Theoretische Grundlagen der systemischen Beratung


Hausarbeit, 2012
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1 Grundlagen der systemischen Beratung
1.1 Systemisches Denken
1.2 Voraussetzungen des systemischen Denkens

2 Kernaspekte der systemischen Beratung
2.1 Wirklichkeit
2.2 Kausalität
2.3 Kybernetik

3 Ausgewählte Merkmale der systemischen Beratung
3.1 Das systemische Weltbild
3.2 Lösungs- und ressourcenorientierter Ansatz

II. Literaturverzeichnis

1 Grundlagen der systemischen Beratung

1.1 Systemisches Denken

Dabei handelt es sich um eine erweiterte, ganzheitliche Denkart, welche ihren Ursprung aus der Tatsache ableitet, dass wir Menschen soziale und damit beziehungsorientierte Wesen sind. Der systemische Ansatz ist eine Ergänzung zu der klassischen internen persönlichkeitsspezifischen Betrachtungsweise, aus der man das Verhalten eines Individuums ableitet. In der systemischen Beratung wird kontextabhängig gearbeitet. Das Individuum wird nicht unabhängig von seiner Umwelt betrachtet, sondern in eine ganzheitliche und aus Wechselwirkungen bestehende Umwelt eingebettet.[1]

Durch Einbeziehung diverser erkenntnis- und systemtheoretischer Positionen in diese Denkart, werden im systemischen Ansatz die Grundfragen menschlicher Existenz und des Zusammenlebens fokussiert. Auf der theoretischen Ebene tangiert es die Bereiche der Epistemologie und der Ontologie. Auf einer pragmatischen Ebene sollen Antworten im Hinblick auf gesellschaftliche Fragen z.B. der Politik, Ökologie sowie der Therapie geliefert werden. Hauptziel im Kontext des systemischen Denkens sowie der Beratung ist die Komplexitätsreduktion. Das systemische Denken wird von zwei grundlegenden Säulen gestützt: Systemtheorie und Erkenntnistheorie.[2]

Auf die erkenntnistheoretische Basis bzw. die konstruktivistische Perspektive gehe ich unter Punkt 2.1 näher ein. Zunächst einmal werden wir die Systemtheorie fokussieren, welche als Ausgangspunkt für die systemische Beratung anzusehen ist. Ein System lässt sich als ein ganzheitlicher Zusammenhang von Elementen, dessen Beziehung zueinander eine auffällige Signifikanz in sowohl quantitativer als auch qualitativer Art umfassen, bezeichnen. Es lässt sich in seiner geschlossenen Ganzheitlichkeit von Elementen von anderen Systemen der Umwelt abgrenzen.[3] Für die systemische Denkweise und Beratung sind insbesondere die sog. organismischen, sozialen und psychischen Systeme von Relevanz. Dabei sind sie jeweils als eigenständige Systeme zu betrachten, welche jedoch in einer sich gegenseitig konstituierenden Wechselbeziehung vorzufinden sind.[4]

Unterstützung findet der systemische Ansatz also durch die Systemtheorie, welche die Wissenschaft von Wechselwirkungen und der gegenseitigen Beeinflussung der entsprechenden Teilelemente ist.[5]

1.2 Voraussetzungen für systemisches Denken

Der Beobachter gilt als Ursprung des Erkennens und damit auch der Wirklichkeitskonstruktion. Der Prozess des Beobachtens sowie die fundamentalen Bedingungen der lebendigen Existenz müssen zunächst einmal näher betrachtet werden. In diesem Zusammenhang unterteilen wir die Kernvoraussetzungen des systemischen Denkens in biologische und soziologische Voraussetzungen. Der Mensch als biologisches Wesen ist als ein autopoetisches System strukturdeterminiert und autonom. Die Kognition kann nicht als tatsächliche Abbildung der Umwelt betrachtet werden und ist auch nicht beliebig, sondern wird durch die Sinnesorgane und das zentrale Nervensystem ermöglicht. Die menschliche Kognition basiert auf subjektiven Beobachtungen, welche durch Sprache konsensualisiert werden. Soziologische Voraussetzungen sind von Bedeutung, da Menschen soziale Lebewesen sind. Soziale Systeme sind durch Kommunikation determiniert und setzen Aktion und Beobachtung voraus. Wirklichkeiten werden durch Sozialisierung, Sprache und Kommunikation geprägt.[6] [7] Wir haben bereits feststellen können, dass der systemische Ansatz den Ursprung der Kognition und damit auch jeder Wirklichkeit im Menschen selbst sucht. Dabei bezeichnen wir den beobachtenden Menschen als "Beobachter". Im systemischen Ansatz wird der Mensch als ein biologisches und zugleich auch als ein soziales Wesen betrachtet. Zudem gilt der Mensch zugleich als denkendes sowie auch fühlendes Wesen. Dabei sind Kognition und Affekt sowie das Denken und Fühlen unzertrennlich und zueinander interdependent. Aufgrund der autopoietischen Organisation sind Menschen komplex und undurchschaubare, sich ständig verändernde Lebewesen. Als soziale Akteure in einem System versuchen sie ihre biologische Individualität durch eine Konsensualisierung zu überbrücken. Den Konsens versucht der Mensch durch Sprache und Kommunikation mit anderen Menschen zu erlangen. Dabei ist das Individuum erst ein Mensch wenn andere Menschen vorhanden sind. Der Mensch wird zum Mensch in einem sozialen Miteinander.[8]

