhalten oder seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe vielfältige Informationen über seinen Charakter oder seine Einstellungen. Auf die Frage, wie diese Einzelinformationen zu einem Gesamturteil integriert werden, versuchen algebraische Modelle Antwort zu geben. Im Einzelnen sollen an dieser Stelle das Summen- und das Durchschnittsmodell erörtert werden. Beide Modelle versuchen die Kombination der Einzelinformationen mit Hilfe von mathematischen Modellen abzubilden.
Wenn wir eine Person mit Eigenschaftsbegriffen charakterisieren, verbinden wir mit diesen gleichzeitig affektive Bewertungen. Wir empfinden eine bestimmte Eigenschaft als positiv oder negativ. Das Summenmodell besagt, dass unser Gesamteindruck von einem Menschen der Summe der Bewertungen der Einzelmerkmale entspricht (Rosemann/Kerres, 1986, S. 48). Forgas erläutert das an folgendem Beispiel: „Halten wir […] Hans – unsere Zielperson – für ehrenwert und hilfsbereit – und haben wir diesen Eigenschaften auf unserer von –7 bis +7 reichenden, subjektiven Gunstskala die Werte 7 und 6 zuerkannt, beträgt der Gunstwert unseres Eindrucks von Hans 7+6 = 13“ (Forgas, 1999, S.57). Nach dem Summenmodell ist also der Eindruck von einer Person umso positiver, je mehr positive Eigenschaften ihr zugeschrieben werden. Dabei spielt die Größe der Bewertung der Eigenschaften keine Rolle. Das Hinzufügen einer Eigenschaft mit positivem Vorzeichen reicht aus, um das Gesamturteil zu verbessern. Wenn wir also Forgas Beispiel folgend über Hans in Erfahrung bringen würden, dass er Etiketten von Streichholzschachteln sammelt und dieses Merkmal mit +1 bewerten würden, dann steigt der Gunstwert unseres Eindrucks von ihm auf 14 (ebenda, S.57).
Das Durchschnittsmodell geht davon aus, dass sich der Gesamteindruck aus dem arithmetischen Mittel der Einzelbewertungen ergibt. Eine modifizierte Form des Modells, das gewichtete Durchschnittsmodell, berücksichtigt die Tatsache, dass die Eigenschaften nicht alle in gleichem Maße in die Eindrucksbildung einfließen (Rosemann/Kerres, 1986, S. 48 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung der Personenwahrnehmung im Alltag und speziell in der Altenpflege und formuliert die Forschungsfrage der Arbeit.
I Forschungsstand zur interpersonalen Wahrnehmung: Dieser Teil legt die theoretischen Grundlagen dar, indem er Modelle der Eindrucksbildung und verschiedene Faktoren der Wahrnehmung erläutert.
2 Das Wesen der Personenwahrnehmung: Hier werden die Abgrenzung zur Objektwahrnehmung thematisiert und die Frage erörtert, ob Personenwahrnehmung als eine erlernbare Fähigkeit betrachtet werden kann.
3 Der Prozess der Eindrucksbildung: Das Kapitel beschreibt, wie aus fragmentarischen Informationen ein ganzheitliches Bild entsteht, unter anderem durch algebraische Modelle, implizite Persönlichkeitstheorien und Kategorisierung.
4 Einflussfaktoren auf die Personenwahrnehmung: Es werden systematische Verzerrungen wie Halo-Effekte, Reihenfolge-Effekte, Stimmungseinflüsse, die Negativitätstendenz sowie die Mechanismen der Selbsterfüllenden Prophezeiungen und Attributionen analysiert.
II Interpersonale Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung: Dieser Teil spannt den Bogen zur praktischen Relevanz in der Altenpflege und analysiert die aktuelle Ausbildungssituation.
1 Interpersonale Wahrnehmung in der Arbeit der AltenpflegerInnen: Hier wird die zentrale Rolle der Wahrnehmung für die Dienstleistungsqualität und die Interaktion mit Bewohnern anhand von Fallbeispielen belegt.
2 Rezeption der Forschungsergebnisse zur interpersonalen Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung: Das Kapitel untersucht kritisch, ob und wie diese Themen in der Ausbildungsverordnung und in Fachlehrbüchern Eingang finden.
III Schlussbetrachtung und Ausblick: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert die Bedeutung des Themas für eine reflektierte pflegerische Praxis.
Schlüsselwörter
Interpersonale Wahrnehmung, Personenwahrnehmung, Eindrucksbildung, Altenpflege, Altenpflegeausbildung, Soziale Wahrnehmung, Stereotype, Attribution, Halo-Effekt, Primacy-Effekt, Selbsterfüllende Prophezeiung, Kognitive Struktur, Personenbezogene Dienstleistung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser B.A.-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der interpersonalen Wahrnehmung und untersucht deren Relevanz für den professionellen Alltag sowie die Ausbildung in der Altenpflege.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die psychologischen Grundlagen der Eindrucksbildung, die Faktoren, die zu Wahrnehmungsverzerrungen führen, und analysiert deren Auswirkungen auf die Interaktion zwischen Pflegepersonal und Bewohnern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Bedeutung der interpersonalen Wahrnehmung für die Pflegepraxis aufzuzeigen und kritisch zu prüfen, ob dieses Wissen angemessen in der Altenpflegeausbildung vermittelt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt ihre Untersuchung auf eine fundierte Literaturauswertung sowie auf die Analyse von realen Beobachtungsprotokollen aus dem Pflegealltag und einschlägigen Lehrbüchern.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil über Wahrnehmungsprozesse (u.a. algebraische Modelle, Stereotype, Attributionen) und einen anwendungsorientierten Teil, der diese Theorie auf die Altenpflege überträgt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind interpersonale Wahrnehmung, Eindrucksbildung, soziale Verzerrungen, Altenpflege, Pflegequalität, Stereotype und professionelles Selbstverständnis.
Warum spielt die interpersonale Wahrnehmung in der Altenpflege eine besondere Rolle?
Da die Altenpflege eine personenbezogene Dienstleistung ist, bei der die Interaktion das Kernstück der Arbeit bildet, entscheidet die Qualität der Wahrnehmung maßgeblich über den Erfolg der Pflegebeziehung und das Wohlbefinden der Bewohner.
Welche konkrete Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Lehrbücher?
Die Autorin stellt fest, dass das Thema zwar in den meisten untersuchten Lehrbüchern vorkommt, die Qualität und Tiefe der Darstellung jedoch stark divergiert und oft nur oberflächlich bleibt.
- Quote paper
- Suna Aydin (Author), 2009, Interpersonale Wahrnehmung in der Altenpflegeausbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209386