Parallelen in der Sprach- und Bildungskritik Friedrich Nietzsches


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Präliminarien

2. Umriss der Sprachkritik Nietzsches
2.1. Der Nominalismus und die Lüge
2.2. Die Metaphern, die Täuschung, die Wahrheit und der Wahn
2.3. Die Macht der Sprache

3. Umriss der Bildungskritik Nietzsches
3.1. Halbbildung durch Erweiterung und Verminderung der Bildung
3.2. Der Genius, die wahre Bildung, die Freiheit und der elitäre Gedanke
3.3. Die Bildung und derSprachverfall

4. Parallelen zwischen Sprach- und Bildungskritik
4.1. Inhaltlich-konzeptuelle Parallelen
4.1.1. DieVerkürzung
4.1.2. Die Begrenzung
4.1.3. Die Illusion
4.1.4. Die Entfremdung
4.2. Intentional-strukturelle Parallelen
4.2.1. Kritik am Zeitgeiste
4.2.2. Kritik am menschlichen „Hochmuth“

5. Fazit

1. Präliminarien

Bis heute erfreuen sich Philosophen und Philosophierende an der Durchschlagskraft im Denken Friedrich Wilhelm Nietzsches. Faszination verspüren seine Leser dabei vor allem, wenn er in besonders kompromisslosen, radikalen und unkonventionellen Zügen denkt. Zu einem solchen „Popstar der Philosophie“ wurde er nicht nur durch seinen Ruf als „Antichrist“ oder angesichts des in Romanform verfassten, aber trotzdem philosophischen Hauptwerks „Also sprach Zarathustra“, sondern auch durch seine sprachkritischen und bildungskritischen Beiträge.

Auf den ersten Blick liegen diese beiden Arbeitsbereiche Nietzsches nicht so dicht beieinander, dass ein direkter Vergleich nahe liegt. Jedoch offenbaren sich bei intensivem Studium beider Gebiete nicht zu übersehende Parallelen im Denken Nietzsches. Die Arbeit soll diese Parallelen aufzeigen, nähere Zusammenhänge untersuchen und erläutern. Zum Schluss soll versucht werden, Gemeinsamkeiten in der Intention des Autors aufzuzeigen, welche unter dem Mantel der Sprach- und Bildungskritik stecken.

Um hierauf den Fokus zu konzentrieren, sollen in den Kapiteln 2. und 3. die beiden Kritiken zunächst dargelegt werden. Verkürzungen und thematische Einschränkungen werden hierbei unabdingbar sein: So sollen lediglich die negativen, also kritischen Aspekte beleuchtet werden, nicht aber die positive Sprachtheorie Nietzsches, welche unter anderem die künstlerisch-kreativen Möglichkeiten der Sprache beschreibt. Der begrenzte Rahmen und die Zielgerichtetheit dieser Arbeit sollten eine auf Relevanz abgestimmte Reduktion jedoch rechtfertigen können. Während dieser Ausführungen soll bereits in kursiven Lettern gekennzeichnet werden, was für den späteren Vergleich von Relevanz sein könnte.

Was die Zitation betrifft, soll die Kritische Studienausgabe des Gesamtwerks Nietzsches maßgeblich sein, da es nach Betracht des Autors die wohl gebräuchlichste Ausgabe in der Nietzscheforschung ist. Handelt es sich um ein Vortragsmanuskript und ist es in der KSA nicht enthalten, dient die Musarionausgabe, bei Briefen das KSB. Zur kontextuellen Orientierung in Nietzsches Werk sei, wenn vorhanden, den Kürzelangaben in den Fußnoten jeweils der Titel der entsprechenden Schrift beigefügt, bei der „Zukunft unserer Bildungsanstalten“ auch die Vortragsnummer.

2. Umriss der Sprachkritik Nietzsches

Da sich die Sprachkritik Nietzsches nicht in einem einzigen Text manifestiert, ist es von Nöten, seine Ansätze in den diversen Zusammenhängen zu umreißen und diese in Zusammenhang zu stellen. Die aufgeführten Ansätze erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sollten jedoch ausreichen, um die Stoßrichtung in Nietzsches Sprachkritik erkenntlich zu machen. Da Nietzsche seine Gedanken immer wieder aufgreift und diese variiert, müssen auch intertextuelle Sprünge gestattet sein. Es sollen nur die Aspekte berücksichtigt werden, welche für das Anknüpfen an die Bildungskritik am ehesten relevant sind. Gedankliche Zusammenhänge wie dem zwischen Sprache und Geschichte[1] oder Sprache und Religion[2] sind zwar interessant und könnten im sprach- und bildungskritischen Kontext ebenfalls fruchtbar sein, würden den Rahmen der Arbeit jedoch sprengen.

