Suizidalität im Jugendalter. Grundlagen und Chancen der Prävention


Diplomarbeit, 2009
133 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Suizidalitat
2.1. Definition der Suizidalitat
2.2. Terminologie

3. Epidemiologie
3.1. Probleme der epidemiologischen Erfassung
3.2. Pravalenz von Suizid und Suizidversuch
3.2.1. Pravalenz der Suizide Deutschland
3.2.2. Epidemiologische Daten von Jugendsuizid
3.2.2.1. Pravalenz der Suizide bei Jugendlichen
3.2.2.2. Pravalenz der Suizidversuche bei Jugendlichen
3.3. Geschlechtsunterschiede
3.4. Ursachen fur Geschlechtsunterschiede
3.5. Suizidmethoden
3.6. Motive

4. Uberblick der Ansatze & Erklarungsmodelle
4.1. Soziologische Erklarungsmodelle
4.2. Psychologische Erklarungsmodelle
4.2.1. Psychoanalytische Ansatze
4.2.2. Psychodynamische Ansatze
4.2.3. Suizidsignale & Suizidankundigungen Jugendlicher
4.3. Lerntheoretische Erklarungsmodelle
4.4. Der Werther- Effekt
4.5. Stresstheoretische Erklarungsmodelle
4.6. Interaktionale Multikonditionale Modelle

5. Jugendsuizid: Zusammenhange Jugendalter und Suizid
5.1. Jugendliche als Sondergruppe:
Abgrenzung vom Erwachsenensuizid
5.2. Adoleszenz
5.2.1. Begriffliche Abgrenzung
5.2.2. Definition der Adoleszenz
5.2.2.1. Eingrenzung der Adoleszenz durch das Alter
5.2.2.2. Eingrenzung der Adoleszenz durch die Schule
5.2.2.3. Korperliche Veranderungen als Definitionskriterium
5.3. Gesellschaftliche Veranderungen und ihre Auswirkungen auf die heutige Jugend und Jugendsuizid
5.3.1. Gesellschaftliche Veranderungen im Zuge der Modernisierung
5.3.2. Risiken und Chancen fur junge Menschen durch die gesellschaftliche Veranderungen
5.3.3. Gewinner und Verlierer der gesellschaftlichen Veranderungen
5.4. Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz heute
5.5. Resiliente Jugendliche vs. Vulnerable Jugendliche
5.6. Entwicklungspsychologische Erklarungsansatze des Jugendsuizids
5.6.1. Suizid als gesteigerte Form des Risikoverhaltens
5.6.2. Jugendsuizid und verschiedene Formen des Risikoverhaltens

6. Risikofaktoren
6.1. Jugendspezifische Risikofaktoren der Suizidalitat
6.1.1. Fruh oder Spatentwicklung als Risikofaktor
6.1.2. Sexualitat: fruhe Sexualkontakte als Risikofaktor
6.1.3. Scheitern beim Umbau sozialer Beziehungen als Risikofaktor: Bedeutung der Peers
6.1.4. Gestorte Identitatsarbeit als Risikofaktor
6.1.5. Misserfolg & Versagen im Umgang mit Schule, Bildung und Beruf als Risikofaktor
6.2. Allgemeine Risikofaktoren der Suizidalitat
6.2.1. Familiare Risikofaktoren
6.2.2. psychische Storungen als Risikofaktor
6.2.3. Depression bei Kindern und Jugendlichen
6.2.4. Komorbiditat als Risikofaktor
6.2.5. Personlichkeitsmerkmale als Risikofaktor
6.2.6. Disposition/ Genetik als Risikofaktor
6.2.7. biologisch-medizinische Risikofaktor
6.2.8. Soziodemografische Risikofaktoren
6.2.9. korperliche Erkrankungen resp. Behinderungen als Risikofaktor
6.2.10. Medien als Risikofaktor

7. Zusammenfassung der Erkenntnisse aus der Theorie und Perspektiven fur die preventive Arbeit

8. Prevention
8.1. Definition von Prevention
8.2. Verschiedene Formen der Prevention
8.2.1. Primarpravention
8.2.2. Sekundarpravention
8.2.3. Tertiarpravention
8.3. Suizidpravention
8.3.1. Suizidpravention in der Schule
8.3.2. Probleme, Barrieren und Widerstande der Suizidpravention In der Schule
8.3.3. Ziele von Suizidpravention in der Schule
8.3.4. Primarpravention in der Schule
8.3.5. Sekundarpravention in der Schule
8.3.6. Tertiarpravention in der Schule

9. Praventionsprogramm: Mindmatters
9.1. Aus der Theorie abgeleitete Kriterien zur Bewertung
des Programmes zum Einsatz zur Suizidprimarpravention
9.2. „MindMatters- Mit psychischer Gesundheit gute Schule machen“
9.3. Fazit der Bewertung
9.4. Schlussbemerkung

10. Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1: Angaben der WHO von 2005 zu Todesursachen in Hinblick auf verschiedene Altersgruppen nach der ICD-10 Klassifikation (ICD codes: ICD-10: x60 -x84: vorsatzliche Selbstbeschadigung (Suizid)) (WHO: http://www.who.int/research/en/ und http://data.euro.who.int/. 08.06.2009)

Tabelle 2: Entwicklung der relativen Suizidzahlen in der Altersgruppe 15-19 Jahre von 1996-2007 in Deutschland

Tabelle 3: relative Sterberate in Deutschland in den verschiedenen Altersgruppen

Tabelle 4: Sterbefalle absolute Zahlen der Suizide in Deutschland in verschiedenen Altersgruppen durch die Todesursache vorsatzliche Selbstbeschadigung (X60-X84/ ICD-10) im Jahre 2007

Tabelle 5: aus dem theoretischen Teil abgeleitete Kriterien die ein Suizidpraventions-programm erfullen soll

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Stadien suizidaler Entwicklung (Poldinger 1968)

Abb. 2: Overlap- Modell von Blumenthal und Kupfer 1986

Abb 3: Modell suizidaler Dynamik von Wolfersdorf 1992

Abb 4: Handlungsmodell aggressiver und autoaggressiver Dynamik von Wolfersdorf & Steinert 1992

1. Einleitung

Wie Daten des Eurostat (Statistische Amt der Europaischen Gemeinschaften), der WHO (World Health Organisation) und DESTATIS (Statistisches Bundesamt Deutschland) zeigen, kommt es mit dem Beginn der Adoleszenz zu einem Anstieg der Suizidrate (http ://www.destatis.de. www.who.int/health topics/suicide/en. https://www-ec.destatis.de Stand: 08.06.2009). Ich habe mich auf Grund dessen fur eine Schwerpunktsetzung in Hinblick auf die Population der Adoleszenten entschieden. Folglich fokussiere ich mich in Kapitel 5 auf die Altersgruppe der Adoleszenten, die spezifischen Problematiken und Risiken, die mit dieser Lebensphase einhergehen resp. Suizidalitat bedingen konnen.

Auch wenn es sich im Verhaltnis zur Gesamtpopulation aller Adoleszenten um eine Minoritat junger Menschen handelt, die Suizide begehen und diese im Laufe der letzten Jahre rucklaufig waren, so sind die Zahlen trotzdem alarmierend und bedurfen politischer, sozialer und padagogischer Aufmerksamkeit und Interventionen. Schwerpunkt der Arbeit soll es sein, die komplexen Zusammenhange eines in allen Kulturen und Epochen anzutreffenden Phanomens zu beleuchten. Durch Darstellung alterer als auch aktueller Literatur und Erkenntnisse der Suizidologie versuche ich die Frage nach der Entstehung des Suizides, mit Schwerpunkt auf die Jugendsuizidalitat, zu klaren. Je nach Bestand, werde ich empirische und statistische Studien und Daten aus der Suizidforschung hinzuziehen und prasentieren, um die Aussagen der Literatur zu unterstreichen resp. zu belegen.

In einem zweiten Schritt geht es darum, aus den aufgezeigten Verknupfungen und Relationen die praventiven Moglichkeiten und die Chancen der Padagogik in Hinblick auf die Verhinderung und Vorbeugung von Jugendsuiziden abzuleiten.

Es herrschen nach wie vor viele Vorurteile bezuglich Suizidalitat in unserer Gesellschaft, und das Wissen uber Suizid in unserer Gesellschaft ist auf Grund der Tabuisierung reduziert. Oft wissen Mitmenschen nicht, wie sie auf suizidale Au&erungen im Umfeld reagieren sollen und diese werden aus Hilflosigkeit „uberhort“. Auch gilt Suizid nach wie vor als Schande und der Suizidversuch des eigenen Kindes wird aus Angst vor Vorwurfen und Schuldgefuhlen vertuscht. Suizid und vor allem Jugendsuizide sind in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema. Wenn ein junger Mensch oder sogar ein Kind in einer solchen Notlage ist und keinen Ausweg mehr weifc, au&er seinem Leben ein Ende zu bereiten, darf das nicht „totgeschwiegen werden" oder verdrangt werden. Die immer noch herrschende Tabuisierung war ein weiteres Motiv fur die Wahl des Themas.

An erster Stelle steht naturlich die Frage nach den Ursachen. In Kapitel 4 versuche ich die Frage nach der Verursachung und Grunden von Suiziden zu klaren. Ich prufe, wie sich die Ansatze seit Beginn der Suizidforschung entwickelt haben und welche Tendenzen resp. Ansichten in der heutigen Suizidologie vertreten werden. Hierzu werde ich auf die Erklarungsversuche verschiedener Wissenschaften Bezug nehmen und ergrunden, inwieweit, diese Theorien und Ansatze mit der Situation Jugendlicher in Verbindung stehen resp. die Erklarung von Jugendsuiziden nach heutigem Verstandnis widerspiegeln.

