Erasmus von Rotterdam als Philosoph

Die Anfänge einer naturalistischen Lebensphänomenologie im frühneuzeitlichen Humanismus


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbegriff

I Die Torheit als kulturphilosophisches Subjekt

II Die Torheit in den „Colloquia familiaria“

Schluss

Literaturverzeichnis

Vorbegriff

Der Ruhm des Desiderius Erasmus Roterodamus, der zumindest im christlich beeinflussten Kulturbereich nach einem halben Jahrtausend noch andauert, eignet dem Theologen, klassisch-literarischen Philologen, religiösen Humanisten, Literaten und Intellektuellen, nur zu einem geringen Teil aber dem Philosophen. Erkennt man letzteren überhaupt an, weiß man in der Regel nicht, mit welchem Profil man ihn der Philosophiegeschichte einordnen soll.[1] Oft wird Luthers Aburteilung des Theologen mit Ausdehnung auf den ganzen Mann und sein Werk zitiert:

"Erasmus est anguilla. Niemand kann ihn ergreiffen denn Christus allein. Est vir duplex.“[2]

Für eine philosophische Annäherung an die Erasmische „Vieldeutigkeit“ wird mit Denominationen wie „Ambivalenz“, „vir duplex“ und „homo duplex“ nur die Problemstellung gewonnen.[3] Wir gehen von einem eigenen Vorbegriff aus: Erasmus‘ Philosophieren besteht darin, praktisch wertvolle Einsichten in den Lauf der Dinge, die Wirksamkeit der unaufhörlich produktiven Natur, aus eigener Beobachtung und literarischen Quellen zu sammeln, sie aber dem Gegenstand gemäß nicht festzuschreiben, sondern immer im Blick auf das prozessuale Ganze zu relativieren und für weitere Relativierungen nicht zuletzt in „Vertraulichen Gesprächen“ offen zu halten. Im Fokus des Erasmischen Philosophierens steht nicht das theoretische Wissen mit seinen Grundlagen, Wegen und Grenzen, sondern die Frage der Erkennbarkeit der wahren Güter des Lebens. Allgemein hat wohl die Furcht, den „ganzen“ Erasmus aus den Augen zu verlieren, eine Isolation des profanen Teils der „Laus Stultitiae“ („Moriae Encomium id est Stultitiae Lavs“), entsprechender „Colloquien“ bzw. von Teilen derselben und anderer Texte verhindert. Nur dieses Verfahren aber bringt Erasmus‘ metaphysisch zurückhaltende und theologisch neutrale, dem naturalen Leben integrierte Philosophie in den Blick. Wir wählen als Beispiel für die lebensphänomenologische Forschungsdisposition, das Anstreben der Weisheit als grundsätzlich veränderbare Glücksvorstellung gleichsam von der hohen Warte Jupiters[4], die scheinbar unvereinbaren Äußerungen zur Geschlechterdifferenz. Wir skizzieren zu diesem Zwecke zunächst den historisch-systematischen Kontext.

I Die Torheit als kulturphilosophisches Subjekt

„Laus Stultitiae“, Erasmus‘ theoretische Hauptschrift, umfasst zwei Teile: eine profane Philosophie der Torheit, die dem soweit möglich vernunftbestimmten Leben liebenswerte Züge einschreibt, und einen kritischen Sittenspiegel im Geiste der Gottes- und Menschenliebe des Evangeliums. Im ersten Teil wird der nützliche Einfluss der Torheit auf alle Gebiete des Lebens in einem Menu-Vergleich gezeigt. Die weise Torheit „würzt“ das Leben mit zwei Geschmackselementen. Sie vermittelt ihm Durchhalte-Kraft und Stärke. Und sie verschafft ihm eine begrenzte Annehmlichkeit (suavitas, voluptas). Da menschliches Glück im Sinne der Martialschen Formel zum Hauptteil darin besteht, „das, was du bist, sein zu wollen“ („vt quod sis esse velis“)[5], fungiert die Torheit als spezifisch weibliche Glücksinstanz.

„Weil nun aber der Mann zur Übernahme politischer Verantwortung geboren ist und ihm deshalb von jener lumpigen Unze Verstand ein Quäntchen mehr beigemischt werden musste, damit er auch hier das Mannesmögliche leisten kann, zog mich Jupiter wie üblich zurate, und ich machte ihm alsbald einen Vorschlag, der meiner würdig war: „Gebt dem Mann doch eine Frau zur Seite, jenes wohl dumme und einfältige, zugleich possierliche und liebreiche Geschöpf, das im häuslichen Zusammenleben den finsteren Ernst des männlichen Naturells mit seiner Torheit würzt und versüßt.“ … Wenn aber eine Frau etwa Anspruch auf Weisheit erheben möchte, so erwirkt sie damit nichts anderes, als dass sie sich als doppelt töricht erweist, gerade als ob jemand einen Ochsen mit Wachssalbe <der Ringer, P. B.> einschmieren wollte, wogegen Minerva entschiedenen Einspruch anmeldete, wie es heißt. Es verdoppelt nur seine Schwächen, wer sich gegen die Natur mit der Tünche der Tugend bestreicht und so sein wirkliches Wesen verbiegt.“[6]