2 Kernaspekte der systemischen Beratung

Unter diesem Punkt möchten wir dem Leser die zentralen Aspekte einer systemischen Denkhaltung bzw. einer systemischen Beratung näher bringen. Die im Nachfolgendem betrachteten Aspekte sind von essentieller Bedeutung für die entsprechenden erkenntnistheoretischen Prämissen einer systemischen Beratung. Dabei handelt es sich um die Frage nach der Wirklichkeit sowie der Wahrheit, welche eng mit dem Konstruktivismus zusammenhängt. Der zweite Aspekt fokussiert die Kausalität und stellt diese gleichzeitig für eine systemische Denkhaltung in Frage. Schlussendlich möchten wir die sog. Kybernetik als dritten Grundbaustein der systemischen Beratung vorstellen.

2.1 Wirklichkeit

Um den Grundgedanken hinsichtlich der Wirklichkeit aus einer systemischen Perspektive bestmöglich darzustellen, bietet sich das folgende Zitat von HUMBERTO MATURANA an:

"Ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird." (MATURANA 1982)

Hierdurch werden wir explizit mit der Essenz einer systemischen Erkenntnistheorie konfrontiert. Das System kann nur als solches angesehen werden, wenn es in Beziehung zum erkennendem Beobachter gesetzt werden kann. Das System muss also zunächst einmal vom Beobachter erkannt und als solches akzeptiert werden. Er oder Sie entscheiden darüber, wie die Komplexität des ganzheitlichen Ökosystems in Subsysteme herunter gebrochen wird. Das systemische Verständnis von Wirklichkeit beruft sich also auf die Tatsache, dass die Wirklichkeit niemals losgelöst vom Beobachter angesehen werden kann. Dies bedeutet nicht, dass es keine Wirklichkeit gibt, jedoch unterstellt die Sinnlosigkeit von ihr zu sprechen ohne der Interdependenz zwischen dem erfahrenden System (beobachtendes System) und dem zu erfahrenden System (beobachtetes System) ein Hauptaugenmerk zu verleihen. Die erkenntnistheoretische Basis des systemischen Ansatzes ist der Konstruktivismus. Es stellt sich die Frage, inwiefern wir aktiv an der Erstellung unserer Wirklichkeit Anteil haben.[9]

Hierbei handelt es sich um die Idee, dass die Welt, in der wir existieren, lediglich unsere Erfindung sei. Dabei geht man davon aus, dass wir als Individuum die Welt nie unmittelbar erleben, sondern diese erst durch unsere Sinnesorgane und Nervenzellen vermittelt bekommen. Die Welt, die wir erleben ist demnach nur unser eigens geschaffenes Abbild dieser erlebten Welt. Diese Tatsache stellt die Frage nach der Objektivität in Frage, wodurch auch unser Anspruch auf die Wahrheit subjektiviert wird.[10] Zentrale Aussage hierbei ist der Gedanke, dass uns Menschen grundsätzlich nur subjektive Wirklichkeiten zuteilwerden. Der Konstruktivismus ist ein Grundelement der systemischen Beratung und stellt den Menschen also als Konstrukteur seiner "individuellen" Realität in den Vordergrund.[11]

Nach FOERSTER (1981) handelt es sich bei der von uns wahrgenommenen Umwelt um unsere eigene Erfindung. Wir gestalten demnach unsere Realität in einem aktiven Prozess, wobei die Wirklichkeit als Ergebnis von Unterscheidungen anzusehen ist. Wir reduzieren die Komplexität nach unserem Ermessen, damit wir Orientierung für unser Überleben sicherstellen. Doch sollte man diese Art von Konzepten nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, denn wir sind für die "Wirklichkeit und Wahrheit" selbst verantwortlich. Das lässt uns darauf schließen, dass man sich irren kann oder das andere Menschen verschiedene Sichtweisen haben können. Die Eigenschaften "richtig" oder "falsch" müssen nicht kongruent mit unseren Vorstellungen von "richtig" und "falsch" sein. Doch was ist schon "richtig" und "falsch"?[12]

