Der Roman Nedjma, der 1956 von Kateb Yacine vollendet wurde und in der
vorrevolutionären Phase des Algerienkriegs entstand, beschäftigt sich mit der Frage nach Identität, die vor allem in Bezug auf das Massaker von Sétif am 8. Mai 1945 Anfang der 50er Jahre aufkam. Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist folgende These:
Identität geht nicht aus einem kulturellen Ursprung hervor, sondern erst das Bewusstwerden der eigenen Vergangenheit in Verbindung mit sich ständig transformierenden neuen kulturellen Codes, schafft Identität. Auf der Suche nach dem Ursprung der algerischen Identität entwirft Yacine in der allegorischen Verkörperung « Nedjmas » ein von der Kolonialgeschichte geprägtes Algerien.
Es ist unzureichend, ausschließlich den aktuellen Zustand der algerischen
Gesellschaft zu betrachten, wenn ihre Identität untersucht werden soll. Genauer gesagt steht die Suche nach Identität in Nedjma in einem engen autobiographischen Zusammenhang des Autors, der sein individuelles Einzelschicksal auf das Kollektiv der vier Protagonisten überträgt und Realität und Fiktion in Spannung versetz. Yacine geht von „einer vom Kolonialismus unbelasteten Geschichte“ aus, und begibt sich über die Kolonialpolitik der Franzosen, Widerstandsbewegungen bis hin zum aktiven nationalistischen Aufbegehren gegen die Kolonialmacht auf die Suche nach der eigenen Identität. In Bezug auf die Form stellt der Roman einen ästhetischen Wendepunkt dar, da Yacine die Grenzen zwischen Prosa und Poesie aufzeigt. In einem letzen Schritt wird die poetische Sprache und ihre Funktion bezüglich des Textes analysiert werden.
Trotz der Schwierigkeit der Einordnung des Romans in eine bestimmte Gattung, soll im Folgenden zumindest die Klassifizierung als postkolonialer Roman problematisiert werden, bevor die Suche nach Identität in Verbindung mit der daraus resultierenden Beschäftigung mit der Vergangenheit Algeriens unter Zuhilfenahme konkreter
Textstellen analysiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Nedjma – ein postkolonialer Roman?
3 Chronologische Abfolge der Geschehnisse
4 Rückgriff auf die Geschichte
4.1 Der Stamm der Keblout als Ursprungsmythos
4.2 Frankreichs Kolonialpolitik
4.3 Nationalistische Bewegungen in Nedjma
5 Die Poetizität in Nedjma
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion algerischer Identität im Roman „Nedjma“ von Kateb Yacine vor dem Hintergrund des Kolonialismus und der postkolonialen Theorie. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie der Autor durch die allegorische Figur „Nedjma“ und eine spezifische, von der europäischen Tradition abweichende Erzählweise ein Bild der algerischen Identität entwirft, das nicht auf einem statischen kulturellen Ursprung basiert, sondern erst durch die bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Transformation kultureller Codes entsteht.
- Identitätsfindung als zentrales Thema im postkolonialen Algerien.
- Die Rolle der Stammesgeschichte und des Mythenbaus für das nationale Selbstverständnis.
- Auswirkungen der französischen Kolonialpolitik auf die algerische Gesellschaft (Desozialisierung).
- Das Spannungsfeld zwischen hybrider Identität und Assimilation bei den Protagonisten.
- Die formale Ästhetik des Romans als Mittel zur Entschlüsselung kollektiver Identität.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Stamm des Keblout als Ursprungsmythos
Seit dem 16. Jahrhundert gehörte Algerien zum Osmanischen Reich. Vor allem auf dem Land lebten die meisten Algerier im Familien- bzw. Stammesverband. In Nedjma wird der Stamm der Keblout beschrieben, der seit dem Mittelalter in der Provinz Constantine auf dem Berg Nadhor im Gebiet östlich von Guelma ansässig ist:
« ce furent des Tolbas, des étudiants errants ; ils étaient musiciens et poètes de père en fils, ne possédant que peu de bien, mais fondant un peu partout leurs mosquées et leurs mausolées, parfois leurs medersas quand les disciples étaient assez nombreux »
Dieses Gebiet der Keblouti wird als besonders begehrtes und isoliertes Gebiet beschrieben, auf das schon die alten Römer ein Auge warfen: « les Romains avaient une garnison non loin de là [...] ». Lange Zeit konnten sich die Keblout gegen die Kolonialmacht behaupten, bis zu dem Tag, als man in der Moschee der Keblout die Leichen zweier Franzosen findet. Den fadenscheinigen Beweis der Bluttat durch die Kolonisierten bringt die Mordwaffe. Die Franzosen wurden « lardés de coups de couteau ». Das Motiv des Messers wird desöfteren ins Zentrum gestellt und gilt als Waffe der Kolonisierten. Daraufhin werden die sechs wichtigsten Männer des Stammes geköpft und der Stamm wird zerschlagen. Es bilden sich vier Gruppen heraus:
les hommes couchés sur le premier registre furent dotés de domaines dont ils ne tardèrent pas à être expropriés, vers l’autre bout de la province ; à cette branche appartenaient ton père et Sidi Ahmed… Les hommes couchés sur le second registre reçurent des emplois dans la magistrature, et se trouvèrent dispersés dans les différents centres ; à cette branche appartenait mon père. Les hommes de la troisième branche, bien qu’inscrits sur un registre distinct, connurent à peu près le même sort, mais s’éloignèrent encore en contractant de trop nombreux mariages avec d’autres familles moins éprouvées… Quant à ceux de la quatrième branche, ils gardaient la mosquée détruite, le mausolée, le peu de terre, l’étendard de l’ancêtre, et l’on parla de les constituer en confrérie pour en garder le contrôle, au cas où germerait un projet de vengeance…
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Identitätsthematik des Romans „Nedjma“ ein, stellt die These auf, dass Identität durch Bewusstwerdung der Vergangenheit entsteht, und erläutert den autobiografischen und allegorischen Kontext des Werks.
2 Nedjma – ein postkolonialer Roman?: Das Kapitel diskutiert die Einordnung des Romans als postkoloniales Werk und verdeutlicht, dass Identitätssuche bereits vor der Unabhängigkeit, in der vorrevolutionären Phase, das zentrale Thema darstellt.
3 Chronologische Abfolge der Geschehnisse: Hier wird die Problematik der chronologischen Erschließung des Romans thematisiert und ein Überblick über die im Roman behandelten historischen und fiktiven Ereignisse gegeben.
4 Rückgriff auf die Geschichte: Dieses Kapitel analysiert die Bedeutung der Vergangenheit für die algerische Identität, unterteilt in die Stammesgeschichte der Keblout, die Auswirkungen der französischen Kolonialpolitik und die Entwicklung nationalistischer Bewegungen.
4.1 Der Stamm der Keblout als Ursprungsmythos: Es wird die Zerschlagung des Keblout-Stammes durch die Kolonialmacht beschrieben und analysiert, wie diese Zerschlagung sowie die versuchte Rückkehr zum Stamm als Ausdruck der Identitätskrise und der Kritik am Kolonialismus fungiert.
4.2 Frankreichs Kolonialpolitik: Das Kapitel untersucht den Prozess der Desozialisierung durch die französische Landnahme und zeigt anhand der Akkulturationsphase der Charaktere die hybride Lebenswirklichkeit der Kolonisierten auf.
4.3 Nationalistische Bewegungen in Nedjma: Es wird analysiert, wie der Aufstand in Sétif einen Wendepunkt im Roman darstellt, der den Übergang von der individuellen Identitätssuche zum kollektiven nationalistischen Aufbegehren gegen die Kolonialmacht markiert.
5 Die Poetizität in Nedjma: Dieses Kapitel erörtert, dass der Roman durch seine komplexe, zirkuläre Struktur und poetische Sprache darauf abzielt, Identität nicht realistisch abzubilden, sondern auf einer Metaebene erfahrbar zu machen.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kateb Yacine durch eine einzigartige, fragmentarische Form die soziopolitische Identitätsproblematik Algeriens verarbeitet und dem Leser ermöglicht, diese komplexe Identität losgelöst von festen Kategorien zu deuten.
Schlüsselwörter
Nedjma, Kateb Yacine, Algerien, Identität, Postkolonialismus, Kolonialismus, Keblout, Hybridität, Identitätsfindung, Nationalismus, Mythenbildung, algerische Literatur, postkoloniale Literaturtheorie, Stamm, Akkulturation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie in Kateb Yacines Roman „Nedjma“ die Suche nach algerischer Identität vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte dargestellt und durch die Romanform literarisch verarbeitet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang zwischen kolonialer Unterdrückung und Identitätsverlust, die Rolle von Mythen und Stammestraditionen sowie die hybride Identität der jungen algerischen Generation in einer vom französischen Einfluss geprägten Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass algerische Identität im Roman nicht als statischer Ursprung begriffen wird, sondern als ein dynamischer Prozess, der erst durch das Bewusstwerden der Vergangenheit in Verbindung mit neuen kulturellen Codes entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die postkoloniale Theorieansätze (u.a. von Homi Bhabha und Benedict Anderson) mit einer detaillierten Textanalyse verbindet, um die erzählerischen Strukturen und Symbole des Romans zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Einordnung der Geschehnisse, eine Analyse der historischen Bezüge (Stamm der Keblout, Kolonialpolitik), die Untersuchung des Nationalismus sowie eine Analyse der poetischen Struktur des Romans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nedjma, Identitätsfindung, Postkolonialismus, Hybridität, algerischer Befreiungskampf, Mythenbildung und kulturelle Assimilation charakterisieren.
Welche Bedeutung hat die Figur „Nedjma“ für die Identitätsdebatte im Roman?
Nedjma fungiert sowohl als unnahbarer Mythos, der die Protagonisten vereint, als auch als Allegorie für das gespaltene Algerien, das zwischen seiner arabischen Vergangenheit und einer fremdbestimmten kolonialen Gegenwart steht.
Warum spielt die Form des Romans eine so entscheidende Rolle für das Verständnis?
Die zirkuläre und fragmentarische Erzählweise, die sich von realistischen Darstellungen abhebt, spiegelt laut der Analyse die Zersplitterung der algerischen Gesellschaft und Identität wider und ermöglicht eine Deutung auf einer abstrakteren, poetischen Metaebene.
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- Alexander Kraus (Author), 2009, Auf der Suche nach der algerischen Identität in "Nedjma" von Kateb Yacine, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209518