Das niedere Vermögen der Sinnlichkeit irritiert in Gestalt der Torheit Verstand und Willen und mildert zugleich ihre naturgegebenen Grenzen. Die Torheit ist auf paradoxe Weise zugleich anthropologisches Defizit und Komplement. Sie repräsentiert den Doppelcharakter, welcher der Natur insgesamt als Mutter (parens) und Stiefmutter (noverca) eigen ist.[7] Bei Erasmus enthält die menschliche Mängelnatur anders als im mythischen Modell des Platonischen „Protagoras“, der nach Zeus‘ Anordnung durch strenge Gesetzgebung und Strafe heilkräftigen politischen Kultur, an der sinnlichkeitsursprünglichen Torheit eine Kompensationskomponente, die das Gefüge der Lebensäußerungen, auch sich selbst, zu Erhaltung und Glück hin korrigiert:

„Kurz und gut – keine Gemeinschaft, keine gesellige Verbindung im Leben kann ohne mich erfreulich und von Dauer sein: Kein Volk würde längere Zeit seinen Fürsten ertragen, kein Herr den Knecht, keine Zofe die Herrin, kein Lehrer den Schüler, kein Freund den Freund, keine Frau ihren Mann, kein Vermieter den Mieter, kein Hausbewohner einen Mitbewohner und kein Tischgenosse den Tischgenossen, wenn sie sich nicht ab und zu gegenseitig Sand in die Augen streuten, einander Komplimente machten, klug ein Auge zudrückten und mit dem Honig der Torheit etwaige Wogen glätteten.“[8]

„Doch ich will wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Welche Macht hat die Menschen der Vorzeit, Geschöpfe hart wie Stein, knorrig wie Eichen, lauter ungehobelte Bauern, in einer staatlichen Gemeinschaft geeint, wenn nicht die Schmeichelei? Nichts anderes besagen jene Mythen um die Leier des Amphion und Orpheus. … Solche Torheit zeugt Staaten, auf ihr fußen die Reiche, die Obrigkeiten, die Religion, die Ratsversammlungen und die Gerichtsbarkeit, und überhaupt ist das menschliche Leben nichts anderes als ein Spiel der Torheit.“[9]

Die Torheit des Menschen ergänzt als kulturphilosophisches Sekundärsubjekt die menschliche Vernunft. Letztere wurde zwar von der Natur als oberste Lebensgestaltungskraft eingesetzt, bedurfte in ihrer Schwäche aber einer Assistentin. Dieselbe Natur stellte ihr als Selbstheilungskraft die Torheit zur Seite: eine Produktionsgemeinschaft des dem Menschengeschlecht möglichen Glücks, die man als ursprüngliches und größtes aller Naturwunder betrachten kann. Die Analytik des gleichsam naturgewollten Lebens bezieht am Ende selbst die pure Blödheit ein. Auch der ausufernde Wahnsinn hat noch wohltuende Wirkungen. Die krankhafte Idiotie ist allerdings nur sich selbst angenehm, sie ist nicht allgemein liebenswert.

Ab C. 53 (Nun zu den Theologen)[10] wird zum Lob der Torheit des Christenmenschen übergegangen, das in mehreren Schritten den Hauptteil der Schrift bildet. Es erbringt aber nicht allererst die Geltungslegitimation der naturimmanent weisen Torheit, wie man von der Priorität der Theologie im mittelalterlichen Fächerkanon her erwarten könnte. Die lebensphänomenologisch begrenzte Analytik der Torheit als „vitae condimentum“[11] besitzt ungeachtet der universell sinnerfassenden Schöpfungstheologie eine eigene Akzeptabilität.[12]

Die Konzeption der ihren explanatorischen Ansprüchen nach bescheidenen und doch selbstbewussten Weltweisheit, die sich nicht als Magd, sondern allenfalls wie bei Erasmus als Junior-Partnerin der Theologie bzw. christlichen Philosophie versteht, lässt sich anhand der folgenden Kernsätze aus „Institutio principis christiani (1515) und einem Brief an Guillaume Budé (Guglielmus Budaeus) aus dem Jahre 1517 weiter verfolgen:

[...]


[1] Vgl. Johan Huizinga, Erasmus, Basel 1936, S. 128: „Der Geist des Erasmus war weder philosophisch noch historisch. Er neigte nicht dazu, scharf die Begriffe zu unterscheiden, noch die großen Zusammenhänge der Welt in weiten historischen Visionen zu erfassen, bei denen die Besonderheit in ihrer Vielheit und Buntheit das Bild gestaltet hätte. Sein Geist war im vollsten Sinne des Wortes philologisch … Dieser Geist war zugleich stark ethisch, und diese Verbindung hat ihn groß gemacht.“ – Wir werden im „Schluss“-Teil dieser These widersprechen. – Mit der „philosophia Christi“ allein beantwortet u. a. Jean-Claude Margolin die Frage: „Peut-on parler d’une philosophie d’Érasme?“ in: Calamus renascens II (2001), S. 239-273.

[2] Tischrede 131, in: M. Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Tischreden Bd. I., Weimar 1912, S. 55.

[3] Vgl. z. B. Wikipedia, Art.: Erasmus von Rotterdam; Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften, lat.-dt., hg. von Werner Welzig, Darmstadt 1967 f. (A.S.), Bd. 3. Vorreden zum Neuen Testament. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gerhard B. Winkler, S. VII.

[4].. si quis velut e sublimi specula circumspiciat, ita ut Iouem interdum /poetae facere praedicant …, Opera omnia Desiderii Erasmi Roterodami, Amsterdam (spätere Bände: Amsterdam/New York/Oxford) 1969 ff. (ASD), IV-3, S. 106, 108. – „Wenn einer von einem hochgelegenen Aussichtspunkt aus seinen Blick ringsum schweifen ließe, so wie es Berichten von Dichtern zufolge Jupiter gelegentlich tut, …“. Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Übersetzung aus dem Lateinischen, Kommentierung und Nachwort von Kurt Steinmann Zürich 2011 (Steinmann 2011), S. 41.

[5] ASD, IV-3, S. 96.

[6] Steinmann 2011, S. 25. - Aus C.17 (Caeterum quoniam viro…) Caeterum quoniam viro administrandis rebus nato plusculum de rationis vnciola erat adspergendum, vt huic quoque pro virili consuleret, me sicut in caeteris in consilium adhibuit moxque consilium dedi me dignum: nempe vti mulierem adiungeret, animal, videlicet stultum quidem illud atque ineptum, verum ridiculum et suaue, quo convictu domestico virilis ingenii tristiciam sua stulticia condiret atque edulcaret. … Quod si qua forte mulier sapiens haberi voluerit, ea nihil aliud egerit quam vt bis stulta sit, perinde quasi bouem aliquis ducat ad ceroma, inuita reluctanteque, ut aiunt, Minerva. Conduplicat enim vitium, quisquis contra naturam virtutis fucum inducit atque alio deflectit ingenium. ASD, IV-3, S. 90.

[7] ASD, IV-3, S. 94.

[8] Steinmann 2011, S. 29 f. - In summa vsqueadeo nulla societas, nulla vitae coniunctio sine me vel iucunda vel stabilis esse potest, vt nec populus principem, nec seruum herus nec heram pedisequa nec discipulum praeceptor nec amicus amicum nec maritum vxor nec locator conductorem nec contubernalis contubernalem nec conuictor conuictorem diutius ferat, nisi vicissim inter sese nunc errent, nunc adulentur, nunc prudentes conniueant, nunc aliquo stulticiae melle sese deliniant . ASD, IV-3, S. 94.

Steinmann 2011, S. 35 f. - Verum vt ad id quod institueram revertar, quae vis saxeos, quernos et agrestes illos homines in ciuitatem coegit nisi adulatio? Nihil enim aliud significat illa Amphionis et Orpheicithara. … / Haec stultitia parit ciuitates, hac constant imperia, magistratus, religio, consilia, iudicia, nec aliud omnino est vita humana quam stultitiae lusus quidam. ASD, IV-3, S. 100, 101. Vgl. dagegen Platon, Protagoras, 322b-323a.[9]

[10] ASD, IV-3, S. 144, 146.

[11] ASD, IV-3, S. 96.

[12] Das weise Lächeln des Narren ist in der Deutung durch Roland H. Bainton „ein Lächeln des Mitleids und der Hoffnung“, weil es der Gewissheit entspringt, dass die Torheit „durch eine andere Art der Torheit befreit werden“ kann. Die Interpretation verkennt auf beispielhafte Weise die Erasmische Aufstufung der niederen und höheren Weisheit und Philosophie. Erasmus (Erasmus of Christendom), 1972, S. 97.

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Details

Titel
Erasmus von Rotterdam als Philosoph
Untertitel
Die Anfänge einer naturalistischen Lebensphänomenologie im frühneuzeitlichen Humanismus
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V210020
ISBN (eBook)
9783656378068
ISBN (Buch)
9783656382850
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Erasmus, Weisheit, Torheit, Glück, Humanismus, Naturalismus, Phänomenologie, Humanistisches Paradoxon der Torheit als Weisheit, Vieldeutigkeit, Ambivalenz, Geschlechterdifferenz
Arbeit zitieren
Peter Baumanns (Autor), 2013, Erasmus von Rotterdam als Philosoph , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210020

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