Schakale und Araber von Franz Kafka - eine Interpretation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1.Vorwort

2. Kurzbiographie Kafkas

3. Kurzfassung von „Schakale und Araber“

4. Charakterisierungen
4.1 Der Europäer
4.2 Die Schakale
4.3 Die Araber

5. Interpretation

6. Weitere Interpretationsansätze
6.1 Sucht
6.2 Schicksal / Naturgesetze
6.3 Juden

7. Literaturverzeichnis

1.Vorwort

Die Arbeit mit Kafka und „Schakale und Araber“ im Speziellen gestaltete sich für mich weitaus schwieriger, als ich es am Anfang des Wintersemesters annahm.

Es war sehr schwer, Sekundärliteratur zu „Schakale und Araber“ zu finden. Selbst im Internet habe ich nichts gefunden. Lediglich ein Aufsatz von Walter H. Sokel in „Die deutsche Parabel“ (siehe Literaturverzeichnis) hat sich eingehender mit dieser Erzählung Kafkas – im Vergleich zum Prüglerkapitel des Landarztbandes – beschäftigt. In anderen Werken wird diese Tiergeschichte lediglich am Rande erwähnt.

Es war für mich eine lehrreiche Herausforderung, mich mit Kafka und insbesondere mit „Schakale und Araber“ zu beschäftigen. Aber ich habe dabei festgestellt, dass mir Kafka und sein Schreibstil nicht sonderlich liegen, da seine persönlichen Probleme in jeder seiner Erzählungen präsent sind und eine Auseinandersetzung damit nicht einfach ist.

Ich hoffe trotz meiner Probleme mit Kafka, dass mir eine aufschlussreiche, interessante und in sich schlüssige Interpretation von „Schakale und Araber“ gelungen ist.

2. Kurzbiographie Kafkas

Geboren 3.07.1883 in Prag, gestorben 3.06.1924 im Sanatorium Kieling bei Wien. Kafka war der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie. Er stand zeitlebens unter dem Druck seines von ihm gefürchteten Vaters.

1901 - 1906 studierte er Germanistik und Jura in Prag. 1906 promovierte er zum Dr. jur. Nach einer kurzen Praktikantenzeit am Landesgericht in Prag wurde er Angestellter bei einer Arbeiter-Unfall-Versicherung. Am 1.07.1922 wurde er aus Krankheitsgründen pensioniert.

Franz Kafka war ein einsamer, unverstandener Einzelgänger. Freundschaft verband ihn mit M. Brod und F. Werfel. 1910 bis 1912 verlebte er Kurzaufenthalte in Italien, Frankreich, Ungarn und der Schweiz. Sein Verhältnis zu Frauen war schwierig. Zweimal hat er sich 1914 verlobt und dieses Verhältnis wieder gelöst. 1920 bis 1922 quälte ihn eine unerfüllte Liebe zu Milena Jesenska, was zahlreiche Briefe dokumentieren. 1923 lebte er mit Dora Diamant als freier Schriftsteller in Berlin und Wien zusammen.

1924 starb Kafka in einem Wiener Sanatorium an Kehlkopf-Tuberkulose. Sein literarischer Nachlass, welchen er testamentarisch zur Verbrennung bestimmt hatte, wurde gegen seinen Willen von M. Brod veröffentlicht.

3. Kurzfassung von „Schakale und Araber“

Die Tiergeschichte, wie Kafka „Schakale und Araber“ (entstanden im Januar 1917) bei ihrem ersten Erscheinen in Der Jude 2 (Seiten 488-490) im Oktober1917 bezeichnete[1], ist eine ca. 4 ½-seitige Erzählung über den Ich-Erzähler, einen Europäer, der in ein fremdes Land kommt und dort auf eine Menschen- und eine Tiergruppe trifft, „die genetisch wie historisch begründeter Hass verbindet.“[2]

Der Reisende lagert mit einer Karawane von Arabern in der Wüste und legt sich etwas abseits der Gruppe, um zu schlafen. Seine Nachtruhe wird durch das Geheul der Schakale gestört, die um das Lager herumschleichen. Diese Schakale kommen zu ihm und sprechen ihn an. Sie sehen in ihm ihren Messias, der sie von den ihnen so verhassten Arabern erlösen kann. Die Araber schlachteten Tiere, so der Schakal, um sie zu essen, und befleckten insofern die Welt, wohingegen die Schakale die Natur vom Aas reinigten, dessen Blut sie austränken.

