Lessings 'Nathan der Weise' im Kontext der Aufklärung - Teil II


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013
20 Seiten, Note: "."

Leseprobe

Lessings "Nathan der Weise" im Kontext der Aufklärung
Teil II

Einleitung und Überblick

In der folgenden Analyse von "Nathan der Weise" wird das Thema der Erziehung als ein wesentlicher Leitgedanke des Dramas vorgestellt. Dabei wird sich zeigen, dass der Autor der Figur des Nathan eine besondere Funktion zuweist, mit der er das erzieherische Anliegen, das mit ihr verknüpft ist, im Verlauf der dramatischen Handlung schrittweise entwickeln und vorantreiben kann. Unter Nathans Anleitung beschreiten die Hauptprotagonisten - Recha, der Tempelherr und Saladin - einen Weg des Lernens, der über ein verändertes Denken zu einem neuen Verhalten führt, das sich an den Postulaten der Vernunft orientiert und zum Schluss des Dramas in das Bild der wieder zusammengeführten Familie als Sinnfigur einer aufgeklärten, in friedlicher Gemeinschaft lebenden Menschheitsfamilie einmündet.

- Zunächst wird das historische Hintergrundgeschehen beleuchtet, auf dem sich die dramatische Handlung abspielt. Dabei wird untersucht, inwieweit Lessing sich an der historischen Realität orientiert bzw. sich davon entfernt, um das eigentliche Geschehen, das sich im Inneren seiner Protagonisten abspielt, dramaturgisch darzustellen und auf auf diese Weise auf die Herausforderungen seines eigenen Zeitalters zu reagieren.
- Auf der Grundlage einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung wird Nathan als Modellfigur eines aufgeklärten Denkers und Erziehers vorgestellt, dem es mit der sokratischen Methode des wissenden Fragens (Mäeutik) gelingt, seine Weisheit zum Wohle seiner Mitmenschen zur Entfaltung zu bringen. Auf diese Weise führt er jeden der drei Protagonisten - Recha, den Tempelherrn und Saladin - zu einem erweiterten Welt- und Selbstverständnis. Er leitet sie an, den in ihnen angelegten guten "Kern" zu entdecken und sich bisher verborgene Teile ihres Wesens zu vergegenwärtigen und zu erschließen.
- Mit der zentralen Lehrerzählung der Ringparabel gelingt es Nathan, die höhnische Herablassung und listige Verschlagenheit Saladins zu überwinden, indem er seine Antwort auf dessen Frage nach der wahren Religion nach orientalischer Tradition in eine Geschichte einbettet, deren tieferer Sinn sich Saladin nach anfänglicher Ungeduld und Skepsis allmählich erschließt und ihn tief beschämt.
- Bei der Betrachtung des Patriarchen als negativer Kontrastfigur zu Nathan wird sich zeigen, dass er sich in seiner aufgeblasenen Selbstherrlichkeit, seinem anmaßenden Machtanspruch und seiner skrupellosen Grausamkeit jedem erzieherischen Einfluss widersetzt, sich aber andererseits als "böses Prinzip" den anderen Protagonisten gegenüber nicht durchsetzen und das gute Werk ihrer Erziehung nicht
vereiteln kann.
- In einem abschließenden Ausblick wird die Frage nach der möglichen Bedeutung von Lessings "Nathan" für die Gegenwart des 21. Jahrhunderts aufgeworfen, angesichts

einer historischen Entwicklung, durch die seine hoffnungsvolle Botschaft von einer humaneren Gesellschaft widerlegt worden zu sein scheint. Als Beispiel wird auf die Inszenierung einer "Anti-Nathan"-Version von George Tabori aus dem Jahre 1991 verwiesen, die allerdings nicht als Schlusspunkt dieser Diskussion anzusehen ist.