2.1. Der Nominalismus und die Lüge

Der Nominalismus ist ein wichtiger Aspekt in der Sprachkritik Nietzsches und sollte deswegen näher betrachtet werden.

Der Nominalismus ist ein Lösungsversuch des Universalienproblems. Universalien sind Allgemeinbegriffe (wie Mensch, Gebäude usw.) und stehen damit den Individualbegriffen (wie Angela Merkel, Deutscher Bundestag usw.) gegenüber. Der Universalienstreit behandelt die Frage, ob es Allgemeinbegriffe geben kann oder ob diese nur menschliches Machwerk sind.[3]

Ausgelöst wurde der Universalienstreit durch die Ideenlehre Platons. Die Ideenlehre geht davon aus, dass jedes Ding nur die räumliche „Ausbeulung“ einer Idee darstellt, während die Idee das wirkliche Sein der Dinge, ihr Urbild darstellt und uns Menschen nicht sinnlich, sondern nur aufVerstandesebene zugänglich werden kann. Zum besseren Verständnis sei das Begriffspaar type - token verwendet: Ist „Gebäude“ ein type, entsprächen den token der Bundestag, die Cheops-Pyramide oder der Weinhold-Bau der Technischen Universität Chemnitz; Diese einzelnen token würden in der Ideenlehre also die Ausbeulungen des types „Gebäude“ darstellen.

Eine radikale Gegenantwort auf die Ideenlehre ist der Nominalismus: Er streitet die

Existenz von Ideen, Universalien oder types ab. Besonders deutlich wird Nietzsches eigene, nominalistische Position im Text „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ von 1873:

„Jedes Wort wird sofort dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. So gewiß nie ein Blatt einem andern ganz gleich ist, so gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das "Blatt" wäre, etwa eine Urform, nach deralle Blättergewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre.“[4]

Für Nietzsche scheinen die Universalien also zwei schwere Probleme mit sich zu bringen:

a) Das „Urerlebnis“, also ein stark individuell geprägter, zeitlich einmaliger und damit vergänglicher Moment mit oft hohem ästhetischen Wert, wird reduziert auf eine „Worthülse“, also einen alltagssprachlichen Ausdruck ohne jegliche Klarheit, von dem nichts weiter übrig bleibt als eine bloße Lautfolge.

Nietzsche steigert seine Ansicht noch weiter. Diese Verknappung ist für ihn nicht nur ungenau und unvertretbar, wie es in seinen glühenden Ausführungen zu Tage kommt, sie ist auch:

b) „Lüge“, denn das Gegenüber wird beim Vernehmen der Lautfolge [blat] niemals das empfinden, was der Sprecher in seiner Äußerung mitmeint: Der Geruch, das genaue Aussehen, das taktile Gefühl beim Anfassen des Blattes usw.

Nietzsche entwirft somit einen radikalen Solipsismus, der in der subjektivistiseen Tradition Kants und Schopenhauers steht: Die Welt ist nur die Vorstellung des Subjekts, Objektives wie zum Beispiel Sammelbegriffe für unzählige Einzelobjekte kann es somit nicht geben. Mit dem moralisch besetzten Begriff „Lüge“ unterstreicht Nietzsche hier besonders seine Abneigung gegen die verallgemeinernde Wirkung der Universalien. Wie der Begriff der Lüge im „außermoralischen Sinne“ weiter verstanden werden muss, soll unter anderem im nächsten Abschnitt gezeigt werden.

2.2. Die Metaphern, die Täuschung, die Wahrheit und der Wahn

In seinem Text schreibt Nietzsche weiter von sogenannten Sphärensprüngen. Von ihnen gibt es zwei, die beim Verwenden von Begriffen zum Vorschein kommen. Sie liegen zwischen dem Ding, also in seinem Beispiel dem Blatt, und dem Begriff „Blatt“: Zunächst übertrage sich das Blatt auf sinnlich-perzeptueller Basis (hier also wohl vor allem visuell und taktil, evtl. auch auditiv, olfaktorisch oder gustatorisch) in den Geist des Betrachters. Danach forme der Mensch, beinahe blind in seinem Vertrauen an die Sprache und deren Konventionalität, die ihr naturgemäß funktionell innewohnt, ein dem geistigen Bilde entsprechendes sprachliches Symbol, also ein Wort, um sein Erlebnis kommunizieren zu können.[5]

Auch wenn beide Sphärensprünge bei Nietzsche als Metaphern bezeichnet werden und diese Bezeichnung von ihrer eigentlichen Bedeutung her, nämlich der Übertragung (griech. metà phérein, „anderswohin tragen“), passend ist, unterscheiden sie sich grundlegend. Während der erste beschriebene Sphärensprung eher die Wahrnehmungsphilosophie betrifft, ist für unseren sprachkritischen Fokus viel mehr der zweite relevant, nämlich der zwischen dem Bilde des Objektes im Geiste und der Begriffsbildung.

