Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche in den spanischen Zeitungen während des Besuchs von Papst Benedikt XVI.


Hausarbeit, 2010

28 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Spanien und katholische Kirche
II.1. Religiöses Empfinden in Spanien
II.2. Re-Evangelisierung

III. Kirche und Staat
III.1. Geschichte der Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche in Spanien
III.2. Probleme zwischen der Kirche und dem Staat

IV. Presseecho auf den Besuch des Papstes
IV.1. Publikationen in der Zeitung El País
IV.2. Publikationen in der Zeitung El Mundo
IV.3. Publikationen in der Zeitung ABC

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Laufe der spanischen Geschichte war die katholische Kirche mit dem Staat durch bestimmte Relationen verbunden. Sie legitimierte und stabilisierte einst die Herrschaft der Könige oder diente als Stütze des Regimes des Generales Franco. Allerdings erlebte die katholische Kirche in Spanien in den letzten Jahrzehnten gewaltige Wandlungsprozesse. Diese Tatsache konnte am Verhältnis der Kirche zum Staat nicht ungemerkt vorbeigegangen sein.

Im Zentrum des Interesses dieser Arbeit stehen die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem modernen spanischen Staat. Diese Beziehungen werden anhand von Publikationen in den spanischen Zeitungen nach dem Spanienaufenthalt von Papst Benedikt XVI. am 6. und 7. November 2010 analysiert.

Am Anfang wird das allgemeine religiöse Empfinden der Spanier geschildert, um die Grundlage für die Analyse der Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche zu schaffen. Anschließend wird das Bestreben der Kirche zur Re-Evangelisierung der spanischen Gesellschaft dargestellt, welches ein konkretes Ziel des päpstlichen Besuches darstellte. Um die Beziehungen zwischen den beiden genannten Seiten analysieren zu können, wird ein kurzer Überblick der historischen Entwicklung dieser Beziehungen dargeboten. Im Anschluss wird auf die konkreten Problemfelder in den Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat eingegangen.

Weiterhin folgt eine Darstellung des Presseechos der Zeitungen El País, El Mundo und dem Blatt ABC nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI.. Zum Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Fazit gezogen.

II. Spanien und katholische Kirche

II.1. Religiöses Empfinden in Spanien

Die Mehrheit der Bevölkerung Spaniens, etwa 90%, ist katholisch. Allerdings wird in Spanien seit etwa den 60er Jahren über eine wachsende Säkularisierung gesprochen.[1]

Unter Säkularisierung wird ein „…Prozess [verstanden], durch den Teile der Gesellschaft und Ausschnitte der Kultur aus der Herrschaft religiöser Institutionen und Symbole entlassen werden.“[2] Dies bedeutet, dass das private und gesellschaftliche Leben in Spanien sich der Religion entfernt. Die Kirche spielt zunehmend nicht mehr so eine wichtige Rolle in dem Leben der Menschen, wie beispielsweise zu Zeiten der Franco-Diktatur. Die moralischen Wertvorstellungen der katholischen Kirche vor allem bei Themen wie dem Scheidungsverbot, außereheliche Sexualbeziehungen, Homosexualität, Verhütung, künstlicher Befruchtung und dem Zusammenleben ohne Ehe treffen auf einen heftigen Widerstand innerhalb der spanischen Bevölkerung und werden von der Mehrheit der Gesellschaft vor allem durch die jüngeren Generationen abgelehnt.[3] Als Beispiel kann der Bericht „La nueva pluralidad religiosa“ vom 15.07.2009 angeführt werden, der von den Professoren Alfonso Pérez-Agote und José Santiago angefertigt wurde. Im Bezug auf Ehescheidungen teilen nur 20,4% der Spanier die moralische Doktrin der Kirche. Im Gegensatz dazu wird diese Doktrin von 70,6% der Spanier abgelehnt. Bei der Frage der Abtreibung sind 30,9% der Bürger mit der Kirchenaussage einverstanden und 60% der Befragten lehnen diese ab.[4]

Weiter wird es von der spanischen Gesellschaft als negativ bewertet, wenn sich die Kirche in den Massenmedien zu diesen Themen unter dem Aspekt der Moralisierung äußert.[5] Laut den Befragungen sind 81% der Spanier der Meinung, dass sich die Kirche in die Vielfältigkeiten der politischen Angelegenheiten des Landes nicht einmischen sollte.[6]