Im Rahmen der Klarung von Ursachen fokussiere ich mich in Anbetracht der Selbsttotung eines Jugendlichen vor allem auf gesellschaftliche Faktoren, die an der Entstehung von Suizidalitat mitwirken. Basierend auf der soziologischen Theorie Durkheims ermittele ich soziale Faktoren der heutigen Sozialstruktur, die mit der Entstehung von Suizid im Jugendalter im Zusammenhang stehen. Ich recherchiere, inwieweit diese Faktoren zugenommen oder sich verandert haben.

Inwieweit die Zahlen von Jugendsuiziden in unserer Gesellschaft jene anderer Altersgruppen ubertreffen, ist in der Suizidologie ein viel diskutiertes Thema. Ich gehe der Frage nach, ob die Adoleszenten eine Sondergruppe darstellen. Ich versuche eine Relation von gesellschaftlichen Veranderungen zur Suizidalitat Jugendlicher herzustellen und erortere inwieweit gesellschaftliche Faktoren und Prozesse auf die Adoleszenz, ihre Bewaltigung sowie auf Suizidalitat wirken. Kann es sein, dass sich durch die Veranderungen der Sozialstruktur entstandenen Risiken, parallel das Risiko des Suizides erhoht hat? Ich analysiere, inwiefern die Entwicklungsaufgaben und Anforderungen an Jugendliche im Zuge dieser gesellschaftlichen Veranderungen gewandelt haben und ob hier spezifische Risikofaktoren fur Suizidalitat entstanden sind. Dies tue ich, durch die Prufung vorhandener Daten dahingehend, ob eine Abnahme oder Zunahme von Suiziden im letzten Jahrzehnt stattgefunden hat. Auf Grund meiner Schwerpunktsetzung auf die Suizidalitat im Jugendalter werde ich hier der Frage nachgehen, ob eine Steigerung resp. Reduktion der Jugendsuizid zu verzeichnen ist und es Unterschiede in den verschiedenen Altersgruppen gibt.

Im Rahmen der Feststellung, dass es sich um einen minoritaren Anteil von Jugendlichen handelt, die Suizide begehen, stellt sich die Frage, was suizidale von nicht suizidalen Jugendlichen unterscheidet. In Kapitel 6 werde ich detailliert auf die einzelnen Risikofaktoren eingehen, um somit das Ursachengeflecht nachvollziehbarer zu machen. Im Mittelpunkt steht hier, welche Faktoren und in welcher Kombination Risikofaktoren bei Suizidenten anzutreffen sind. Schwerpunkt bilden hier wiederum die jugendspezifischen Risikofaktoren des Suizides. Ich versuche dieser Frage mit der Darstellung des Konstrukts der Resilienz nachzugehen.

Als zukunftiger Padagoge stellt sich mir naturlich auch die Frage, was ich in meiner praktischen Arbeit tun kann. Wie kann man suizidale Kinder oder Jugendliche erkennen? Welche Methoden, Moglichkeiten und Chancen hat die Padagogik hinsichtlich der Pravention oder Intervention in Bezug auf Suizid? Die Fragen und das Interesse an den Ursachen und Bedingungen sowie nach den Praventionsmoglichkeiten haben die Wahl der Thematik entscheidend beeinflusst. In Kapitel 8 erortere ich, wie Suizidpravention im schulischen Bereich aussehen kann und welche Aufgaben sowie Ziele schulische Pravention erfullen kann resp. muss. Anhand der Ziele, die sich aus theoretischen und empirischen Erkenntnissen ergeben, leite ich in Kapitel 7 Kriterien ab, die ein Suizidpraventionsprogramm erfullen sollte. Im Anschluss werde ich das wissenschaftlich fundierte Praventionsprogramm „MindMatters - mit psychischer Gesundheit gute Schule machen“ als Beispiel eines schulischen Praventionsprogrammes mittels der aus der Theorie abgeleiteten Kriterien analysieren und bewerten.

2. Suizidalitat

2.1. Definition von Suizidalitat

Nach den Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Storungen, der Deutschen Gesellschaft fur Kinder und Jugendpsychiatrie ist Suizid eine „selbst intendierte Handlung mit todlichem Ausgang" (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGKJP1, (2003) 2te. uberarbeitete Auflage, S. 383). Schmidtke (1988) definiert Suizid als „die vorsatzlich, (bewusst/absichtlich) angestrebte und gelungene Selbsttotung eines Menschen durch eine entsprechend zielgerichtete Handlung" (Schmidtke 1988, S. 16). „Suizid" meint, die Totung der eigenen Person, des eigenen Selbst" (zit. Wolfersdorf 2000, S.16).

Ein Suizidversuch oder Parasuizid ist eine „Handlung mit nicht- todlichem Ausgang", bei der ein Individuum sich selbst schadigt [...] und die das Ziel hat, durch die Konsequenzen der Handlung eine Veranderung zu bewirken. Parasuizidale Gedanken und Affekte meinen „verbale und nichtverbale Anzeichen, die direkt oder indirekt Beschaftigung mit Selbsttotungsideen [...] ohne Verknupfung mit Handlungen". Der Begriff „Parasuizid" der WHO ersetzt den Begriff Suizidversuch. Der Begriff soll vor allem die appellative Funktion der Handlung im Sinne „einer dysfunktionalen Copingstrategie" erfassen. Der Parasuizid wird hier als indirekte und selbstdestruktive Manier angesehen, die das Ziel hat eine Anderung, der personlichen und der sozialen Verhaltnisse herbeizufuhren (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGKJP, (2003) 2te. uberarbeitete Auflage, S. 383ff). „Der Suizidversuch meint die uberlebte Handlung der Selbsttotung" (Wolfersdorf 2000, S. 16).

„Suizididee/-gedanke bzw. Suizidabsicht meinen das sich gedanklich damit Beschaftigen ohne [...] bzw. mit [...] erklarter Absicht, sich das Leben zu nehmen" (zit. Wolfersdorf 2000, S. 16). „Suizidal ist, wer von Selbstmord spricht, entsprechende Andeutungen macht oder Besorgnis auslost" (zit. Rupp 2003, S.115). Diese Definition deutet darauf hin, dass bei demjenigen, der Suizidgedanken ausspricht, von Suizidalitat auszugehen ist. Wolfersdorf definiert als suizidale Handlung jede Handlung mit dem Ziel sich das Leben zu nehmen, selbst wenn dies nicht gelingt. Entscheidend ist die Intention, sich zu toten. Auch der Versuch sowie begonnene und unterbrochene Handlungen werden als suizidale Handlungen gewertet. Ist die Handlung todlich, spricht man von Suizid, wird die Handlung uberlebt, von Suizidversuch oder Parasuizid (vgl. Wolfersdorf 2004, 102ff).

Suizidgefahrdet sind Personen, deren Risiko zu suizidalen Verhaltensweisen hoher ist als das der Normalbevolkerung. Unter suizidalem Verhalten versteht man die Suizidankundigung (direkte und indirekte Suizidhinweise, Suiziddrohungen), Suizidversuche und Suizide (vgl. Sonneck 1985, S.66).

Suizidalitat ist die Bezeichnung fur eine krankhafte Selbsttotungsgefahrdung (vgl. Dorsch 2004, S. 923). Suizidalitat ist ein Denken, Fuhlen und Handeln, das allen Menschen prinzipiell moglich ist. Auch wenn Suizidalitat nicht als Krankheit im eigentlichen Sinne bezeichnet werden kann, so doch als eine psychische Erkrankung, als einen Zustand extremen Leidens, als Ausdruck groBter Einengung und krisenhafter Zuspitzung (vgl. Wolfersdorf 2000, S. 15ff). Suizidalitat ist keine Krankheit, sondern ein Symptom (Deutsche Gesellschaft fur Kinder und Jugendpsychiatrie, 2003).

Bei der Definition von Suizidalitat von Jugendlichen besteht die Schwierigkeit darin, die Grenze zu nichtsuizidalen Risikoverhaltensweisen und autodestruktivem Verhalten nicht zu uberschreiten. Bei Mutproben wie z.B. S-Bahn-Surfen, risikoreichem Autofahren usw. geht der Jugendliche das Risiko zu sterben zwar ein. Fraglich ist jedoch, ob der Tod anvisiert wird. UbermaBiger Konsum von Alkohol und Drogen werden im Grenzbereich zum suizidalen Handeln angesiedelt, da sie Parallelen zum suizidalen Verhalten in Hinblick auf Ursachen und Folgen aufzeigen (vgl. Korhals, 1998, S. 8).

Man muss jedoch zwischen selbstschadigendem Verhalten mit suizidaler und ohne suizidale Absicht unterscheiden. „Der Begriff „Suizidversuch" impliziert, dass der Tod (d.h. Tod durch Suizid) das Ziel der Handlung ist, wahrend der Begriff „absichtliche Selbstschadigung" ein breites Spektrum von Verhaltensweisen umfasst, auch solche, bei denen der Tod nicht das Ziel ist (vgl. Hawton et al. 2008, S. 44).

