Seit Jahrzehnten ist Deutschland ein Zielland für viele Zuwanderer aus
unterschiedlichen Ländern bzw. aus unterschiedlichen Kulturen. Die
Migration kann aus unterschiedlichen Gründen vorkommen; beispielsweise
aus politischen, wirtschaftlichen, natürlichen, familiären oder persönlichen
Gründen. 2010 lebten in Deutschland rund 15,7 Millionen Menschen mit
Migrationshintergrund. Das entsprach einem Teil von 19,3 % an der
Gesamtbevölkerung Deutschlands. Mehr als die Hälfte, nämlich 8,6 Millionen
Menschen besaßen einen deutschen Pass, während 7,1 Millionen Ausländer
waren (Vgl. Statistisches Bundesamt 1). Mit diesem großen Anteil an der
Gesamtbevölkerung ist Deutschland eine von Einwanderung geprägte
Gesellschaft, in der es eine kulturelle Vielfalt gibt. Erfahrungen mit Menschen
anderer Nationalitäten und ihren unterschiedlichen Kulturen gehören heute
für viele Deutschen zum normalen Alltag.
Nicht nur die deutsche Gesellschaft wurde durch die Migration geprägt und
beeinflusst, sondern auch das Leben der Migranten selbst wurde durch alte
und neue Gesetze und durch ihre Rolle in der Wirtschaft und in der
Gesellschaft seit Generationen verändert. Sie bilden Tatsachen, die auf
politischer und gesellschaftlicher Ebene die Integration voranzutreiben
erfordert.
In der Sozialen Arbeit gehören die Begegnungen mit Menschen mit
Migrationshintergrund längst zu den alltäglichen Aufgaben. „Hierbei reicht die
Auseinandersetzung mit den Folgen transnationaler Migrationen, ethnischer
Heterogenität und sozialen Integrations- und Kommunikationserfordernissen
weit über die Tätigkeitsfelder spezieller Fachdienste für einzelne
Migrantengruppen hinaus.“ (Vgl. Treichler / Cyrus 2004, Klappentext). In
allen ihren Aufgabenbereichen haben die Sozialarbeiter mit Einwanderer der
ersten, zweiten und dritten Generation zu tun. Damit sind
Entwicklungschancen und Herausforderungen ebenso wie Probleme und
Konflikte verbunden. Damit die Soziale Arbeit mit den Problemen der
Migranten mit unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Kulturen
umgehen und ihnen helfen kann, muss das Wissen um Interkulturalität zu
ihren Grundlagen gehören. [...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft
A. Einwanderung in Deutschland
B. Stellung der Sozialen Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft
C. Interkulturelle Soziale Arbeit
1. Zum Begriff Interkulturalität
2. Interkulturelles Lernen
3. Interkulturelle Kompetenz
II. Soziale Arbeit und binationale Familien
A. Zum Begriff „Binational“
B. Überblick über binationalen Familien in Deutschland
C. Die Situation binationaler Familien
1. Probleme binationaler Familien
2. Chancen binationaler Familien
D. Rechtliche Rahmenbedingungen für die binationale Heirat
1. Eheschließung im Inland
2. Eheschließung im Ausland
3. Eheschließung bei Illegalität
4. Binationale Ehe als Fluchtmöglichkeit aus der Armut
E. Kinder und Jugendliche aus binationalen Familien
1. Nachteile und Probleme von binationalen Kindern und Jugendlichen
2. Vorteile und Chancen von binationalen Kindern und Jugendlichen
F. Gesellschaftliche Belastungsfaktoren von binationalen Familien
1. Rassismus und Ausgrenzung
2. Trennung und Scheidung
G. Funktion der Sozialen Arbeit bei binationalen Familie
1. Interkulturelle Erziehung und Bildung
2. Interkulturelle Erziehung im Kindergarten
3. Bilingualer Unterricht
4. Psychosoziale Beratung
5. Empowerment
6. Mediation
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht binationale Familien als zentrale Zielgruppe der Sozialen Arbeit in Deutschland. Dabei wird analysiert, welchen spezifischen Herausforderungen und rechtlichen Hürden diese Familien gegenüberstehen, welche Chancen sich durch bikulturelle Lebensentwürfe ergeben und wie die Soziale Arbeit durch interkulturelle Konzepte, Beratung und Empowerment gezielt unterstützen kann.
- Historische Einordnung von Migration und der Rolle der Sozialen Arbeit in Deutschland.
- Theoretische Grundlagen zur Interkulturalität, zum interkulturellen Lernen und zur Kompetenzentwicklung.
- Analyse der Lebenssituation, Probleme und Chancen von binationalen Familien und deren Kindern.
- Darstellung rechtlicher Rahmenbedingungen bei Eheschließung, Trennung und Scheidung.
- Funktion und Praxis der Sozialen Arbeit durch Erziehung, Beratung, Empowerment und Mediation.