Der Europäer hört sich die Ausführungen der Schakale an, wahrt aber Distanz, indem er sich nicht in das Geschehen hineinziehen lässt. Er urteilt nicht, er hört nur zu und fragt (aus Interesse) nach.

Die Schakale wollen, dass er den Arabern mit einer alten, verrosteten Schneiderschere, die sie ihm reichen, die Hälse durchschneidet.

Ein Araber taucht auf. Er weiß über die Geschichte der Schakale Bescheid, denn die Schakale – so sagt er – erzählen sie jedem Europäer. Der Araber inszeniert ein Schauspiel für den Europäer:

Ein verendetes Kamel wird herbeigebracht. Die Schakale vergessen ihren Hass und fallen über es her. Der Araber schlägt ihnen mit der Peitsche über die Schnauzen, sie weichen kurz zurück, können aber nicht widerstehen und kommen wieder. Als der Araber abermals zuschlagen will, fasst der Europäer seinen Arm und hält ihn auf. Der Araber stimmt zu, lässt von den Schakalen ab und lobt deren Schönheit.

4. Charakterisierungen

4.1 Der Europäer

Der Ich-Erzähler bekommt in dieser Tiergeschichte mehrere Rollen zugedacht. Zunächst die des gefundenen Messias, dann die des Beurteilers der Situation, der sogleich zum Vollstrecker seines Urteils werden soll. Die Rolle des Vollstreckers nimmt der Reisende jedoch nicht an. Dies gehört jedoch offenbar mit zur Struktur des sich immer wiederholenden Mythos im Leben der Schakale. Jeder Europäer bekommt diese Rollen angeboten, doch keiner führt sie bis zum Ende der Araber durch, was die Erlösung der Schakale bedeuten würde.[3]

„Der zwischen den Leser und das Geschehen gestellte Zeuge und Berichterstatter (...) vermindert die traumhafte Eindringlichkeit der expressionistischen Erzählmethode und erhöht die Transparenz des Geschehens.“ [4] Er bleibt ein vom Geschehen distanzierter Beobachter. Wir erfahren durch seine Sinnesorgane und seine Gedanken die Situation. Ihm „fallen die Widersprüche, die sich aus dem Verhalten der Hauptgestalt [der Schakale] in ihrer Beziehung zur Umwelt ergeben, als von außen erschaute, gewissermaßen objektivierte Tatsachen auf (...).“[5] Dadurch werden auch wir als Leser nicht so stark vom Geschehen berührt, wie es der Fall wäre, wenn wir aus der Perspektive der Schakale sehen würden. Eine Identifizierung mit den Schakalen wird erschwert. Als Leser sehen wir eine Situation meistens auch aus der Perspektive des Erzählers. In diesem Fall fühlen wir also mit dem Beobachtenden und nicht mit den Leidenden mit.

Die Ich-Form als Erzählperspektive kommt der Trennung von Sehen und Tun entgegen, „da mit dem Ich ein beobachtendes Bewusstsein einem beobachteten Tun und Leiden gegenübersteht und das Geschehen registriert.“[6] So erkennen und registrieren wir, ebenso wie der Europäer, die wahre Natur der Schakale durch das „Schauspiel“ das der Araber veranstaltet.

4.2 Die Schakale

Die maximal 40 Zentimeter hohen Schakale ernähren sich vor allem von jungen Beutetieren, die sie aufgrund ihrer relativ geringen Körperkraft schlagen können; natürlich auch von pflanzlichem Futter. Kerbtiere, vor allem Heuschrecken sind ihre Hauptnahrung. Sie fressen auch Aas, jagen einzeln oder in Gesellschaft.[7]

Die „Schakale werden bei Kafka zu offensichtlichen Vertretern des parasitischen Ressentiments, weil sie Aasfresser sind (...)“.[8] Im obigen Ausschnitt aus einer Hundezeitung wird deutlich, dass dies jedoch nicht ausschließlich der Fall ist. Vielmehr wird deutlich, dass Kafka nur den Aspekt der Schakale aufzeigt, der sein Bild stützt.