2.2. Terminologie

In der heutigen Suizidologie wird der Begriff „Suizid" benutzt, der oder das; -[e]s, zu lat. sui = seiner und cidere= toten und bedeutet „das toten seiner selbst" oder „sich toten" (bildungsspr.): Selbstmord (zit. Duden, 2003, S. 1548). Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe fur suizidale Verhaltensweisen und eine Veranderung der Verwendung der Begriffe hat im Laufe der Zeit stattgefunden. Man spricht von „Selbstmord, Selbsttotung, Suizid, Freitod: selbst herbeigefuhrte Beendigung des eigenen Lebens" (zit. Brockhaus Psychologie 2001, S 591). Der Begriff „Selbstmord" findet in der alteren Literatur und im umgangssprachlichen aMtaglichen Gebrauch am haufigsten Verwendung. In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion wird er jedoch kritisiert und abgelehnt, da der Begriff suggeriert, die Person wurde sich selbst ermorden und aus niedrigen Bewegrunden handeln (vgl. Brundel 2004, S.37). Der Begriff „Selbstmord" beinhaltet das Wort „Mord" und wurde somit den Suizid moralisch abwerten (vgl. Brockhaus Psychologie 2001, S 592). Der Begriff „Freitod" (Amery 1976) wird ebenfalls als ungeeignet betrachtet, da er eine Freiheit („freie Entscheidung") suggeriert, die zum Zeitpunkt des Suizides oft nicht gegeben ist (vgl. Brockhaus Psychologie 2001, S. 592). Beim Suizid handelt es sich in vielen Fallen um eine Verzweiflungstat. Der Suizident ist in einer ausweglos erscheinenden Situation, er will nicht sterben, sondern ein anderes Leben fuhren. In Bezug auf Shneidman und Farberow (1961) bezeichnet Brundel (2004) den Suizid als „verzweifelten Versuch zu uberleben". Suizid sagt sie, ist kein Mord und somit kein verwerfliches Tun aus niedrigen Beweggrunden, sondern eine Handlung, die erfolgt, weil kein Ausweg gesehen wird. Die Handlung beruhe auf Gefuhlen der Resignation, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung (vgl. Brundel 2004, S. 37). Der Begriff „Selbstmord" wurde im Laufe der Zeit vermehrt abgelost durch Begriffe wie „Selbstzerstorung", „Selbstvernichtung", „Selbsttotung", „Selbstaggression",

„Selbstschadigung" oder „Freitod". Auf Grund des zu stark interpretativen Charakters dieser Begriffe wurde der bis heute gultige und neutrale Begriff des „Suizides" ubernommen. Ich verwende den Begriff Suizid fur den vollendeten Suizid und den Terminus Suizidversuch fur den nicht vollendeten Suizid. Suizidalitat nutze ich als Sammelbegriff fur jede Form des suizidalen Denkens, Fuhlens und Handelns. Suizidalitat bezeichnet in dieser Arbeit somit sowohl Suizidgedanken, Suizidideen, Suizidplane Suizidversuche als auch den vollendeten Suizid.

3. Epidemiologie

3.1. Probleme der epidemiologischen Erfassung

Ein gravierendes Problem bei der statistischen Erfassung und Darstellung der Suizide ist die hohe Dunkelziffer. Die offiziellen Angaben uber Suizide unterschatzen die tatsachlichen Zahlen. Die Falle die in Statistiken erfasst sind, reprasentieren nur Minimalangaben. Oft werden gerade Kinder und Jugendsuiziden von Angehorigen aus Scham, Schande und Schuld als Unfalle getarnt. Unter den Verkehrsunfalle, Drogentoten und den unklaren Todesursachen durfte sich noch ein erheblicher Anteil unerkannter Suizide verbergen (vgl. Fiedler G. (2005) Suizide, Suizidversuche und Suizidalitat in Deutschland Daten und Fakten 2005). „Die Daten des Statistischen Bundesamtes konnen deshalb als eine sehr konservative Schatzung der tatsachlichen Anzahl der Suizide gewertet werden, die um mindestens 25% hoher angenommen wird" (zit. ebd. (2005) Suizide, Suizidversuche und Suizidalitat in Deutschland Daten und Fakten 2005). Auch die Deutsche Gesellschaft fur Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt an, dass unter den Drogen- und Verkehrstoten ein erheblicher und nicht genau bekannter Anteil von Suizidenten befindet. Die Schatzungen liegen bei 10-20% (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGKJP (2003) 2te. uberarbeitete Auflage, S. 385). Eine weitere Schwierigkeit bei der genauen Darstellung der Suizidproblematik ist die Tatsache, dass Suizidversuche seit 1963 in Deutschland nicht mehr gemeldet und registriert werden mussen. Die aktuellen Angaben beziehen sich also nur auf Suizidversuche mit Todesfolge. Alle Angaben zu Suizidversuchen sind Schatzungen und Vermutungen (vgl. Brundel 1994 S. 27). Auch Wunderlich (1999) macht darauf aufmerksam, dass es keine sicheren Angaben uber die Suizid- und Suizidversuchsraten gibt: einerseits auf Grund der hohen Dunkelziffer sowie andererseits durch andere Fehlerquellen. Fehler konnen durch z.B. eine mangelnde Reliabilitat der Bevolkerungszahlen oder Anderungen in der Klassifikation der Todesursachen entstehen. Dies ist der Fall wenn z.B. ein Suizid als Tod durch Verletzung registriert wird. Auch die Weiterentwicklung der Intensivmedizin kann defizitare epidemiologische Angaben verursachen, da Suizidenten heute haufiger gerettet werden als fruher. In die Todesursachenstatistik werden jedoch nur die Suizide aufgenommen, die eindeutig sind resp. todlich enden. In Anlehnung an Swientek (1990) geht sie von einer mindestens zweifach hoheren Rate resp. Dunkelziffer aus und sieht die genannten offiziellen Daten ebenfalls als „eine extrem konservative Schatzung" an (vgl. Wunderlich 1999, S. 17). Auf Grund dessen sei darauf hingewiesen, dass Statistiken mit Vorsicht interpretiert werden mussen. Vergleiche der Daten sind schwierig, da sie anhand unterschiedlicher Kriterien erhoben wurden: z.B. erheben unterschiedliche Studien oder Datendanken ihre Daten in unterschiedliche Altersspannen, was Vergleiche der Ergebnisse schwierig gestaltet. In der DDR wurden relative Zahlen auf 10.000 heute jedoch auf 100.000 Einwohner hin berechnet. Dies erschwert es, Zahlen in Relation zu setzen (vgl. Brundel 1994, S. 34). Die Einwohnerzahlen sind im letzten Jahrzehnt angestiegen, ein Vergleich der relativen Zahlen der einzelnen Jahre ist also nur bedingt moglich. Die Angaben in der Literatur sind unterschiedlich und widersprechen sich oft. Trotz dieser Problematik der statistisch genauen Erfassung der Zahlen und Daten der Suizide werde ich nun einige Ergebnisse und Angaben der aktuellen Literatur darstellen, um einen groben Uberblick uber die Pravalenz resp. die offiziellen Zahlen von Suiziden zu verschaffen resp. Tendenzen und Veranderungen aufzuzeigen.

3.2. Pravalenz von Suizid und Suizidversuch

Ich beschranke mich auf die Darstellung der aktuellsten Daten und Ergebnisse, ohne diese zu vergleichen. Ich stelle die Daten von Eurostat (Statistische Amt der Europaischen Gemeinschaften), von der WHO (World Health Organisation) und DESTATIS (Statistisches Bundesamt Deutschland) dar. Ich konzentriere mich auf die Zahlen und Statistiken Deutschlands, da die Arbeit groBtenteils auf Literatur des deutschsprachigen Raumes basiert.

Betrachtet man die ersten und letzten von der WHO registrierten Zahlen zu den Toden durch Suizid in der Europaischen Union, ist insgesamt eine Abnahme der Suizidzahlen in allen registrierten und analysierten Landern zu vermerken.

Informationen der Weltgesundheitsorganisation zufolge sterben jahrlich weltweit in alien Altersgruppen insgesamt fast eine Million Menschen durch Suizide. Dies entspricht 1 Suizid alle 40 Sekunden (http://www.destatis.de 10.04.2009 statistisches Bundesamt Deutschland). Die Zahlen der WHO zu Suiziden geben eine Verschiebung der Altersverteilung in Richtung der Jungeren an. Um 1950 nahmen sich mehr altere Menschen das Leben, wahrend sich seit 1998 immer mehr jungere Menschen das Leben nehmen. In der Europaischen Union sterben pro Jahr insgesamt 29.000 junge Menschen im Alter von 14-24 Jahren. Der Suizid von Jugendlichen ist die zweit haufigste Todesursache nach Verkehrsunfallen in dieser Altersgruppe. In Finnland sterben sogar mehr Jugendliche durch Suizide als durch Verkehrsunfalle (WHO 2003: www.who.int/health topics/suicide/en10.04.2009).

3.2.1. Pravalenz der Suizide in Deutschland

Es sind vor allem die jungen Manner zwischen 15-25 und die 35-45 Jahren, die sich in Deutschland das Leben nehmen. Allgemein haben die Zahlen der Suizide seit 1980 jedoch abgenommen. 1980 wurden vom statistischen Bundesamt 18.451 Personen registriert, die Suizid begingen. 2006 hat sich diese Zahl auf 9.765 reduziert. Dies entspricht einem Ruckgang von 55,7 %. Dies entspricht auch den Zahlen der WHO, wo eine Abnahme der Suizidrate von 15,47/100.000 im Jahre 1990 auf einen Anteil von 9,82/100.000 im Jahr 2006 verzeichnet werden konnte (http://www.destatis.de 10.04.2009 statistisches Bundesamt Deutschland).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Angaben der WHO von 2005 zu Todesursachen in Hinblick auf verschiedene Altersgruppen nach der ICD-10 Klassifikation (ICD codes: ICD-10: x60 -x84: vorsatzliche Selbstbeschadigung (Suizid)) (WHO: http://www.who.int/research/en/ und http://data.euro.who.int/. 08.06.2009)

Die Tabelle 1. lasst ab dem 15. Lebensjahr einen signifikanten Anstieg der Suizide erkennen. Es sind uber 4mal so viele junge Manner wie junge Frauen, die sich 2005 im Alter von 10 bis 29 das Leben genommen haben. Der Anteil der Jugendsuizide im Alter von 10-29 Jahre macht ein Zehntel an der Gesamtzahl aller Suizide in allen Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2005 aus (WHO: http://www.who.int/research/en/ und http://data.euro.who.int/. 08.06.2009) .

