Über die Orthodoxie der Distanziertheit. Überlegungen zur (Kirchen)Communio


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die Wahrheit liegt im „Bezahlen der Rechnungen“
2.1) Ablehnung als Instrument der Präzisierung

3) Zur Religion des Materiellen
3.1) Das eschatologische Moment in der Religion des Materiellen

4) Vom Deuten und der Beziehung

5) Liturgie: Ort von (Be-)Deutung und Beziehung

6) Orthodoxie der Distanziertheit – Resümee

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

1967 schreibt Karl Rahner in seinen Schriften zur Theologie, dass jede Aussage über Gott „auch nach ihrer transzendentalen Seite zu bedenken ist und man sich darum der Frage stellen muss, was die in der [...] theologischen Aussage implizit mitausgesagten apriorischen Strukturen […] des Subjektes selbst schon an materialer Inhaltlichkeit enthalten; dass also die transzendentale Seite an der Erkenntnis nicht übersehen, sondern ernst genommen wird.“[1]

Sogenannte „Aussagen“ über Gott passieren im Alltag auf äußerst differente Art und Weise, wobei man diesbezüglich mit mehr oder weniger diffizilen Glaubensbekenntnissen oder aber auch vehement verteidigten Ablehnungen einer Gottesvorstellung konfrontiert wird. In Bezug auf Rahner gilt es zu erwähnen, dass man dem Begriff der „theologischen Aussage“ auch jene Deutungen subsumieren muss, welche Gott als ein bloßes Produkt menschlicher Geistesillusion jegliche Relevanz ausräumen. Die Deutung der Wirklichkeit (inklusive ihrem Sinn) kommt hier dann mit einem Konzept von „Setzung“ aus, welche das Gegründet-Sein alles Seienden in einem schöpferischen, bundkonstituierenden Liebesakt ablehnt. Selbstredend wird damit auch jegliche Sinnhaftigkeit einer Institution verworfen, welche sich als eine Gemeinschaft versteht, deren Auftrag die ausdauernde Umsetzung einer Wirklichkeit eben jenes Gottes in der Gegenwart ist. Das Partizipieren an dieser Gemeinschaft (sei es jene mit Gott oder mit der Kirche) wird also abgelehnt und interessanterweise bildet sich gerade aus jener „Hermeneutik der Ablehnung“ wiederum ein Fundament an Argumenten heraus, welche (oft unreflektiert) übernommen und wiedergegeben werden. Am Stammtisch (um es metaphorisch zu sagen) wird sodann oft fröhlich in das lüsterne Schimpfen über die Communio der Kirche sowie deren Arbeit eingestimmt, wobei man sich gegenseitig in den, einer verdeckten Orthodoxie folgenden, Argumenten schulterklopfend anerkennt. Und exakt jene Anerkennung konstituiert wiederum eine Form von Communio, deren Grundlage beachtenswerterweise aus Zuneigung, Bestätigung, Beachtung, Aufmerksamkeit Wahrnehmung, gar Empathie und noch anderen, durchaus religiös konnotierten Werten besteht. Die orthodox ausgedrückte Distanziertheit formt also Gemeinschaft und zusätzlich den Glauben daran, der rechten Wahrheit ein Stück näher gekommen zu sein.

Mein Versuch, der nicht mehr als einen vagen Ansatz leisten kann, will von Beobachtungen einiger Gespräche ausgehen, welche allesamt im Milieu der erwerbstätigen Mittelschicht angesiedelt sind, wobei hier auch gleich die größte Schwäche meines Ansatzes offenbart sei, da es mir der Umfang nicht ermöglicht, eventuelles Interview-Material anzuführen.

Trotz allem soll diese Arbeit nun vorsichtig diejenigen thematisieren, welche in einer Ablehnung der besagten „göttlichen Setzung“ samt deren irdisch konstituierten Repräsentantencommunio eben lediglich eine andere Setzung postulieren, um dabei wiederum eine Communio zu bilden, welche gemäß einer ungeschriebenen Orthodoxie das Leben wie dessen Alltag deutet.