Auszug aus dem Buch
1. Rassismus und Ausgrenzung
Deutsche, die ihren Partner außerhalb der kulturellen und lokalen Grenzen gefunden haben, müssen oft gegen Vorurteile, Rassismus, Diskriminierungen und Ausgrenzungen kämpfen. Als besonders schmerzlich empfinden es daher binationale Paare, wenn sie auch von Seiten der eigenen Familie keine Unterstützung, sondern nur Ablehnung erfahren. Über Grenzen zu heiraten, kann bedeuten, von der eigenen und der Gesellschaft des Partners abgelehnt zu werden. Oft kann man die Haltung der Eltern oder der Freunde und Bekannten an Hand von Sätzen erkennen, wie z.B. „Das kann doch nicht gut gehen!“, „Die heiratet dich nur wegen dem Aufenthalt“. Die Konflikte, die zwischen binationalen Paaren und ihren Familien entstehen, werden oft nicht bearbeitet, sondern von Anfang an negiert. Der Satz „Ich hab´s dir doch gesagt, das konnte ja nicht gut gehen“ hängt wie ein Damoklesschwert über vielen Paaren (Vgl. Sitorus / Stöcker-Zafari 2002, S. 16).
Die binationalen Familien leiden oft unter Rassismus nicht nur von einer, sondern von zwei Seiten, nämlich von der deutschen Gesellschaft, die ihnen zeigt, dass sie keine Deutschen sind und von Migranten, die ihnen unterstellen, zum Beispiel keine richtigen Italiener oder keine richtigen Marokkaner zu sein. Mit solchen doppelten Rassismuserfahrungen tritt zu ihrem doppelten Anderssein eine doppelte Ausgrenzung hinzu. Die Migranten haben im Vergleich zu den Binationalen eine anerkannte Identität und eine Herkunft und können sich in ihre Gruppe zurückziehen, wo sie zugehörig angenommen werden. Für die Binationalen hingegen ist keine Gruppe vorhanden. Deswegen wirkt sich der Rassismus bei Binationalen schlimmer als bei den Migranten aus.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Soziale Arbeit in der Einwanderungsgesellschaft: Dieses Kapitel liefert einen historischen Überblick über die Migration in Deutschland und diskutiert die Entwicklung sowie das Fachverständnis der interkulturellen Sozialen Arbeit.
II. Soziale Arbeit und binationale Familien: Der Hauptteil analysiert die Lebensrealität binationaler Paare und Kinder, beleuchtet rechtliche Rahmenbedingungen bei Eheschließungen sowie Trennungsprozessen und zeigt die verschiedenen Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Binationale Familien, Interkulturelle Soziale Arbeit, Migration, Integration, Bikulturalität, Diskriminierung, Rassismus, Empowerment, Familienrecht, Aufenthaltsgesetz, Interkulturelle Kompetenz, Psychosoziale Beratung, Mediation, Zweisprachigkeit, Identitätsentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit binationalen Familien als eine immer bedeutender werdende Zielgruppe der Sozialen Arbeit in der modernen deutschen Einwanderungsgesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition binationaler Lebensformen, den gesellschaftlichen sowie rechtlichen Belastungsfaktoren für diese Familien, den Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sowie den konkreten Handlungsansätzen der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Lebensumstände und Herausforderungen binationaler Familien zu schaffen und aufzuzeigen, wie Soziale Arbeit professionell und kompetent unterstützen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse aktueller Forschungsergebnisse, Statistiken sowie Fachpublikationen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Analyse der Situation binationaler Familien, die Darstellung rechtlicher Rahmenbedingungen und die detaillierte Beschreibung verschiedener Methoden der Sozialen Arbeit wie Beratung, Empowerment und Mediation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Binationale Familien, Interkulturelle Kompetenz, Diskriminierung, Empowerment und Familienberatung.
Inwiefern beeinflusst der Aufenthaltsstatus die Stabilität binationaler Ehen?
Der Aufenthaltsstatus kann eine große Rolle spielen, da eine Abhängigkeit des nicht-deutschen Partners vom deutschen Partner besteht, was insbesondere in den ersten zwei Jahren der Ehe zu Unsicherheiten und Ängsten bei Krisen führen kann.
Welche Rolle spielen binational aufwachsende Kinder in der Argumentation des Autors?
Sie werden als Menschen beschrieben, die einerseits durch Mehrsprachigkeit und interkulturelle Erfahrungen wertvolle Potenziale entwickeln, andererseits jedoch häufig unter Diskriminierung und Identitätskonflikten leiden, was spezifische pädagogische Unterstützung erfordert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Sozialarbeiters bei Paarkonflikten?
Der Autor betont, dass Sozialarbeiter eine neutrale, reflektierte Haltung einnehmen müssen, um nicht parteiisch zu agieren und eine kulturell sensible Beratung zu gewährleisten, die beiden Partnern gerecht wird.
- Arbeit zitieren
- Hamid Maftahi (Autor:in), 2012, Binationale Familien als Zielgruppe Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209717