Die Auswirkungen der Standortentscheidungen der Siemens AG auf die Stadt München


Bachelorarbeit, 2013

47 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung

2. Thematischer Fokus und Vorgehen in dieser Arbeit

3. Entscheidende Wendepunkte in der Unternehmensgeschichte
3.1 Entscheidung für München als Hauptsitz des Unternehmens in den fünfziger Jahren
3.2 Entscheidung für den Verbleib des Hauptsitzes in München in den neunziger Jahren

4. Entwicklung ausgewählter Standorte von 1945-2012
4.1 Entwicklung des Standortes in Perlach
4.2 Entwicklung des Standortes in Giesing
4.3 Entwicklung des Standortes in Obersendling
4.4 Entwicklung des Standortes am Wittelsbacherplatz/Oskar-von-Miller-Ring

5. Überprüfung der aufgestellten Thesen
5.1 Stadtbild
5.2 Wirtschaftskraft
5.3 Arbeitsmarkt

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Fragestellung

"Mit einem neuen Hauptsitz will Siemens sein Image aufpolieren. Dafür wird der Konzern in München bis 2015 ein komplettes Stadtviertel umgestalten."[1]

Liest man diesen Abschnitt aus einem Zeitungsartikel, der bereits vor über eineinhalb Jahren erschien, so erschließt sich daraus recht schnell die Motivation, die zu dieser Arbeit geführt hat: Ein Unternehmen hat als einzelner Akteur die Möglichkeit, ein „komplettes Stadtviertel“[2] in einer Millionenstadt wie München neu zu interpretieren; noch dazu mitten im Zentrum. Dieser Prozess wirft diverse Fragen auf; beispielsweise, ob es sich hierbei um einen einzigartigen Prozess in der Unternehmens- bzw. Stadtgeschichte handelt, oder ob auch andere Siemens-Standorte innerhalb Münchens die Stadt prägen bzw. geprägt haben. In dieser Arbeit soll daher herausgearbeitet werden, welchen Einfluss das Wirken und Bestehen der Firma Siemens auf die Stadt München hatte. Dabei soll nicht ausschließlich der optische, das Stadtbild betreffende Aspekt näher betrachtet werden, sondern auch wirtschaftliche Faktoren und ihre Auswirkungen in die Analyse aufgenommen werden. Die Prägung der Stadt durch den Standort des Unternehmens schlägt sich aufgrund des Zusammenwirkens dieser verschiedenen Komponenten nicht nur optisch im Aussehen der Stadt und wirtschaftlich in der gesamten Region nieder, sondern übt auch einen entscheidenden Einfluss aus auf das Selbstverständnis der Stadt und ihrer Bewohner und die Positionierung Münchens als Weltstadt und Metropole im internationalen Ranking.

Diese Arbeit soll sich also mit der Standortentwicklung der Firma Siemens (zunächst Siemens & Halske, Siemens-Schuckertwerke und Siemens Reinigerwerke, nach der Fusion 1966 dann Siemens AG genannt) in München beschäftigen. Als zeitlicher Rahmen wird zwar insgesamt die Zeit ab 1945 herangezogen, aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit soll aber ein deutlicher Fokus auf der aktuellen Entwicklung liegen, die einen Zeitraum von ca. 1989 bis heute umfasst. Der Grund für die Wahl dieses Zeitraums wird im Folgenden näher erläutert.

2. Thematischer Fokus und Vorgehen in dieser Arbeit

Der thematische Fokus dieser Arbeit liegt, wie oben erwähnt, auf der Konzernzentrale am Wittelsbacherplatz/Oskar-von-Miller-Ring, und hier vor allem auf der Entwicklung ab den frühen neunziger Jahren. Trotzdem muss auch auf die Jahre davor eingegangen werden, um ein umfassendes Verständnis darüber zu erhalten, wie der jeweilige Standort gewachsen ist.

Der Umstand, dass die Siemens AG im Jahr 2012 beginnt, ihre Konzernzentrale komplett umzubauen, liefert einen Ansatzpunkt, die Standortentwicklung dieses zum Weltunternehmen aufgestiegenen Konzerns näher zu betrachten. Da durch diesen Umbau, wie bereits oben erwähnt, sich auch ein stark frequentiertes Stadtviertel grundsätzlich verändern wird, ist es naheliegend, diesen Standort, der zudem noch der Hauptsitz des Unternehmens ist, einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.

Zur Entscheidung „München als Hauptsitz der Firma Siemens“ gibt es zwei maßgebliche Entwicklungen. Der Schwerpunkt der einen befasst sich intensiv mit der direkten Nachkriegszeit und untersucht, wieso die Standortentscheidung für den Hauptsitz damals ausgerechnet auf München und nicht eine andere Stadt gefallen ist. Mit dieser Thematik hat sich aber bereits ein anderer Geographie-Student der LMU im Jahre 1997[3] intensiv auseinandergesetzt. Deshalb soll diese Entwicklung nur als Zusammenfassung unter Punkt 3.1 dargestellt werden.

Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich Siemens stetig weiter, wurde immer größer und expandierte – nicht nur in München, aber dort sehr flächen-, kapital- und personalintensiv. Dieser stetige Aufwärtstrend ist zwar markant, er wird aber im folgenden Kapitel nicht gesondert ausgeführt, da sich diese Entwicklung sehr deutlich in der Geschichte der einzelnen Standorte widerspiegelt, auf die unter Punkt 3. noch näher eingegangen wird.

Der zweite Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem Beginn der neunziger Jahre. Ab hier wird die Entwicklung wesentlich interessanter, da zu diesem Zeitpunkt zwei grundlegende Umwälzungen stattfinden, die unter Punkt 3.2 näher erläutert werden und den zeitlichen Fokus dieser Arbeit bedingen.

Es ist schwierig, die historische Entwicklung ausschließlich parallel chronologisch oder ausschließlich standortbezogen darzustellen, da die Entscheidungen für oder gegen einen Standort oder seinen Aus-, Um- oder Rückbau nicht vollkommen isoliert betrachtet werden können. Deshalb wurden in dieser Arbeit beide Ansätze vereint. Unter 3. werden die zentralen Entscheidungen in Bezug auf München – aber weniger in Bezug auf die einzelnen Standorte innerhalb Münchens – dargestellt. Punkt 4. behandelt dann in unterschiedlicher Länge die Entwicklungen der prägendsten Standorte im Münchner Raum. Hierbei spielen die unter Punkt 3. erwähnten Faktoren natürlich stets eine zentrale Rolle und dürfen nicht unbeachtet bleiben, da sie quasi die Grundlage für jegliche Standortentscheidung in München bilden.

3. Entscheidende Wendepunkte in der Unternehmensgeschichte

3.1 Entscheidung für München als Hauptsitz des Unternehmens in den fünfziger Jahren

Um die Entscheidung nachvollziehen zu können, die Zentrale der Firma in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs nach München zu verlegen, müssen auch einige Aspekte der Jahre vor 1945 näher beleuchtet werden.

Am 12. Oktober 1847 eröffnen Werner von Siemens und Johann Georg Halske „im Hinterhause der Schöneberger Straße 19 zu Berlin […] mit 10 Arbeitern und einem Anlagekapital von 6842 Reichstalern und 20 Silbergroschen“[4] die Telegraphenbauanstalt von Siemens & Halske [S&H].

Das Unternehmen prosperiert und am 20. Januar 1890 wird in München das erste Technische Büro eröffnet, das vor allem „Kundendienst- sowie Markterschließungsfunktion wahrnahm“[5]. Yamamoto beschreibt im Folgenden sehr gut, wieso das erste Technische Büro in München gegründet wurde und welche Bedeutung es für die Firma insgesamt, aber auch für den Standort hatte:

„Nach einer Jubiläumsbroschüre waren folgende Faktoren wichtig: Der Wettbewerb um die Markteroberung mit der Edison-Gesellschaft (später AEG) und Schuckert war sehr heftig. Vor allem der Kundendienst war wichtig geworden, insbesondere in der Kraftwerksbranche. Dabei mussten die eigenen Ingenieure für die Kunden bereitstehen. Weil Schuckert Nürnberger war, dachte S&Hdamals, nicht in Nordbayern, sondern eher in Südbayern einen eigenen Stützpunkt zu gründen. Große Kunden für Kraftwerke oder Telefonnetze waren damals öffentliche Körperschaften oder Regierungen. S&Hals ein preußisches Unternehmen musste und wollte in Bayern neue Absatzgebiete erschließen, weil Bayern neben Preußen das zweitgrößte Land in Deutschland war. Es war ganz logisch, dass S&Hdie erste Geschäftsstelle in der Hauptstadt Bayerns gründete.Nebenbei bemerkt, verlegte auch Schuckert zur gleichen Zeit seine Geschäftsstelle nach München.[6]

Die Technischen Büros von S&H sowie von SSW [Siemens-Schuckertwerke] in München zählten in den 30er Jahren oder vor dem Zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten aller technischen Büros. Die Beschäftigtenzahl bei dem Münchner Technischen Büro von S&H betrug im Jahre 1943 307 und 543 bei dem von SSW. Beide Büros befanden sich zu dieser Zeit im selben Gebäude an der Prannerstraße. Mehr als 800 Angestellte und Arbeiter betätigten sich in den Bereichen Kundendienst und Markterschließung. Darunter arbeiteten auch nicht wenige Ingenieure. Ein so großes Büro war sicherlich eine der wichtigsten unter allen Geschäftsstellen.“[7]

Im März 1903 fusionieren die Starkstromabteilungen von Siemens & Halske mit der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormalig Schuckert & Co. zur Siemens-Schuckertwerke. Die Siemens-Schuckertwerke [SSW] bestehen bis zur Gründung der Siemens AG 1966.

1909 wurde das „[erste] von Siemens & Halske [gebaute öffentliche Fernsprechamt] mit Selbstanschluss in München-Schwabing“[8] in Betrieb genommen.

1932 gründet Siemens mit der Erlanger Firma Reiniger, Gebbert & Schall die Siemens-Reiniger-Werke AG [SRW].

Bereits 5 Jahre zuvor, 1927/1928, kauft S&H die „Fabrik für Fernsprechgeräte in der Hofmannstraße, die in der Folgezeit einen großzügigen Ausbau erfuhr.“[9] Yamamoto und Feldenkirchen[10] sind sich einig, dass der Kauf dieser Fabrik einen erheblichen Gunstfaktor im Entscheidungsprozess um den zukünftigen Hauptsitz darstellte.

"Von WEIHERu. GOETZLAR (1981, 91) schreiben, dass diese Fabrik damals als eine verlängerte Werkbank des Berliner Werkes fungierte. Sie war jedoch viel mehr als das, denn die Entfernung zwischen Berlin und München ist zu weit für eine Beziehung zwischen einem Hauptwerk und einer verlängerten Werkbank. Wenn wir in Betracht ziehen, dass die Fabrik in München nicht als bloße Fabrik, sondern als Tochtergesellschaft von S&Hbetrieben wurde, dürfen wir daraus schließen, dass S&H die Vereinigten Bayerischen Telefonwerke AG gründete, um sich neue Märkte in Süddeutschland zu erobern. […] S&H hatten ähnlicheStützpunkte außerhalb Bayerns, aber Bayern war außerhalb Preußens der wichtigste Standort für die Produktion der verschiedenen Waren beim Siemens-Konzern geworden. [...]

Es ist hier sehr wichtig hervorzuheben, dass es in den 30er Jahren außerhalb Berlins nur in München und Nürnberg sowohl wichtige Produktionsstätten als auch Kundendienst- und Markterschließungsfunktionen ga Wenn man nur die Produktionsstätten betrachtet, sind auch Thüringen und Sachsen wichtige Standorte für Siemens, aber in den beiden Gebieten gab es keine vergleichbaren Standorte wie Nürnberg und München innerhalb des Siemens-Konzerns. Für Siemens dürfte Bayern viel wichtiger als Thüringen und Sachsen gewesen sein."[11]

Als sich der Krieg im Herbst 1944 dem Ende zuneigt, zeichnet sich die bevorstehende Besetzung Berlins durch die sowjetischen Alliierten a Es scheint jedoch nicht gesichert, dass die Interessen von Siemens mit einem Hauptsitz in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gewahrt bleiben würden. Aus diesem Grund werden die Behörden im Februar 1945 über die Gründung von Gruppenleitungen informiert, die für einzelne Regionen zuständig waren und ihren Sitz in München, Hof und Mülheim hatten.[12] Die Gründung wird mit „Aufrechterhaltung der Wehrkraft“[13] entschuldigt, dient jedoch in Wirklichkeit dazu, Entscheidungsorgane in der Besatzungszone der westlichen Mächte zu installieren. Das Mülheimer Werk war für den Bereich West zuständig, die Gruppenleitung Süd in Hof (von SSW) für die in Mitteldeutschland Sachsen und Bayern gelegenen Werke und München (Südost) für die in der Ostmark gelegenen Werke.

Die Entscheidung von S&H fiel auf München, weil an diesem Standort „Fabrik, Maschinen, Büro und vor allem menschliches Kapital hier vorhanden war.“[14] Dass SSW als Standort der Gruppenleitung zunächst Hof und nicht München wählte, lässt sich folgendermaßen erklären: Der für SSW wichtigste und ursprünglich favorisierte Standort wäre eigentlich Nürnberg gewesen; das dort liegende Werk ist aber bereits „im Januar 1945 durch die Bombardierung fast vollkommen zerstört worden. Da es in Thüringen, Sachsen und Nordbayern mehr Fabriken von SSW als von S&H gab, muss der Vorstand des Konzerns irgendwo innerhalb dieser Gebiete einen Sitz für die Gruppenleitungen der SSWsuchen. Innerhalb der zukünftigen amerikanischen Besatzungszone war Hof damals neben Nürnberg zweitwichtigster Standort für SSW. [...]. Aber der Vorstand des Konzerns wusste allerdings auch, dass Hof zu nah an der zukünftigen Grenze zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Besatzungszone lag. Deswegen hielt der Vorstand des Konzerns von vornherein den Sitz in Hof für provisorisch und suchte bereits im März 1945 einen geeigneten Sitz im Nürnberger Raum."[15]

Die unterschiedlichen Ausgangslagen der Stammfirmen bedingten jedoch unterschiedliche Interessenlagen bezüglich des Hauptsitzes, obwohl die Errichtung der Bizone 1947 eine erneute Zusammenlegung der Unternehmensteile eigentlich begünstigt. Nach halbjährigen Streitigkeiten wurde die Unternehmensleitung beider Teile (S&H und SSW) im Juni 1948 Hermann von Siemens als Aufsichtsratsvorsitzendem und Wolf-Dietrich von Witzleben als seinem Stellvertreter übertragen. Von Siemens beschließt, sein Büro in der Hofmannstraße in München, auf dem bereits bestehenden Fabrikgelände, einzurichten.[16] 1949 wird zu diesem Zwecke das Palais am Wittelsbacher Platz angemietet (vgl. hierzu Punkt 4.4). Man entscheidet sich, als Zentrale von S&H München zu wählen und für SSW Erlangen, da hier noch ein intaktes Werk stand. Trotz alledem behalten beide Stammfirmen Berlin als zweiten Firmensitz bei – die Entscheidung für München war zu diesem Zeitpunkt also noch immer nicht endgültig, sondern in den Augen vieler weiterhin ein Provisorium, bis Berlin wieder verfügbar wäre. Feldenkirchen betont jedoch, dass dieses Vorgehen trotzdem sehr sinnvoll und lobenswert war: „Eine einheitliche und verantwortliche Führung des Hauses auf den verschiedenen Arbeitsgebieten war wieder gewährleistet, aber auch die besondere Lage Berlins berücksichtigt.“[17]

Ein weiterer Schritt, der ein gewisses Bekenntnis für München als Hauptsitz verdeutlicht, ist der Kauf des zuvor nur angemieteten Ludwig-Ferdinand-Palais am Wittelsbacher Platz im Jahr 1957 (vgl. dazu Punkt 4.4). Hierbei sei aber nochmals betont, dass dies vorerst nur der Hauptsitz von S&H ist; erst nach dem Zusammenschluss von S&H, SSW und SRW zur Siemens AG im Jahr 1966 dient das Palais als gemeinsamer Konzernsitz.[18]

Wie oben bereits angedeutet, ist diese Entscheidung für München als Konzernzentrale noch immer nicht endgültig – der Fall der Berliner Mauer stößt die Diskussion um den Sitz des Headquarters wieder an.

3.2 Entscheidung für den Verbleib des Hauptsitzes in München in den neunziger Jahren

Ein zweiter historischer Moment in der Standortgeschichte von Siemens findet zu Beginn der neunziger Jahre statt: im Zuge des Mauerfalls lebt eine alte, doch nie ganz erloschene Debatte wieder auf – um den Standort München (und nicht Berlin) als Hauptsitz des Konzerns. Mit dem Fall der Mauer fällt gleichzeitig auch die größte Hürde in dieser Diskussion und eine Verlegung des Hauptsitzes des Weltunternehmens erschien äußerst attraktiv.

Erst als entschieden ist, dass der Hauptsitz in München verbleiben sollte, ist der Weg für eine Neugestaltung geebnet, und erst dann hatte Siemens auch Interesse daran, ein architektonisches Zeichen in diese Richtung zu setzen.

Das macht diesen Zeitraum für die Betrachtung der Konzernzentrale so interessant (vgl. Punkt 4.4); für die anderen Münchner Standorte spielt ein anderer Faktor eine viel wesentlichere Rolle: Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre läuft parallel zur Debatte um den Hauptsitz eine weitere Entwicklung, die 1989 mit der großen Reorganisation der Unternehmensstruktur einsetzt. Ausgelöst wird sie durch eine Liberalisierungs- und Privatisierungswelle staatlicher Betriebe, zum Beispiel der Telekom, die jahrelang eng mit Siemens zusammenarbeiteten. Diese Entwicklung ruft einen „Unternehmensschock“[19] hervor, im Zuge dessen der Gesamtvorstand halbiert „und ein Zentralvorstand eingerichtet [wird]. Die bisher sieben 'Unternehmenssäulen' teilte man in 18 Bereiche auf, dies mit dem Ziel der höheren Eigenverantwortlichkeit und der stärkeren Kundennähe. Der zentrale Inlandsvertrieb wurde direkt den operativen Einheiten zugeordnet. [...] Zeitgleich liefen Kostensenkungs-, Produktivitäts- und Innovationsprogramme.“[20]

Im Jahr 1995 findet eine grundlegende Änderung der Unternehmensstruktur statt: die zuvor sehr zentralistisch ausgerichtete Struktur, die eine starke Abhängigkeit und Verzahnung der einzelnen Unternehmensbereiche aufweist, wird aufgelöst und dahingehend abgeändert, dass die Ausrichtung auf die Zentrale zwar immer noch deutlich zu erkennen ist, die einzelnen Bereiche aber sehr viel stärker voneinander abgegrenzt sind. Die neue Unternehmensstruktur ermöglicht zum einen eine starke Konzentration auf einzelne Abteilungen oder Bereiche und erleichtert zugleich die Abspaltung anderer.

Diese Umwälzung ist größtenteils der zu diesem Zeitpunkt bereits langsam einsetzenden Globalisierung geschuldet, die ein Umdenken in vielerlei Hinsicht erforderlich macht. Im Verlauf dieser Arbeit wird sich zeigen, dass es auch die Globalisierung ist, die die ständige Vergrößerung der Siemens-Standorte im Münchner Raum bremst und schließlich zum Rückbau und Verkauf von Grundstücken führt.

Deshalb ist es an dieser Stelle sinnvoll, sich die Entwicklung einiger Standorte in der unter diesen beiden Punkten dargestellten Zeit anzusehen.

4. Entwicklung ausgewählter Standorte von 1945-2012

Die Standortentwicklung von Siemens in München lässt sich in verschiedene Phasen gliedern.

Als erste Phase wird in dieser Arbeit die Zeit von 1927 bis 1955 angesehen. In dieser Phase fanden erste bedeutende Standortverlagerungen nach bzw. Zweigstelleneröffnungen in München statt. Auf diese Weise entwickelt München eine gewisse erste Attraktivität für Siemens. Der Kauf der Fabrik in der Hofmannstraße in Obersendling (vgl. Punkt 4.3) fällt in diesen Zeitraum.

In der zweiten Phase von 1955 bis ca. 1970/80 erlebt die Firma einen enormen Aufschwung und baut neue oder erweitert ihre bereits bestehenden Standorte auf riesigen Arealen. Das Jahr 1955 markiert den Beginn dieser Entwicklung mit dem Neubau auf dem Areal an der Balan- und St.-Martin-Straße in Giesing (vgl. Punkt 3.2) und dem Bau des Verwaltungsgebäudes am Oskar-von-Miller-Ring (vgl. Punkt 3.4). Auch der weiträumige Ausbau des Standortes in Obersendling mit dem Bau der Werkssiedlung ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Erklären lässt sich dieser wirtschaftliche Erfolg durch den Aufschwung der Elektroindustrie im Großraum München im Allgemeinen, bedingt durch Synergieeffekte, die von der Ansiedlung großer Firmen wie AGFA Camera-Werke und Osram GmbH – neben Siemens – hervorgerufen wurden.

„Die technologischen Erträge der Siemens-Ansiedlung in München zeigten sich schon in den 50er Jahren: Neue Forschungszentren der Siemens-Stammgesellschaften wurden nicht in Berlin, sondern in Westdeutschland aufgebaut. So richtete Siemens &Halske 1955 ein nachrichtentechnisches Laboratorium in München ein; 1958 folgte ein Laboratorium zur Erforschung von Werkstoffen sowie zur Grundlagenforschung.Die Inbetriebnahme des Forschungsreaktors in Garching bei München 1959 wurde mit Hilfe von Wissenschaftlern eines Erlanger Siemens-Laboratoriums bewerkstelligt.“[21]

Dass München als Standort attraktiv war, liegt Siemens‘ eigenen Angaben zufolge an vier Faktoren:

1) Die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften
2) Die generell hohe Verfügbarkeit von Arbeitskräften allgemein
3) Münchens hoher Freizeitwert macht den Standort für Angestellte attraktiv
4) Das Bestehen von Forschungseinrichtungen.[22]

Auch Heßler schreibt Siemens eine bedeutende Rolle beim wirtschaftlichen Aufstieg Münchens zu. Als weitere Gunstfaktoren neben der hohen Zahl wissenschaftlicher Institute und der landschaftlich reizvollen Umgebung sowie dem kulturellen Umfeld führt sie noch das Fehlen „alter Industrien“ an[23], das die Stadt vor einer Art von Stigmatisierung bzw. einem bestimmten Image bewahrte.

Der wirtschaftliche Boom mit dem ein stark erhöhter Bedarf an Arbeitskräften einhergeht, führt auch zu vielen Zweigniederlassungen außerhalb Münchens[24] – darauf soll jedoch aufgrund des begrenzten Umfangs und der Thematik dieser Arbeit hier nicht näher eingegangen werden.

Die dritte Phase, die in den siebziger Jahren beginnt und bis Ende der achtziger Jahre andauert, ist durch den ersten großen Mitarbeiterrückgang gekennzeichnet.[25] Diese rückläufigen Angestelltenzahlen sind ein erstes Indiz dafür, dass die bis dahin andauernden permanenten Standortausweitungen und –ausbauten ein Ende finden und später sogar Rückbauten und Verkäufe stattfinden werden. Auch Dellinger stellt fest, dass Siemens kaum noch neu baut, „großen Teils werden je nach Bedarf Büroräume angemietet. Ein Zeichen, dass die Architektur immer weniger als Mittel zur Unternehmens-Repräsentation betrachtet wird, aber auch ein Zeichen für die schnellen Veränderungen des heutigen Unternehmens, für die ein fester Bau einem Wachstums-Stillstand gleicht.“[26] Es muss hier aber noch einmal betont werden, dass sich diese Aussagen ausschließlich auf München beziehen und sogar bis zu einem gewissen Grad auf Deutschland übertragbar sind – weltweit gesehen aber nehmen die Beschäftigungszahlen von Siemens seit Mitte der neunziger Jahre wieder zu.[27] Vollkommen aus der Definition fällt damit der Bau des Standortes in Perlach in den siebziger und achtziger Jahren: Ein gänzlich unerschlossenes Areal in der damaligen Peripherie Münchens nach modernsten Maßstäben zu bebauen, passt nicht in den Zeitgeist der dritten Phase. Der Grund für die Durchführung dieses Bauvorhabens könnte sehr gut wieder in der Sonderstellung Münchens begründet. Wie bereits oben erwähnt, bietet München zahlreiche harte und weiche Standortfaktoren, die den Standort von anderen Städten abhebt. Zusätzlich begünstigend wirkt der Umstand, dass der Standort in Perlach keine Fertigungs- oder Produktionsstelle ist, sondern als wichtiger Standort für Forschung und Entwicklung dienen soll (vgl. Punkt 4.1). Dies verspricht Zukunftsfähigkeit, da die dort zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze nicht so leicht ins Ausland abwandern können und ein langfristiges Bestehen dieses Standorts äußerst wahrscheinlich macht (vgl. dazu Punkt 5.3).

Die vierte und vorerst letzte Phase setzt Ende der achtziger bzw. zu Beginn der neunziger Jahre mit der oben bereits erwähnten Restrukturierung der Unternehmensstruktur ein. Diese Neugestaltung der Unternehmensbereiche und Zuständigkeiten, die auch Konzentrations- und Abspaltungsprozesse zur Folge hat, führt zu einer gravierenden Umgestaltung und Umnutzung der bereits bestehenden Standorte und in weiterer Konsequenz auch zu Verkäufen und Auslagerungen von Standorten bzw. Grundstücken.

Im Folgenden sollen nun die für München wichtigsten Standorte ein wenig näher beleuchtet werden.

4.1 Entwicklung des Standortes in Perlach

Im Jahr 1970 kauft Siemens für 50 Mio. DM ein 36 ha großes Grundstück in München-Perlach, auf dem von 1975 bis 1985 in vier Bauabschnitten die „Siemens-Denkfabrik“ [28] / „eine Stadt der Forschung“[29] entsteht, „deren wichtigste Aufgaben Forschung und Entwicklung in den Bereichen Mikroelektronik und Mikroakustik sind.“[30] Das Investitionsvolumen für dieses Bauvorhaben beträgt insgesamt etwa 1 Mrd. DM.[31] Im Jahr 1989 beherbergt dieser Standort bereits circa 10.000 Mitarbeiter[32], der von seinem „Volumen her, eines der größten je realisierten strukturalistischen Architekturkomplexe verkörpert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Luftbild der "Bürostadt" Neuperlach[33]

In der Tat war mit Neuperlach damit etwas Unverwechselbares und Identitätsbildendes geschaffen worden, was sich jedoch mit der Fertigstellung als Modell für Folgebauten zugleich ausschloss, da die Gefahr einer Inflationierung der Gestaltungsidee nicht gering war.“[34]

Wie bereits erwähnt, ist Perlach zeitlich der dritten Phase der Standortentwicklung zuzuordnen, auch wenn der Bau und Unterhalt des Standorts nicht der Definition der dritten Phase entspricht. Die ebenfalls weiter oben bereits erwähnte anders geartete Arbeitsplatzstruktur und die starke Zukunftsorientierung des Standortes bewirkten jedoch, dass der Standort bis heute existiert und auch keinen überdurchschnittlichen Rückbau bezüglich Gebäudestruktur und Arbeitsplätzen erfuhr.