„Im Unterschied zu den Tierdarstellungen in Fabel und Märchen sind seine [Kafkas] Tierdarstellungen naturalistischer. Dieser Effekt wird erreicht durch die genaue Angabe der Handlungen und der Situation des Tieres. Seine Tiere haben im Unterschied zu allegorischen Tieren einen Körper. Tierfiguren bezeichnen bei Kafka Menschliches, ohne ihre Animalität zu verlieren. Dies macht ihre irritierende Bedeutung aus.“ [9] Dadurch, dass die Schakale zu dem Reisenden sprechen, ihm ihre Situation schildern und ihn um Hilfe bitten, gewinnt ihr innerer Konflikt auch für Außenstehende an Bedeutung. Die Schakale erscheinen in der Situation des Gespräches fast wie ein menschliches Gegenüber. Nur als beschrieben wird, wie die Schakale sich putzen, beim Gedanken daran, den Arabern physisch zu nahe zu kommen, wird aus dem Verhalten der Schakale deutlich, dass es sich beim Gesprächspartner des Europäers um Tiere handelt.

Kafka zeigt durch das „Schauspiel“, das der Araber für den Europäer veranstaltet, dass der Hass der Schakale in ihrer Abhängigkeit begründet liegt. Den Schakalen fällt es jedoch leichter, das Verhalten der Araber als die Ursache für ihren Hass zu sehen, als sich den eigentlichen Grund einzugestehen. Dies geschieht oft auf zwischenmenschlicher Ebene. Man sieht die Fehler bei einem anderen leichter und klarer, als bei sich selbst. Es ist immer einfacher, die Schuld in anderen zu sehen, als sich seine eigenen Fehler einzugestehen und sich zu ändern.

Die Schakale sind trotz allem die leidenden Opfer der Tiergeschichte. Sie leiden zwar nur zweitrangig unter den Arabern, in erster Linie aber unter ihrer eigenen Schwäche; trotzdem können die Araber als ihre Peiniger bezeichnet werden, da sie die Pein der Schakale dadurch verstärken, dass sie ihnen ihre Schwäche und Unzulänglichkeit wiederholt vor Augen führen.

4.3 Die Araber

Die Araber sind in dieser Geschichte die Peiniger der Schakale. Da sie von ihnen nicht abhängig sind, und auch nichts von ihnen zu befürchten haben, können sie es sich erlauben, spöttisch auf die Schakale herabzuschauen und ihnen sogar ein verendetes Kamel zum Fraß vorzuwerfen. Damit erweisen sie deren Nichtswürdigkeit, und auch die Sinnlosigkeit ihrer Hoffnung auf Erlösung. „Für die herrschenden Araber, die sich dank ihrer Kraft sicher und frei von Neid fühlen, gibt es kein Böses. Ihre Erzfeinde sind ihnen nur Anlass zur belustigten Verwunderung. Das Dasein dieser „wunderbaren Tiere“ bereitet ihnen keine Entrüstung, sondern unterhaltendes Spiel. Im Vollgefühl seiner Überlegenheit kann sich der Mächtige den Luxus der Großmut, der Feindesliebe, erlauben.“[10]

Obwohl der Araber mit seinem Auftreten der Geschichte eine neue Richtung gibt, und mit dem von ihm veranstalteten „Schauspiel“ dem Europäer ebenso wie dem Leser das eigentliche Wesen und die Widersprüchlichkeit im Verhalten und Denken der Schakale offenbart, ist seine Rolle nur zur Veranschaulichung dieser Tatsachen wichtig. Er trägt dazu bei, das Wesen der Schakale von einer anderen Seite zu beleuchten. Sein eigenes Wesen, sowie seine eigene Art sind dabei nur im Hintergrund von Bedeutung.

[...]


[1] Vgl. Hartmut Binder, S. 202

[2] Kafka Handbuch Band 2, S. 328

[3] vgl. Kafka Handbuch Band 2, S. 328

[4] Günter Heintz, S. 74

[5] Günter Heintz, S. 74

[6] Walter H. Sokel, S. 191

[7] vgl. www.hundezeitung.de/hundetypen/schakal.html

[8] Günter Heintz, S. 72

[9] Kafka Handbuch Band 2, S. 120

[10] Walter H. Sokel, S. 206

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Schakale und Araber von Franz Kafka - eine Interpretation
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten  (Lehramt an Grund- und Hauptschulen)
Veranstaltung
Erzählungen von Franz Kafka
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V20996
ISBN (eBook)
9783638247214
ISBN (Buch)
9783638879422
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schakale, Araber, Franz, Kafka, Interpretation, Erzählungen
Arbeit zitieren
Daniela Weismann (Autor), 2003, Schakale und Araber von Franz Kafka - eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20996

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