Erziehung als Leitbegriff im "Nathan" (1779)

In seiner "Theatralischen Bibliothek, 1. Stück" (1754) hatte Lessing sich gegen die strikte Trennung von Tragödie und Komödie ausgesprochen. Im "Nathan" hat er dieses Prinzip der Vermischung von ernsten und komischen Elementen in beeindruckender Weise zur Geltung gebracht. Er erfüllt damit die Kriterien eines Dramas, das er selbst als "ernste Komödie" bezeichnete. [1] Jedoch geht es im "Nathan" um weit mehr als um die Vermischung von tugend- und lasterhaften Charaktereigenschaften. Es geht vielmehr vor allem um die Erziehung zur Menschlichkeit. In dieser Hinsicht kann das ganze Drama als musterhaftes Lehrstück angesehen werden. Ebenso unverkennbar ist, dass Lessing die polemische Auseinandersetzung mit den "Theologen aller geoffenbarten Religionen" (Brief an Karl Lessing vom 7. November 1778, in: Lessing Werke, Band 12, S. 208) in anderer Form und mit anderen Mitteln fortzusetzen gedenkt (vgl. Teil I, Seite 9) , jedoch in einer Weise, zu der "sich Spott und Lachen ... nicht schicken würde". (Brief an Karl Lessing vom 20. Oktober 1778, in: ebd., S. 200)

Wie sehr ihm dabei die Figur des Nathan am Herzen liegt und er sich mit deren Denken und Verhalten identifiziert, geht aus einer Bemerkung aus den "Entwürfen zu einer Vorrede" hervor: "Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher auch die meinige gewesen." (Lessing Werke, Band 9, S. 665) Die von ihm gehegte lehrhafte Intention wird durch folgende Äußerungen dokumentiert: Es sei ganz eindeutig seine Absicht, Menschen, die sich gegen die Dogmen einer Offenbarungsreligion aussprechen, "in einem weniger abscheulichen Lichte vorzuführen als in welchem der christliche Pöbel sie gemeiniglich erblickt." (ebd.) Er gebe darüberhinaus zu bedenken, "daß Juden und Muselmänner damals die einzigen Gelehrten waren" und "ein solcher vernünftiger Mann habe sich nun eben in einem Sultan [gemeint ist Saladin] gefunden." (ebd., S. 666)

Im "Nathan" ist der Konflikt zwischen den drei monotheistischen Religionen als historischer Hintergrund und Ausgangssituation vorgegeben. Das Dramengeschehen konzentriert sich dabei auf die gedankliche Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Vertretern. Dadurch kommt ein Lernprozess in Gang, der über ein verändertes Denken zu einem neuen Verhalten führt. Jeder Vertreter - einschließlich Nathan - wird mit Ereignissen und Gesprächssituationen konfrontiert, durch die sein Selbstverständnis und seine Identität zunächst erschüttert werden und die später in das Bild der wieder zusammengeführten Familie einmünden, das als Sinnfigur einer aufgeklärten, in Frieden zusammenlebenden Menschheitsfamilie aufgefasst werden kann. In diesem Prozess beschreitet jede der

Hauptfiguren - Nathan, Recha, der Tempelherr und Saladin - einen individuellen Lernweg, wobei Nathans Lernweg sich bereits in der Vorgeschichte abgespielt hat. Anders formuliert: Die handelnden Figuren müssen sich in dem von ihnen durchlaufenen Erziehungs- und Lernprozess bewähren, wodurch sie zu einem veränderten Bewusstsein auf einer höheren Stufe geführt werden. In den Erziehungsgesprächen erweist Nathan sich dabei als weiser Lehrmeister, der nicht nur auf der Grundlage vernunftbetonten Denkens und abstrakter Logik argumentiert, sondern in seinem Gegenüber auch die emotionale Seite zum Klingen bringt, indem er die Fähigkeit des Mitfühlens anspricht und Betroffenheit erzeugt. Bereits am Ende der Eingangsszene (I/1) wird der Grundakkord dieses Umdenkungsprozesses angeschlagen, als Nathan im Gespräch mit Daja nachdrücklich fordert, der "süße Wahn" (als Inbegriff des Irrtums und des Irrglaubens) müsse der "süßern Wahrheit" (als Begriff des vernunftgeleiteten Erkenntnisvermögens) Platz machen. (I/1, V. 163)

