Kleisthenes: Motivation und Ziel seiner Reformpolitik


Essay, 2012

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kleisthenes als Begründer der Demokratie?

3 Isonomie als Leitmotiv der Reform
3.1 Politisierung der Bürger
3.2 Die Demen als Keimzellen der Demokratie
3.3 Trittyen und Phylen mischen die Gesellschaft
3.4 Eine demokratische Gesellschaft?

4 Kleisthenes als aristokratischer Machtpolitiker
4.1 Das Geschlecht der Alkmeoniden
4.2 Das Bündnis mit dem Demos
4.3 Der aristokratische Charakter der Reform
4.4 Die Alkmeoniden als Profiteure der Reform

5 Militärische Gründe für die Reform
5.1 Reformbedürftiges Heerwesen
5.2 Die Trittyen als Aushebungsbezirke
5.3 Teilaspekt der Gesamtreform

6 Interpretationsversuch des Aristoteles

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Den Reformen des Kleisthenes gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. werden gemeinhin eine hohe Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung Athens zu einer Demokratie beigemessen. In diesem Essay sollen jedoch weniger die einzelnen Bestandteile der Phylenreform im Vordergrund stehen, sondern vielmehr erörtert werden, was Kleisthenes nach dem Sturz der Tyrannis zu dieser Form der politischen und gesellschaftlichen Neugestaltung veranlasst haben könnte. Im Fokus der Diskussion soll dabei besonders die Frage stehen, ob Kleisthenes vor allem machtpolitische Intentionen hegte, um sich und seiner Familie zu neuer Größe zu verhelfen, oder ob er doch als volksfreundlicher Reformer agierte, der durch seine Maßnahmen Athen den Weg zur Demokratie ebnete.

In der modernen Forschungsliteratur finden sich zu dieser Thematik ausführliche, häufig kontroverse Erklärungsansätze und Deutungsversuche für mögliche Motive und Ziele des Kleisthenes. Demgegenüber steht jedoch ein äußerst dünnes Quellenfundament, da sich lediglich die „Historien“ von Herodot und der „Staat der Athener“ von Aristoteles näher mit den Reformmaßnahmen sowie dem historischen Kontext befassen und sich als Primärquellen heranziehen lassen. Problematisch ist zudem, dass beide Werke deutlich später abgefasst wurden, was eine besonders sorgsame und kritische Herangehensweise unabdingbar macht.

2 Kleisthenes als Begründer der Demokratie?

Für den Historiker Herodot war Kleisthenes der Politiker, „der die Einteilung nach Phylen und die Demokratie für die Athener einführte.“[1] Nach der Leidenszeit der Bevölkerung während der Tyrannis und den Wirren nach dem Sturz des letzten Tyrannen, Hippias, war es aus seiner Sicht Kleisthenes, der durch seine Reform Athen stabilisierte und die Demokratie installierte, ohne dies jedoch näher zu erläutern.[2] Dass dieses Urteil von Herodot aus heutiger Sicht gleich mehrere Ungereimtheiten aufweist, erschließt sich bei näherem Betrachten: Da es zu der Zeit Herodots noch keine vergleichbare demokratische Staatsform gab, musste er von der attischen Demokratie als absolutes Modell ausgehen, dessen Ursprung er unter die kleisthenischen Reformen subsumierte. Die moderne, repräsentative Demokratie unterscheidet sich jedoch erheblich in Form und Durchführung von der ursprünglichen und direkten attischen Gesellschaftsordnung.[3] Um den historischen Gegebenheiten gerecht zu werden, beschränken sich die folgenden Untersuchungen daher auf Kleisthenes und seine Rolle in der attischen Demokratieentwicklung. Bezüge zu modernen Demokratietheorien würden sowohl das Vorstellungsvermögen der antiken Akteure, als auch den Umfang dieser Arbeit übersteigen.

Ferner stellte Jochen Bleicken treffend fest, dass die Einführung einer Demokratie „niemals und nirgendwo dem schöpferischen Geist eines staatsmännischen Genies“ entspringt und aufgrund ihrer Komplexität „einen Umbruch des ganzen politischen Denkens verlangte“ und daher „nur aus einem vielschichtigen Bedingungsgefüge heraus hervorgegangen sein kann“.[4] Bereits an dieser Stelle wird ersichtlich, dass Kleisthenes nicht als alleiniger Begründer der attischen Demokratie in Frage kommt, zumal er die Entwicklungen im 5. Jahrhundert mit großer Sicherheit nicht vorhersehen konnte. Vielmehr gilt es zu untersuchen, inwiefern die Reformen des Kleisthenes einen nach damaliger Auffassung demokratischen Charakter trugen und somit Rückschlüsse auf eine gezielte Förderung der Volkssouveränität zulassen.