Ähnlich wie bei der nominativistischen „Worthülse“ soll mittels des zweiten Sphärensprungs deutlich gemacht werden, wie wenig das Wort mit dem Gemeinten zusammenhängt. Zunächst schwingt hier die Arbitrarität der Sprache mit, welche in der Linguistik besagt, dass das Bezeichnende (also die Lautfolgen) mit dem Bezeichneten nur auf konventioneller Basis zusammenhängen: Es wird nämlich „[...] das fixirt, was von nun an 'Wahrheit' sein soll“[6]. Grundsätzlich jedoch sind die Lautzuordnungen austauschbar, wofür der beste Beweis die Existenz mehrerer tausend Sprachen auf der Welt mit zahllosen Ausdrücken für ein und dasselbe Ding ist.[7]

Weiterhin bezeichnet Nietzsche den zweiten Sphärensprung als „Abkürzungsprozess“[8], welcher „die Formelhaftigkeit der Kommunikationsmittel [...] steigert [...] und den mechanisch-automatisierten Verlauf der Sprechakte [...] begründet“[9]:

„[...] die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehrals Münzen, in Betracht kommen.“[10]

Nietzsche geht nun noch einen Schritt weiter. Indem er gezeigt hat, dass Sprache grundsätzlich metaphorisch und abgekürzt funktioniert, hat er nun die argumentative Möglichkeit, den menschlichen Intellekt und dessen Wahrheitstrieb in Frage zu stellen. Wahrheit bezeichnet er als „ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken“.[11] Daher scheinen „die Worte [...] dem Volke heute noch - nicht Zeichen sondern Wahrheiten in Betreff der damit bezeichneten Dinge zu sein“[12]. Wahrheit kann nur mithilfe der Sprache konstatiert werden, und jene basiert auf arbiträren, „abgenutzten" und ungenauen Konventionen - somit „lügt“ der Mensch mit jedem Wort und ist der Wahrheit nur scheinbar auf der Spur. Die Sprache verstellt also den Zugang zu den Dingen.

Der Kontrast zwischen Wahrheit und Irrtum ist ein bekanntes Leitmotiv in Nietzsches Denken.[13] Bereits in „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, was zu seinem Frühwerk zählt, gelten die beiden griechischen Gottheiten Appollon und Dionysos als das Antagonistenpaar, welches Illusion (Appollon) und Wahrheit (Dionysos) symbolisiert.[14] Oft zitiert wird auch das Paradoxon „Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte“[15]. Heidegger klärt ausführlich, wie sich die Idee, dass die Wahrheit nur ein Irrtum unter vielen sein kann, zu einem subjektivistiseen Perspektivismus auflöst.[16] Der bereits erwähnte Solipsismus findet sich in diesem Gedanken wieder.

[...]


[1] vgl. Röttges, S. 74 ff.

[2] vgl. Hingst, S. 23 ff.

[3] Buhretal.,S. 1239

[4] Über Wahrheit und Lüge, KSA 1.879

[5] Über Wahrheit und Lüge, KSA 1.879

[6] Über Wahrheit und Lüge, KSA 1.877

[7] Nietzsche geht in der Skizze „Vom Ursprung der Sprache“ von 1969/1970 der Frage nach, ob die Sprachlaute nicht nur durch Konventionen, sondern auch durch das Wesen der Dinge bestimmt werden. Dieser Diskurs bleibt in „Über Wahrheit und Lüge...“ außen vor und wird offensichtlich als endgültig entschieden behandelt. Vgl. Poenitsch S. 55

[8] Jenseits von Gut und Böse, KSA 5.221: „die Geschichte der Sprache ist die Geschichte eines Abkürzungs­Prozesses“.

[9] Duhamel etal.,S. 125

[10] Über Wahrheit und Lüge, KSA 1.881

[11] Über Wahrheit und Lüge, KSA 1.880

[12] aus einem Fragment, KSA 11.614

[13] Hingst, S. 24

[14] Hingst, S. 34

[15] aus einem Fragment, KSA 11.506

[16] Heidegger, S. 561

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Parallelen in der Sprach- und Bildungskritik Friedrich Nietzsches
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar "Friedrich Nietzsche"
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V209943
ISBN (eBook)
9783656377665
ISBN (Buch)
9783656377924
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wider, hochmuth, parallelen, sprach-, bildungskritik, friedrich, nietzsches
Arbeit zitieren
Sebastian Steger (Autor), 2008, Parallelen in der Sprach- und Bildungskritik Friedrich Nietzsches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209943

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