Die historische Hintergrundsituation

Das historische Geschehen spielt sich in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge ab, nachdem im Jahre 1187 das christliche Heer von muslimischen Soldaten unter der Führung des Sultans Saladin (1138 - 93) bei Hittin (Hattin) vernichtend geschlagen worden war. Die anschließende muslimische Eroberung des Kreuzfahrerstaates Jerusalem und großer Teile Palästinas führte zu einem Wiederaufleben der Kreuzzugsbewegung. Im Oktober kam es unter Kaiser Friedrich Barbarossa zum Dritten Kreuzzug. (1187 - 92) Dieser fand jedoch bei einem Badeunfall am 10. Juni 1190 im Flusse Kalykadnus im Saleph den plötzlichen Tod, was zum Zerfall seines Heeres führte. Trotz einiger Anfangserfolge, wie der Eroberung von Acres (Ptolemais) 1191 durch König Richard Löwenherz von England und Philipp II von Frankreich, konnte Jerusalem nicht zurückerobert werden. Durch den zwischen Richard und Saladin ausgehandelten Waffenstillstand von 1192 (das Jahr des Dramengeschehens) wurde den christlichen Pilgern der freie Zugang zu den heiligen Stätten gewährt. Die anderen ehemaligen Besitzungen der Kreuzritter blieben aber bis auf einen schmalen Küstenstreifen von Jaffa bis Tyrus in muslimischer Hand.[2]

Dieser Waffenstillstand wurde jedoch von den Tempelrittern (Tempelherren), ein geistlicher Orden zum Schutze des Heiligen Grabes und der christlichen Pilger, gebrochen. [3] Saladin beabsichtigte, die Waffenruhe wieder herzustellen, indem sein Bruder Malek (Melek) Richards Schwester zur Frau nehmen sollte. Auf diese Weise sollte ein christlich-muslimischer Mischstaat gegründet werden. Schon im darauffolgenden Jahr, am 4. März 1193, verstarb Saladin in Damaskus. Seinen Nachfolgern gelang es nicht, sein einst durch Eroberungszüge in Ägypten, Syrien, Arabien, Persien und Mesopotamien ausgedehntes Reich zusammenzuhalten.

In der Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts entstehen schon vor Lessing idealisierte Bilder von Saladin, die dazu gedacht sind, den absolutistischen Fürsten in Deutschland und anderen europäischen Staaten das Bild eines großmütigen, frommen und weisen muslimischen Herrschers entgegenzuhalten. Schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts kommt es im Zuge einer zunehmenden Kritik des christlichen Glaubens durch aufgeklärte Philosophen wie Voltaire (1694 - 1778) in dessen Essay "Geschichte der Kreuzzüge", der von Lessing 1751 ins Deutsche übersetzt wurde, zu einer teils enthusiastischen Aufnahme der Werke orientalischer Wissenschaften und Literatur. Aus solchen Quellen aufgeklärter Geschichtsschreibung, z. B. François Marins "Geschichte Saladins" (deutsch 1761), schöpft Lessing Züge seiner Saladin-Figur. Der Patriarch, d. h. der Bischof von Jerusalem, hat in Marins Beschreibung einen Mann namens Heraklius zum Vorbild, offensichtlich ein brutaler, menschenverachtender Schurke, der sich aus purem Machtstreben zu abscheulichen Verbrechen hinreißen ließ und große Reichtümer anhäufte. Gemessen an der historischen Wirklichkeit, urteilt Lessing über ihn in Bezug auf seinen "Nathan" , "daß er in meinem Stücke noch bei weitem so schlecht nicht erscheint als in der Geschichte" (Lessing Werke, Band 9, S. 660) und verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Islam ein arabisches Wort sei, "welches die Überlassung seiner in den Willen Gottes bedeutet." (ebd.)

Im übrigen bekennt Lessing sich unumwunden dazu, dass er die Kreuzzüge für "die unmenschlichsten Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig gemacht hat", halte ("Hamburgische Dramaturgie, 7. Stück" in: Lessing Werke Band 6, S. 218), dass er sich aber nicht streng an der historischen Realität orientiert habe: "In dem Historischen , was in dem Stücke zugrunde liegt, habe ich mich über alle Chronologie hinweg gesetzt; ich habe sogar mit den einzeln Namen nach meinem Gefallen geschaltet. Meine Anspielungen auf wirkliche Begebenheiten sollen bloß den Gang meines Stückes motivieren." (Lessing Werke, Band 9, S. 660) Der "Nathan"ist mithin nicht als Geschichtsdrama konzipiert worden. Lessing benutzt den historischen Hintergrund - wie bereits ausgeführt - als verfremdete Vorlage für ein symbolisches Geschehen, das sich im Inneren seiner Protagonisten abspielt, aber auch als Folie für die persönlich erlebten Herausforderungen seines eigenen Zeitalters durch kirchliches und staatliches Machtstreben, um auf diesem Hintergrund seine Vision eines friedlichen Zusammenlebens verschiedener Völker und Religionen zu entfalten.