Die Statistiken des DESTATIS (Statistisches Bundesamt Deutschland) geben in ihrer aktuellsten Veroffentlichung von 2007 in Hinblick auf Sterbefalle nach ausgewahlten Todesursachen, Altersgruppen und Geschlecht eine absolute Zahl von insgesamt 9.402 Toden durch Selbstbeschadigung (ICD-10 X60-X84) an. Die relative Zahl betrug 2007 gemafc dem Statistischen Bundesamt eine Suizidrate von 11,4 Suiziden auf 100.000 Einwohner. Bei Betrachtung der Geschlechtsunterschiede kann man eine absolute Zahl von 7.009 mannlichen und 2.393 weiblichen Suizidenten im Jahr 2007 festhalten. Im Vergleich zum Jahr 2002 sind die Zahlen gesunken. Hier betrug die absolute Zahl der Suizide in Deutschland insgesamt 11.163. Davon waren 8.106 Suizide von Mannern und 3.057 Suizide von Frauen (https://www-ec.destatis.de 08.06.2009).

3.2.2. Epidemiologische Daten von Jugendsuizid

Zugang zu allgemeinen Daten von Suiziden und Suizidversuchen zu erhalten ist schwierig. Besonders heikel ist es, aussagekraftige Daten zu Kindern und Jugendsuiziden zu finden. Dickhaut fuhrt dies auf die in unserer Gesellschaft herrschende Tabuisierung und auf den Umstand zuruck, dass viele Kinder und Jugendsuizide als Unfalle kaschiert und getarnt werden. „Bei Kindern und Jugendlichen werden Suizidversuche haufig als solche nicht erkannt und ausgewiesen, weil eine Ernsthaftigkeit nicht gegeben scheint oder die Handlungen als Unfalle eingeordnet werden." Diese Unfalle konnen beim Spiel, im StraBenverkehr, im Umgang mit Medikamenten oder Elektrizitat usw. passieren (vgl. Dickhaut 1995, S.19ff). Myschker gibt zu bedenken, dass oft aus falscher Rucksichtnahme dem Kind sowie seinen Angehorigen gegenuber, aus Angst vor Stigmatisierung in vielen Fallen die Erfassung der Suizide verhindert wird. Er geht von einer Unterschatzung bis zu 500% aus (vgl. Myschker 2005, S. 416).

3.2.2.I. Pravalenz der Suizide bei Jugendlichen

Nach den Daten des EUROSTAT (Statistisches Amt der Europaischen Gemeinschaften) hat sich die Sterbeziffer in der Altersklasse 15-19Jahre im Laufe der Jahre reduziert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Entwicklung der relativen Suizidzahlen in der Altersgruppe 15-19 Jahre von 1996- 2007 in Deutschland.

(http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/health/public_health/main_tables)

Nach der Datenbank des EUROSTAT ist also eine Abnahme der Jugendsuizide im Laufe der Jahre zu verzeichnen. Beim Vergleich der Zahlen von EUROSTAT in Bezug auf verschiedene Altersgruppen ist ein paralleler Anstieg der Suizidzahlen mit dem Anstieg des Alters zu verzeichnen (siehe: Tabelle 2). Es sind nach EUROSTAT mehr altere als jungere Menschen, die sich das Leben nehmen (siehe: Tabelle 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: relative Sterberate in Deutschland in den verschiedenen Altersgruppen (http://epp.eurostat.ec.europa.eu 08.06.2009).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Sterbefalle absolute Zahlen der Suizide in Deutschland in verschiedenen Altersgruppen durch die Todesursache vorsatzliche Selbstbeschadigung (X60-X84/ ICD-10) im Jahre 2007 (www.destatis.de 08.06.2009).

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes (siehe Tabelle 4) von 2007 zeigen, dass von der Altersspanne 15-20 hin zur Altersgruppe der 20- bis 25-Jahrigen eine Steigerung festzustellen ist. Dies bestatigt die rasch steigende Tendenz der Suizidzahlen wahrend der Adoleszenz. Die Altersgruppe mit den hochsten Suizidzahlen sind die 45- bis 50-Jahrigen (928 Suizide davon 721 Manner und 207 Frauen) sowie die 65- bis 70-Jahrigen (654 Manner & 243 Frauen) (www.destatis.de 08.06.2009).

Resumierend kann man festhalten, dass gemafc den von mir analysierten Datenbanken sowohl die Zahlen der Suizide insgesamt als auch die Zahlen der Jugendsuizide abgenommen haben. Ein signifikanter Anstieg der Suizide ist jedoch mit dem Beginn der Adoleszenz zu verzeichnen.

3.2.2.2. Pravalenz der Suizidversuche bei Jugendlichen

Parasuizide werden am haufigsten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgefuhrt. Da man Suizidversuche nicht offiziell registriert, handelt es sich bei allen vorliegenden Daten um Schatzungen. Epidemiologische Studien schatzen Parasuizid- Haufigkeiten von 0,2 bis 18 %. Parasuizidale Gedanken und Affekte werden bei 8% der Kinder und mindestens 20% der Jugendlichen beschrieben. Bei Kindern die sich psychiatrischer Behandlung befinden liegen die Zahlen hoher (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGKJP (2003) 2te. uberarbeitete Auflage, S. 383ff). In Bezugnahme auf empirische Ergebnisse von Schmidtke et al. (1996), weist auch Wunderlich (2004) auf die hochsten Suizidversuchsraten bei den 15- bis 24-Jahrigen hin. Im Zeitraum von 1989 bis 1993 haben 127/100.000 mannliche Jugendliche und 376/100.000 weibliche Jugendliche in der BRD versucht sich das Leben zu nehmen. Schmidkte et al. (1996) haben diese geschatzten Zahlen mit fruheren Zahlen der WHO verglichen mit dem Resultat, dass die Zahl der Suizidversuche bei mannlichen Adoleszenten stabil geblieben ist, bei weiblichen Adoleszenten hingegen ein deutlicher Anstieg zu vermerken sei. Wunderlich weist auf eine 2- bis 3fach erhohte Suizidversuchsrate bei Frauen hin. Dies zeigt einen weiteren Unterschied in Hinblick auf das Geschlecht auf. Es sind mehrheitlich Frauen, die Suizidversuche anwenden (vgl. Wunderlich 2004, S. 12). „Im Unterschied zur Suizidhaufigkeit liegt das weibliche Geschlecht bei der Suizidversuchshaufigkeit an oberster Stelle, hier uberwiegen vor allem Madchen in der Altersgruppe von 14-20 Jahren" (zit. Brundel 1994, S. 28).

In der Literatur sind verschiedene Positionen bezuglich eines Anstieges resp. Stagnierens der Pravalenz von Jugendsuiziden zu verzeichnen.

Manche Autoren vertreten die Ansicht, dass ein Anstieg der Jugendsuizidzahlen und vor allem der Jugendsuizidversuchszahlen zu beobachten sei. Obwohl die offiziellen Zahlen eine Tendenz der Zunahme von Suiziden im Alter anzeigen, geht man hier davon aus, dass durch Addition von offiziellen Zahlen, Dunkelziffern von Suiziden und nicht registrierten Suizidversuchen die Jugendsuizide uberwiegen. Die reine Betrachtung der offiziellen Daten wurde das Problem des Jugendsuizides verharmlosen. Dickhaut (1995) vermerkt in Anlehnung an die Daten des Statistischen Bundesamtes von 1989 fur das fruhere Bundesgebiet einen Anstieg der Jugendsuizide. „Allgemein scheint es gesichert, dass junge Menschen weit mehr Selbstmordversuche begehen als Erwachsene und altere Menschen. Gerade bei jungen Menschen scheint die Dunkelziffer noch grosser zu sein als bei Erwachsenen. Uber Selbstmordversuche werden keine amtlichen Statistiken gefuhrt, so dass hier Vergleichszahlen schwer zu erhalten sind" (zit. Dickhaut 1995, S. 22). Auch Schmidtke et al. 1996 weisen auf den geschatzten Anteil der Suizidenten von 18% unter den Drogentoten hin. Wenn man diese Zahlen der

Drogentoten zu den offiziellen Daten, addiert sei eine deutliche Zunahme erkennbar (vgl. Schmidtke et al. 1996 http://www.suizidprophylaxe.de). „In Deutschland wird der europaische Trend bestatigt, wonach insbesondere in den Altersgruppen zwischen 15 und 45 Jahren sowohl bei Mannern als auch bei Frauen eine relativ hohe Sterblichkeit durch Suizide festzustellen ist. Bei Mannern betrug der Anteil der Suizide an allen Todesursachen in der Altersgruppe 25 bis unter 35 Jahre 19,0 % (Frauen: 10,7 %). Neben dieser Altersgruppe waren es insbesondere die 15- bis unter 25-Jahrigen und die 35- bis unter 45-Jahrigen, die bei den Mannern mit 18,0 bzw. 11,7 % (Frauen: 11,2 bzw. 6,6 %) uberdurchschnittlich oft Suizid begingen" (vgl. DESTATIS Rubenach D. 2007) http://www.destatis.de). Essau bezieht sich in der Darlegung der steigenden Zahlen des Suizides im Jugendalter auf Birmaher et al. (1996): nach deren Angaben habe sich die Suizidrate Jugendlicher seit 1950 in den Vereinigten Staaten vervierfacht. Sie geben an, dass sich die Suizidrate von 2,5 auf 11,2 pro 100.000 erhoht hat. Au&erdem haben sie ermittelt, dass 12% der Todesfalle in dieser Altersgruppe auf Suizid zuruckzufuhren sind (Essau 2004, S. 66ff).