Mit dem Erlangen gewisser Freiheiten, die durch die demokratischen Prozesse garantiert wurden, schwächte die Glaubenspraxis der Spanier rapide ab. Diese Tendenz ist weiterhin als steigend zu bewerten. Noch im Jahr 1975 bezeichneten sich nach Umfragen von FOESSA 84% der Spanier als praktizierende Katholiken. In den 90er Jahren zählten sich nur knapp über 50% der Bevölkerung zu praktizierenden Katholiken.[7]

Laut dem Bericht „La nueva pluralidad religiosa“ fand in Spanien in den letzten Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel statt: „España ha dejado de ser un país de religión católica para pasar a ser un país de cultura católica.“[8]

In der heutigen Zeit betrachten sich 75,3% der Spanier als Katholiken, aber nur 19,9% besuchen regelmäßig die heilige Messe. Dafür ist die Zahl der Spanier, die nie einen Kirchenbesuch praktizieren, mit 46,7% sehr hoch.[9]

Dennoch verzeichnet sich laut Umfragen eine hohe Akzeptanz der Kirche als Institution in der spanischen Bevölkerung. In den Umfragen steht die Kirche als Institution vor den Parteien, den Gewerkschaften, der Regierung und anderen Institutionen. Nur die Monarchie wird in der Hierarchie oberhalb der Kirche zugeordnet.[10]

Bestimmte religiöse Zeremonien wie das Taufen oder die kirchliche Trauung empfindet die Bevölkerung als eine Normalität und akzeptiert sie durch eine deutliche mehrheitliche Zustimmung. Ebenfalls sind zahlreiche religiöse Feste in der Bevölkerung beliebt und werden gern gefeiert.[11]

Daher gilt die katholische Kirche in Spanien immer noch als Institution mit einem relativ großen gesellschaftlichen Einfluss. Zum Beispiel entwickelte sich der Besuch des Papstes am 6. – 7. November 2010 in Spanien zu einem sehr bedeutenden Ereignis und lockte viele Katholiken nach Santiago de Compostela und Barcelona, um an diesem Ereignis zu partizipieren. Viele verfolgten ebenfalls diese Ereignisse vor den Fernsehgeräten. Ebenfalls beweist die hohe Zahl der Zeitungsartikel und vor allem die Stärke der Polemik, die mit diesem Besuch verbunden war, dass die katholische Kirche und ihre Meinungsäußerungen den Spaniern immer noch nicht unbedeutend sind.

Die Kirche in Spanien befindet sich heutzutage in einem Dilemma. Die Kirche als Institution genießt ein hohes Ansehen in der Gesellschaft, dennoch werden die Ideen und moralische Wertvorstellungen der Kirche durch die Gesellschaft häufig abgelehnt. Die Spanier verhalten sich auch der Kirche gegenüber sozusagen demokratisch. Jedes Mitglied der Gesellschaft ist insofern katholisch, wie er die Glaubenspraktizierung persönlich definiert. Es existiert kein sozialer Zwang mehr, wie es in der Zeit der Franco-Diktatur der Fall war. Viele Spanier zeigen sich bevorzugt katholisch bei Festen, Taufen oder Trauung. Sie lehnen es aber ab, die Kirche in das private Umfeld zu integrieren und ihr Leben religiös bestimmen zu lassen.[12]

II.2. Re-Evangelisierung

Die erste Phase des Demokratisierungsprozesses in Spanien charakterisierte sich durch eine Zurückhaltung gegenüber der Politik. Eine Veränderung des Kurses begann, als der Kardinal Wojtyla zum neuen Pontifex Maximus gewählt wurde. In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Zeit mit dem Begriff Re-Evangelisierung verbunden. Das Ziel der Re-Evangelisierung wurde die Zurückeroberung des kirchlichen Einflusses in Spanien, da der fortschreitende Laizismus „die katholische Identität Spaniens bedrohte“.[13] Die Zurückeroberung der spanischen Bevölkerung für die katholische Kirche sollte durch die verstärkte Präsenz der Kirche in den Massenmedien und die Durchsetzung der kirchlichen Postulate für die Meinungsbildung in moralischen Fragen erreicht werden. Díaz-Salazar beschreibt folgendermaßen die Strategie der Kirche:

„In dem Maße, wie die Säkularisierung voranschreitet, entwirft die Institution Kirche diverse ideologische, ethnisch-kulturelle sowie symbolische Schlachtpläne und entfaltet einen Kampf um die Hegemonie. Das will heißen, dass die Kirche Anstrengungen unternimmt, um die Führung der moralischen und kulturellen Ordnung in der Gesellschaft zu übernehmen oder um zumindest daran mitzuwirken.“[14]

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob der Besuch des Papstes ebenfalls ein symbolischer Schachzug in diesem Kampf war? Papst Benedikt XVI. erschien, um Spanier in ihrem Glauben zu stärken. So erklärte der Pontifex das Ziel seines Spanienbesuches in einem Journalisteninterview:

Yo diría que este viaje tiene dos temas. Tiene el tema de la peregrinación, del estar en camino, y tiene el tema de la belleza, de la expresión de la verdad en la belleza, de la continuidad entre tradición y renovación. Yo pienso que estos dos temas del viaje son también un mensaje: estar en camino, no perder el camino de la fe, buscar la belleza de la fe, la novedad y la tradición de la fe que sabe expresarse y sabe encontrarse con la belleza moderna, con el mundo de hoy.[15]

Der Besuch des Papstes war natürlich für die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat nicht bedeutungslos. Es gab viel Kritik und viele unterschiedliche Meinungen nach dem Besuch des Papstes von der Seite der politischen Akteure. Daher wäre es interessant, diesen Einfluss des päpstlichen Besuches mit Hinblick auf die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat zu analysieren.

III. Kirche und Staat

Im Artikel 16.3 der spanischen Verfassung von 1978 wird die konfessionelle Neutralität des Staates garantiert.

Ninguna confesión tendrá carácter estatal. Los poderes públicos tendrán en cuenta las creencias religiosas de la sociedad española y mantendrán las consiguientes relaciones de cooperación con la Iglesia Católica y las demás confesiones.[16]

Im Jahr 1979 wurden zwischen dem Vatikan und dem spanischen Staat mehrere Abkommen geschlossen, die die Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche regelten.[17]

Allerdings bleiben die Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche nicht vollkommen geklärt. Der Besuch des Papstes zeigte erneut, dass der Prozess der Regelung dieser Beziehungen noch keineswegs abgeschlossen ist. Um die Beziehungen „Kirche – Staat“ genauer einschätzen zu können, ist es unabdingbar, einen kurzen Blick in den historischen Verlauf dieser Beziehungen zu werfen.

III.1. Geschichte der Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche in Spanien

Nach der „Wiedereroberung“ (Reconquista) diente die Katholische Kirche in Spanien als Mittel zur Legitimierung und Stabilisierung der Herrschaft der Könige. Seit der Aufklärung wurde die Kirche als Verteidigerin des Ancien Régime verstanden. Daraufhin entstand der Antiklerikalismus in den liberalen Kreisen als Protest und Kritik gegen die Ansichten der katholischen Kirche. In der Zeit der liberalen Regierung der 30er und 40er Jahre wurde die Kirche ihres Besitzes enteignet und der Katholizismus als „die Religion der spanischen Nation“ proklamiert. In dem Konkordat von 1851 akzeptierte die Kirche den Verlust ihres Besitzes. Die katholische Religion stand ab dieser Zeit unter einem besonderen Staatsschutz. Weiter wurde die Religion durch Priester in den öffentlichen Schulen unterrichtet.[18] Zwischen der katholischen Kirche und dem Staat in Spanien herrschte eine sehr enge Verbindung. Diese Beziehung der Kirche zum Staat verdarb das Vertrauen des Proletariates zur Kirche. Die Kirche wurde nun als Verbündete der herrschenden Klasse verstanden. Daraufhin richteten die verarmten, einfachen Leute ihr gesamtes Wutpotenzial auch auf die Kirche, was den Ideen des Antiklerikalismus einen fruchtbaren Boden bescherte.[19]

