Prostitution und Drogen. Konsequenzen für die sozialen Arbeit


Diplomarbeit, 2010

117 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Definition der Begriffe Droge und Sucht
2.2. Merkmale der Beschaffungsprostitution
2.3 Geschichte der Drogenszene und der Beschaffungsprostitution

3. Bedingungsfaktoren
3.1 Weibliche Adoleszenz und Identitätsentwicklung
3.2 Kindliche Gewalterfahrungen
3.3 Sexueller Missbrauch
3.4 Ausreißen und Fremdunterbringung

4. Zur Lebenswelt von Beschaffungsprostituierten
4. 1 Repression und Kriminalisierung
4.1.1 Polizei und Gesetz – zwischen Sperrgebietsverordnung und Betäubungsmittelgesetz
4.1.2 Merkmale der Szene und des Stadtteils
4.2 Physische Bedingungen und Auswirkungen
4.2.1 Auswirkungen des Drogenkonsums
4.2.2 Sexuell übertragbare Krankheiten – Sexually Transmitted Diseases
4.3 Psychische Bedingungen und Auswirkungen
4.3.1 Psychische und sexuelle Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen im weiteren Verlauf des Lebens
4.3.2 Die posttraumatische Belastungsstörung
4.3.3 Die Rolle des Freiers

5. Bewältigungsstrategien
5.1 Gesundheitsförderndes Verhalten
5.1.1 Safer-Work-Strategien
5.1.2 Safer-Use-Strategien
5.1.3 Substitution
5.2 Methoden der sozialen Arbeit
5.2.1 Verständigungsorientiertes Handeln
5.2.2 Straßensozialarbeit
5.2.3 Motivierende Gesprächsführung
5.2.4 Das Transtheoretische Modell
5.2.5 Verknüpfung der methodischen Modelle

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Alter bei Beginn der regelmäßigen Prostitution (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 109)

Abbildung 2: Prozentsatz der angegeben Lebensereignisse (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 89)

Abbildung 3: Einstieg in Drogengebrauch und/ oder Prostitutionstätigkeit (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 116)

Abbildung 4: Erlebte sexuelle Gewalt in der Kindheit (Brückner/ Oppenheimer, 2006. S. 215)

Abbildung 5: Dauer des ununterbrochenen Konsums von Crack und Kokain (Zurhold, 2005-a. S. 139)

Abbildung 6: Aggressivität der Freier im Vergleich zur Normstichprobe (Kleiber/ Velten, S. 61)

Abbildung 7: Beispiel für einen Algorithmus zur Definition der Stufe der Verhaltensänderung (Keller, 1999. S. 19)

Abbildung 8: Spiralenmodell der Verhaltensänderung (vgl. Keller/ Velicer/ Prochaska, 1999. S. 24)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Genannte Gründe für das Ausreißen (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 99) 30

Tabelle 2: Häufigkeit der erlebten sex. Gewalt in Kindheit und Erwachsenenalter (Brückner/ Oppenheimer, 2006. S. 218) 52

Tabelle 3: Ausmaß der Gewalt durch Freier (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 129) 61

1. Einleitung

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Beschaffungsprostituierten und deren Auswirkungen auf den Alltag.

Die Motivation zu diesem Thema entstand durch meine langjährige Arbeit bei Ragazza e.V., Hilfen für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen, durch die ich Einblicke in die unterschiedlichen Problemlagen erlangte.

Um der Vielfältigkeit der Probleme gerecht zu werden, wird im Folgenden durch eine systematische Vorgehensweise eine ganzheitliche Betrachtung vorgenommen. Diese ist notwendig, um das komplexe Themengebiet der Beschaffungsprostitution zu verstehen und einen angemessenen und professionellen Umgang in Bezug auf diese Zielgruppe zu ermöglichen.

Im Kontext der Beschaffungsprostitution existieren im deutschsprachigen Raum wenige Studien. Wichtige Ergebnisse liefern vor allem die Studien von Zurhold (vgl. Zurhold, 2005-a) sowie die Studie von Zumbeck (vgl. Zumbek, 2000), auf die in dieser Arbeit neben anderen Bezug genommen werden. US-amerikanische Studien zu diesem Themengebiet sind zahlreicher vertreten, beziehen sich jedoch hauptsächlich auf die Prävention von Infektionsübertragungen im Zusammenhang mit HIV und Hepatitis.

Im Fokus dieser Arbeit steht die Frage, wie sich die Lebenswelt von Beschaffungsprostituierten gestaltet, welche Probleme sich in diesem Kontext ergeben, welche Ursachen sich dafür finden lassen und welche Bewältigungsstrategien entwickelt werden könnten.

Die Gliederung umfasst fünf Kapitel. Nach der Einleitung wird in der Begriffsklärung neben der Definition von Droge und Sucht und den Merkmalen der Beschaffungsprostitution auf die Entstehungsgeschichte der Drogenszene eingegangen.

Der Hauptteil beginnt mit den Bedingungsfaktoren, welche die Entstehung von Drogenkonsum und Prostitution begünstigen. Hier wird die Sozialisation insbesondere unter weiblichen Gesichtspunkten berücksichtigt und in diesem Zusammenhang vor allem auf Gewalterfahrungen und sexuellen Missbrauch im Kindheits- und Jugendalter eingegangen. Das nächste Kapitel geht auf die Lebenswelt von Beschaffungsprostituierten hinsichtlich Repression und Kriminalisierung, unter besonderer Berücksichtigung der rechtlichen Situation und stadtteilpolitschen Entwicklungen, sowie die daraus resultierenden physischen und psychischen Bedingungen und Auswirkungen ein. Der Hauptteil schließt mit der Darstellung von Bewältigungsstrategien zur gesundheitlichen Risikominimierung und emotionalen Stabilisierung sowie ausgewählter Methoden der sozialen Arbeit, um eine umfassende und angemessene Beratungsarbeit leisten zu können.

Ein Fazit rundet die Arbeit ab und liefert einen Ausblick für eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex.

Zur besseren Lesbarkeit wird auf eine weibliche Schreibform größtenteils verzichtet und nur dann verwendet, wenn explizit weibliche Zielgruppen erwähnt werden.

2. Begriffsklärung

Das vorliegende Kapitel dient der Einführung in das Thema Beschaffungsprostitution und bildet die Grundlagen für ein Verständnis der Lebenswelt von Beschaffungsprostituierten. Zunächst werden die Begriffe Droge und Sucht definiert, da sie im weiteren Verlauf der Arbeit wiederholt auftreten werden und sie für den untersuchten Personenkreis von großer Bedeutung sind. Des Weiteren werden die Begriffe Prostitution und Beschaffungsprostitution insbesondere im Hinblick auf deren unterschiedliche Bedeutung erläutert. Das Kapitel schließt ab mit einem Überblick über die historische Entwicklung der Drogenszene in Deutschland und die Entstehungsgeschichte der Beschaffungsprostitution.

2.1 Definition der Begriffe Droge und Sucht

Der Begriff Droge ging aus dem niederländischen Wort „droog“ hervor, das aus der Zeit der niederländischen Kolonialherrschaft stammt und der Bedeutung nach pflanzliche Arzneimittel bezeichnete. Die aktuelle Bedeutung des Wortes Droge ist ein Überbegriff für alle natürlichen und synthetischen Substanzen, die eine Wirkung auf das zentrale Nervensystem haben und die Abhängigkeiten verursachen können (vgl. Stimmer, 2000-b. S. 152). Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation versteht man unter „(...) Droge jede psychoaktive Substanz, also insbesondere alle stimulierenden, sedierenden oder sonst auf das zentrale Nervensystem wirkenden Stoffe. Drogen in diesem Sinne sind alle Stoffe, Mittel, Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern (...)“ (Scheerer, 1995, S. 35). Dies ist eine sehr umfassende Definition und tatsächlich existiert keine allgemeingültige Begriffsbestimmung oder Systematisierung aller Drogen. Eine mögliche Systematisierung ist die Einteilung in Rauschdrogen, welche dem Betäubungsmittelgesetz (BTMG) unterliegen, Medikamente, die nicht aus medizinischen Gründen eingenommen werden sowie legale Drogen, wie Alkohol, Zigaretten und Schnüffelsubstanzen. Bereits in frühester Menschheitsgeschichte kam es zur zielgerichteten Beeinflussung des Nervensystems durch die Einnahme des Safts der Mohnblume oder des aus vergorenen Früchten gewonnenen Alkohols (vgl. Gros, 1997). In Europa kam es wahrscheinlich ab ca. 1500 v. Chr. zum gezielten Einsatz von Drogen (vgl. Preiser, 1996, S. 10).

