Politische und kulturelle Aspekte in Johann Gottfried Herders "Negeridyllen"


Hausarbeit, 2011

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung:
1.1 Zur Person:

2 Kolonialismus
2.1 Herders Kritik
2.2 Die deutsche Rolle in der Sklavereidebatte
2.3 Abolitionsbewegung

3 Der edle Wilde und der degenerierte Weiße
3.1 Negeridyllen

4 Herders Einfluss auf den Nationalsozialismus

5 Fazit.

6 ANHANG

I Quellenverzeichnis
a. LITERATURVERZEICHNIS
b. INTERNETPUBLIKATIONEN

1 Einleitung:

In dieser Hausarbeit soll, unter Bezugnahme von Herders „Briefe zur Beförderung der Hu­manität“, ein Blick auf die damaligen politischen und kulturellen Ansichten und Gegebenhei­ten geworfen werden. Der Fokus wird dabei auf den Kolonialismus und den Sklavenhandel gerichtet sein, um der Frage nachzugehen, inwieweit sich Herder von den damaligen Vor­stellungen und Gesetzen abgrenzte bzw. diese unterstützte und welchen Einfluss seine Aus­führungen auf die Gesellschaft hatten. Dabei sollen sowohl die Gesellschaft zu Herders Leb­zeiten, als auch spätere politische Systeme, insbesondere der Nationalsozialismus, betrach­tet werden.

1.1 Zur Person:

Johann Gottfried Herder (* 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; | 18. Dezember 1803 in Weimar, Sachsen-Weimar-Eisenach), Sohn des Kantors und Schullehrers Gottfried Herder und dessen zweiter Ehefrau Anna Elisabeth, geb. Peltz, war ein deutscher Dichter, Theologe, Übersetzer, und Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik. Herder gehört mit Christoph Martin Wieland, Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe zum klassischen „Viergestirn“ von Weimar. Neben Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und Fried­rich Heinrich Jacobi (1743-1819) galt Herder als der dritte und zugleich einflussreichste "Glaubensphilosoph" seiner Zeit - als vierter wurde Friedrich Schleiermacher (1768-1834) bezeichnet; neben Lessing wird er aber auch als der große Vorbereiter der deutschen Klas­sik und Romantik angesehen, als Verkünder und Klärer des christlichen Humanitätsideals.[1] Neben seinen Werken „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ (1772) oder „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (4 Teile 1784/91) sind besonders seine „Briefe zur Beförderung der Humanität; zehn Sammlungen“ (1793-1797) kulturell und insbesondere politisch prägende Werke über seine Lebenszeit hinaus.

2 Kolonialismus

2.1 Herders Kritik

Aber warum müssen Völker auf Völker wirken, um einander die Ruhe zu stören? Man sagt, der fortgehend wachsenden Kultur wegen; wie gar etwas anders sagt das Buch der Ge­schichte![2]

Hatten Eroberungen den Zweck Kultur weiter zu entwickeln? Und haben diese Kreuzzüge das auch geschafft? Ist dieser „Fortschritt“ höher zu bemessen als das Leid, das durch die Besatzer entstand? Diesen Fragen entgegnet Herder:

Nenne man das Land, wohin Europäer kamen und sich nicht durch Beeinträchtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdrückung, durch Krankheiten und schädliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit [...] versündigt haben! Nicht der weise, sondern der anmaßende, zudringliche, übervorteilende Teil der Erde muß unser Weltteil hei­ßen; er hat nicht kultiviert, sondern die Keime eigner Kultur der Völker, wo und wie er nur konnte, zerstöret.[3]

Herder übt hier sehr scharfe Kritik am europäischen Kolonialismus, der ihn vor „Menschen­feindlichkeit“ erschaudern lässt. Durch die gottgegebene Vorsehung ist der Weiße ein Werk­zeug geworden, dass „durch eine rastlose höllische Tätigkeit im größesten Reichtum arm, von Begierden gefoltert, von üppiger Trägheit entnervt, am geraubten Gift ekel und langwei­lig“ stirbt.[4] Herder scheint fast Mitleid mit seinem „Geschlecht‘ zu haben, die nur in diesem Wege „den Nationen Heil und Trost“ zu sehen vermögen. Besonders hart nimmt er den briti­schen Kolonialismus ins Gericht:

Die Nation ist bekannt, die sich hierin ganz zweifellos äußert. ,Rule, Britannia, rule the waves;’ mit diesem Wahlspruch, glaubt mancher, seyn ihm die Küsten, die Länder, die Nati­onen und Reichthümer der Welt gegeben. Der Capitain und sein Matrose seyn die Haupträ­der der Schöpfung, durch welche die Vorsehung ihr ewiges Werk ausschließend zur Ehre der britischen Nation, und zum Vortheil der indischen Compagnie bewirket.[5]

Große Zweifel hegt er an der Rechtmäßigkeit des Denkens, dass alle Völker sich dem euro­päischen Weltbild unterzuordnen hätten. Jeder Genius der Menschheit solle nach Herder „Schriften, die den an sich schon unerträglichen Stolz der Europäer durch schiefe, unerwie- sene oder offenbar unerweisbare Behauptungen nähren, verachten und sie als unmensch­lich“ bezeichnen.[6]

2.2 Die deutsche Rolle in der Sklavereidebatte

Es stellt sich nun die Frage, welche Rolle die Sklaverei in Deutschland spielte. Diese Thema­tik scheint Ende des 18. Jahrhunderts auf den ersten Blick eher nebensächlich zu sein.

Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt weder Kolonien, noch war es auch nur annähernd in dem Umfang am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt, wie es Frankreich und England waren. Zudem hatte Deutschland mit seinen vielen autonomen Teilstaaten und komplexen Strukturen eigentlich genug mit eigenen innen- und außenpolitischen Fragen zu kämpfen, als dass man sich mit einem Thema auseinandersetzen müsste, von dem man nur bedingt be­troffen war. Deutschland befand sich Ende des 18.Jahrhunderts genau wie das restliche Eu­ropa in einer Phase des Umbruchs von tiefgreifender, politischer und gesellschaftlicher Tragweite. Französische Revolution, Aufklärung, Auflösung der Ständegesellschaft, Merkan­tilismus und Frühkapitalismus, um nur einige Begriffe zu nennen, veränderten das Bewusst­sein der Menschen und weckten das Interesse in deutschen Gelehrtenkreisen an der Skla­vereidebatte. So finden sich neben Herders Kommentaren auch viele bekannte (wie bei­spielsweise Goethe) und unbekannte Intellektuelle in den vielen jungen deutschen Zeitschrif­ten dieses Zeitraums, die zahlreiche und zum Teil sehr kontroverse Beiträge über eine Ab­schaffung bzw. Beibehaltung des Sklavenhandels verfassten. All diese Ausführungen waren geprägt von einem Bewusstsein für das Leid der Sklaven in Übersee und einem hohen In­formationsstand über die historischen Fakten, über die unterschiedlichen Positionen und Argumentationsstrategien der im Ausland geführten Debatte.[7]

Unzufriedenheit, aber auch zunehmende Politisierung entstanden vor allem in deutschen Gelehrtenkreisen aufgrund dieser unklaren politischen Verhältnisse. Die um die Jahrhun­dertmitte einsetzende Patriotismusdebatte spiegelte das Bedürfnis nach einem „Vaterland", auch wenn derartige Überlegungen sich zunächst auf eine Einheit als „Kulturnation" und (noch) nicht auf politische Lösungen bezogen. Diese Stimmung, das Gefühl sich in Deutsch­land in einer defizitären und reformbedürftigen Lage zu befinden, schwingt immer mit, wenn deutsche Gelehrte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit Sklaverei Frage oder Kolonia­lismus (bei Herder z.B. gehört beides eng zusammen) beschäftigten. Über die moralische Verurteilung der Sklaverei konnte die eigene „Schwäche" des politischen Rückstandes, ge­genüber anderen europäischen Mächten, in ein Gefühl der Überlegenheit umgewandelt wer- den.[8]

