Die amerikanische Frontier und die Übertragung auf Herman Melvilles "Moby Dick"


Hausarbeit, 2005
11 Seiten, Note: 1,0
Alexander Kraus (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Alte vs. Neue Welt

2. Die amerikanische Frontier
2.1 Begriffsklärung
2.2 Die Geschichte der Frontier
2.3 Der Mythos der Frontier
2.4 Turners Frontier-Thesen

3. Die Verkörperung der Frontier in der Literatur
3.1 Der Ozean als Erweiterung des Frontier-Begriffes
3.2 Die Frontier-Erfahrung in Herman Melvilles „Moby Dick“

4. Die Frontier als kulturelles Phänomen

5. Bibliographie

1. Alte vs. Neue Welt

Als Christoph Columbus auf der Suche nach einer West-Passage nach Indien 1492 auf die „Neue Welt“ traf, konnte niemand erahnen, von welch historischer Bedeutung die Entdeckung Amerikas und das Überschreiten der europäischen Frontier war. Denn bisher galt der Atlantik als äußerste westliche Grenzlinie Europas. Dass auf dem gegenüberliegenden Ufer des Ozeans eine völlig unzivilisierte und fast unberührte neue Welt lag, überzeugte schließlich viele Europäer dem von Normen und Zwängen behafteten Europa den Rücken zu kehren und ein neues Leben zu beginnen. Stephan Strain schreibt in seinem Artikel “The American Image”: “If America once was a myth, a product of the European imagination, today’s America is becoming less and less European.”[1] Die Abgrenzung des neuen Kontinents von dem alten Europa zeigt sich besonders in der Einstellung der europäischen Immigranten, die ihren Freiheitsdrang und ihre politischen Ideologien endlich ausleben konnten und sich somit von ihrer alten Heimat distanzierten. Fakt ist, dass die Entdeckung der westlichen Welt eine neue Nation hervorbrachte, die sich heute jedoch in kultureller und vor allem in demographischer Hinsicht klar vom heutigen Europa absetzt.

Hauptaugenmerk ist in meiner Hausarbeit auf die amerikanische Frontier gerichtet, deren Entwicklung in der Vergangenheit und Bedeutung in der heutigen Zeit analysiert wird. Anschließend wird aufgezeigt, inwieweit die Frontier-Erfahrung auf die Literatur und im Speziellen auf Herman Melvilles „Moby Dick“ übertragen werden kann.

2. Die amerikanische Frontier

Die Besiedlung der amerikanischen Ostküste und die darauf folgende Erschließung des amerikanischen Westens bzw. die permanente Erweiterung der Frontier bedeutete damals für die europäischen Kolonisten die Erfüllung ihrer Träume und den Aufbau einer völlig unabhängigen und neuen Existenz. Heute ist die “westward movement” beendet und eine Nation entstanden, die aufgrund ihres Pioniergeistes in der Vergangenheit, zur Weltmacht geworden ist und - sich schon lange von Europa gelöst - ihren eigenen Charakter entwickelt hat. Die amerikanische Frontier entstand also durch das Eintreffen europäischer Siedler, die den Atlantik und somit die Grenze zwischen neuer und alter Heimat überschritten. So wurde der Grundstein zur stetigen Gebietserweiterung gelegt. Um den Terminus der Frontier zu verstehen ist zunächst eine Begriffsklärung nötig.

2.1 Begriffsklärung

Der Geograph L.D. Kristof unterscheidet zwischen “frontier” und “boundary”: “A boundary is simply a territorial limit, whereas a frontier is the zone of contact between two different societies or civilizations.”[2] Die amerikanische Frontier ist demnach die Grenze zwischen den Siedlungen der Kolonisten und den immer weiter nach Westen verdrängten “Native Americans”, den Indianern. Die amerikanische Frontier wird auch oft als Grenze zwischen Wildnis, dem von den Einheimischen besiedelten Land, und Zivilisation, dem von den Kolonisten eingenommenen Land, beschrieben. In metaphorischer Sichtweise spricht man von dem unkultivierten Land auch oft als “desert”, wohingegen das Land der weißen Siedler als “garden of Eden” oder Paradies beschrieben wird.[3] Die Unterscheidung der Begrifflichkeit verdeutlicht, in welcher Aversion sich die beiden Kulturen der Indianer und der Kolonisten gegenüberstanden. Um die Hintergründe dieses Verhältnisses zu verstehen ist es nötig, als Nächstes den geschichtlichen Hintergrund der amerikanischen Frontier darzulegen.