Um diesen Teil abzuschließen sei vorausschauend darauf hingewiesen, dass die Handlung in Lessings "Nathan" sich um zwei zentrale Stoffkreise herumrankt: die in Giovanni Boccaccios "Decamerone" (I/3) enthaltene Erzählung des reichen und geizigen Juden Melchisedech von den drei Ringen und die historische Gestalt des Sultans Saladin, der - wie bereits ausgeführt - in der Geschichtsschreibung der Aufklärung, z. B. bei Voltaire und Marin, als tugendhafter, großmütiger orientalischer Herrscher erscheint. Beide Stoffkreise werden miteinander verflochten und verwoben. In ihrer gegenseitigen Aufeinanderbezogenheit verdeutlichen sie die Aktualität einer religiös orientierten Wahrheitssuche. Indem er beide zu einem poetischen Ganzen verbindet, überwindet Lessing die Ausweglosigkeit des theologischen Streits und schafft für seine Leser und Betrachter das Modell einer humaneren Welt. Mit diesem Anliegen befindet er sich im Einklang mit einer verbreiteten geistesgeschichtlichen Strömung seines Zeitalters, die dem "Morgenland" und den kulturellen Errungenschaften der

islamischen Welt große Aufmerksamkeit entgegenbringt und dem vermeintlich rückständigen "Abendland" einen Spiegel vorhält. (Vgl. hierzu "Stoff, Quellen und Struktur", in: Lessing Werke, Band 9, S. 1137 ff.)

Kurze inhaltliche Zusammenfassung

Der Ort des Geschehens ist Jerusalem, die Stadt der drei Weltreligionen, denen die Hauptakteure des Dramas - Nathan, Saladin, der Tempelherr und Recha - angehören. Auf Befehl Saladins sind alle gefangenen Tempelritter, die den Waffenstillstand gebrochen haben, hingerichtet worden - bis auf den jungen Tempelherrn, der seinem Bruder Assad ähnlich sieht und den er deswegen begnadigt.

Die dramatische Handlung setzt in dem Moment ein, als der wohlhabende jüdische Geschäftsmann Nathan von einer Reise zurückkehrt. Er erfährt von Daja, der Gesellschafterin in seinem Hause, dass seine (Adoptiv-)Tochter Recha bei einem Feuer von dem Tempelherrn aus dem brennenden Haus gerettet wurde. Recha und Daja betrachten diese Rettung als ein Wunder. Der Tempelherr, der anfänglich auf sein christliches Gelübde verweist und die Rettung aus reinem Pflichtgefühl und Gehorsam gegenüber seinem göttlichen Auftraggeber ausgeführt haben will, verliebt sich leidenschaftlich in Recha und möchte sie heiraten.

Während die Protagonisten im Gespräch und unter dem Einfluss des weisen Nathan sich schrittweise einander annähern, erweist sich der Patriarch als gnadenloser Vertreter kirchlicher Machtpolitik, dem jedes Mittel recht ist, um die Friedenspläne Saladins zu vereiteln und die Vorherrschaft der christlichen Kirche über das Rittertum zu sichern. Schließlich erkennt Nathan, dass Recha, die er einst an Vaters Stelle angenommen und im jüdischen Glauben erzogen hat, und der christliche Tempelherr Geschwister sind. Darüberhinaus erkennt Saladin im Tempelherrn seinen Neffen, den Sohn seines Bruders Assad, der einst eine Christin geheiratet und zum christlichen Glauben übergetreten ist.

Es kommt zu einer religionenübergreifenden Familienzusammenführung in einem märchenhaft anmutenden Schlussbild, wo alle bisher erlebten Zwistigkeiten, Missverständnisse, Vorurteile und Feindseligkeiten sich harmonisch aufzulösen scheinen.