Drogen spielen in der professionellen Prostitution, wie auch in der Beschaffungsprostitution, eine Rolle, wobei trotzdem zwischen „drogenmissbrauchenden Prostituierten“ und „sich prostituierenden Drogenabhängigen“ deutlich unterschieden werden muss (vgl. Feige, 2003. S. 199). Eine genauere Unterscheidung zwischen Prostitution und Beschaffungsprostitution wird in Kapitel 2.2 vorgenommen. Die im Kontext der Beschaffungsprostitution hauptsächlich konsumierten Drogen sind Heroin, Crack, Kokain sowie Benzodiazepine. Dabei finden sich häufig Mischkonsum sowie politoxikomane Konsummuster.

Grundsätzlich können Drogen in vier Kategorien unterteilt werden. Zu der ersten Kategorie zählen die Rauschdrogen, die weiter in Halluzinogene (Cannabis, LSD, etc.), Designer-Drogen, Psychostimulanzien (Kokain, Amphetamine) und Opiate unterteilt werden. Die zweite Kategorie umfasst die psychotropischen Medikamente, zu denen Psychopharmaka, Hypnotika und Sedativa sowie Analgetika gehören. Die letzten beiden Kategorien umfassen Schnüffelstoffe und Alkohol (vgl. Püschel/ Iwersen-Bergmann 2005, S. 49 f).

Die Herstellung von Heroin (vgl. De Ridder, 2000) erfolgt heute vorwiegend im Vorderen Orient, wie in Afghanistan, der Türkei und Pakistan sowie in den asiatischen Ländern wie Thailand, Burma und Laos. Erzeugt wir das Heroin, indem der Mohnsaft aus der reifen Kapsel des Schlafmohns gewonnen und in einem chemischen Prozess weiterverarbeitet wird. Szene übliche Namen für Heroin sind „H“ (englisch ausgesprochen „Äitsch“) und „Shore“. Der Konsum kann oral, intranasal und intravenös stattfinden, wobei die intravenöse Verabreichung die am meisten praktizierte Methode bei schwerstabhängigen deutschen Heroinkonsumenten ist. Heroin hat eine atemdepresssive, sedierende und beruhigende Wirkung und kann ein intensives Wohlbefinden und ein Gefühl der Sorglosigkeit hervorrufen. Die Risiken beim Konsum von Heroin bestehen vor allem in der Gefahr der Überdosierung, bei der es zu Atemstillstand und Herzversagen kommen kann. Des Weiteren entsteht eine große physische und psychische Abhängigkeit sowie eine schnelle Toleranzbildung (vgl. Püschel, Iwersen-Bergmann, 2005. S. 80 ff).

Neben dem Konsum von Heroin hat auch der Verbrauch von Benzodiazepinen eine Bedeutung (vgl. Scheerer/ Vogt, 1989. S. 217 ff), wie zum Beispiel Valium oder Revotril, deren Wirkung, ähnlich wie die des Heroins, beruhigend und angstlösend ist. Nach dem Absetzen der Medikamente kommt es häufig zu krampfartigen Entzugserscheinungen (vgl. Glaeske, 1989. S. 227; Homann/ Winkler, 2005. S. 267 f).

Kokain (vgl. Vom Scheidt, 1997; Stöver/ Prinzleve, 2004) wird aus den Blättern des Kokastrauchs gewonnen, dessen Herkunftsländer Bolivien, Peru und vor allem Kolumbien sind. Bei Crack handelt es sich um die Basenform des Kokainhydrochlorids und es wurde ursprünglich hergestellt, um Kokain rauchbar zu machen. Szene-übliche Namen für Kokain sind zum Beispiel „Koks“ oder „Schnee“ und für Crack werden häufig die Ausdrücke „Stein“ oder „Base“ verwendet. Kokain kann nasal wie auch intravenös konsumiert werden, Crack hingegen wird vorrangig in Pfeifen geraucht. Die Wirkung von Kokain und Crack ist leistungs- und konzentrationssteigernd und lässt die Konsumenten weniger Hunger- oder Schlafbedürfnis verspüren. Ein weiteres Merkmal ist ein erhöhter Blutdruck sowie ein gesteigerter Rededrang (vgl. Haasen, 2004. S. 19 ff). Bei chronischem Gebrauch können in der Folge Paranoia, Psychosen, Depressionen sowie Suizidgedanken auftreten. Der Konsum von Crack führt häufig zu motorischer Unruhe und Hyperaktivität und ruft eine euphorisierende Wirkung hervor. Der „Crack-Kick“ hält nur ca. 2-5 Minuten an, die gesamte Dauer des Rausches dauert ca. 45 Minuten. Die Risiken des Crackkonsums ähneln denen des Kokainkonsums, jedoch kommen das Verkleben der Lungenalveolen, welches mit starkem Husten verbunden ist, sowie häufig eine starke Gewichtsabnahme hinzu (vgl. Haasen/ Zurhold/ Prinzleve, 2004. S. 133 f). Halluzinogene spielen im Bereich der Beschaffungsprostitution so gut wie keine Rolle und werden aus diesem Grund hier nicht näher erläutert.

Da im weiteren Verlauf dieser Arbeit der Begriff Sucht häufig auftreten wird, wird hier kurz auf seinen Ursprung und seine Bedeutung eingegangen.

Das Wort Sucht geht auf seinen gotischen Ursprung „siukan“ zurück, was bis zum 16. Jahrhundert das Leiden an einer Krankheit bezeichnete (vgl. Scheerer, 1995. S. 10). Noch heute tragen einzelne Krankheiten dieses Wort in ihren Namen, wie zum Beispiel die Gelbsucht. Im 19. Jahrhundert entstand sodann der moralisch besetzte Begriff der Abhängigkeit. „War >Sucht < ursprünglich die generelle Bezeichnung für Krankheit gewesen, so sollte der Begriff um 1950 nur noch eine einzige und ganz spezielle Krankheit bezeichnen, nämlich die Hörigkeit gegenüber Rausch- und Betäubungsmitteln“ (Scheerer, 1995. S. 13).

Der Begriff Sucht beschreibt das Verlangen nach einer Substanz oder einem bestimmten Verhalten. Suchtursachen sind das Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Dies können körperliche, sozial- und gesellschaftliche, aber auch kulturelle bzw. rituelle Faktoren sein. Charakteristische Merkmale von Sucht sind jedoch ein ausgeprägter Wiederholungszwang, eine Dosissteigerung sowie eine physische und psychische Abhängigkeit und Entzugserscheinungen. Der typische Verlauf von Sucht besteht in dem Prozess von Erfahrung, Wiederholung, Gewöhnung und Missbrauch. Charakteristisch für süchtiges Verhalten sind ebenso Schädigungen im sozialen Bereich. Die Folgen von Sucht haben somit nicht nur Auswirkungen für die Süchtigen selbst, sondern auch für deren soziales Umfeld. Unterschieden wird außerdem zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten (vgl. Stimmer, 2000-b. S. 725 ff). Die „Trias der Suchtursachen“ (vgl. Scheerer, 1995. S. 47) beschreibt ein Wirkungsdreieck, bestehend aus den Faktoren Person, Droge und Umwelt. Diese Faktoren beeinflussen sich in ihrer Wirkung gegenseitig. „Die Gründe für den Verlust der Balance liegen nie in der Droge oder in sonst einem Umstand allein. Sie sind immer zu denken als Resultat des Aufeinandertreffens von individuellen Eigenschaften, aktueller Situation und Suchtmittel“ (Scheerer, 1995. S. 46). Der Aspekt der Person beinhaltet genetische, vererbliche Faktoren von Sucht sowie Faktoren der Persönlichkeitsstruktur und frühkindlicher Erfahrungen. Der Aspekt der Droge hängt von der Substanz, der konsumierten Dosis sowie der Häufigkeit und der Dauer des Konsums ab. Der letzte Gesichtspunkt der Trias beschreibt die Gesellschaft und das soziale Umfeld als wesentliche Einflussfaktoren für Sucht.

