Der rein ästhetische Blick nach Pierre Bourdieu

Darstellung und kritische Auseinandersetzung


Studienarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Thematische Einführung

2 Die reine Ästhetik
2.1Die Ästhetische Einstellung
2.2 Entwicklung des rein ästhetischen Blicks
2.3 Der rein ästhetische Blick und sein Distinktionswert
2.5 Exkurs: Der naive Blick der populären Ästhetik
2.5 Zusammenfassung der Thematik

3 Kritische Auseinandersetzung
3.1. Betrachtung der reinen Ästhetik unter Friedrich Nietzsche
3.2 Exkurs: Inklusionspotenzial der Künste

4 Fazit

Quellen.

1 Thematische Einführung

„Von allen Produkten, die der Wahl der Konsumenten unterliegen, sind die legitimen Kunstwerke die am stärkstenklassifizierendenundKlasse verleihenden.“ (Bourdieu 1987, 36)

Dieses Zitat von dem französischen Soziologen und Kunsttheoretiker Pierre Bourdieu (1930 - 2002) beschreibt sehr treffend mit welcher Thematik er sich in seinen Werken unter anderem beschäftigte. In der vorliegenden Arbeit wird Einblick in eine klassifizierende und Klasse verleihende Fähigkeit der reinen Ästhetik gegeben, nämlich der des rein ästhetischen Blicks. Pierre Bourdieu beschrieb in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ die Mechanismen dieses Blickwinkels und stellt vor allem den distinktiven Charakter und seine Bedeutung für die Gesellschaft dar.

In den folgenden Kapiteln wird der Erwerb dieser Fähigkeit, sowie deren Bedeutung für Kunstproduzenten und Betrachter dargestellt. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den Distinktionscharakter dieser besonderen Betrachtungsweise gelegt. Unter Heranziehung eines Aphorismus des Philosophen Friedrich Nietzsche wird eine weitere Sichtweise, außerhalb der von Pierre Bourdieu, auf die Kunstentwicklung durch die reine Ästhetik gegeben.

Um letztlich diese Arbeit nicht mit einem klassifizierenden Merkmal von Kunst zu beenden wird in einem kurzen Exkurs das Inklusionspotenzial der Künste jenseits des Anspruchs an eine reine Ästhetik an einem Beispiel aufgezeigt.

Folgende Fragen werden der Arbeit vorangestellt:

Kann ein rein ästhetischer Blick von jedem erworben werden oder bedarf es hierfür bestimmten Voraussetzungen? Welche Bedeutung hat der rein ästhetische Blick für Kunst und Gesellschaft? Ist das Wissen um einen rein ästhetischen Blick praktisch überhaupt von Bedeutung oder existiert dieser nur in der Theorie?

2 Die reine Ästhetik

Das Wort Ästhetik leitet sich aus dem griechischen „aisthesis“ ab. Ursprünglich bedeutet dies „sinnliche Wahrnehmung“. Erstmals wurde dieser Begriff vom deutschen Philosophen Alexander Baumgarten (1714 – 1762) geprägt. Er bezeichnete Ästhetik als die „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“, eine philosophische Teildisziplin im Sinne der Wahrnehmung des Schönen, Vollkommenen und Erhabenen. (Kutschera 1998, 1)

Eine Auseinandersetzung mit dem Schönen ist jedoch nicht erst seit Baumgarten vorhanden, sondern reicht weit zurück bis in die Antike.

Pierre Bourdieu beschäftigte sich innerhalb seiner Kunsttheorie mit dem Distinktionspotenzial einer reinen Ästhetik. In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ stellt er kulturelle Bedürfnisse (bspw. Besuch von Museen, Bevorzugung einer bestimmten Musik) in engen Zusammenhang mit dem jeweiligen Bildungsgrad und der sozialen Herkunft. (Bourdieu 1987, 18) Demnach ist Kunst nicht per se für jeden zugänglich und verständlich. „Von Bedeutung und Interesse ist Kunst einzig für den, der die kulturelle Kompetenz, d.h. den angemessenen Code besitzt.“(Bourdieu 1987, 19) Mit diesem „Code“ ist das Wissen, bspw. um Kunstbegriffe oder die Einordnung eines künstlerischen Stils in eine Epoche, gemeint. Ohne die Beherrschung des Codes, so Bourdieu, ist der Laie„unfähig, da[er]nie gelernt[hat],sich die geforderte Einstellung zu eigen zu machen“(Bourdieu 1987, 19). Und nur wer diesen besonderen Code besitzt, ist auch fähig einen Gegenstand rein ästhetischen zu betrachten. Bevor genauer auf den ästhetischen Blick eingegangen werden kann, muss zunächst erläutert werden, was unter einer ästhetischen Einstellung verstanden wird.