Anders verhielt sich die Situation in Giesing; dies wird im folgenden Punkt dargestellt.

[...]


[1] SZ vom 14.03.2011

[2] SZ vom 14.03.2011

[3] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens

[4] Hrsg. unbekannt (1925): München 1925 – Sonderheft Siemens-Zeitschrift. S. 59

[5] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 62

[6] 1897 verlegte er sein Geschäftshaus in die Prannerstraße 10. Ab 1903 wurde dieses Geschäftshaus für ein halbes Jahrhundert dann auch als Zweigniederlassung von Siemens genutzt. [Hrsg. unbekannt (1925): München 1925 – Sonderheft Siemens-Zeitschrift. S. 60]

[7] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 66

8 Hrsg. unbekannt (1925): München 1925 – Sonderheft Siemens-Zeitschrift. S. 60

[9] Feldenkirchen, W. (2003): Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen. S. 267

[10] Dass der Standort Bayern zum Zentrum der Aktivitäten wurde, hatte seinen Grund in den dort bereits vorhandenen Einrichtungen.“ [Feldenkirchen, W. (2003): Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen. S. 267]

[11] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 62, 66

[12] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 67

[13] Decurtins, D. (2002): Siemens. Anatomie eines Unternehmens. S. 30

[14] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 71

[15] Yamamoto, K. (1997): Standortgeschichte von Großunternehmen am Beispiel Siemens. S. 71

[16] Decurtins, D. (2002): Siemens. Anatomie eines Unternehmens. S. 32

[17] Feldenkirchen, W. (2003): Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen. S. 264

[18] Feldenkirchen, W. (1997): 150 Jahre Siemens. S. 74

[19] Schuhler, C. (2005): Der Wandel der Unternehmenskultur durch Wissensproduktion und Globalisierung… S.21

[20] Decurtins, D. (2002): Siemens. Anatomie eines Unternehmens. S. 43-44

[21] Denzel, M. (2007): Geschichte des Finanzplatzes München. S. 199

[22] Krumme, G. (1970): The interregional corporation and the region. S. 323

[23] Heßler, M. (2007): Die kreative Stadt: Neuerfindung eines Topos, S. 67

[24] vgl. dazu: Krumme, G. (1970): The interregional corporation and the region. S. 325

[25] Feldenkirchen, W. (2003): Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen. S. 304

[26] Dellinger, B. (2004): Der Architekt und das Unternehmen. S. 17

[27] Stenke, G. (2002): Großunternehmen in innovativen Milieus. S. 73

[28] Popp, K. (1988): Räumliche Ebenen der Standortwahl mikroelektronischer Betriebe und deren Standortkriterien. S. 86

[29] Schäche, W. (1997): 150 Jahre Architektur für Siemens. S. 86

[30] Popp, K. (1988): Räumliche Ebenen der Standortwahl mikroelektronischer Betriebe und deren Standortkriterien. S. 86

[31] Feldenkirchen, W. (2003): Siemens. Von der Werkstatt zum Weltunternehmen. S. 305-306

[32] Dobler, R.; Fürstenberg, M. (1989): Standortentwicklung und aktuelle Standorttendenzen bei Siemens. S. 281

[33] Schäche, W. (1997): 150 Jahre Architektur für Siemens. S. 277

[34] Schäche, W. (1997): 150 Jahre Architektur für Siemens. S. 86

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen der Standortentscheidungen der Siemens AG auf die Stadt München
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department für Geographie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V209945
ISBN (eBook)
9783668667006
ISBN (Buch)
9783668667013
Dateigröße
6569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, standortentscheidungen, siemens, stadt, münchen
Arbeit zitieren
Mirjam Kauderer (Autor), 2013, Die Auswirkungen der Standortentscheidungen der Siemens AG auf die Stadt München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209945

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