Ein weiterer Standpunkt im Diskurs um die Zunahme resp. Abnahme der Pravalenz der Suizide ist, dass sich mehr altere als jungere Menschen das Leben nehmen. Die Vertreter berufen sich auf die offiziellen Daten. Dies stimmt auch mit den von mir analysierten Daten der WHO/DESTATIS und EUROSTAT uberein. Trotzdem wird von den Vertretern dieses Standpunktes die Adoleszenz als Phase besonderer Gefahrdung hervorgehoben und man weist auf den rasanten Anstieg der Suizidzahlen innerhalb der Lebensphase Jugend hin. Suizide im Jugendalter werden hier als ein selteneres Phanomen als im Erwachsenenalter betrachtet. Der %uale Anteil der Suizide in Hinblick auf die gesamten Todesursachen von jungen Menschen liege jedoch hoher als in alteren Altersgruppen. Man sieht die Jugend als Phase besonderer Gefahrdung und als Population, die besonderer Interventionen bedarf. Brundel (2004) gibt in Anlehnung an die Zahlen des EUROSTAT an, dass innerhalb der Adoleszenz ein Anstieg der Suizide erkennbar sei, den sie mit einem Anstieg des Risikoverhaltens in dieser Lebensphase in Verbindung bringt. (vgl. Brundel 2004, S. S. 50). Sie halt den in Literatur oft vertretenen

Anstieg der Jugendsuizide im Laufe der Zeit fur fraglich, da sich dieser auf den Vergleich von unterschiedlichen Jahrzehnten beziehe und diese Aussagen nur schwer vergleichbar seien. Sie weist auf die Probleme einer exakten statistischen Erfassung hin. Sie spricht sich in Anlehnung an (Hawton 1986, Diekstra & Hawton, Orbach 1990) fur einen Anstieg der Suizidrate innerhalb der Entwicklungsphase Jugend aus. Auch nach Hurrelmann (1994) ist der Anteil von Suiziden bis zum 14. Lebensjahr an den Gesamttodesfallen noch relativ niedrig (2% bei den Madchen, 4% bei den Jungen). Er weist in Bezugnahme auf die Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 1992 jedoch darauf hin, dass Suizide in der Alterspanne von 15-20 auf 10% und bei den 20-bis 25-Jahrigen auf 15% ansteigen und zur zweithaufigsten Todesursache bei Jugendlichen werden (vgl. Hurrelmann 1994, S. 225ff). Nach der Deutschen Gesellschaft fur Kinder- und Jugendpsychiatrie nehmen Suizide in der Adoleszenz stark zu. Am haufigsten kommen Suizide jedoch bei Erwachsenen sowie bei isolierten und vereinsamten alteren Menschen vor (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGKJP. (2003) 2te. uberarbeitete Auflage, S. 385). Der Suizid stellt laut WHO die zweit bzw. dritt haufigste Todesursache bei den mannlichen bzw. weiblichen Jugendlichen dar (vgl. Gast 2008, S.55). Auch Schmidtke et al. (1996) geben Suizid als zweithaufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen dem 16. und 30. Lebensjahr an. AuBerdem machen Schmidtke et al. (1996) darauf aufmerksam, dass die Suizidgefahrdung mit dem Alter zunimmt (vgl. Schmidtke et al 1996, http://www.suizidprophylaxe.de). Im Sourcebook of criminal justice statistics/Washington DC (1998) erkennt man eine mehr als achtmal hohere Suizidrate in der spaten Adoleszenz (15-19) als in der fruhen Adoleszenz (10-14) (vgl. Essau 2004, S. 66). Das Bundesamt fur Statistik gab im Jahre 2003 einen %satz von 1% Suizide und Selbstschadigungen bei den 10-bis 15-Jahrigen und 5,6% bei den 15- bis 20-Jahrigen an (vgl. ebd. 2004, S.66). Die relative Krankheits- und Todesrate ist in fast allen Bevolkerungsgruppen in den letzten Jahrzehnten zuruckgegangen. Dies ist vor allem bei den ganz jungen und ganz alten Menschen der Fall. Gegenteilig ist die Situation bei den 10- bis 12-Jahrigen. Hier stehen verhaltensbezogene Faktoren, die zu ungewohnlichen Todesursachen fuhren, im Vordergrund. Die haufigste Todesursache bei 15- bis 25-Jahrigen sind nicht Krankheiten, sondern Unfalle im Stra&enverkehr oder Freizeitbereich. An zweiter Stelle stehen die Folgen gewaltsamen Handelns, der Suizid, Mord und Todschlag. „Unbeherrschtes aggressives eruptives Verhalten gegen sich und andere ist eine entwicklungsbedingte Besonderheit dieser Altersstufe, die viele Jugendliche mit dem Leben bezahlen" (vgl. Engel/Hurrelmann 1993, S. 1).

Resumierend kann man festhalten, dass die Aussagen und Angaben der Literatur zu den Suizidzahlen und den Tendenzen je nach Quelle variieren und sich widersprechen. Nach Angabe der offiziellen registrierten Zahlen hat die allgemeine Suizidrate in allen Altersgruppen in Europa in den letzten 20 Jahren abgenommen. Die Altersgruppen, in denen Suizide zugenommen haben und die man als altersspezifische Risikogruppe bezeichnen kann, sind Menschen zw. 45-70 und Jugendliche. Bei den jungen Menschen ist es vor allem die Altersgruppe der 15- bis 25-Jahrigen, die sich als besonders gefahrdet herausstellt. Innerhalb der Phase der Adoleszenz lasst sich eine Zunahme der Suizide verzeichnen. Vor allem wenn man neben den alarmierenden registrierten Suizidzahlen in dieser Altersgruppe die nicht registrierten Schatzungen der Suizidversuche und der Dunkelziffer hinzurechnet, kann man die Jugend als Risikophase fur Suizid bezeichnen. Einigkeit besteht auch in der Ansicht, dass Jugendsuizide die zweithaufigste Todesursache bei jungen Menschen darstellen. Festzuhalten ist auch, dass nach Betrachtung der Statistiken und Zahlen der WHO und EUROSTAT und DESTATIS in allen Altersgruppen die Zahl der Suizide bei Jungen und Mannern hoher liegt als bei Madchen und Frauen. Schatzungen zufolge uberwiegen Frauen jedoch bezuglich der Suizidversuche und es ist ein Anstieg der Suizidversuche bei Frauen zu verzeichnen. Nach aktuellen Erkenntnissen der Suizidologie ist das Suizidgeschehen also von Geschlechtsspezifitaten gepragt, auf die ich nun genauer eingehen werde.

3.3 Geschlechtsunterschiede

In der Literatur wird vom „ weiblichen" Suizidversuch und vom „mannlichen" Suizid gesprochen. Dies basiert auf einer der grundlegenden Erkenntnisse der Suizidforschung, dass die Suizidrate von Mannern im Verhaltnis zu der von Frauen uberwiegt. Jungen und Manner veruben also mehr Suizide, wohingegen Frauen mehr Suizidversuche unternehmen und haufiger Suizidgedanken haben. Zu den Geschlechtsunterschieden in Relation mit dem Alter hat Brundel bei einem Vergleich von Daten von Suiziden beider Geschlechter uber die gesamte Lebensspanne hinweg feststellen konnen, dass Manner in allen Altersgruppen eine weit hohere Suizidrate aufweisen als Frauen. Sie gibt an, dass von allen Altersgruppen die uber 80-Jahrigen an der Spitze der Suizidhaufigkeit liegen und dass altere Manner am wenigsten mit ihrem Leben zurechtkommen. An der Spitze aller weiblichen Altersgruppen liegen die 60- bis 80-Jahrigen Frauen (vgl. Brundel 2004, S.49). Auch in der Altersgruppe der Jugendlichen zeigt sich dieses Ergebnis. Anhand der Daten der Eurostat Datenbank erkennt man, dass sowohl in der Altersgruppe der 10- bis 14- als auch in der Altersgruppe der 15- bis 20-Jahrigen der Anteil der mannlichen Suizidenten stark uberwiegt (vgl. Eurostat New Cronos 2003 in ebd., S.49). Auch Rachor (1995) gibt an, dass Manner, vor allem im hoheren Alter, mehr Suizide begehen. Frauen hingegen ca. 3-mal haufiger einen Suizidversuch machen als Manner. Sie weist darauf hin, dass es jedoch die Frauen sind, die im suizidalen Geschehen dominieren, wenn man die Suizide und Suizidversuche summiert betrachtet (vgl. Rachor 1995, S. 20). Eine Studie von Wunderlich 2004 ergab eine Ubereinstimmung mit den Daten anderer epidemiologischer Studien und ermittelte eine doppelt so hohe Rate der Suizidgedanken und Suizidversuche bei jungen Frauen als bei jungen Mannern (vgl. Wunderlich 2004, S. 97). Nach Essau liegt die Suizidrate der mannlichen Adoleszenten funfmal hoher als bei den weiblichen Adoleszenten (vgl. Essau 2004, S.66). Dickhaut geht davon aus, dass das Verhaltnis zwischen Suiziden und Suizidversuchen bei 1:50 oder gar 1:100 liegt. Das Verhaltnis von mannlichen zu weiblichen Suiziden wird in der Literatur 3:1 bis 2:1 angegeben (vgl. Dickhaut 1995, S. 21). Zu beachten ist hier, dass es sich bei Aussagen in Bezug auf Suizidversuche immer nur um Schatzungen handelt. Interessant ist in Bezug auf diese Thematik, dass diese Tendenzen des suizidalen Verhaltens in Hinblick auf das Geschlecht aktuell in alien westlichen Landern anzutreffen ist. (vgl. Bieri 2005, S. 79 und 218-221 Mortality Data Base der WHO im Landervergleich).

Resumierend kann man sagen, dass Manner in Bezug auf die vollendeten Suizide dominieren und Frauen in Hinblick auf die Parasuizide und Suizidgedanken. Man konnte also meinen, Manner seien suizidgefahrdeter. Betrachtet man jedoch alle Formen des suizidalen Verhaltens additiv, uberwiegen die Frauen.