In den Jahren der Zweiten Republik (1931 – 1936) wurden durch die Verfassung von 1931 der Laizismus des Staates und die Entkonfessionalisierung des Erziehungswesens proklamiert. Die Einführung der Zivilehe und die Möglichkeit der Ehescheidung folgten. Als Ergebnis der so genannten „schwarzen Jahre“ (1933-1935) der Republik, in denen die regierende Rechte einen klerikalen Kurs vollzog, erreichte die Unzufriedenheit des einfachen Volkes durch Vandalismus und Plünderungen von kirchlichen Einrichtungen ihren dramatischen Höhepunkt. Die Kirche verlor ihren Einfluss auf das wirtschaftliche Leben. Diese Ereignisse führten zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat. Die Unzufriedenheit der kirchlichen Eliten auf die durch den Antiklerikalismus geprägten Führungskräfte wuchs bis hin zu einer Verbindung mit den Aufständischen unter der Führung von General Franco. Der Beginn des Bürgerkrieges wurde von der Kirche als „Kreuzzug für die Wiederherstellung der Ordnung und die Erhaltung der christlichen Zivilisation“ im Staat und in der Gesellschaft gerechtfertigt und legitimiert.[20]

Im Staat von Franco wurde die Kirche zu einer der „Stützen des Regimes“. Die Kirche wurde in allen ihren Rechten wiederhergestellt und die katholische Religion erhielt ihre Ernennung zur spanischen Staatsreligion. Die Kirche wurde in der Politik repräsentiert und konnte auf viele Angelegenheiten des Zivilrechts und des Finanzsektors Einfluss ausüben. Zivile Eheschließungen und Scheidungen wurden mit einem Verbot belegt. Der Staat verpflichtete sich in einem Abkommen von 1946, die Kirche zu subventionieren. Die Kirche kontrollierte ebenfalls viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere den Bereich der Bildung und der Medien.[21]

Die Zeit der Franco – Herrschaft ist als „eine „klerikalfaschistische“ Herrschaftsform bezeichnet worden – eine Bezeichnung, die auf die enge Verflechtung staatlicher und kirchlicher Institutionen hinweist, die durch das Konkordat mit dem Vatikan 1953 abermals verstärkt wurde.“[22] Die Kirche entwickelte sich in der Zeit des Franco – Regimes zu einem wichtigen „Bestandteil der politischen Macht“. Wenn die gesamte spanische Geschichte betrachtet wird, war in dieser Periode die Verbindung der Kirche und des Staates am engsten.[23]

[...]


[1] Vgl. Nohlen, S. 217.

[2] Berger, S. 103, in: Neumann-Braun, S.300.

[3] Vgl. Nohlen, S. 217.

[4] Vgl. Vidal(2009): Los españoles se consideran católicos, pero no van a misa.

[5] Vgl. Nohlen, S. 217.

[6] Vgl. Vidal(2009): Los españoles se consideran católicos, pero no van a misa.

[7] Vgl. Nohlen, S. 217.

[8] Vgl. Vidal(2009): Los españoles se consideran católicos, pero no van a misa.

[9] Vgl. Vidal(2009): Los españoles se consideran católicos, pero no van a misa.

[10] Vgl. Díaz-Salazar: „La institución”, S. 295, in: Collado Seidel, S. 423.

[11] Vgl. Collado Seidel, S. 429-433.

[12] Vgl. Collado Seidel, S. 423-424.

[13] Collado Seidel, S. 435.

[14] Recio/ Uña/ Díaz-Salazar: Para comprender, S. 19, in: Collado Seidel, S. 435.

[15] Transcripción del diálogo del papa con los periodistas en el avión papal.pdf, S. 6.

[16] La Constitución Española de 1978.

[17] Vgl. Collado Seidel, S. 434.

[18] Vgl. Nohlen, S. 220.

[19] Vgl. Bernecker, S. 397.

[20] Vgl. Nohlen, S. 220.

[21] Bernecker, S. 398-399.

[22] Hermet 1981/82, in: Bernecker, S. 399.

[23] Vgl. Bernecker, S. 401.

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Details

Titel
Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche in den spanischen Zeitungen während des Besuchs von Papst Benedikt XVI.
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V210054
ISBN (eBook)
9783656378419
ISBN (Buch)
9783656380191
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, beziehungen, staat, kirche, zeitungen, fokus, besuch, papst, benedikt
Arbeit zitieren
B.A. Svetlana Fischer (Autor), 2010, Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche in den spanischen Zeitungen während des Besuchs von Papst Benedikt XVI., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210054

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