Traumata sind Erfahrungen, die eine einzelne Person betreffen. Traumata sind individuell und sterben mit der Person, die sie durchlebt hat. Traumata verlieren ihre Macht, wenn nicht über sie gesprochen wird.
So oder so ähnlich mögen viele Menschen denken, die ein Trauma erlebt haben und von dessen Folgen beeinträchtigt sind. Das Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Traumata wird dabei oft übersehen.
Unter "transgenerationaler Weitergabe von Traumata" versteht man die Weitergabe traumatischer Erfahrungen über Generationen, von den Eltern zu den Kindern, bedingt vor allem durch bestimmte Verhaltensweisen.
Diese Bachelorarbeit stellt sich die Frage, wie transgenerationale Traumatisierung funktioniert, wo und wann sie auftritt und wie mit ihr umgegangen werden kann.
Das Phänomen wird insbesondere anhand jener Kinder beschrieben und herausgearbeitet, die man als Kriegskinder des 2. Weltkriegs bezeichnen könnte, also anhand der 1932 bis 1945 in Deutschland geborenen Kinder.Inwieweit finden sich Traumata dieser Generation noch bei ihren Kindern und Enkeln wieder? Was könnte man tun, um die transgenerationale Traumatisierung hier zu unterbrechen?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. 1. Teil: Theoretische Zugänge zu Trauma und Trauma-Weitergabe
II.1. Trauma und Traumatisierung
II.1.1. Der Begriff des Traumas
II.1.2. Das Trauma als Ereignis
II.1.2.1. Varianten der Traumatisierung
II.1.2.2. Besonderheiten bei Kindern
II.1.3. Das Trauma als Folge
II.1.3.1. Unmittelbare Folgen
II.1.3.2. Längerfristige Folgen
II.1.3.2.1. Wiedererleben
II.1.3.2.2. Vermeidung
II.1.3.2.3. Dissoziation
II.1.3.2.4. Erschütterung des Selbst- und Weltbilds
II.1.3.2.5. Latenz
II.1.3.2.6. Der Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung
II.1.3.3. Besonderheiten bei Kindern
II.1.3.3.1. Allgemeine Besonderheiten
II.1.3.3.2. Die Rolle der Familie
II.1.3.3.3. Die Rolle des Alters
II.1.3.3.4. Die Bedeutung von Schuld und Introjekt
II.2. Bindung und Beziehung – Zugänge zur Weitergabe von Traumata
II.2.1. Der besondere Einfluss der Bezugspersonen
II.2.1.1. Bindung und ihre Bedeutung
II.2.1.2. Die Verarbeitung von Affekten
II.2.2. Mögliche Arten der Weitergabe von Traumata
II.2.2.1. Weitergabe durch „Nicht-Verhalten“
II.2.2.2. Unmittelbare Weitergabe
II.2.2.3. Weitergabe durch Erwartungen
II.2.2.3.1. Das Kind als Beschützer und Partnerersatz
II.2.2.3.2. Das Kind als „Wiedergutmacher“
II.2.2.4. Weitergabe durch Schweigen
II.2.2.5. Weitergabe durch Nachahmung
II.2.2.6. Weitergabe durch projektive Identifizierung
II.2.3. Bewertung der Phänomene in ihrer Bezeichnung als Trauma
II.3. Zwischenfazit
III. 2. Teil: Übertragung der Ergebnisse auf die Kriegskinder und ihre Nachkommen
III.1. Das Trauma der Kriegskinder
III.1.1. Der Alltag der Kinder in Krieg und Nationalsozialismus
III.1.2. Mögliche Traumaquellen
III.1.2.1. Die Gruppe der „Opfer“
III.1.2.2. Die Gruppe der Flüchtlinge
III.1.2.3. Die Gruppe der Normalbevölkerung
III.1.2.4. Die Gruppe der Täter
III.1.3. Der Umgang mit dem Erlebten
III.2. Die transgenerationale Weitergabe der Kriegstraumata
III.2.1. Folgen für die nächste Generation
III.2.1.1. Die Gruppe der Opfer
III.2.1.2. Die Gruppe der Flüchtlinge
III.2.1.3. Die Gruppe der Normalbevölkerung
III.2.1.4. Die Gruppe der Täter
III.2.1.5. Das transgenerational Weitergegebene – Ein Trauma?
III.2.2. Die Generationen danach
III.2.3. Die transgenerationale Weitergabe: Eine unaufhaltsame Spirale nach unten?
IV. Fazit und Ausblick
IV.1. Überprüfung und Interpretation der Ergebnisse
IV.2. Konsequenzen für die Soziale Arbeit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die transgenerationale Weitergabe von Traumata am Beispiel der sogenannten "Kriegskinder" des Zweiten Weltkriegs und deren Nachkommen. Ziel ist es, aus psychoanalytischer Sicht zu beleuchten, inwiefern traumatische Erfahrungen über Generationen hinweg übertragen werden und welche Auswirkungen dies auf Identität, Selbstbild und Beziehungsfähigkeit der nachfolgenden Generationen hat, um daraus Implikationen für die Soziale Arbeit abzuleiten.
- Transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen
- Psychische Folgen bei Kindern von Kriegskindern
- Rolle der Bindung und frühkindlicher Prägung
- Traumaquellen im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg
- Bedeutung für die professionelle Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
II.2.2.4. Weitergabe durch Schweigen
In diesem Zusammenhang ist der Einfluss des Schweigens eine zentrale und betrachtenswerte Komponente. Über etwas zu schweigen, bedeutet nicht – wie man vielleicht auf den ersten Blick glauben könnte – es vollständig auszulöschen, ebensowenig, wie ein Trauma seine Wirksamkeit verliert, wenn der Traumatisierte alle Erinnerungen an es vermeidet; im Gegensatz dazu bildet das Schweigen der Eltern über ein traumatisches Erlebnis ihrerseits eine gute Grundlage für die Weitergabe des Traumas an die nächste Generation.
Dies ist insofern nicht verwunderlich, da der Schmerz und das Leid der Eltern den Kindern nicht verborgen bleibt – Selbst wenn diese nie darüber sprechen, bemerken sie die (oft dauerhaften) Folgen des Traumas bei ihren Eltern, spüren im Dialog ihre Angst und Verzweiflung. Da das Trauma im Schweigen keinesfalls ausgelöscht, sondern nur zum Tabu erklärt wurde, sind die Kinder ab einem gewissen Alter gezwungen, sich eigene Theorien zu bilden, was den Eltern passiert sein könnte. Die Eltern ihrerseits neigen in der Regel dazu, das Kind (unbewusst) von diesem Vorhaben abbringen zu wollen, um das „totgeschwiegene“ Trauma nicht wieder in Erinnerung zu rufen; „sie geben ihm zu verstehen, dass das Objekt seiner Nachforschungen, die traumatischen Erfahrungen sich in ihrem Leben nicht wirklich zugetragen haben.“ Das Kind spürt dadurch einerseits, dass etwas vorgefallen ist, es bekommt andererseits aber den Eindruck, sich darin zu irren; seine Verwirrung diesbezüglich kann es nicht kommunizieren, da über dieses Ereignis in der Familie nicht gesprochen wird. Das verschwiegene Trauma bekommt damit die Qualität eines Familiengeheimnisses, das ungreifbar bleibt und trotzdem da ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der transgenerationalen Traumatisierung ein und definiert den Rahmen sowie das Ziel der Arbeit, insbesondere den Fokus auf die Kinder der Kriegskinder aus psychoanalytischer Perspektive.
II. 1. Teil: Theoretische Zugänge zu Trauma und Trauma-Weitergabe: Dieses Kapitel erarbeitet theoretische Grundlagen zu Trauma-Begriffen, Folgen für Kinder sowie Mechanismen der Weitergabe innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung.
III. 2. Teil: Übertragung der Ergebnisse auf die Kriegskinder und ihre Nachkommen: Hier werden die theoretischen Erkenntnisse auf die spezifische Gruppe der Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs angewandt, Traumaquellen analysiert und die Weitergabe an die nachfolgenden Generationen untersucht.
IV. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Tragweite der transgenerationalen Weitergabe und leitet daraus konkrete Konsequenzen für die Praxis der Sozialen Arbeit ab.
Schlüsselwörter
Transgenerationale Traumatisierung, Kriegskinder, Trauma, Bindung, Affektregulierung, Schweigen, Projektive Identifizierung, Parentifizierung, Psychoanalyse, Soziale Arbeit, Identitätsbildung, Psychische Gesundheit, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Psychotraumatologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung, wie traumatische Erfahrungen, die Menschen im Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt haben, an ihre Kinder und nachfolgende Generationen weitergegeben wurden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die psychoanalytische Trauma-Theorie, Bindungstheorie, Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe (wie Schweigen, Erwartungen oder projektive Identifizierung) sowie die spezifische historische Situation der Kriegskindergeneration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, inwieweit Traumata aus der NS-Zeit und dem Krieg noch heute bei den Nachkommen präsent sind und welche Folgen dies für deren Identität und Alltag hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung psychoanalytischer Fachliteratur und der Analyse von Fallbeispielen und Studien, um die transgenerationalen Prozesse zu veranschaulichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil über Trauma-Weitergabe und einen empirischen Teil, der diese Theorie auf die verschiedenen Gruppen der Kriegskinder (Opfer, Flüchtlinge, Normalbevölkerung, Täterkinder) überträgt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem transgenerationale Traumatisierung, Kriegskinder, Bindung, psychoanalytische Perspektive und die Relevanz für die Soziale Arbeit.
Wie unterscheidet sich die Situation der "Täterkinder" von anderen Gruppen?
Täterkinder stehen vor dem spezifischen Dilemma, sich zwischen der Loyalität zu ihren Eltern und der moralischen Verurteilung von deren Handlungen entscheiden zu müssen, was oft zu tiefen Schuldgefühlen und rigiden Schweigegeboten führt.
Warum ist das Thema für die Soziale Arbeit relevant?
Sozialarbeiter begegnen häufig Klienten mit psychischen Problemen, deren Ursprung in transgenerationalen Traumata liegen kann; das Verständnis dieser Hintergründe ist essenziell für eine professionelle und wirksame Unterstützung.
- Arbeit zitieren
- Katharina Rost (Autor:in), 2012, Die Kinder der Kriegskinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209531