Biografisches Schreiben in Per Olov Enquists "Hamsun. En filmberättelse"


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse
2.1 Selektivität
2.2 Erzählgeschehen
2.3 Konfiguration
2.4 Erzählinstanz

3.Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Aus der Unmöglichkeit, Leben und Darstellung zur Deckung zu bringen, ergibt sich die zugleich einfachste und bündigste Definition von Biographie: Sie handelt vom Leben, ist es aber nicht.“[1]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Per Olov Enquists Buch Hamsun. En filmberättelse.[2] Dabei handelt es sich um ein Filmdrehbuch, das dem Film Hamsun (1996) von Jan Troell zugrunde lag.

Der Titel des Buches erzeugt die Erwartung, dass es sich um eine Biografie des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Knut Hamsun handelt.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu untersuchen, inwieweit Enquists Buch die Erwartungen an eine Biografie erfüllt und wie es im Hinblick auf Kategorisierungen biografischen Schreibens einzuordnen ist.

Laut Ansgar Nünning ist seit den 1970er Jahren in der fiktionalen Dichterbiografie ein „Wandel von der fiktionalen Biographie zur [...] fiktionalen Metabiographie“ zu beobachten.[3] Dieser ist zurückzuführen auf Paradigmenwechsel in Biografik und Historiografie. Die Faktizität der Geschichte wird angezweifelt und es wird von der Erkenntnis ausgegangen, dass jedes Individuum ein Stück weit selbst Geschichte konstruiert. Dies habe zur Folge, dass „dem Rezipienten nicht ein autoritatives Bild der biographierten Person präsentiert wird, sondern ‚contradictory versions of the same face’.“[4]

Nünning postuliert, dass es „[a]ngesichts der Vielfalt innovativer Gattungsausprägungen [...] einer typologischen Differenzierung verschiedener Erscheinungsformen der fiktionalen Dichterbiografie [bedarf].“[5] Deshalb schlägt er eine „skalierende Differenzierung verschiedener Typen fiktionaler Dichterbiographien“ vor, die von fiktionalen Dichterbiografien, „die sehr heteroreferentiell sind und in denen historisch belegte Ereignisse aus dem Leben eines Autors den dominanten außertextuellen Referenzbereich bilden“, als dem einen Pol bis zu fiktionalen Metabiografien am anderen Ende der Skala reicht, bei denen der Schwerpunkt auf „metafiktionale[n] Komponenten und Reflexionen über biographische Probleme“ liegt und die Darstellung der Lebensgeschichte der biografierten Person in den Hintergrund gerät.[6]

Annegret Heitmann macht neben der „Problematisierung des Erinnerungsvermögens“ auch die „Demontage der ganzheitlichen Identitätsauffassung“ für den Paradigmenwechsel in der fiktionalen Biografie verantwortlich.[7] All dies macht es erforderlich, Biografien unter bestimmten Aspekten zu analysieren, um sich Entscheidungen und Interessen des Autors bewusst zu machen und Stilmittel zu erkennen, mit denen der Autor sein Bild der biografierten Person konstruiert.

2. Textanalyse

Im Folgenden werde ich bei der Analyse von Hamsun. En filmberättelse Schwerpunkte auf die Selektivität des Materials, auf das Erzählgeschehen, die Konfiguration und auf die Erzählinstanz legen.

2.1 Selektivität

Als Drehbuch unterliegt Hamsun. En filmberättelse einer stärkeren Selektivität als es bei Romanen für gewöhnlich der Fall ist. Per Olov Enquist hat sich in seinem Werk für einen Abschnitt von etwa fünfzehn Jahren im Leben Knut Hamsuns entschieden. Es sind Hamsuns letzte Jahre, zu Beginn des Buches ist er bereits 75 Jahre alt. Es ist nicht etwa die Periode seines größten Ruhmes oder seiner größten Produktivität als Schriftsteller, die geschildert wird. Hamsun hat seinen Zenit längst überschritten, im Gegensatz zu den Erwartungen an den „großen“ Hamsun ist er alt, krank und seine geistige Strahlkraft stark eingeschränkt.