Auf die Auswirkungen des Drogenkonsums von Beschaffungsprostituierten wird in Kapitel 4.2.1 ausführlicher eingegangen.

2.2. Merkmale der Beschaffungsprostitution

Der Begriff Prostitution stammt aus dem lateinischen „pro situere“ und bedeutet „vor aller Augen, sich öffentlich preisgeben“ oder „jemanden, sich herabwürdigen, (...), bloßstellen“ (Feige, 2003. S. 521). Eine weitere Definition versteht unter einer Prostituierten eine „Frau, die sich gewerbsmäßig zum Geschlechtsverkehr anbietet“ (Duden, 1974. S. 597), was ebenso eine moralische Komponente impliziert. Unter anderem aus diesem Grund hat sich gegenwärtig der Begriff Sexarbeiterin durchgesetzt, weil dadurch lediglich die Tätigkeit, sexuelle Handlungen als Dienstleistung anzubieten und nicht das Individuum an sich fokussiert wird.

Es existieren unterschiedliche psychologische sowie soziologische Theorien bzw. Erklärungsansätze für die Motive und Ursachen der Ausübung von Prostitution. Die Theorie des „Abweichenden Verhaltens“[1], welche eine pathologische Sichtweise auf das Phänomen Prostitution impliziert und von einer Persönlichkeitsstörung bei den betroffenen Frauen ausgeht, war lange Zeit verbreitet. Später wurden die Bedingungen der Sozialisation stärker in den Fokus gerückt und als Erklärungsansatz herangezogen. Des Weiteren existieren feministische Erklärungsansätze, nach denen die Prostituierte Opfer von „gesellschaftlich-patriarchalen Machtverhältnissen ist“ (Guggenbühl/ Berger, 2001. S. 14). Andererseits wird aus feministischer Sicht positiv beurteilt, dass Prostituierte durch die Ausübung ihrer Tätigkeit aus der traditionellen Frauenrolle herausfallen. Heutzutage haben sich drei Erklärungsansätze durchgesetzt. Der Ansatz der „Begünstigten Motive“ berücksichtigt frühkindliche Gewalterfahrungen und sexuellen Missbrauch, während der Ansatz der „Anziehenden Motive“ den Faktor des schnell verdienten Geldes in den Mittelpunkt rückt. Der dritte Ansatz der „situationsbezogenen Motive“ berücksichtigt aktuelle Lebensereignisse und momentane, individuelle finanzielle Notlagen (vgl. Guggenbühl/ Berger, 2001. S.12 ff). Auf die genaueren Bedingungsfaktoren im Sinne von Beschaffungsprostitution wird im dritten Kapitel eingegangen.

Es existieren unterschiedliche Arten der Ausübungen von Prostitution, welche unter mehr oder weniger professionellen Bedingungen stattfinden. Einige Merkmale, die für eine professionell ausgeübte Form der Prostitution sprechen, sind Freiwilligkeit, die direkte Bezahlung durch Bargeld sowie Anonymität und Sachlichkeit gegenüber den Kunden. In diesem Bereich gibt es somit auch Prostituierte, die sich mit ihrem Beruf identifizieren und sogar staatlich registriert sind und demzufolge ihre Tätigkeit als Gewerbe angemeldet haben, wodurch es manchen Frauen leichter fällt zwischen ihrem Berufs- und Privatleben zu unterscheiden. Nicht professionelle Prostituierte distanzieren sich häufig von ihrer Tätigkeit oder verleugnen diese, was zur Folge hat, dass die Grenzen zwischen dem privaten und beruflichen Bereich verschwimmen (vgl. Wüst, 2008. S. 28). Ein weiterer Bestandteil der nicht-professionellen Prostitution ist oftmals die Tatsache, dass es keine festgelegten Orte oder Preise für die ausgeübten Tätigkeiten gibt, sondern der jeweilige Freier darüber mitbestimmen kann.

Professionelle Prostitution und Beschaffungsprostitution überschneiden sich in ihren Arbeitsbereichen. Auch der Konsum von Drogen spielt in beiden Milieus eine Rolle, jedoch ist das Zugehörigkeitsgefühl ein anderes. So üben professionelle Prostituierte ihre Tätigkeit im Sexgewerbe aus, wogegen Beschaffungsprostituierte ihren Arbeitsplatz meistens in der Nähe der Drogenszene haben. Die Prostitution stellt für diese Frauen meistens die einzige Möglichkeit dar, ihren Konsum finanzieren zu können (vgl. Wüst, 2008. S. 27 ff). Dieser wäre durch andere, gesellschaftlich verbreitetere Tätigkeiten, nicht bezahlbar. So finanzieren sich zwei Drittel aller drogenabhängigen Frauen über Beschaffungsprostitution (vgl. Brakhoff, 1989. S. 7). Dieser Bereich nimmt innerhalb der Hierarchie der Prostituierten die niedrigste Stellung ein, wodurch er als Randerscheinung gilt. Kriminalität, gesundheitliche Risiken sowie negative psychische Auswirkungen machen einen großen Teil der Schwierigkeiten im Leben einer Beschaffungsprostituierten aus.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Beschaffungsprostitution von der professionellen Prostitution unterscheidet, liegt in der Funktion, welche die Prostitution erfüllt. Sie ist im Kontext der Beschaffungsprostitution auf Droge und Sucht gerichtet – weniger auf die Finanzierung des Lebenseinkommens oder um die Familie ernähren zu können. Im Gegensatz dazu finanzieren Männer ihre Drogensucht vorrangig über Dealen oder andere Formen der Beschaffungskriminalität. Die seltener stattfindende Beschaffungsprostitution von Männern unterscheidet sich dabei stark von der Beschaffungsprostitution der Frauen und ist auch oftmals räumlich von dieser getrennt (vgl. Feige, 2003. S. 116 ff).

Kriminalität spielt eine große Rolle im Leben von Beschaffungsprostituierten. Sie verstoßen gegen die Sperrbezirksverordnung[2] und durch ihren Drogenkonsum gegen das Betäubungsmittelgesetz. Hinzu kommen noch andere kriminelle Geld-Beschaffungsstrategien, wie beispielweise Dealen, Botengänge oder das Aufbewahren von Drogen für andere Dealer. Die gesellschaftliche Isolation und Missachtung gegenüber drogenabhängigen Prostituierten wird dadurch zusätzlich gesteigert (vgl. Gersch, 1988. S.15). Teilweise wird daher die Dienstleistung gleich mit existentieller Bedürfnisbefriedigungen in Form von Drogen, Nahrung oder Wohnraum bezahlt. Ein weiterer wichtiger Unterscheidungsfaktor ist, dass professionelle Prostituierte meistens auf dem legalen Straßenstrich oder in Etablissements, wie Bordellen oder Appartements anschaffen gehen, während die Beschaffungsprostitution häufig im Sperrbezirk auf der Straße stattfindet. Professionelle Rahmenbedingungen, wie sie z.B. in entsprechenden Etablissements anzutreffen sind, erfordern unter Anderem ein gepflegtes Äußeres, Kommunikationsfähigkeit sowie Zuverlässigkeit. Da diese Anforderungen von vielen Drogenabhängigen nicht erfüllt werden können, sind in diesem Bereich wenige Beschaffungsprostituierte anzutreffen. Anders als beispielsweise in Bordellen oder Zuhälter-Verhältnissen bleiben die Einnahmen durch die Beschaffungsprostitution den Frauen gänzlich selbst überlassen. Die Arbeitszeiten auf dem Straßenstrich sind flexibel und die Summe für die erbrachte Leistung richtet sich oft nach dem Preis für die Droge. Die Unterschiede zwischen professionellen- und Beschaffungsprostituierten sind auch im äußeren Erscheinungsbild sichtbar. So sind Beschaffungsprostituierte im Schnitt ca. 20-30 Jahre alt und damit viel jünger als viele professionelle Prostituierte. Durch den Drogenkonsum sind viele Frauen sehr abgemagert und geben dadurch oftmals ein mädchenhaftes Erscheinungsbild ab. Ebenso weist die Art sich zu kleiden Unterschiede auf. Im Gegensatz zu den Frauen, die professionell anschaffen gehen und sich oftmals freizügig zeigen, kleiden sich drogenabhängige Prostituierte eher verhüllend, um offensichtliche körperliche Konsequenzen des Konsums zu verstecken. Ebenfalls versuchen sie häufig durch die mangelnde Identifikation mit ihrer Tätigkeit sich von dem äußerlichen Erscheinungsbild „normaler“ Frauen so wenig wie möglich zu unterscheiden (vgl. Gersch, 1988. S. 13 ff).

Der Drogenstrich ist somit ein eigenes System innerhalb der Prostitution mit eigenen Gesetzen und Bedingungen und es stellt für die betroffenen Frauen Lebens- und Arbeitsraum zugleich dar (vgl. Langer, 2003. S. 9 ff).

Im Kreislauf von Sucht und Prostitution verstärken sich beide Faktoren gegenseitig. „Bis zu zwei Drittel aller Drogenabhängigen, insbesondere drogenabhängige Frauen, verdienen sich ihr Geld durch Beschaffungsprostitution. Prostitution ist für sie ein Form der Existenzsicherung und eine Möglichkeit, sich das Geld für Drogen zu beschaffen. Diese sind wiederum die Voraussetzung dafür, diese Tätigkeit aushalten zu können“ (Brakhoff, 1989. S.10).

Neben dem charakteristischen Merkmal der Drogenabhängigkeit von Beschaffungsprostituierten, fällt auf, dass neben der stoffgebundenen Abhängigkeit oftmals auch eine besonders ausgeprägte Abhängigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere zu Männern besteht (vgl. Gersch, 1988. S. 13). Ursachen und Zusammenhänge dieses Aspekts werden in Kapitel 4.3.3 näher erläutert.

Der Stand der Forschung zum Thema Beschaffungsprostitution weist in Deutschland und Europa relativ wenige wissenschaftliche Studien auf. Die existierenden Studien wurden lediglich mit erwachsenen Frauen zwischen 20 und 40 Jahren durchgeführt, wodurch keine empirischen Daten zu jüngeren, sich prostituierenden Mädchen vorliegen.

Abbildung 1: Alter bei Beginn der regelmäßigen Prostitution (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 109)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Vielzahl von amerikanischen Studien zu diesem Thema beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und HIV-Risiko (vgl. Guggenbühl/ Berger, 2001. S. 14 ff).

2.3 Geschichte der Drogenszene und der Beschaffungsprostitution

Die Geschichte der Beschaffungsprostitution hängt stark mit der historischen Entwicklung der Drogenszene in Deutschland und ganz Europa zusammen.

Seit ca. 6000 Jahren wird Schlafmohn zur Gewinnung von Opium angebaut und fand beispielsweise in China bereits 1500 v. Chr. Verwendung. Die Kreuzritter brachten das Opium nach Europa, wo es sich rasch verbreitete. Im Jahr 1875 wurde von einem englischen Chemiker zum ersten Mal Diacetylmorphin hergestellt, das von der Firma Bayer 1889 unter dem Namen Heroin als Hustenmittel vertrieben wurde. Während des Vietnam-Krieges wurde Heroin in Massen für die Soldaten hergestellt und verwendet. Seit den 70-er Jahren fand das Heroin auch in Europa rasche Verbreitung. Ursächlich für die Abhängigkeit von Drogen ist dementsprechend ursprünglich die medizinische Einnahme von Substanzen gegen Schmerzen oder Erkrankungen gewesen. Aus diesem Grund waren die ersten Drogenabhängigen vor allem diejenigen, die an der Quelle der Reinsubstanzen wie Opium und Morphium saßen, z.B. Ärzte und Soldaten. Sie werden als „klassische Morphinisten“ bezeichnet (vgl. De Ridder, 2000).

Bereits in den frühen 20-er Jahren experimentierten intellektuelle Kreise wie die „Bohème von Paris“ oder die Berliner Künstlerszene mit Haschisch, Opium und Kokain. Der Kokastrauch ist seit 2500 v. Chr. als Kulturpflanze bekannt, Kokain fand jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts große Verbreitung. Durch den Konsum von Kokain bei Kampfpiloten im ersten Weltkrieg wurde die Droge noch bekannter und verbreitete sich rasch in den 20-er Jahren. Zu einer zweiten Kokainwelle kam es in den 70-er Jahren in der New Yorker Partyszene. Ebenfalls in den USA tauchte 1982 erstmals das aus Kokain hergestellte Crack auf (vgl. Vagts, 2007, S. 54).

Sabine Weymann unterteilt die Entwicklung der Drogenszene in vier Phasen beginnend mit der Entstehungsphase, gefolgt von der makro-epidemischen Phase, der ideologischen Phase sowie die Etablierung einer Subkultur als letzte Phase (vgl. Weymann, 1993. S. 52). Im Folgenden wird auf die verschiedenen Phasen näher eingegangen.

Zur Entstehung einer weitverbreiteten Einnahme von Drogen hat die Kultur der Beat-Musik in den 60-er und 70-er Jahren einen wesentlichen Teil beigetragen und wird von Weymann als „Ansteckungsherd“ bezeichnet, da das Konsumieren von bewusstseinserweiternden Substanzen innerhalb der Musikgruppen sich auf deren Fans ausweitete. Neben der Hippie-Bewegung war das Konsumieren von Drogen auch in Prostitutions- und Zuhälterkreisen verbreitet. Durch die „Verherrlichung“ des Drogenkonsums Anfang der 70-er Jahre wurde dieser zum Massenphänomen und als Mittel des politischen und gesellschaftlichen Protestes angesehen. In der makro-epidemischen Phase rückte die Drogenszene während der 70-er Jahre vom öffentlichen in den privaten Raum, da die Toleranz und Solidarisierung mit dem Drogenkonsum als Jugendkultur in weiten Kreisen nachließ. Die dritte, ideologische Phase der Entwicklung einer Drogenszene zeichnet sich dadurch aus, dass die Identifikation der Jugendkultur mit der Vorstellung einer „Ideologie der Befreiung durch Drogen“ (Weymann, 1993. S. 53) abnahm und die Motivation zum Drogenkonsum sank. So kam es in der letzten Phase zur Etablierung einer Subkultur, einer Drogenszene, die ihren Platz isoliert von der Gesellschaft einnahm.

Die Beschaffungsprostitution hat ihren Ursprung demzufolge in der Entstehung der Drogenszene in den 70-er Jahren und dem zunehmenden Konsum von Heroin und der sich daraus entwickelnden starken Abhängigkeit und Verelendung. Die Ursachen und Bedingungsfaktoren von Beschaffungsprostitution haben jedoch auch immer etwas mit der Illegalität der Drogen und nicht nur mit Krankheit und Abhängigkeit der Betroffenen zu tun. Denn Illegalität und Verfolgung steigern erheblich die Preise der Drogen. Wären sie legal – wie Alkohol – gäbe es vermutlich die Beschaffungsprostitution nicht in dieser Ausbreitung – vielleicht gar nicht. Auch Verelendung entsteht hauptsächlich durch die Lebensbedingungen in der Illegalität sowie die Verunreinigung der Substanzen, die bei einem Reinheitsgebot in der Herstellung wesentlich billiger und verträglicher wären. Auf die Folgen von Kriminalität und Kriminalisierung von Drogenkonsumentinnen wird in Kapitel vier genauer eingegangen (vgl. Nolte/ Quensel/ Schultze, 1996).

Die Beschaffungsprostitution rückte erst mit dem Aufkommen und der starken Verbreitung des HI-Virus in den 80-er Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit. Begünstigt wurde diese Entwicklung auch durch die Tatsache, dass seit Beginn der achtziger Jahre Publikationen zu den Themen Beschaffungsprostitution und Prostitution minderjähriger Mädchen entstanden. Isabell Tiede, Begründerin des „Café Sperrgebiets“, einer Anlaufstelle für minderjährige und sich prostituierende Mädchen in Hamburg, schreibt, dass seit 1983 bis zur Gründung des Cafés 1985 die Zahl minderjähriger Prostituierter in Deutschland anstieg (vgl. Tiede, 1997. S. 14). Auch wenn schon früher Prostituierte bekannt waren, die vor ihrem achtzehnten Lebensjahr anfingen ihre Tätigkeit auszuüben, so stellten Mädchen im Alter von vierzehn Jahren oder noch jünger ein neues Phänomen dar. (vgl. Tiede, 1997. S. 48).

Analysen über die Ursprünge von Beschaffungsprostitution gibt es kaum, ebenso sind keine genauen Zahlen bekannt. In der vorliegenden Literatur liegen die Schätzungen über Frauen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Prostitution nachgehen bei ca. 50.000 bis 400.000. Dagegen gibt es keine Schätzungen über die Anzahl der Frauen, die in Deutschland der Beschaffungsprostitution nachgehen. Hauptsächlich ist das Phänomen Beschaffungsprostitution in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Köln oder München verbreitet (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1997. S. 7).

3. Bedingungsfaktoren

Im Folgenden soll genauer auf die Bedingungsfaktoren und möglichen Ursachen von Beschaffungsprostitution eingegangen werden. Es existieren keine einheitlichen Bedingungsfaktoren von Beschaffungsprostitution, da diese von vielen unterschiedlichen, individuellen Faktoren, wie Biographien und Sozialisationsprozessen, abhängen. Obwohl die Entstehungsprozesse von Sucht und Prostitution nicht vereinheitlicht werden können, sind dennoch bestimmte Erfahrungen in den Biographien vieler betroffener Frauen auszumachen, die zum Entwicklungsverlauf von Beschaffungsprostituierten beigetragen haben.

Frauen, die sich prostituieren, sei es im professionellen Rahmen oder als Beschaffungsprostituierte, stammen aus allen sozialen Schichten und verfügen über unterschiedliche Bildungsniveaus. Beschaffungsprostituierte weisen laut Brückner und Oppenheimer jedoch häufig ein eher niedriges Bildungsniveau auf und verfügen oftmals über keine abgeschlossene Berufsausbildung (vgl. Brückner/ Oppenheimer, 2006. S. 317 ff). Desweiteren sind bei ihnen häufig psychische und physische Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend aufzuweisen. So stellen Gewalterfahrungen, wie beispielsweise sexueller Missbrauch in der Kindheit, wesentliche Ursachenfaktoren von Beschaffungsprostitution dar, was jedoch nicht für alle betroffenen Frauen gilt. So ist nach Brückner und Oppenheimer deswegen weder das Ausblenden der kindlichen Gewalterfahrungen noch das Hinzuziehen derselbigen als einseitiges Erklärungsmodell sinnvoll. Gewalterfahrungen als ausschließlichen Faktor zu betrachten, würde zu einer Vereinfachung und Etikettierung führen und der Gesellschaft ein erwünschtes Erklärungsmuster für gesellschaftlich abweichendes Verhalten bieten. Das Ausblenden dieser Bedingungsfaktoren hingegen dient der „Normalität“ von Prostitution in unsere Gesellschaft und trägt zur Vernachlässigung von Auswirkungen frühkindlicher Gewalterfahrungen bei

So weisen Beschaffungsprostituierte nach der Studie[3] von Zurhold (vgl. Zurhold, 2005-a). die auch in den folgenden Kapiteln zur Klärung möglicher Bedingungsfaktoren herangezogen wird, viele lebensgeschichtliche Belastungen in ihrer Biographie auf. In dieser Studie wurden belastende Lebensereignisse und die daraus resultierenden Folgen für ihr weiteres Leben erfragt.

Abbildung 2: Prozentsatz der angegeben Lebensereignisse (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 89)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dies können zum Beispiel physische und psychische Verletzungen in frühester Kindheit sein, die durch Beziehungsabbrüche oder Diskontinuitäten geprägt wurden und vor allem durch permanente Angriffe auf die persönliche Integrität. Je früher die kindlichen Gewalterfahrungen gemacht werden, desto eher erfolgt meistens auch der Einstig in die Drogen- und Prostitutionsszene. „Je höher die Summe der Belastungen ist, denen Drogenprostituierte in ihrer Kindheit und Jugend ausgesetzt sind bzw. waren, desto früher beginnt der Einstieg in den Drogenkonsum und/ oder die Sexarbeit“ (Zurhold, 2005-a. S. 101). Familiäre Dysfunktionen, wie vermehrte Konflikte und ein geringer Zusammenhalt innerhalb der Familie, sind somit ein häufig auftretendes Phänomen bei jungen Drogenkonsumentinnen, ebenso wie daraus resultierende, vermehrte affektive Störungen wie beispielsweise Depressionen (vgl. Zurhold, 2004. S. 14 ff). In Folge dessen halten sich Beschaffungsprostituierte häufig bereits vor ihrem Einstieg in gefährdeten Jugendkulturen auf, dennoch ist es oftmals noch ein weiter Schritt bis zur Prostitution, der gedanklich meistens lange vorbereitet wird (vgl. Brakhoff, 1989. S. 14). Nicht immer folgt die Prostitution erst auf den Drogenkonsum, sondern die Prostitution wird teilweise vor der Einnahme von Drogen ausgeführt.

Abbildung 3: Einstieg in Drogengebrauch und/ oder Prostitutionstätigkeit (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 116)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Zurhold sind die Einstiegsgründe von Mädchen in die Drogenprostitution immer individuell begründet, jedoch existieren erfahrungsgemäß einige Hauptmotive. Hier werden finanzielle Gründe, ein emotionaler Mangel an Anerkennung und Wertschätzung sowie die Prostitution als Überlebensstrategie außerhalb des Zuhauses genannt (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 37 f).

In den folgenden Unterkapiteln wird auf die wichtigsten Bedingungsfaktoren von Beschaffungsprostitution eingegangen.

3.1 Weibliche Adoleszenz und Identitätsentwicklung

Die Entwicklung der weiblichen Identität während der Adoleszenz von Mädchen gehört zu den wesentlichen Bedingungsfaktoren von Beschaffungsprostitution. Zum besseren Verständnis der in Kapitel drei aufgeführten Bedingungsfaktoren folgt deshalb an dieser Stelle eine Erläuterung zur weiblichen Sozialisation.

Schäfter und Hocke beschreiben die Adoleszenz als Phase zwischen dem Kind- und Erwachsenensein. Körperliche Veränderungen auf den Weg zu einer erwachsenen Geschlechtsidentität verdeutlichen diesen Lebensabschnitt und führen zu Verunsicherung. Der Zwiespalt zwischen dem Alten, Vertrauten und dem Neuen kann Angst und Verlustgefühle hervorrufen. Der Prozess der körperlichen Veränderung wird begleitet von sozialen und psychologischen Veränderungen, die besonders während der Pubertät in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu einander stehen (vgl. Schäfter/ Hocke, 1995. S. 7). Neben den körperlichen und psychischen Veränderungen spielen auch kulturelle und gesellschaftliche Faktoren eine große Rolle bei der Identitätsentwicklung. Hier werden vor allem Zukunftsperspektiven und Berufsmöglichkeiten erwähnt (vgl. Schäfter/ Hocke, 1995. S. 13 ff).

Die Adoleszenz unterliegt einem historischen Wandel und setzt im Laufe der Jahre immer früher ein. Im Durchschnitt bekommen Mädchen in den USA ihre erste Menstruation mit 12,3 Jahren, ein Drittel aller Mädchen bereits mit elf Jahren oder früher. „Demnach findet die klassische Phase stürmischer körperlicher Veränderungen für die Hälfte der Mädchen schon zwischen neun und zwölf Jahren statt. Für die große Mehrzahl betrifft dies spätestens die Altersphase von zehn bis vierzehn“ (Flacke/ King, 1993. S. 66). Während dieser Zeit bildet sich vor allem die Entwicklung eines eigenen Wert- und Normensystems heraus. Außerdem entstehen unter anderem Entwicklungs- und Handlungsmuster für den Umgang mit Konsum und Freizeit. Abgesehen von der eigenen Entwicklung des Körpers und der Veränderungen in der sexuellen Identität bemerken pubertäre Mädchen vor allem auch eine Sexualisierung von außen, die oftmals bewertend und befremdlich auf sie wirkt. Sie werden von ihrer Umwelt plötzlich anders wahrgenommen und betrachtet. In dieser Zeit sind Mädchen häufig besonders beeinflussbar. „Sozialisationstheoretisch entsteht so ein relativ stimmiges Bild: Das selbstbewußte, eigene Kompetenzen erlebende Mädchen verliert mit dem Beginn der Adoleszenz ihr Selbst und verbringt die Jugendphase damit, dem Wunschbild ihres sozialen Umfelds entsprechen zu wollen. Eine verunsicherte, überkritische Beziehung zum eigenen Körper verstärkt die Bereitschaft, sich der Außenbewertung zu unterwerfen“ (Apter zit. n. Flaake/ King, 1993. S. 71).

Zurhold betont, dass im Zusammenhang mit Beschaffungsprostitution der Sozialisationsprozess und die Identitätsentwicklung bei Mädchen während der Zeit der späten Kindheit von 6-11 Jahren, des frühen Jungendalter von 12- 17 Jahren sowie des späteren Jugendalters von 18-25 Jahren ein wesentliche Rolle spielen (vgl. Zurhold, 2005-a. S.59). Die drei Phasen werden im Folgenden kurz näher erläutert.

Während der späten Kindheit spielen vor allem Anforderungs- und Entwicklungsaufgaben eine Rolle. Hierzu gehört zum Beispiel weibliches Rollenverhalten und das Auseinandersetzten mit Moralvorstellungen. Auch die Anforderungen in der Schule gehören dazu. In der Zeit des frühen Jugendalters sind besonders die Identitätsentwicklung, sowie die Geschlechterrollenübernahme und Ablösung von den Eltern wesentliche Bestandteile des Lebens. In dem späten Jugendalters spielt schließlich die Ausbildung, ein Abschluss und die berufliche Karriere sowie wie die Entwicklung von sexuellen Beziehungen und die Erlangung von Unabhängigkeit eine Rolle. Eine Kritik an diesem Modell besteht darin, dass bei den Phasen und Altersstufen nicht zwischen Mädchen und Jungen unterschieden wird (vgl. Zuhold, 2005-a. S. 60). Demnach ist es eher wahrscheinlich, dass Mädchen zuerst die Phase der Pubertät, dann die Berufswahl und erst anschließend die Ablösung von den Eltern in einem Alter von 18/19 Jahren durchleben. Die Trennung und Ablösung von den Eltern ist daher häufig erst viel später ein wichtiges Thema für junge Mädchen als in dem oben aufgeführten Sozialisationsmodell. Im frühen Jugendalter geht es ihnen häufig viel mehr um die Aufrechterhaltung und Umgestaltung von bestehenden sozialen Beziehungen, die eine wichtige Komponente für Mädchen in diesem Alter darstellen. Infolgedessen sind in dieser Phase besonders Nähe- und Loyalitätserfahrungen für die Entwicklung von Handlungskompetenzen und Selbständigkeit wichtig. Dies ist vor allem im Hinblick auf die Lebensentwicklungen von jungen Beschaffungsprostituierten von Bedeutung, die in ihrer Kindheit und Jugend besonders häufig Beziehungsdiskontinuitäten und Beziehungsabbrüchen sowie Missbrauchserfahrungen ausgesetzt waren. Während der Adoleszenz nehmen emotionale Krankheitsbilder wie Depressionen und Suizidgedanken oftmals zu. Viele Mädchen reagieren in dieser Zeit sensibler auf Stress- und Belastungssituationen, wie beispielsweise Vertrauens- und Machtmissbräuche, als Jungen in diesem Alter. Oft häufen sich in dieser Zeit die Konflikte der Kindheit und werden in der Pubertät unerträglich. Somit kann die Zeit der Pubertät zur Kampf- und Krisensituation werden, auf die die Mädchen wenige Einflussmöglichkeiten haben. Hier können Drogen und Prostitution als eine mögliche Handlungsmöglichkeit wahrgenommen werden dieser Krisensituation und den Angriffen der Eltern oder anderer Bezugspersonen zu entkommen. „Unter dieser Perspektive erscheint der Drogenkonsum als eine zielgerichtete Handlungsweise, die der Befriedigung unterschiedlicher entwicklungsbezogener Bedürfnisse dient“ (Zurhold, 2005-a. S. 67).

Die Entwicklung sexueller Identität ist im Adoleszenzalter bei Jungen und Mädchen ein wesentlicher Aspekt des Erwachsenwerdens. Für Mädchen kann dies den Wunsch bedeuten, ihre Weiblichkeit zu entdecken und zu inszenieren. In Bezug auf Prostitution kann dies heißen, einen möglichen Zugang zur Erwachsenenwelt und zur finanziellen Unabhängigkeit zu finden. Zurhold stellt jedoch in Frage, ob dies auch für Drogenprostituierte zutrifft, da diese in einem ganz anderen Milieu und unter anderen Bedingungen arbeiten (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 70 ff). Als wichtig erachtet Zurhold jedoch den Aspekt, dass besonders sexuelle Gewalterfahrungen im Kindes- und Jugendalter ein Gefühl der Macht- und Distanzlosigkeit bei Mädchen hervorrufen können, worauf in Kapitel 3.2 und 3.3 näher eingegangen wird. Prostitution kann ein Mittel zur Wiedererlangung von Macht und Distanz bei der eigenen Sexualität sein und dabei helfen, die private Sexualität von der beruflichen abzuspalten. Ebenso nennt sie hier aggressives und autoaggressives Verhalten als eine Möglichkeit, erlebte Gewalt zu überleben. Es existiert jedoch bisher sehr wenig Forschung zum Zusammenhang zwischen der Adoleszenzentwicklung und Beschaffungsprostitution bei Mädchen.

Tiede weist jedoch darauf hin, dass sich die Adoleszenz von jungen Beschaffungsprostituierten teilweise oder ganz im Milieu der Drogenszene und/ oder des Sexgewerbes abspielt, obwohl wie schon weiter oben erwähnt, besonders in dieser Zeit häufig große Verunsicherung herrscht und der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität besteht. Daher entwickelt sich in dieser Zeit oft der Wunsch nach einem Wertesystem mit klar definierten Rollen. „Es ist sicher kein Zufall, dass die Mädchen sich gerade in der Pubertät für die Flucht in das Milieu entscheiden. Diese Zeit ist eine Zeit der dauernden Verunsicherung, in der alles ins Wanken zu geraten scheint“ (Tiede, 1997. S. 73).

Kieper weist darauf hin, dass die Identitätsentwicklung stark biographisch bedingt und von sozialen Verhaltenserwartungen geprägt ist. Außerdem ist sie geschlechtsspezifisch und muss deswegen von der männlichen Sozialisation unterschieden und getrennt betrachtet werden. Beschaffungsprostitution stellt in unserer Gesellschaft ein abweichendes Verhalten dar und bedeutet demnach eine Abweichung von der gesellschaftlichen Norm und der gesellschaftlichen Vorstellung von geschlechtsspezifischen Verhalten. Ein Stigmatisierungprozess bei abweichendem Verhalten kann die Identität beschädigen und das Stigma, „nicht normal“ zu sein, kann sich für lange Zeit bei den betroffenen Personen verfestigen und dadurch noch schwerer durchbrochen werden (vgl. Kieper, 1980. S. 13 ff).

3.2 Kindliche Gewalterfahrungen

Kindliche Gewalterfahrungen und Missbrauch in der Familie können, wie weiter oben bereits erwähnt, Bedingungsfaktoren von Beschaffungsprostitution darstellen. Deswegen soll hier genauer auf diese Aspekte eingegangen werden.

Stimmer definiert Kindesmisshandlung im Lexikon der Sozialpädagogik als „singuläre oder dauerhafte, körperliche oder seelische Schädigung von Kindern. Formen der Kindesmisshandlung sind u. a. die körperliche Verletzung, die Vernachlässigung, die emotionale Ausbeutung, der sexuelle Mißbrauch“ (Stimmer, 2000-b. S. 374) und nennt als bekanntesten Erklärungsansatz den täterzentrierten Ansatz, der die psychologischen und pathologischen Muster von Tätern untersucht und den soziologischen Ansatz, der in den gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen nach Erklärungen für Kindesmisshandlung sucht.

Kennerley unterteilt Missbrauchserfahrungen in ihrem Buch in drei unterschiedliche Kategorien: emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch. Demnach existiert keine einheitliche Definition von Kindheitsmissbrauch. „Natürlich werden manche der betroffenen Menschen unter einer Kombination körperlicher, emotionaler und/ oder sexueller Traumatisierung leiden, und alle diese müssen in Betracht gezogen werden, wenn Sie versuchen wollen, Ihre aktuellen Schwierigkeiten zu verstehen“ (Kennerly, 2003. S. 20 f).[4] Missbrauchssituationen können sich folglich sehr unterschiedlich gestalten. Opfer und Täter sind verschiedenen Geschlechts und Alters und missbräuchliche Vorhaben reichen von Handlungen mit Körperkontakt, wie beispielsweise Schlagen, Schütteln und dem Ausüben von sexuellen Handlungen bis hin zu nicht-körperlichen Handlungen, wie psychische und physische Vernachlässigung und Isolation, Demütigung durch verbale Angriffe oder pornographische Aktdarstellungen. „Die persönliche Bedeutung, die eine traumatische Erfahrung für einen Menschen hat, ist ausschlaggebend, denn sie steht in enger Beziehung zu den Problemen des Menschen im Erwachsenenalter. So ist es wichtiger darüber nachzudenken, was diese Auswirkungen sein könnten, als sich zu ausführlich auf die Beschreibung eines Missbrauchsverhaltens zu konzentrieren“ (Kennerly, 2003. S. 22).

Die Auswirkungen von Missbrauch in der Kindheit können sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen haben durch die Missbrauchserlebnisse in ihrer Kindheit ihr ganzes Leben Schwierigkeiten, besonders in emotionalen Angelegenheiten und zwischenmenschlichen Beziehungen. Eine Traumatisierung in der Kindheit durch Missbrauchserlebnisse ist nicht automatisch der Weg zu einer spezifischen Schwierigkeit im späteren Leben, wie beispielsweise Depressionen, Beziehungsprobleme oder Sucht, sondern vielmehr erhöht sich die Vulnerabilität eines Menschen hierzu. Hier spielt ebenfalls die Intensität und Häufigkeit des Missbrauchs eine Rolle. Positive Erfahrungen und ein Gefühl von Sicherheit durch eine wohlwollende Bezugsperson können negative Erlebnisse auffangen und erhöhen die Widerstandskraft. Dementsprechend kann sich Selbstbewusstsein entwickeln und die Entstehung von Schamgefühlen durch das Missbrauchserlebnis verringert werden (vgl. Kennerly, 2003. S. 25 f).

Um den Bezug von Missbrauch und häuslicher Gewalterfahrung zur Beschaffungsprostitution herzustellen beziehe ich mich im Folgenden auf Zurholds Studie und Interviews, die zeigen, dass nur zwei von zwanzig befragten Frauen eine Kindheit ohne gravierende, familiäre Konflikte verlebten. Wie bereits erwähnt haben kindliche Gewalterfahrungen Einfluss auf das spätere Selbstwertgefühl und die Persönlichkeitsentwicklung, die dadurch gehemmt werden kann. Verletzungen des Vertrauens, wie andauernde Grenz- und Machtüberschreitungen, können auch durch nicht-körperliche Gewalterfahrungen, wie Brüche mit Beziehungen, vertrauten Ortsstrukturen und Änderungen in der familiären Konstellation, in der die Gewalterfahrung weitergeführt wird, das Gefühl verstärken, an keinem Ort sicher zu sein (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 91 ff). Durch die Erlebnisse zu Hause wird das Drogen- und Prostitutionsmilieu häufig als Freiheit beziehungsweise alternatives Lebenskonzept angesehen. Die damit verbundenen Konsequenzen, wie zum Beispiel der Konsum und die Abhängigkeit von Drogen, wird erst später realisiert. „Insgesamt haben mehr als 66% der Mädchen und Frauen das Elternhaus wegen familiärer Konflikte verlassen. Dieses Ergebnis zeigt, dass ein Großteil der jungen weiblichen Drogenprostituierten aus emotionalen und sozialen Notlagen heraus wie die Missachtung kindlicher Bedürfnisse und Gewalterfahrungen geradezu in ein Milieu flüchten, das fern elterlicher Zugriffsmöglichkeiten Schutz, Anerkennung und neue Erlebnis – und Identitätsmuster bietet“ (Zurhold, 2005-a. S. 101). Soziale und familiäre Desintegration wie auch traumatisierende Erlebnisse können also dazu führen, das Drogen- und Prostitutionsmilieu als Bereich der Verarbeitungsmöglichkeit und Zuflucht zu betrachten (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 118).

Ein großes Ausmaß an Gewalterfahrungen in körperlicher oder sexualisierter Form hat bei vielen Drogenprostituierten in unterschiedlichen Konstellationen stattgefunden, wie zum Beispiel in der Familie während der Kindheit, in Beziehungen zu Männern oder später im Prostitutionsmilieu. Häufig übten Menschen, die in der Kindheit eigentlich Schutz bieten sollten, physische und psychische sowie auch sexuelle und strukturelle Gewalt aus. Wenn die wichtigsten Bezugspersonen Gewalt ausüben, können sich Ohnmachtsgefühle und Misstrauen manifestieren. Außerdem können Abhängigkeitsgefühle und Gefühle des kompletten Ausgeliefertseins entstehen. Geschieht dies in einem länger andauernden Zeitraum oder wiederholt es sich im Laufe des Lebens kommt es zu einer Manifestierung der Traumatisierung. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen erlebte Gewalterfahrungen innerhalb der Familie oder durch den Bekanntenkreis, 48 % der Frauen sexuellen Missbrauch. Oftmals waren die Frauen während dieser Erlebnisse noch sehr jung, im Durchschnitt 7,6 Jahre und ein Drittel erlebte Missbrauch bereits vor dem sechsten Lebensjahr (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 119 ff).

3.3 Sexueller Missbrauch

Nachdem in Kapitel 3.2 auf den Begriff des Missbrauchs im Allgemeinen und Gewalterfahrungen in der Kindheit eingegangen wurde, erfolgt in diesem Abschnitt eine Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch im Speziellen, da dieser eine häufig erlebte Erfahrung in dem Leben von Beschaffungsprostituierten darstellt und neben den Konsequenzen von Gewalterfahrungen spezifische Auswirkungen auf ihr weiteres Leben hat.

Strafrechtlich gesehen bedeutet sexueller Missbrauch „(...) die Vornahme einmaliger oder wiederholter sexueller Handlungen an Personen unter 14 Jahren oder an Widerstandsunfähigen unter Mißbrauch eines bestimmten Obhutsverhältnisses, etwa des Erziehungs- Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnisses (...)“ (Stimmer, 2000-b. S. 604).

Oftmals findet sexueller Missbrauch innerhalb des engsten persönlichen Umfelds statt und wird von Personen begangen, die eigentlich Schutz bieten sollten. Durch den besonderen familiären Aspekt des sexuellen Missbrauchs existierte lange eine sehr geringe Entdeckungsrate und erst durch feministische Bestrebungen rückte die Problematik mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Daraus entstand eine zunehmende Auseinandersetzung mit der Entstehung, den unterschiedlichen Formen und der Prävention von sexuellem Missbrauch sowie möglichen Interventionen (vgl. Stimmer, 2000-b. S. 605).