3.4. Ursachen fur Geschlechtsunterschiede

Als Grunde fur diese Geschlechtsunterschiede hinsichtlich der quantitativen (Suizidrate) und qualitativen (Suizidmethoden, Motive usw.) Differenzen beider Geschlechter in Bezug auf suizidales Verhalten werden einerseits die unterschiedliche Sozialisation von Jungen und Madchen, die geschlechtsspezifischen Rollen sowie die gesellschaftlichen Erwartungen an diese Rollen gesehen. Andererseits werden geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Artikulation und im Umgang mit Konflikten von Mannern und Frauen als Erklarung herangezogen.

Brundel sieht die Ursachen fur geschlechtsspezifische Unterschiede bezuglich des suizidalen Verhaltens im unterschiedlichen Temperament und den damit einhergehenden unterschiedlichen Konfliktlosestilen von Jungen und Madchen. „Madchen wird eine geringere nach auBen gerichtete Aggressionsbereitschaft und eine groBere Empathiefahigkeit zugesprochen. Sie neigen eher zu depressiven Symptomen und zu einer manchmal auch zerstorerischen Selbstkritik" (zit. Brundel 2004 aus: Hurrelmann & Brundel 2003, S. 52). In Hinblick darauf weist sie auf die bestehende Wechselwirkung von Anlage und Umwelt resp. Erziehung hin. Madchen und Jungen werden auch heute noch unterschiedlich erzogen und somit wird geschlechtsspezifisches Rollenverhalten durch die unterschiedliche Sozialisation aufrechterhalten. Von Madchen erwartet man Hilfsbreitschaft und Anpassung, wohingegen Jungen sich durchsetzen und zielstrebig sein sollen. Jungen neigen eher zu einer externalisierenden und Madchen zu internalisierenden Problemverarbeitung (vgl. ebd. 2004, S. 53). Jungen werden in starkerem Masse zu risikoreichen Verhaltensweisen disponiert als Madchen (vgl. Bieri 2005, S. 83). (siehe Kapitel 5.6.1) AuBerdem seien Jungen eher bereit, Gewalt gegen sich und andere anzuwenden und seien also allgemein aggressionsbereiter. Jungen und Manner gehen Handlungsimpulsen mit groBerer Intensitat und Kompromisslosigkeit nach, so auch in der Ausfuhrung der Suizidhandlung" (zit. Brundel 2004 S. 52 aus Hurrelmann und Brundel 2003). Auch Bieri weist auf die unterschiedlichen Verhaltensmuster und Strategien des personlichen Umgangs mit Konflikten, die Jungen und Madchen wahrend der Sozialisation erlernen, hin. Mannern wird seit fruhester Kindheit vermittelt, dass sie zum starken Geschlecht gehoren. Dies steht mit autonomem, unabhangigem, aggressivem Verhalten sowie Erfolgsstreben und Anerkennungsstreben in der Gruppe in Zusammenhang. Frauen und Madchen werden dazu sozialisiert, Probleme zu internalisieren und durch Symptome wie Depression auszudrucken. Madchen artikulieren Probleme haufiger und nehmen haufiger Hilfsangebote in Anspruch (vgl. Bieri 2005, S. 81). Dies erklart, dass Jungen und Madchen unterschiedlich mit Suizid und Suizidversuchen umgehen resp. anders einsetzen. Die hoheren Zahlen der Suizidversuche bei Frauen werden dadurch erklart, dass fur Frauen die suizidale Handlung ein Hilferuf und Apell an die Umwelt ist, wahrend bei den Jungen die Suizide meistens durch konsequente und sichere resp. „harte" Methoden erreicht und als Abkehr und Ende der Kommunikation verstanden werden (vgl. Brundel 2004, S. 53). Bieri sieht zusatzlich gesellschaftliche Reaktionen auf suizidales Verhalten als entscheidend fur die geschlechtsspezifischen Unterschiede an. Er weist auf die geringe Akzeptanz von Suiziden bei Frauen in der Gesellschaft hin. Der vollendete Suizid sei nicht mit dem gesellschaftlichen Rollenbild der Frau kompatibel und gesellschaftlich nicht akzeptiert, sowie umgekehrt der Suizidversuch beim Mann gesellschaftlich als schwach deklariert sei. Er sieht die geringere Inanspruchnahme von Hilfsangeboten von Mannern beeinflusst durch die gesellschaftlichen Reaktionen als Grund fur die hoheren Suizidzahlen bei Mannern an. Dem Mann wird in unserer Gesellschaft weniger Hilfsbedurftigkeit zugesprochen als der Frau und somit sei auch der Hilferuf durch den Suizidversuch oder das Aussprechen von Suizidgedanken weniger toleriert. Diese Geschlechtsstereotype haben nach Bieri handlungsleitende und orientierende Wirkung und pragen die Einstellung und das Verhalten der Mitglieder der Gesellschaft und somit auch das suizidale Verhalten (vgl. Bieri 2005, S. 82). In engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Rollenbildern von Mann und Frau und ihrem Einfluss auf den Umgang mit Konflikten und somit auch in Hinblick auf Suizid, steht die Wahl der Suizidmethoden, die ebenfalls geschlechtsspezifisch gepragt sind.

3.5. Suizidmethoden

Auch in der Wahl der Methoden und des Ortes kann man Unterschiede hinsichtlich des Geschlechtes feststellen. Jungen und Manner greifen zu „harteren“ Methoden. Sie erschie&en, erhangen oder werfen sich ofter vor einen Zug. Madchen hingegen wahlen in der Regel „weichere" Methoden wie z.B. die Einnahme von Medikamenten, sich die Pulsadern aufschneiden usw. Bei Suiziden uberwiegen die harten Methoden. Bei Parasuiziden im Jugendalter werden primar Tabletten, Schlaf und Schmerzmittel eingenommen (vgl. Leitlinien psychische Storungen der DGJKP 2003, 2te. uberarbeitete Auflage, S. 383). Schmidtke et al. (1996) geben an, dass Kinder und Jugendliche inzwischen sehr haufig harte Methoden beim Suizid einsetzen. Beim Vergleich mehrerer Studien zu den Suizidmethoden konnten Schmidtke et al. (1996) eine Zunahme der harten Methoden unter jungen Menschen seit den 60er Jahren feststellen. Bei den Suiziden durch das „Erhangen" oder den „Sprung aus der Hohe“ ist eine zunehmende und bei den Suiziden durch Vergiftung eine abnehmende Tendenz feststellbar. Bei den weiblichen Suizidenten ist von den 60er bis in die 90er Jahre eine Abnahme von 63% auf 34% in Bezug auf Suizid durch Vergiftung festzustellen (vgl. Schmidtke et al. 1996). Die Studie von Pajonk et al. (2002) von 1995, in der 26.347 Protokolle der Hamburger Notaufnahme auswertet wurden, ergab, dass 171 Patienten Suizide und 572 Suizidversuche verubten. Die meisten Suizide verubten junge Manner zwischen 18 und 39 Jahren. Die haufigste angewandte Methode bei den Suiziden war das Erhangen (41%) sowie der Sprung aus der Hohe (21%). Bei den verubten Suizidversuchen wurde primar die Methode der Vergiftung mit Medikamenten (54%) und illegalen Drogen (17%) angewandt (vgl. Pajonk 2002, S.68-73). Das Statistische Bundesamt (2006) gibt Erhangen, Strangulierung oder Ersticken, Sich-in-die-Tiefe-Sturzen und sich-vor-ein - bewegendes-Objekt-Werfen als haufigste Suizidmethoden in den Altersgruppen 10-15, 15-20 und 20 -25 Jahre an (www.destatis.de 08.06.2009). Jungen und Manner wahlen Orte, die weiter entfernt von ihrem alltaglichen Leben, ihrer Wohnung oder dem Elternhaus liegen. Madchen hingegen veruben Suizidversuche resp. Suizide eher in der Nahe z.B. des Elternhauses (vgl. in Brundel 2004, S. 52). Daraus kann man schlieBen, dass Madchen haufiger und fruher gefunden werden resp. gefunden werden wollen als Jungen und die hoheren Zahlen der weiblichen Suizidversuche und die hoheren mannlichen Suizide hiermit in Zusammenhang stehen konnen. Madchen fuhren Suizide so aus, dass Uberlebenschancen bestehen resp. sie rechtzeitig gefunden werden konnen. In der Wissenschaft geht man davon aus, dass der Suizid bei Madchen eine Funktion des Appelles hat. Der Suizid resp. Suizidversuch ist fur Madchen eine Moglichkeit, aufmerksam auf sich zu machen. Bei Jungen ist die Wahl der Methoden harter und ihre Suizide werden als radikaler beschrieben. Hier wird die Funktion des Suizides in der Abkehr vom Leben gesehen. „Die Tatsache, dass mannliche Jugendliche seltener als weibliche einen Suizidversuch und statt dessen weit haufiger einen Suizid unternehmen, weist auf ihre groBere Entschlossenheit hin, die sicherlich auch wiederum etwas mit ihrer Mannlichkeit zu tun hat. ,Wenn du es schon machst, dann mach es richtig. Handle wie ein Mann und bringe dich um!' (Diekstra 1989, S. 17 ubersetzt von ebd. 2004 S. 53). Neben den unterschiedlichen Methoden, die Suizidenten einsetzen, unterscheidet sich auch jeder Suizid in Hinblick auf die Motive und Faktoren, die den Suizid auslosen.