3 Isonomie als Leitmotiv der Reform

3.1 Politisierung der Bürger

Die Phylenreform wird von einigen Forschern als eine Reaktion auf die zunehmende Politisierung des Volkes, die sich in dem spontanen Volksaufstand 507 v. Chr. und der anschließenden Vertreibung von Isagoras und der spartanischen Invasoren manifestierte, verstanden. Es wird vermutet, dass in weiten Teilen der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit gegenüber der Tyrannis und alteingesessener Adelsherrschaft herrschte und der Wunsch nach einem politischen System aufkam, das es dem Volk ermöglichte, am politischen Leben zu partizipieren und es aus der klientelartigen Abhängigkeitsbeziehung zum Adel zu befreien. Führt man diesen Gedanken weiter aus, macht es den Anschein, dass die kleisthenische Reformpolitik bewusst an die vorübergehende Solidarität und den Drang auf politische Mitbestimmung innerhalb der Bevölkerung anknüpfte und sich diesen revolutionären Geist nutzbar machte, um so eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu konstituieren.[5]

3.2 Die Demen als Keimzellen der Demokratie

Die Grundeinheiten der kleisthenischen Reform stellten die 139 Demen dar, welche weitgehend nach der bestehenden Siedlungsordnung angelegt wurden. Durch die Übertragung von genau definierten kultischen und politischen Aufgaben, wie beispielsweise die Führung der Bürgerlisten und eigenen Beamten und Funktionären, wurden sie zu lokalen Selbstverwaltungseinheiten und Bürgerverbänden aufgewertet, worin durchaus ein demokratisches Potential lag: Vor der Reform waren die Bürger Athens von den gentilizischen Phratrien, die von Adelsfamilien dominiert wurden, abhängig. Diese verloren nun jedoch die Kontrolle über das Bürgerrecht und das Kulturmonopol an den Demos, wodurch sich die Bürger allmählich aus der angeborenen Gefolgschaft des Adels emanzipieren konnten. Von nun an sollten sie sich über ihre Demenzugehörigkeit, die auch zu einem Bestandteil des Namens werden sollte, und nicht länger über die Adelshäuser identifizieren. Dies bedeutete auf der einen Seite eine Schmälerung des Einflusses der Adelshäuser, auf der anderen Seite eine erhebliche Aufwertung der bürgerlichen Gleichheit und Solidarität. Innerhalb dieser überschaubaren Bürgereinheit konnten von nun an Angelegenheiten auf lokaler Ebene gemeinsam besprochen und gelöst werden, was zugleich das politische Bewusstsein der Bevölkerung stärkte.[6]

[...]


[1] Herodot: Geschichten und Geschichte II (Buch 5-9), übersetzt von Walter Marg, Zürich; München 1983, S. 129.

[2] Vgl. Raaflaub, Kurt: Einleitung und Bilanz: Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der Demokratie (1992), in: Kinzl, Konrad (Hrsg.): Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen, Darmstadt 1995, S. 8-11.

[3] Vgl. Ebd., S. 5.

[4] Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn; München [u.a.] 1995, S. 20.

[5] Vgl. Meier, Christian: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt (Main) 1989, S. 113-123; Ober, Josiah: The Athenian Revolution. Essays on ancient Greek democracy and political theory, Princeton (New Jersey) 1996, S. 51 f.

[6] Vgl. Martin, Jochen: Von Kleisthenes zu Ephialtes. Zur Entstehung der athenischen Demokratie, in: Kinzl, Konrad (Hrsg.): Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen, Darmstadt 1995, S. 171 f.; Bleicken, S. 44; Raaflaub, S. 22-24; Meier, S. 104 u. S.131 f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kleisthenes: Motivation und Ziel seiner Reformpolitik
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Athen im 5. Jahrhundert v. Chr.
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V210099
ISBN (eBook)
9783656399957
ISBN (Buch)
9783656401018
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kleisthenes, motivation, ziel, reformpolitik
Arbeit zitieren
Fabian Becker (Autor), 2012, Kleisthenes: Motivation und Ziel seiner Reformpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210099

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