Eine Definition von sexuellem Missbrauch von Mädchen beschreiben auch Schäfter und Hocke. „Sexueller Mißbrauch ist demzufolge eine ‚körperliche und psychische Gewaltanwendung und Machtausübung mittels sexueller Handlungen am Körper und an der Seele eines Mädchens‘“ (Steinhage zit. n. Schäfter/ Hocke, 1995. S. 19). Gleichzeitig üben sie Kritik an dem Begriff „sexueller Missbrauch“, da er die legale Ausübung dessen impliziert und bevorzugen den Begriff der „sexuellen Gewalt“, da dieser alle möglichen Formen von Belästigung bis hin zur Vergewaltigung umfasst.

Nach Brakhoff werden jährlich ca. 280000 Mädchen und ca. 20000 Jungen in der BRD sexuell missbraucht. Ungefähr 90 % der männlichen Täter stammen aus dem nahen Verwandten- und Bekanntenkreis (vgl. Brakhoff, 1989, S. 13). So erlebt ca. jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge in Deutschland sexuellen Missbrauch in jeglicher Form und unabhängig vom Alter. Mit ca. 42,8 % aller Missbrauchsfälle ist die Gruppe der sechs- bis zehn-jährigen Kinder am häufigsten von sexuellem Missbrauch betroffen sowie ca. 27,2 % der null- bis fünfjährigen Kinder. Der Anteil der Frauen als Täterinnen liegt bei ca. 6 bis 15 % und ist damit relativ gering (vgl. Kerger, 2004. S. 17 f). Schäfter und Hocke entgegnen sogar, dass „Die Täter (...) zu 98% Männer, die Betroffenen zu 80 – 90% Mädchen“ sind. „Dabei stammen zwei Drittel der Täter aus der Herkunftsfamilie oder dem sozialen Umfeld der Mädchen (leibliche oder soziale Väter, Verwandte, Bekannte, Nachbarn...)“ (Schäfter/ Hocke, 1995. S. 19).[5]

Die Folgen des sexuellen Missbrauchs sind bei jeder Frau anders und hängen stark von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur und der Art von Unterstützung ab, die sie bekommt (vgl. Schäfter/ Hocker, 1995. S. 55). Wesentlichen Einfluss auf die Spätfolgen des Missbrauchs, mehr noch als das traumatische Erlebnis an sich, haben daher die Reaktionen und der Zusammenhalt der Familie. Sexueller Missbrauch ist somit immer eine traumatische Erfahrung im Leben eines Kindes oder Jugendlichen, muss aber hingegen nicht immer zum Trauma führen. „Mädchen entwickeln je nach Persönlichkeit und Entwicklungsstand unterschiedliche Verhaltensweisen, um der Missbrauchssituation zu entkommen, sie zu ertragen und/ oder Dritte auf sie aufmerksam zu machen“ (Kerger, 2004. S. 18).

Besonders im Adoleszenz-Alter sind Mädchen auf Grund ihres psychosexuellen Entwicklungsstadiums noch nicht in der Lage sexuelle Handlungen zu verstehen oder einzuordnen. Dadurch sind sie besonders verletzbar und manipulierbar. „Mädchen und Frauen, die sexualisierter und/ oder körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, wird die notwendige Basis entzogen, um Vertrauen und Selbstwert aufzubauen. Sexuelle Gewalt gefährdet die Lebens- und Entwicklungsgrundlagen der Mädchen und Frauen dabei umso gravierender, wenn nicht einmal Zeugen eingreifen“ (Zurhold, 2005-a. S. 123). Hierbei zeigt sich, dass oft die Mütter eine besondere Rolle als Zeugin spielen, die zwar über die Geschehnisse Bescheid wissen, jedoch trotzdem nicht einschreiten und im schlimmsten Fall das erlebte herunter spielen oder verleugnen. Hierbei entsteht ein erneuter Vertrauensbruch. Ihre Tochter als Opfer anzuerkennen, käme für viele Mütter mit gewalttätigem Partner dem Eingestehen ihrer eigenen Opferrolle gleich. Hinzu kommt, dass oftmals eine große Abhängigkeit zum Lebenspartner besteht. Dadurch werden viele Mütter von Missbrauchsopfern zu Mittäterinnen und die Opfer werden durch das Schweigen der Mutter nicht selten selber zum Schweigen gebracht (vgl. Zurhold, 2005-a. S. 123 f).

[...]


[1] Nach Stimmer ist abweichendes Verhalten ein Verhalten, das nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht und aus diesem Grund von Sanktionen bedroht ist. Hierbei handelt es sich also um eine durch andere erfolgte Zuschreibung von Verhaltensmerkmalen zu einem Individuum, was einen Etikettierungsprozess zur Folge haben kann. Eine mögliche Klassifikation für abweichendes Verhalten wurde bereits von vielen Sozialwissenschaftlern untersucht, die jedoch dem Wandel von Moral- und Normvorstellungen der Gesellschaft unterliegen. Nach Stimmer gelten derzeit „im wesentlichen folgende Verhaltensarten als abweichende: Eigentums- und Vermögenskriminalität, Prostitution, Aggressionskriminalität, stigmatisierter Drogenkonsum, Homosexualität, Selbstmord, Terrorismus und ziviler Ungehorsam“ (Stimmer, 2000-b. S. 2).

[2] Die Sperrgebietsverordnung verbietet an bestimmten Orten „zum Schutze der Jugend oder des öffentliche Anstands“ (Bundesministerium der Justiz. Art 297 Verbot der Prostitution) die Prostitution. Jede Kommune kann eigenständig darüber bestimmen, ob und wo sie eine Sperrgebietsverordnung verhängen will und fast alle machen auch Gebrauch von dieser Regelung. Nachteile der Sperrgebietsverordnung ist die Verdrängung der Prostitution in dunkle und unübersichtliche Randgebiete der Städte und die Untergrabung des neuen Prostitutionsgesetzes zur Verbesserung der rechtlichen Stellung von Prostituierten (vgl. Feige, 2003. S. 610). Eine umfassendere Erläuterung zu den Gesetzten folgt in Kapitel 4.1.

[3] Im Auftrag des Diakonischen Werks Hamburg wurde im Zeitraum von 2001 bis 2003 eine empirische Studie über junge weibliche Beschaffungsprostituierte im Alter bis zu 26 Jahren im Hamburger Stadtteil St. Georg durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie wurden insgesamt 94 sich prostituierende und drogengebrauchende Frauen mittels standardisierter Fragebögen befragt, sowie mit 20 Frauen Leitfaden gestützte, biographisch orientierte Interviews geführt (vgl. Zurhold, 2005-a. S.88).

[4] Ein psychisches Trauma kann durch ein bestimmtes oder mehrere Erlebnisse im Leben eines Individuums verursacht werden, welches nicht adäquat verarbeitet werden kann und verdrängt wird. Durch diese Verdrängung können psychische Störungen verursacht werden (vgl. Stimmer, 2000-b. S. 765).

[5] Eine andere, feministische Sichtweise auf sexuellen Missbrauch wird beispielsweise von Schäfter und Hocke vertreten (vgl. Schäfter/ Hocke, 1995. S. 19). Sexueller Missbrauch wird hier nicht als Delikt, sondern als Ausdruck und Instrument zur Unterdrückung von Frauen in eine patriarchale Gesellschaft gesehen, wobei besonders der „Raum“ der Familie die Stellung der Frau in der Gesellschaft generell verdeutlicht: Hierarchisch untergeordnet und ein wenig autonomes Leben sowie eine wenig selbstbestimmte Sexualität.

117 von 117 Seiten

Details

Titel
Prostitution und Drogen. Konsequenzen für die sozialen Arbeit
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
117
Katalognummer
V209877
ISBN (Buch)
9783656375555
Dateigröße
1655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drogen, Sucht, Prostitution, Beschaffungsprostitution, Freier, Weibliche Adoleszenz, Substitution, Akzeptierende Drogenarbeit
Arbeit zitieren
Naomé Dekrell (Autor), 2010, Prostitution und Drogen. Konsequenzen für die sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209877

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