2) Die Wahrheit liegt im „Bezahlen der Rechnungen“

„Die Wahrheit liegt im Bezahlen der Rechnungen, denn da gibt es keine Gnade. Gott hin oder her! Und die Kirche zahlt’s dir sowieso nicht; im Gegenteil, die schröpfen dich noch zusätzlich.“, lautete etwa eine Aussage bei einem der besagten Gesprächen, worauf es heftige Zustimmung gab und die Gläser klirrend aneinander stießen. Es folgten noch einige weitere derartige Meinungsbekundungen und heftige Diskussionen über die, von den Anwesenden erlebten Alltage, wobei man sich gegenseitig bedauerte oder empathisch ermunterte. Interessanterweise kam es trotz des eindringlichen Bekenntnisses zu einer erbarmungs- wie gottlosen Welt immer wieder zu einer Bezugnahme auf die Kirche und etwaige metaphysische „Wesen“, um damit die eigene wie gemeinsame Position zu verorten, zu verdichten, gar zu rechtfertigen.

2.1) Ablehnung als Instrument der Präzisierung

Jeder genauer hinhörende Theologe oder Theologiestudent kennt aufgrund seiner diesbezüglichen Sensibilisierung solche großteils recht brachial formulierten Argumente und ist darüber verwundert, welchen Umfang an Meinungspotential sogenannte religiöse wie kirchlich Distanzierte über das von ihnen Abgelehnte aufbringen und somit eine doch recht konkrete Vorstellung vorweisen. Die vereinte Ablehnung präzisiert dabei durchaus den gemeinsamen Standpunkt im Dasein, macht selbigen zum Thema und bettet ihn somit in einen erweiterten Radius von gegenseitiger Anerkennung, welche die Unsicherheit in Bezug auf eine uns umgebende Fremde zu einem höheren Anteil absorbiert. So entsteht immerhin ein Mehr an Geborgenheit, Vertrautheit und vielleicht auch Orientierung – und dies „in einer Zeit, in der jeder Einzelne auf eigenen Überzeugungen stehen muss…“[2].

Ablehnung resultiert oft aus negativen Erfahrungen, ja, aus Momenten der Kontingenz, welche die Wahrnehmung des Selbst oft schwer aushalten lassen. Doch kennen die der kirchlichen oder religiösen Praxis Fernstehenden selbige überhaupt, wenn sie schon überzeugt und einstimmig davon Abstand nehmen? Wissen sie, welche Intentionen dort im Sinne eines allumfassenden Dialoges erleb- bzw. greifbar gemacht werden wollen? Oder genügt es schlicht, ein lediglich begrifflich festgemachtes Objekt namens „Religion“ oder „Kirche“ als Sündenbock mit den eigenen Vorurteilen zu beladen und in die Wüste zu schicken, auf das einem selber die oft recht mühsam zu durchwandernden Dünen der Anstrengung einer wahrhaftigen Auseinandersetzung erspart bleiben?

Fakt ist, das über jenes, das des Besprechens anscheinend nicht wert ist, gesprochen wird und eine (in diesem Fall: Tisch-)Gemeinschaft konstituiert, welche den Partizipierenden ein Gefühl von „Verstanden-Werden“ vermittelt, womit eine Präzisierung der eigenen Identität einhergeht. Spätestens dann muss man aber von einer vorausgehenden Sehnsucht nach der Findung eben dieser Identität sprechen, welche im beziehungs- wie verbundenheitsstiftenden Dialog mit anderen Linderung erfährt. Dass hier bereits eine sinndeutende Eigenaktivität des Menschen zum Vorschein kommt, ist offensichtlich, denn das Suchen nach der eigenen Identität und Meinung impliziert bereits das Gefühl einer auf Unbedingtheit abzielenden Aussicht, welche wiederum nur durch Glauben genährt werden kann. Einen Glauben, der sich in diesem Fall dagegen wehrt, als solcher entlarvt zu werden, da man als hermeneutische Messlatte lediglich das Faktische einer materiell gedachten Realität heranzieht, welche in ihrer kausalen Logik auf Aktion und Reaktion setzt. Quasi nach dem Motto: „Wenn ich bezahle, bekomme ich, ja, aber vom Glauben hat sich noch keiner was kaufen können.“

Wiederum eine Aussage, welche den Anschein erweckt, die Wirklichkeit endlich aus den Nebelschleiern eines voraufklärerischen, magisch konnotierten Daseins erlöst zu haben. Letztlich stimmen (um zur „Tisch-Communio“ zu kehren) die besagten Versammelten euphorisch zu, ja, brechen die Aussage des Einen gleich gesegnetem Brot, teilen es und verspüren sich in der einander zugetanen Beziehungswirklichkeit, welche das Wort des Einen initiiert hat.