2.2 Die Geschichte der Frontier

Die Geschichte der amerikanischen Frontier beginnt im 17. Jahrhundert mit der Besiedlung der nordamerikanischen Ostküste. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1776 und dem Frieden von Paris 1783 konnten sich die USA endgültig von Großbritannien lossagen und mit der Ausdehnung der staatlichen Grenzen nach Westen beginnen. Die Zeit nach der Unabhängigkeitserklärung ist von etlichen Gebietserweiterungen geprägt. So gewannen die USA im Frieden von Paris das britische Gebiet zwischen den Bundesstaaten und dem Mississippi. 1803 kauften die USA für 15 Millionen US-Dollars von Napoleon das französische Gebiet, das sich vom Mississippi bis an die Rocky Mountains erstreckte. Der so genannte “Louisiana Purchase” verdoppelte das Bundesgebiet und bewirkte eine Zurückdrängung der französischen Einflussnahme auf dem nordamerikanischen Kontinent. Im Jahre 1819 kauften die USA den Spaniern Florida ab und durch die Unabhängigkeitserklärung Mexikos von Spanien 1821 verlor auch diese europäische Macht ihren Einfluss in der neuen Welt. 1845 schloss sich Texas der USA an, nachdem es sich 1836 von Mexiko losgesagt hatte. Der darauf folgende Krieg mit Mexiko bewirkte, dass der USA alle Gebiete nördlich des Rio Grande 1848 zugesprochen wurden. Die letzten Gebietserweiterungen stellen das Oregon-Gebiet im Nordwesten der USA und der Kauf Alaskas 1867 von Russland dar.

Die Westerweiterung kann als langwieriger und schmerzhafter Prozess seitens der Indianer angesehen werden. Nach den vielen Gebietsannexionen war ein Großteil des Landes noch unbewohnt bzw. von der Urbevölkerung der Indianer besiedelt. Durch das Eindringen der Trapper, Pelzjäger und Fallensteller wurde die Existenzgrundlage der Indianer zerstört und die verschiedenen Stämme radikal dezimiert. Denn die nomadisch lebenden Indianer konnten sich hauptsächlich nur durch die Büffelherden ernähren, denen sie stets folgten, jedoch bald den weißen Eindringlingen zum Opfer fielen. Nachdem sich zunächst noch die “squatters”, die wie die Indianer durch das Land zogen, und später die Farmer im Westen ausbreiteten, wurden die Indianer in Zwangsverträgen der amerikanischen Regierung in Reservate verbannt, um den weißen Kolonisten Platz zu schaffen.

Der Drang, den amerikanischen Westen zu besiedeln, wurde durch einige Faktoren unterstützt. Zum einen wurde durch verstärkte Transportmaßnahmen die Mobilität der Kolonisten gefördert. Ab 1830 fuhren Dampfschiffe auf dem Ohio, Mississippi und Missouri. Durch den Bau der transkontinentalen Eisenbahn in den sechziger Jahren war es möglich, in den Westen zu gelangen. Als am 24.Januar 1848 am Sacramento im heutigen Kalifornien Gold entdeckt wurde, strömten 80 000 Menschen dorthin. Der Homestead Act 1862, der besagte, dass den Kolonisten 160 acres auf Dauer zugesprochen würde, wenn sie dieses Land fünf Jahre bewirtschaften würden, bot außerdem einen enormen Anreiz den Westen zu besiedeln. Durch die starke Auswanderungswelle aus Europa war es erst möglich den nordamerikanischen Kontinent zu zivilisieren und den Westen vollständig zu besiedeln.[4]

2.3 Der Mythos der Frontier

Mit den allmählich entstehenden Siedlungen entlang des Pazifiks endet schließlich die in der Vergangenheit kontinuierliche Ausdehnung der Frontier. Abgesehen von den historisch verankerten Begebenheiten, die vorher erwähnt wurden und im nächsten Kapitel mit den Frontierthesen wieder aufgenommen werden, ist die Frontier bis heute mythologisiert, und besonders in Zusammenhang mit dem amerikanischen Traum in Verbindung gebracht worden.