3.6. Motive

Im Hinblick auf die Entwicklung von Suizid muss zwischen Ursachen, Motiven und auslosenden Faktoren unterschieden werden. „Die Ursache bezieht sich immer auf weiter zuruckliegende Einflussfaktoren, wahrend der Anlass ein oder mehrere aktuelle Ereignisse sind, die das Suizidgeschehen auslosen" (zit. Brundel 2004, S. 36). Durch den Anlass wird die Handlung ausgelost, die zwar spontan und impulsiv zu sein scheint, jedoch Endpunkt einer langen Entwicklung ist. Sie sieht die Ursache hinter suizidalem Verhalten in der Kindheit und in dort entstandenen gestorten Objektbeziehungen. Die Psychobiografie, die Familiendynamik und daraus entstandene psychische Strukturen gelten als bedeutsam bei der Erorterung der Ursache von Suizidhandlungen (vgl. ebd. 2004, S. 36). Als Motive von suizidalem Verhalten gelten also vor allem Konflikte in den Bereichen der Familie, der Schule oder Ausbildung sowie der Partnerschaft. Nach Brundel sind die Motive von Jungen und Madchen ahnlich. Sie sieht einerseits Beziehungskonflikte z.B. Freundschaftsabbruche oder Angst vor Liebesverlust verbunden mit heftigen Gefuhlen der Enttauschung, der Krankung oder Beschamung bei beiden Geschlechtern als mogliche Motive an: andererseits konnen aber auch Schulversagen oder Versagensangste sowie Leistungseinbruche verbunden mit Selbstabwertung Motive fur Suizide sein (vgl. ebd. 2004, S. 52). Zunachst vordergrundig erscheinende Motive sind oft nur „letzte Anlasse" die als Ausloser des Suizides zu verstehen sind. Solche letzten Anlasse sind haufig von grower Banalitat. „Dabei ist die Selbsttotung entweder als autoaggressive Handlung zu verstehen, um sich von einer geliebten Bezugsperson zu trennen oder als aggressive Handlung, um eben diesen Menschen zu treffen" (zit. Nissen & Trott 1989).

Zusammenfassend kann man festhalten, dass hinter Suiziden meistens aktuelle Anlasse oder Motive stehen, die leicht zu erortern sind, wie z.B. Streit mit Bezugspersonen, Liebeskummer, Verlust, Trennung, Suizid im Umfeld, Versagen, Perspektivlosigkeit usw. Das Motiv wird in der Literatur oft verglichen mit einem Tropfen, der das Fass zum Uberlaufen bringt, oder der auslosende Anlass als die Schneeflocke, die die Lawine auslost. Die Ursachen liegen oft nicht direkt auf der Hand. Sie konnen bis ins Kindesalter zuruckliegen z.B. psychische Storungen, gestorte Bindung zu den Eltern, usw. Die Ursachen des Suizides sind multifaktoriell und haben im Laufe der Biografie zu einem Komplex entwickelt, den ich nun deutlich machen werde.

4. Uberblick der Ansatze & Erklarungsmodelle

Es gibt eine Vielzahl von Erklarungsmodellen und - ansatzen. In der heutigen Fachliteratur und Suizidologie wird Suizidalitat als multifaktorielles Geschehen angesehen. Suizid lasst sich nicht mit monokausalen Erklarungsansatzen verstandlich machen, sondern gilt als Verbindung von individuellen und uberindividuellen sowie von inneren und auBeren Faktoren. Suizidverhalten ist ein komplexes Geschehen, das durch die Wechselwirkung von personlichen sowie sozialen Umstanden entsteht und von soziologischen als auch psychologischen Faktoren beeinflusst ist. Diese Faktoren sind voneinander abhangig. Sie treten trotz der Interdependenz in unterschiedlicher Gewichtung auf. „Multifaktorielle Bedingtheit meint, dass verschiedene Faktoren zusammentreffen, um im Ereignis der suizidalen Handlung zu kumulieren" (zit. Myschker 2005, S. 421).

Ich verschaffe nun in einem ersten Schritt, einen Uberblick der Erklarungsansatze der einzelnen Wissenschaften und ihre Entwicklung im Laufe der Zeit. AnschlieBend werde ich, zur Erklarung des komplexen Phanomens der Suizidalitat, aktuelle multimodale Modelle darstellen. In einer dritten Etappe werde ich auf spezifische Erklarungen zum Jugendsuizid eingehen und diese darlegen.

Grundsatzlich unterscheidet man in der Ursachenforschung des Suizides zwei Richtungen. Im Mittelpunkt der fruhen Auseinandersetzung mit dem Suizid galten vor allem die Soziologie und die Psychologie als wegweisend. Die Soziologie, die Suizid im gesellschaftlichen Kontext betrachtet und uberindividuelle Faktoren zur Erklarung heranzieht, untersucht Suizid im Zusammenhang mit auBeren Bedingungen wie z.B. dem Alter, Geschlecht, Beruf, soziale Schicht, Lebensumstande. Mittelpunkt ist hier, die Gesamtheit aller Suizide und weniger der Suizid des Einzelnen, der den zentralen Kern der psychologischen Forschung ausmacht. Ihr Gegenstand sind die individuellen Bedingungen wie z.B. psychische Entwicklung, Konflikte, Krisen und Motive des einzelnen Menschen (vgl. Brundel 1994, S. 44).

4.1 Soziologische Erklarungsmodell

Mit „le suicide" hat Durkheim 1897 die erste groBe Monographie zum Thema Suizid dargelegt. Durkheim erklart Suizid als gestorte Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. Seine Theorie wird auch als ..Integrations- und Anomietheorie" bezeichnet und besitzt bis heute Gultigkeit. Er sieht den Grad der Integration eines Menschen in die Gesellschaft und die Akzeptanz der Normen und Regeln als MaB fur das Suizidrisiko an (vgl. Brundel 1994, S. 45). Unter Desintegration versteht Durkheim, wenn Staat, Kirche und Familie also die stutzenden gesellschaftlichen Institutionen, nicht mehr den Einfluss auf den Menschen ausuben, der notig ware (vgl. Brundel 2004, S. 106). Er sieht die Suizidrate einer Gesellschaft als von sozialen Bedingungen beeinflusst d.h. fuhrt Veranderungen der Suizidrate auf gesellschaftliche Veranderungen zuruck (vgl. Wunderlich 1999, S. 22). Eine zu schwache resp. zu starke Integration des Individuums in die Gesellschaft konne, nach Durkheim, suizidale Tendenzen fordern. Die im Zuge der Industrialisierung entstandene Abschwachung der sozialen Kontakte zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft hat zu einer geringeren Einbindung gefuhrt. Einheitliche Normen und Regeln sowie traditionelle Werte sind nicht mehr vorhanden resp. verlieren an Bedeutung und ein Zustand sozialer Desintegration ist entstanden. Diese gesellschaftlichen Veranderungen konnen einen Zustand der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit hervorrufen und das Individuum anfallig machen fur abweichendes Verhalten und folglich auch fur Suizid (vgl. ebd. 1999, S. 21). Mit der Theorie Durkheims kann nicht die Suizidalitat Einzelner erklart werden, sie dient jedoch auch heute noch zur Erklarung von feststellbaren Schwankungen der Suizidhaufigkeit im Zeitverlauf bestimmter Gesellschaften und sozialer Gruppen. In Anlehnung an Diekstra (1992) zieht Wunderlich Durkheims Theorie z.B. zur Erklarung der Zunahme der Suizidziffern in der Altersgruppe der Jugendlichen in den westlichen Industriestaaten heran. Wunderlich sieht die Auswirkungen gesellschaftlicher Veranderungen auf Jugendliche und die Phase Jugend durch z.B. ambivalente Anspruche verschiedener Institutionen, unklare Rollen, Orientierungslosigkeit oder fehlende Handlungsnormen (siehe Kapitel 5.3.) als gefahrdend fur junge

Menschen an und sieht dies in Zusammenhang mit Durkheims Theorie und spricht ihr Gultigkeit in Bezug auf die heutige gesellschaftliche Situation zu (vgl. ebd. 1999, S. 92). Auch Brundel (2004) sieht Durkheims Theorie heute noch als gultig an. Sie gibt Faktoren wie Desintegration, Fehlen gemeinsamer Ziele und Normen, Druck und soziale Einengung als heute noch gultige Einflussfaktoren auf Suizidtendenzen an. Auch die von Durkheim betonte zu starke Gruppenbindung kann junge Menschen heute gefahrden, wenn sie sich dem negativen Einfluss der Gruppe nicht entziehen konnen und dem Gruppendruck beugen, Normen ubernehmen, die gegen die gesellschaftlichen Richtlinien gehen und zu abweichendem Verhalten verleiten. Als Gegenpol weist sie auf die stark suizidhemmende Wirkung von Akzeptanz, Gruppengefuhl, gemeinsamen Zielen, Sicherheit und Geborgenheit hin (vgl. Brundel 2004, S. 107). Durkheim unterscheidet 3 Formen des Suizides. Der „egoistische Suizid" entsteht nach Durkheim durch eine zu geringe Integration, das Individuum vereinsamt, entfremdet sich und ist isoliert. Daraus entstehen die suizidalen Handlungen (vgl. ebd. 1994, S. 45). Hier kommt es zu einer zu starken Individuation und einem mangelnden Gemeinschaftsbewusstsein und - verbundenheit. Dies trifft auf Jugendliche zu, wenn sie sich bewusst selbst ausgrenzen, ihren eigenen Weg gehen wollen, fur sich alleine sein wollen jedoch dabei nicht glucklich sind. Es seien vor allem „AuBenseiter und Eigenbrotler", die zum egoistischen Selbstmord neigen (vgl. ebd. 2004, S. 106).