Im Mittelpunkt des Dramas steht die sog. Ringparabel (III/7, S. 77 ff.), die auf eine Erzählung im "Decamerone" (dritte Geschichte des ersten Tages) von Giovanni Boccaccio zurückgeht. Bei Lessing erzählt Nathan sie dem Sultan Saladin als Antwort auf dessen Frage, welche Religion für ihn die "wahre" (III/5, V. 1845) sei. Mit seiner Version der Ringparabel relativiert Lessing den Absolutheitsanspruch der Religionen und zeigt im Sinne eines unendlichen Erziehungs- und Vervollkommnungsprozesses, wie der vorbildliche Gebrauch der Vernunft Irrtümer, Vorurteile und Streitigkeiten überwinden und den Menschen zu Toleranz erziehen kann.

Der weise Nathan: Modellfigur eines aufgeklärten Denkers und Erziehers

- Nathan als Verkörperung vernunftgeleiteter Selbsterziehung

Nathans Fähigkeit zur Selbsterziehung offenbart sich in einem längeren Gespräch mit dem Klosterbruder. (IV/7, S. 115 ff.) Sie ist eng verknüpft mit Ereignissen, die sich vor achtzehn

Jahren abgespielt haben. Damals hatten christliche Soldaten in Gath (einer Stadt am Mittelmeer nördlich von Ghaza) alle Juden mit Weib und Kind ermordet. Nathans Frau und seine sieben Söhne hatten sich ins Haus seines Bruders geflüchtet, wo sie von den Christen verbrannt wurden - ein Geschehen, das die Judenpogrome späterer Jahrhunderte vorwegzunehmen scheint und das andererseits auch auf das Feuer in I/1, 2 verweist, bei dem Nathans Haus abbrennt, Recha aber durch den Tempelherrn vor dem Tode bewahrt wird. Diese Erfahrung eines "deus absconditus", einer Bestrafung Gottes und einer Verlassenheit von Gott, erinnert an die Geschichte Hiobs im Alten Testament. Nathan ist zunächst verzweifelt und reagiert, indem er sich gegen Gott auflehnt, sich selbst und die Welt verwünscht und der Christenheit unversöhnlichen Hass schwört. Bald darauf meldet sich jedoch wieder die Vernunft. Sie spricht zu ihm mit sanfter Stimme und führt ihn allmählich zur Versöhnung mit Gott und zur Ergebenheit in das ihm von Gott auferlegte Schicksal. Als ihm ein Reitknecht (in Gestalt des jetzigen Klosterbruders) ein hilfloses Christenkind (seine adoptierte Tochter Recha) anvertraut, dessen Mutter kurz zuvor gestorben war, erkennt Nathan darin einen göttlichen Fingerzeig. Er nimmt das Kind an Vaters Stelle an und erzieht es wie seine leibliche Tochter. Durch diesen Akt der Nächstenliebe gewinnt er sein Gottvertrauen und seine Menschlichkeit zurück.

[...]


[1] Vgl. hierzu auch Lessings folgende Äußerung: "Ich getraue mir zu behaupten, daß nur dieses allein wahre Komödien sind, welche so wohl Tugenden als Laster, so wohl Anständigkeit als Ungereimtheit schildern, weil sie eben durch diese Vermischung ihrem Originale, dem menschlichen Leben, am nächsten kommen." ("Theatralische Bibliothek, Erstes Stück" in: Lessing Werke, Band 3, S. 279)

[2] Vgl. hierzu "Historische Quellen" in: von Düffel: Erläuterungen und Dokumente, S. 78 ff., und "Stoff, Quellen und Struktur" in: Lessing Werke, Band 9, S. 1136 ff.

[3] Die Tempelritter trugen , wie der Tempelherr im Stück im Gespräch mit dem Klosterbruder bemerkt (I/5, V.570 f.), ein rotes Kreuz auf weißem Mantel. Die Farbe Rot steht dabei für ihre Bereitschaft, gegen die Feinde des Christentums bis zum Märtyrertod zu kämpfen, während Weiß das Zeichen der Unschuld und der Barmherzigkeit ist.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lessings 'Nathan der Weise' im Kontext der Aufklärung - Teil II
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Note
"."
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V209845
ISBN (eBook)
9783656385103
ISBN (Buch)
9783656387374
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lessings, nathan, weise, kontext, aufklärung, teil
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2013, Lessings 'Nathan der Weise' im Kontext der Aufklärung - Teil II, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209845

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