Letztlich könnte man in Bezug auf die besagte Ablehnung also von einem Phänomen sprechen, welches selbige zu einem Instrument der Identitätspräzisierung werden lässt, um hernach das Gefundene schließlich in den notwendigen Kontext einer anerkennenden Gemeinschaft zu betten. Denn die wohlwollende Zustimmung des anderen könnte man als Befreiung des zunächst vielleicht nur vorsichtig Angenommenen hinüber in den Zustand des bestätigten Wissens verstehen, damit nichts offen bleibt, denn „unsere Kultur ist vom szientistischen Diskurs geprägt, für den es nur ein Entweder-Oder gibt: Fakten oder Fiktion, entweder ist etwas eine objektive Tatsache oder eine subjektive Fantasie.“[3] Und doch könnte man es aber aufgrund der zuvor angeführten Beobachtungen für ein Erstes auch so benennen, dass „die Menschen „mantische“ Wesen [sind], die eine Deutungsnatur haben, sinnsehnsüchtig oder auch sinnängstlich sind aus der Notwendigkeit, sich einen Reim auf zufällige Ereignisse oder schicksalhafte Verkettungen zu machen.“[4]

Szientistisches Realitätsprinzip versus Deutungsnatur also? Oder: Absolute Objektivität versus absolute Subjektivität? Gott oder Nicht-Gott? Sein oder Nicht-Sein? Alles wissen, aber letztlich dumm glauben? Ergebenst glauben, aber letztlich Nichts wissen? Wann wird die Wahrheit endlich ans Tageslicht gebracht?[5] Oder anders gesagt: Wie viel muss ich (noch) bezahlen, um die von der Wahrheit signierte Rechnung in den Ordner meiner Existentialität einheften zu können? Liegt die Wahrheit also letztlich im Bezahlen? Wahrscheinlich wird es jenes „Letztlich“ sein, an dem sich die Frage nach dem, was existentiell eindeutig gelten mag, ja, wie wahr das eigene Leben ist, entscheidet. Doch dazu noch später.

[...]


[1] Rahner, Karl: Schriften zur Theologie VIII (Einsiedeln, Zürich, Köln: Benzinger 1967) S. 45.

[2] Gräb, Wilhelm: Wie Glaube entsteht. Das Konzept der Spiritualität, in: ThPQ 156 (2008), S. 132.

[3] Heine, Susanne: In Beziehung zur Welt im Ganzen. In: Isabelle Noth, Christoph Morgenthaler (Hgg.):

Seelsorge und Psychoanalyse (Stuttgart, W. Kohlhammer, 2007) S. 118.

[4] Hogrebe, Wolfram: Metaphysik und Mantik. Die Deutungsnatur des Menschen (Frankfurt a.M.,

Suhrkamp, 1997), S. 97.

[5] Interessant wäre hier ein phil. Exkurs, um dabei die linguistisch - strukturalistische Perspektive von

Nikolaj Trubetzkoy zu thematisieren, welcher eine Transzendentalphilosophie ohne Subjekt kreiert und

meint, dass der Mensch glaubt (!), dass Wahrheit und Mensch in Beziehung sind oder treten müssten.

Wie in der hegelianischen Kritik an Descartes, geht er davon aus, dass der Mensch dies lediglich will

bzw. begehrt. Das „Cogito“ wäre dann hier eben keine Gewissheit, sondern begehrendes Glauben.

Folglich könnte man fundamentalontologisch schließen, dass unsere 1.(!) Realität eine Geglaubte ist,

was in Bezug auf jene sich allein im Glauben vollziehende wie einzig nährende Beziehungswirklichkeit

zu Gott eine interessante hermeneutische Brille wäre.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über die Orthodoxie der Distanziertheit. Überlegungen zur (Kirchen)Communio
Hochschule
Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz  (Sakramententheologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V210000
ISBN (eBook)
9783656382058
ISBN (Buch)
9783656382126
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, orthodoxie, distanziertheit, überlegungen, kirchen, communio
Arbeit zitieren
Eugen Schweiger (Autor), 2008, Über die Orthodoxie der Distanziertheit. Überlegungen zur (Kirchen)Communio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210000

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