Beim „altruisitischen Suizid" steht das Individuum in einer zu starken Abhangigkeit von der Gesellschaft und die Individualitat ist zu schwach ausgepragt. (vgl. ebd. 1994, S. 45). In Verbindung mit dieser Form des Suizides beschreibt Brundel die Jugendlichen, die den Sinn des eigenen Lebens nur im Leben anderer sehen, stark von anderen abhangig sind und beeinflussen lassen. Hierunter fallen Jugendliche mit geringem Selbstwertgefuhl, der Neigung, sich Gruppennormen zu beugen und stark von au&en beeinflussen zu lassen. Als Beispiel gibt sie hier die Doppelsuizide von jungen Menschen an resp. wenn ein Suizid einen anderen nach sich zieht (vgl. ebd. 2004, S. 107). Vom „anomischen Suizid" ist die Rede, wenn der Regel- und Grenzenlosigkeit des Individuums resp. seinem Handeln keine regulativen Krafte entgegengesetzt sind. In Hinblick auf Jugendliche kann es sich hier um Individuen handeln, die kein Ziel vor Augen haben, oder Jugendliche, die keinen Halt finden durch Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule oder keine Zukunftsperspektiven haben. Brundel beschreibt diese Form des Suizides in Hinblick auf Jugendliche, die mehrfaches Versagen, Frustrationserlebnisse sowie zerruttete familiare Situationen erlebt haben. In diesem Zusammenhang weist sie auch auf die Gefahr von Amoklaufen bei Jugendlichen hin (vgl. ebd. 2004, S. 107). Durkheims Theorie kann zur Erklarung von Schwankungen der Suizidhaufigkeit in einer Gesellschaft oder in Bezug auf eine besondere Gruppe herangezogen werden. Geht man davon aus, dass Jugendliche als Sondergruppe resp. als Risikogruppe zu betrachten sind, kann man dies anhand der Anomie-Theorie herleiten, indem man gesellschaftliche Faktoren und Veranderungen z.B. in Hinblick auf die Erklarung eines Anstiegs der Jugendsuizidzahlen heranzieht (siehe Kapitel 5.3.). Die soziologischen Erklarungsansatze beziehen sich weniger auf die subjektiven Komponenten des Phanomens Suizid. Die subjektive Betrachtung der Suizidalitat ist zentraler Kern psychologischer Ansatze. Hier steht das Individuum und weniger die Gesellschaft im Mittelpunkt.

4.2. Psychologische Erklarungsansatze

4.2.1. Die psychoanalytische Suizidtheorie

Die Psychoanalyse hat sich im Gegensatz zur Soziologie erst relativ spat mit dem Problem Suizid auseinandergesetzt. Freuds Ansichten und Thesen zum Suizid sind in seiner Arbeit „Trauer und Melancholie" (1917/1946) entstanden. In Anlehnung an die Schriften Freuds sieht Brundel die Aggressionsumkehr als zentralen Gedanken Freuds. Die Aggressionsumkehr wird seit jeher als wesentlicher Bestandteil jeder Suizidhandlung angesehen. Er verstand Suizid als Aggression gegen die eigene Person. Freud sieht den Suizid als „letzte Konsequenz einer zugrunde liegenden depressiven Dynamik" sowie als „Losung eines Aggressionskonfliktes". Suizid ist nach Freud Selbstbestrafung, die als Reaktion des strengen Uber-Ichs auf die Mordimpulse des Ichs anzusehen sind. Bei Enttauschungen und Krankungen richtet der Mensch nach der psychoanalytischen Theorie seine unbewussten Hassgedanken, seine Rache und Mordimpulse gegen ein geliebtes Objekt, das ihn enttauscht hat. Da er emotional stark an diese Person z.B. die Eltern fixiert ist und sich mit der Person identifiziert, wendet er seine Anklagen und Beschuldigungen nicht gegen die Person, sondern gegen sich selbst. (vgl. Brundel 2004 in Anlehnung an Freud 1917/1946 S. 108ff). Freud hat einen engen Zusammenhang von endogener Depression (Melancholie) und Suizid angenommen (vgl. Brundel 1999, S. 47). Weiter vertritt die psychoanalytische Theorie, dass dem Suizid ein unsicherer Selbstwert zu Grunde liegt, der durch unerfullte und uberhohte Anspruche an sich selbst und die Umwelt entstehe und eine starke Verletzbarkeit zur Folge habe (vgl. Korhals 1998, S. 14). Dies basiert auf der Narzissmustheorie Freuds, die psychische Storungen durch die Einstellung des Menschen zu sich selbst im Sinne ubertriebener Selbstwert- und Minderwertigkeitsgefuhle erklart. Henseler (1990) erklart Suizid anhand der Narzissmustheorie in funf Thesen. Er beschreibt den Suizidenten als im Selbstwert als stark verunsichert (1), in einem Zustand standiger Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht (2). Um den Selbstwert zu schutzen, verleugnet er die Realitat und idealisiert sich selbst und die Umgebung (3). Die Person zieht sich zuruck in eigene harmonische Phantasien (4). Aus den Phantasien werden schlie&lich aktive Handlungen, die als befreiend wirken, da sie der Entwertung des Selbstwertes Einhalt gebieten. Der Tod wird als Ruhe und Geborgenheit betrachtet (5) (vgl. Kasler-Heide 2001, S 41). Es handelt sich bei dieser Betrachtung des Suizides also um die Herstellung eines narzisstischen Gleichgewichtes. Neben den psychoanalytischen Ansatzen liefern auch die psychodynamischen Ansatze Erklarungen zur Suizidalitat.

4.2.2. Die psychodynamische Suizidtheorie

Ein wichtiger Vertreter der psychodynamischen Erklarungsansatze, auf den man auch heute noch oft Bezug nimmt, ist Ringel (1953). Ringel hat den Begriff des „prasuizidalen Syndroms" gepragt und sieht Suizid „als Abschluss einer krankhaft psychischen Entwicklung". Mit dem prasuizidalen Syndrom meint Ringel „eine der Suizidhandlung vorausgehende Befindlichkeit" (vgl. Brundel 1994, S. 48). Ringel sieht diese Entwicklung und ihre charakteristischen und eindrucksvollen Symptome als entscheidend an, um die Suizidgefahrdung eines Menschen zu erkennen. Er sieht diese Symptome als Ankundigung und

Alarm an (vgl. Ringel 1976, S. 15ff). Nach Studien mit Patienten die eine Suizidhandlung uberlebt haben, beschreibt er drei Symptome die einer suizidalen Handlung vorausgehen. (a) Die Einengung z.B. durch externe soziale Faktoren wie soziale Notlagen oder Arbeitslosigkeit, (b) Aggression (gehemmt oder gegen sich selbst gerichtet) und (c) Suizidphantasien (Vorstellungen und Plane, ausgesprochen oder unausgesprochen) (vgl. Wunderlich 1999, S. 35ff). Das „prasuizidale Syndrom" findet heute noch prognostische und diagnostische Verwendung zur phanomenologischen Beschreibung des Zustandes von Suiziden (vgl. ebd. 1999, S. 36). Myschker sieht das „prasuizidale Syndrom" als padagogisch sehr bedeutsam an. Es verdeutlicht ihm nach, eine krisenhafte Lebenssituation, in der Au&en- und Innenfaktoren zusammenwirken und als Summe von Appellen an die Umwelt nach Hilfe verstanden werden mussen (vgl. Myschker 2005, S.416). 1955 hat Ringel das prasuizidale Syndrom auch auf Jugendliche ubertragen. In der aktuellen Literatur werden die Ausfuhrungen Ringels in Hinblick auf das suizidale Syndrom bei Jugendlichen wie folgt dargelegt. Die „Einengung" zeigt sich bei jungen Menschen dadurch, dass sie sich durch Anforderungen erdruckt fuhlen. Es werden nur noch Ge- und Verbote wahrgenommen und sie sehen die Gegenwart und Zukunft duster. Ihre Kindheit und Jugend erleben sie traurig und leer. Ihre Grundstimmung ist depressiv, grublerisch und anklagend. Freundschaften werden abgebrochen und es findet ein Ruckzug auf sich selbst statt. Einerseits fuhlen sich die Jugendlichen allein gelassen, andererseits suchen sie die Einsamkeit. Die leiden unter einem Verlust der Selbstachtung und haben das Vertrauen in sich selbst und in andere verloren. Beschaftigungen, die fruher Freude bereitet haben, bedeuten nichts mehr (vgl. Wunderlich 2004, S. 23, vgl. Brundel 2004, S. 111). Die „Aggressionshemmung oder Aggressionsumkehr" entwickelt sich aus der Aggression gegen ein anderes Objekt, das als ubermachtig erlebt wird. Dies stellt bei vielen Jugendlichen der Vater dar. Oft geht diese Phase mit Gefuhlen der ohnmachtigen Wut und Verbitterung einher. Es bereitet dem Jugendlichen Genugtuung, sich vorzustellen dass die Hinterbliebenen trauern und bestraft sind. Die Suizidphantasien durchlaufen verschiedene Stadien der Intensitat (vgl. Wunderlich 2004, S. 23). Suizidphantasien gehen fast immer mit Suizidankundigungen einher (siehe Kapitel 4.2.3.). Kritisiert wird am „prasuizidalen Syndrom", dass es zwar anhand von Fallbeispielen beschrieben worden sei, diese

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1 Deutsche Gesellschaft fur Kinder & Jugendpsychiatrie

Ende der Leseprobe aus 133 Seiten

Details

Titel
Suizidalität im Jugendalter. Grundlagen und Chancen der Prävention
Hochschule
Universität zu Köln  (Heilpädagogische Fakultät)
Veranstaltung
Schwerpunkt sozio-emotionale Entwicklungsförderung
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
133
Katalognummer
V209859
ISBN (eBook)
9783668711334
ISBN (Buch)
9783668711341
Dateigröße
1449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suizidalität Jugendalter Prävention Resilienz Risikofaktoren Schule Suizid L
Arbeit zitieren
Nina Schaul (Autor), 2009, Suizidalität im Jugendalter. Grundlagen und Chancen der Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209859

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