“A mythology is a complex of narratives that dramatizes the world vision and historical sense of a people or culture, reducing centuries of experience into a constellation of compelling metaphors.”[5]

Dieses Zitat entstammt Richard Slotkins Buch “Regeneration through violence”, in dem er die Mythenbildung und deren Wirkung untersucht. Wie der Buchtitel schon ankündigt befasst sich Slotkin mit dem “myth of the frontier”[6], der einerseits Amerika als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten charakterisiert, sich andererseits jedoch auch mit dem erlangten Wohlstand aufgrund von Gewalt und blutigen Kämpfen gegen die Indianer befasst. Mit der Auflösung der Frontier und der damit verbundenen Beendigung der territorialen Gebietserschließung an der Westküste der USA 1890 beginnt die Mythologisierung der amerikanischen Frontier. Laut Slotkin dient die Mythologie dazu, kulturelle Ansichten vergangener Zeiten in die moderne Gesellschaft zu übertragen. Die Mythologie ist die Gesamtheit der vom Menschen in der Vergangenheit angesammelten Erfahrungen, die in der gegenwärtigen Situation auf Metaphern reduziert werden. Demzufolge tragen die Erfahrungen und Wahrnehmungen jedes einzelnen Individuums zur Mythenbildung bei, aber erst die Verknüpfung dieser individuellen Ereignisse erfüllt als “collective identity”[7] ihre Funktion. Nicht nur der amerikanische Traum, also die Tatsache, dass jedes Individuum durch die Anwendung seiner Fähigkeiten ein besseres und reicheres Leben erlangen kann, ist bis heute in den Köpfen der amerikanischen Gesellschaft. Der New Yorker Journalist John L. O’Sullivan führte 1845 in seiner Zeitschrift “Democratic Review” erstmals den Begriff “Manifest Destiny” ein.[8] Hiernach war die Entwicklung Amerikas vorherbestimmt, was wiederum heutzutage den Nationalstolz der amerikanischen Bevölkerung als ein von Gott bestimmtes und in machtpolitischer Hinsicht an erster Stelle stehendes Land betont. Man kann also erkennen, dass der Mythos der amerikanischen Frontier und die damit verbundenen Sichtweisen eines Landes der unbegrenzten Möglichkeiten in der Vergangenheit entstanden, jedoch immer noch Bestandteil der Vorstellungen der Amerikaner ist.

[...]


[1] S. Strain: The American Image. American Studies Newsletter. S.62

[2] M. Lagon & M. Lind: American Way. American Studies Newsletter. S.10

[3] http://www.uaf.edu/english/faculty/heyne/dgmr.html

[4] J. Nagler: Von den Kolonien zur Führungsmacht. Informationen zur politischen Bildung. S.13ff

[5] R. Slotkin: Regeneration through violence. S.6

[6] R. Slotkin: Regeneration through violence. S.5

[7] R. Slotkin: Regeneration through violence. S.8

[8] J. Nagler: Von den Kolonien zur Führungsmacht. Informationen zur politischen Bildung. S.14

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die amerikanische Frontier und die Übertragung auf Herman Melvilles "Moby Dick"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V209514
ISBN (eBook)
9783656374596
ISBN (Buch)
9783656375166
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frontier, moby, dick, text, contexts
Arbeit zitieren
Alexander Kraus (Autor), 2005, Die amerikanische Frontier und die Übertragung auf Herman Melvilles "Moby Dick", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209514

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