Enquist leitet den Leser dahin, Knut Hamsun von seinem Ende her zu betrachten. Dies stellt eine „hermeneutische Vorentscheidung“ dar, die laut Peter-André Alt notwendig ist, damit der Biograf sich nicht „der Zufälligkeit des Faktischen ausliefer[t].“[8] Dadurch und durch die konkrete Auswahl der Szenen in dem gewählten Lebensabschnitt entsteht eine Verdichtung und Fokussierung der Lebensbeschreibung, in der sich Enquists ganz subjektive Schwerpunktsetzung manifestiert.

In seinem Vorwort erläutert Enquist, dass sein Drehbuch von „två gamla människors slutstrid“ handle. Er will den „äktenskapliga dödsdans[...]“ der Hamsuns nachzeichnen.[9] Entsprechend wählt er für sein Werk viele Szenen, die Hinweise auf das Verhältnis von Knut und Marie zueinander und zu ihren Kindern geben. Einige dieser Ereignisse sind durch Briefe der beteiligten Personen belegt, andere erfindet Enquist selbst hinzu, um seine Sicht der „Tragödie Hamsun“[10] weiter zu untermauern. Besonders klar wird das in den Szenen 14 bis 22 des ersten Akts, in denen Hamsun seine Tochter Ellinor liebevoll zum Essen und Schlafen zu bringen versucht, die offensichtlich ohne historische Authentizität sind und die sehr eindrücklich unerwartete Verhaltensweisen von Knut Hamsun darstellen.

[...]


[1] Bernhard Fetz, Die vielen Leben der Biographie. Interdisziplinäre Aspekte einer Theorie der Biographie. In: ders. (Hrg.): Die Biographie. Zur Grundlegung ihrer Theorie. Berlin/New York: de Gruyter, 2009, S. 3-66. Hier S. 54.

[2] Per Olov Enquist, Hamsun. En filmberättelse. Stockholm: Norstedts, 1996.

[3] Ansgar Nünning, Von der fiktionalen Biographie zur biographischen Metafiktion. Prolegomena zu einer Theorie, Typologie und Funktionsgeschichte eines hybriden Genres. In: v. Zimmermann, Christian (Hrg.): Fakten und Fiktionen. Strategien fiktionalbiographischer Dichterdarstellungen in Roman, Drama und Film seit 1970. Tübingen: Narr, 2000, S. 15-36. Hier S. 18.

[4] Nünning, Von der fiktionalen Biographie zur biographischen Metafiktion, S. 17.

[5] Nünning, Von der fiktionalen Biographie zur biographischen Metafiktion, S. 20.

[6] Vgl. Nünning, Von der fiktionalen Biographie zur biographischen Metafiktion, S. 22f.

[7] Annegret Heitmann, Selbst Schreiben. Eine Untersuchung der dänischen Frauenautobiographik. In: Beiträge zur Skandinavistik 12. Frankfurt a.M., 1994, S. 41f.

[8] Peter-André Alt, Mode oder Methode? Überlegungen zu einer Theorie der literaturwissenschaftlichen Biographik. In: Klein, Christian (Hrg.): Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens. Stuttgart: Metzler, 2002, S. 23-39. Hier S. 29.

[9] Enquist, Hamsun. En filmberättelse, S. 7.

[10] Per Olov Enquist, Hamsun. Eine Filmerzählung. München/Wien: Carl Hanser, 2004, S. 5.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Biografisches Schreiben in Per Olov Enquists "Hamsun. En filmberättelse"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fennistik und Skandinavistik)
Veranstaltung
Biografisches Schreiben
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V210068
ISBN (eBook)
9783656382485
ISBN (Buch)
9783656382904
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biografisches, schreiben, beispiel, olov, enquists, hamsun
Arbeit zitieren
David Felsch (Autor), 2012, Biografisches Schreiben in Per Olov Enquists "Hamsun. En filmberättelse", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210068

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Biografisches Schreiben in Per Olov Enquists "Hamsun. En filmberättelse"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden