Diese Arbeit setzt sich mit dem Phänomen einer Orthodoxie im Ablehnungsverhalten gegenüber einer religiösen Deutung von Wirklichkeit auseinander. Dabei will gezeigt werden, wo eine solche bewusste Distanznahme selbst religiöse Implikationen aufweisen kann.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Die Wahrheit liegt im „Bezahlen der Rechnungen“
2.1) Ablehnung als Instrument der Präzisierung
3) Zur Religion des Materiellen
3.1) Das eschatologische Moment in der Religion des Materiellen
4) Vom Deuten und der Beziehung
5) Liturgie: Ort von (Be-)Deutung und Beziehung
6) Orthodoxie der Distanziertheit – Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der "Orthodoxie der Distanziertheit", bei der Menschen, die der Kirche oder dem religiösen Glauben kritisch gegenüberstehen, durch ihre explizite Ablehnung eine eigene Form von Gemeinschaft und sinnstiftender Deutung entwickeln. Das Ziel ist es, diese "Hermeneutik der Ablehnung" zu analysieren und aufzuzeigen, wie sie als Instrument der Identitätspräzisierung fungiert und wie Liturgie als Ort dienen kann, um Ambivalenzen des Lebens im Lichte des Glaubens zu integrieren.
- Analyse der "Hermeneutik der Ablehnung" als Identitätsmerkmal.
- Untersuchung der "Religion des Materiellen" als Ersatz für transzendente Sinnstiftung.
- Verständnis von Liturgie als Raum für die Auseinandersetzung mit menschlichen Ambivalenzen.
- Bedeutung von Beziehung und Deutung in der christlichen Existenz.
- Kritik an der "Barbarei der Vollendung" und der Suche nach scheinbarer Eindeutigkeit.
Auszug aus dem Buch
3) Zur Religion des Materiellen
Der moderne Mensch ist heute in der Lage, seine Träume in verschiedenster Hinsicht zu materialisieren. Und gerade diese brachiale Materialisierungsgewalt ist meines Erachtens eines der prägnantesten Paradigmen unserer gegenwärtigen Kultur. Überschwänglich ausgestattete Automobile, technisch raffinierte Unterhaltungsmedien, kolossale Häuserarchitekturen, usw. sind in dieser Zeit zu den wichtigsten Selbstbespiegelungsmechanismen einer Gesellschaft geworden, welche die Eindeutigkeit ihrer Daseinsberechtigung mit „Greifbarem“ beweisen, sicherstellen und legitimieren will.
Das Materielle fungiert also immer stärker als Aushilfskraft für die Verortung der eigenen Personalität und deren Sinnhaftigkeit in einer trotz allen Bemühungen leerer werdenden Welt. Leerer dahingehend, als dass man sich den metaphysischen Belangen samt der für eine personelle Reifung so wichtigen Interpretation selbiger zunehmend entzieht und „Nägel mit Köpfen“ machen will. Die eben nicht greifbaren und trotzdem realistischsten Ziele im Leben eines Menschen, nämlich Glück, Zufriedenheit, Vertrauen, Angstlosigkeit, Geliebtheit, usw., wollen nicht länger in die Hände eines numinos bleibenden Gottes gelegt werden, für dessen Antworten es der stillen, oft mühevollen Besinnung auf den eigenen Ursprung mit all seinen vielfältigen Farben bedarf. In einer von Fortschritt und Schnelligkeit geprägten Welt, in welcher die ersehnte eindeutige Legitimierung des Daseins doch bereits mit mittelmäßigem Aufwand gekauft werden kann, bleibt für Ursprung- und Herkunftsgedanken wie für das zeitbedürftige Wagnis, sich von einem liebenden Gott gewollt zu fühlen, wenig Platz.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Einführung in die Thematik der religiösen Distanziertheit und Darlegung der Forschungsabsicht, die Ablehnung einer Gottesvorstellung als Form der Sinnsuche zu verstehen.
2) Die Wahrheit liegt im „Bezahlen der Rechnungen“: Analyse des Alltagsdiskurses, in dem materielle Sicherheit als Ersatz für metaphysische Gnade fungiert.
2.1) Ablehnung als Instrument der Präzisierung: Untersuchung, wie die gemeinsame Ablehnung von religiösen Inhalten innerhalb der erwerbstätigen Mittelschicht zur Gruppenbildung und Identitätsstärkung beiträgt.
3) Zur Religion des Materiellen: Betrachtung der Materialisierung als Paradigma moderner Kultur zur Selbstlegitimierung.
3.1) Das eschatologische Moment in der Religion des Materiellen: Auseinandersetzung mit der menschlichen Frage nach dem Letztgültigen und dem Bedürfnis nach einem "Hafen" in der Orientierungslosigkeit.
4) Vom Deuten und der Beziehung: Zusammenführung der Argumente mit dem Fokus auf den Begriff der Beziehung als Fluchtpunkt christlicher und menschlicher Existenz.
5) Liturgie: Ort von (Be-)Deutung und Beziehung: Darstellung der Liturgie als Medium, das Raum bietet, um menschliche Ambivalenzen und existenzielle Fragen zu thematisieren.
6) Orthodoxie der Distanziertheit – Resümee: Zusammenfassende kritische Reflexion, dass auch Distanz eine Form von (Glaubens)Orthodoxie sein kann und Liturgie einen Weg zur Integration der Daseinsspannung bietet.
Schlüsselwörter
Orthodoxie, Distanziertheit, Religion, Materielles, Liturgie, Deutung, Beziehung, Identität, Sehnsucht, Existentialität, Glaube, Transzendenz, Ambivalenz, Gemeinschaft, Sinnstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Phänomen, dass Menschen, die eine ablehnende Haltung gegenüber der Kirche oder Religion einnehmen, in dieser Ablehnung paradoxerweise eine eigene "Orthodoxie" entwickeln, die als Ersatz für die Sinnstiftung durch den Glauben dient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der Materialität als Identitätsanker, die Bedeutung von "Beziehung" und "Deutung" für den modernen Menschen sowie die Funktion von Liturgie in einer säkularisierten Welt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Ablehnung des Religiösen als bewusste (oder unbewusste) Suche nach Identität und Anerkennung innerhalb einer anerkennenden Gemeinschaft aufzudecken und zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf soziologisch-theologischen Beobachtungen im Milieu der erwerbstätigen Mittelschicht und nutzt hermeneutische sowie existenzphilosophische Analysen, um religiöse Phänomene im Alltag zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Rolle der Materialität als Ersatzreligion, der Identitätspräzisierung durch Ablehnung, der Bedeutung der Sehnsucht als existenzielle Kraft und der Rolle der Liturgie als Ort, der Ambivalenzen aushaltbar macht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Orthodoxie der Distanziertheit, Hermeneutik der Ablehnung, materielle Religion, Liturgie, Identitätsstiftung, menschliche Sehnsucht und Beziehungswirklichkeit.
Warum wird die Ablehnung des Religiösen als "Orthodoxie" bezeichnet?
Weil die Distanzierten innerhalb ihrer ablehnenden Haltung feste Überzeugungen und "falsche" Gewissheiten etablieren, die sich in ihrer Starrheit und dem Wunsch nach Bestätigung durch andere stark mit den Strukturen klassischer, religiöser Orthodoxie vergleichen lassen.
Welche Rolle spielt die "Tisch-Communio" im Text?
Sie dient als Metapher für säkulare Gemeinschaften, die sich durch gemeinsame Ablehnung gegenüber religiösen Institutionen konstituieren und dabei eine eigene, soziale "Gnade" durch Anerkennung und Bestätigung unter Gleichgesinnten erfahren.
Kann Liturgie heute noch Bedeutung für Distanzierte haben?
Ja, laut Autorin kann sie das, sofern sie als Ort verstanden wird, der nicht einfache Antworten liefert, sondern hilft, die Ambivalenzen, Ängste und Hoffnungen des Lebens in einen Kontext zu betten und diese "aushaltbar" zu machen.
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- Eugen Schweiger (Author), 2008, Über die Orthodoxie der Distanziertheit. Überlegungen zur (Kirchen)Communio, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210000