2.3 Abolitionsbewegung

Die Vorkämpfer der „Abolitionsbewegung"[9], die erstmalig die Abschaffung des Sklavenhan­dels forderten und zum Teil bereits die Sklaverei insgesamt in Frage stellten, setzten in Eu- ropa einen Prozess der Sensibilisierung in Gang, an dem offensichtlich auch die Dramatiker der Sklavenstücke partizipierten. In den letzten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts for­mierte sich in ganz Europa und vor allem in Großbritannien eine starke, nationen- und klas­senübergreifende Bewegung, die vehement die Abschaffung des europäischen Handels mit Afrikanern, den sogenannten „Negersklaven“, und teilweise auch bereits das Ende ihrer Ver­sklavung auf den karibischen und mittelamerikanischen Plantagen forderte. Ihre Anhänger nannten sich „Abolitionisten“ oder englisch „abolitionists“.

Diese früh-aufklärerischen staats- und rechtsphilosophischen Ansätze gingen von den christ­lichen Freikirchen aus. Schon der Gründer des Quäkerordens[10], George Fox, hatte seine Anhänger zu einem menschlichen Umgang mit den Sklaven aufgerufen. 1688 erschien in Pennsylvania die erste vieler Schriften, in der Sklaverei und Sklavenhandel durch die Quäker grundsätzlich und scharf verurteilt werden. Anfang bis Mitte des 18.Jahrhunderts verpflichte­ten sich die englischen und amerikanischen Mitglieder der Gemeinschaft, sich weder direkt noch indirekt am Sklavenhandel zu beteiligen. Mit ihrer beispiellos grundsätzlichen Ableh­nung der Sklaverei wurden die Quäker in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur trei­benden Kraft innerhalb der Abolitionsbewegung.[11] Ihre Verdienste würdigte Herder in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität:

„Die tätigsten Bemühungen zur Abschaffung des schändlichsten Negerhandels und Skla­vendienstes sind ihr Werk.“[12]

Auch in der Debatte selbst finden sich zahlreiche Anschlusspunkte und Überschneidungen mit Grundsatzfragen, die im ausgehenden 18. Jahrhundert in anderen Zusammenhängen ebenfalls intensiv diskutiert wurden. Besonders zentral und offensichtlich ist dabei die Vor­stellung von einer Gleichheit aller, schwarzer wie weißer Menschen, die alle Abolitionisten zum Ausgangpunkt ihrer Forderungen nach einer gesellschaftlichen, politischen und rechtli­chen Gleichstellung machten. Damit partizipierte der Abolitionsgedanke an dem viel umfas­senderen Egalitäts- und Menschenrechtsdiskurs, der auf verschiedenen Ebenen und unter moralischen, politischen und theologischen Gesichtspunkten im ausgehenden 18.

[...]


[1] Koch, http://www.karl-may-geseNschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/1981/166.htm

[2] Herder, S.233

[3] Herder, S.234f

[4] Vgl. Herder, S.236

[5] Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, S. 261.

[6] Vgl. Herder, S.251

[7] Vgl. Riesche S.10

[8] Vgl. Riesche S. 36

[9] „Abolitionsbewegung" leitet sich von dem englischen Wort ,abolition' - Abschaffung - ab

[10] Die Quäker (auch: Religiöse Gesellschaft der Freunde) sind eine christliche Religionsgemeinschaft die vor allem in den englischsprachigen Teilen der Welt und in Afrika Verbreitung fand.

[11] Vgl. Riesche, S.18

[12] Herder, Johann Gottfried von: Briefe zur Beförderung der Humanität (1793-97), zitiert nach Loth, S. 202.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Politische und kulturelle Aspekte in Johann Gottfried Herders "Negeridyllen"
Hochschule
Universität Kassel  (Germanisitk)
Veranstaltung
Johann Gottfried Herder
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V210005
ISBN (eBook)
9783656377641
ISBN (Buch)
9783656377740
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johann, gottfried, herders, negeridyllen
Arbeit zitieren
Simon Schmidt (Autor), 2011, Politische und kulturelle Aspekte in Johann Gottfried Herders "Negeridyllen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210005

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