WATZLAWICK unterteilt die Wirklichkeit in eine Wirklichkeit 1. Ordnung und in eine Wirklichkeit 2. Ordnung. Diese Segmentierung soll den Prozess der Konstruktion von Realität darstellen. Die Wirklichkeit, welche durch unsere Sinnesorgane und ein gesundes Zentralnervensystem vermittelt wird, wird als Wirklichkeit der 1. Ordnung bezeichnet. Die faktischen Abläufe können weitestgehend von einer breiten Maße von Individuen als Tatsache wahrgenommen werden. Bewegen wir uns auf der Ebene der Wirklichkeit der 2. Ordnung, so wird der Prozess weitaus komplexer. Hierbei handelt es sich um die Ebene der Zuschreibung von Sinn, Bedeutung und der Wertbeimessung. Diese Ebene ist überaus individuell und kulturbedingt, wobei jedoch auch ein kollektives Bewusstsein betroffen sein kann, denn wir werden in eine bestimmte Kultur, Gesellschaft oder Familie hineingeboren. Diese Systeme haben ihre vorgegebene Gesetzmäßigkeiten. Dabei wird uns von klein auf eine Wirklichkeit "diktiert", welche selbstverständlich starken Einfluss auf unsere Realität ausübt.

Als Beispiel für die zwei Ordnungen der Wirklichkeit lässt sich die Farb- und Lichtwahrnehmung zur Hilfe nehmen: Die Farbe eines roten Lichtes wird gemäß der Wirklichkeit der ersten Ordnung auch von einem Kleinkind oder von einem Ureinwohner des Amazonas, welcher noch niemals in Kontakt mit der modernen Welt gekommen ist, wahrgenommen. Auf der Ebene der Wirklichkeit der zweiten Ordnung, werden das Kleinkind oder der Ureinwohner dem Rotlicht mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht den selben Sinn sowie Bedeutung zuschreiben, wie ein erwachsener Mensch eines Industrielandes in Europa.[13]

[...]


[1] Vgl. Bamberger, Günter G. (Hrsg.) (2005, Basel): Lösungsorientierte Beratung S. 6

[2] Vgl. Ludewig, Kurt (Hrsg.) (2009, Heidelberg): Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie S. 12 -13

[3] Vgl. Bartscher, Thomas/ Stöckl, Juliane (Hrsg.) (2011, Freiburg): Veränderungen erfolgreich managen S. 63

[4] Vgl. Kleve, Heiko (Hrsg.) (2010, Wiesbaden): Konstruktivismus und soziale Arbeit S. 149

[5] Vgl. Osterhold, Gisela (Hrsg.) (2002, Wiesbaden): Veränderungsmanagement S. 22 - 23

[6] Vgl. Ludewig, Kurt (Hrsg.) (2009, Heidelberg): Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie S. 19 - 49

[7] Vgl. Schiepek, Günter (Hrsg.) (1999, Göttingen): Die Grundlagen der systemischen Therapie S. 45 ff.

[8] Vgl. Ludewig, Kurt (Hrsg.) (2009, Heidelberg): Einführung in die theoretischen Grundlagen der systemischen Therapie S. 54 - 55

[9] Vgl. Von Schlippe, Arist/ Schweitzer, Jochen (Hrsg.) (2003, Göttingen): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung S. 86 - 87 3

[10] Vgl. Hargens, Jürgen (Hrsg.) (2006, Basel): Systemische Therapie ... und gut S.21

[11] Vgl. Bamberger, Günter G. (Hrsg.) (2005, Basel): Lösungsorientierte BeratungS. 12

[12] Vgl. Von Schlippe, Arist/ Schweitzer, Jochen (Hrsg.) (2003, Göttingen):

[13] Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung S. 87 - 88 4

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Theoretische Grundlagen der systemischen Beratung
Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen
Veranstaltung
Systemische Beratung
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V209893
ISBN (eBook)
9783656378501
ISBN (Buch)
9783656380139
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemisch, Beratung, Therapie, Systemische Beratung, Systemische Therapie, Humberto Maturana, Watzlawick, Kybernetik, Wahrheit, Wirklichkeit, Psychologie, Grundlagen, Theorie, Lösungsorientiert, Ressourcenorientiert, Kausalität
Arbeit zitieren
Bartosz Mazur (Autor), 2012, Theoretische Grundlagen der systemischen Beratung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209893

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