2.1 Die Ästhetische Einstellung

Pierre Bourdieu versteht unter der ästhetischen Einstellung„die einzige gesellschaftlich für angemessen erachtete Art und Weise[…]sich Gegenständen zu nähern“und zwar denjenigen Gegenständen, denen die Gesellschaft den Titel eines Kunstwerks verliehen hat. (Bourdieu 1987, 58) Folglich kann jedes beliebige Objekt zu einem Kunstwert werden, wenn er unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Diese Sichtweise eines Gegenstandes unterliegt bestimmten Forderungen, so muss sie über eine rein praktische Wahrnehmung hinausgehen. Bourdieu geht davon aus, dass die Gesamtheit der vom Menschen hergestellten künstlerischen Gegenstände den Anspruch erheben, rein ästhetisch, d.h. in ihrerFormstattFunktion,wahrgenommen zu werden (Bourdieu 1987, 58). Eine Ampel beispielsweiße hat eine bestimmte Form und besteht aus bestimmten Farben, aber als Verkehrslichtsignalanlage erfüllt sie in erster Linie eine praktische Funktion. Sie wird also eher in ihrer Funktion als in ihrer Form betrachtet und bedient somit keinen ästhetischen Anspruch. Der Erwerb einer solch rein ästhetischen Wahrnehmung ist für Bourdieu nicht nur das Resultat von Begabung oder bestimmter Lernprozesse, sondern hängt von der„ungleichen, nämlich klassenspezifischen Verteilung der Fähigkeit[…],sich durch ein Kunstwerk und, allgemeiner, durch die Werke der hohen Kultur begeistern zu lassen“ ab. (Bourdieu 1987, 57f.)

Zum Ausdruck kommt diese ästhetische Einstellung im rein ästhetischen Blick.

2.2 Entwicklung des rein ästhetischen Blicks

Für Bourdieu ist der rein ästhetische Blick nichts schon immer Dagewesenes, sondern stellt ein historisches Produkt dar. Verbunden ist dieser mit dem Auftreten eines autonomen künstlerischen Produktionsfeldes, welches die ausschließliche Aufmerksamkeit auf die Form statt der Funktion des jeweiligen Kunstwerks fordert und nur einer Gruppe von Menschen, die zu einer rein ästhetischen Betrachtung fähig sind, zugänglich ist. (Bourdieu 1987, 21) Dieser ästhetische Blick kann jedoch nicht einfach erworben werden, sondern hängt von bestimmten Voraussetzungen ab. So muss zum Beispiel ein Kind, frühzeitig in seiner Entwicklung mit Kunst konfrontiert sein, Museen besuchen, ins Theater gehen, eine lange Schulbildung genießen und viel Freizeit haben. Dabei muss gewährleistet sein, dass sich das Kind nicht mit materiellen Nöten beschäftigen muss. (Bourdieu 2001, 454) Dem rein ästhetischen Blick gehen also zwei Entwicklungen voraus. Zum einen ist es die rein ästhetische Intention des Künstlers und zum anderen ein bestimmter ästhetisch ausgebildeter Habitus des Konsumenten. Bourdieu sagt, dass„das Auge des Ästheten das Werk als solches schafft“, aber dieses Auge selbst ist wieder ein Produkt der Geschichte. (Bourdieu 2001, 455) Es besteht folglich ein Zusammenhang zwischen dem künstlerischen Tun, dem gesellschaftlichen Umgang damit und wie beides gemeinsam das allgemeine Denken und die Wahrnehmung insgesamt betreffen. (Kastner 2012, 28) Die Werke legitimer Kunst sind somit keine rein persönliche Angelegenheit, sondern drücken soziale Differenzen aus und festigen diese auch. (Kastner 2012, 54) Pierre Bourdieu unterscheidet zwischen drei Geschmacksdimensionen, welche drei verschiedenen Bildungsniveaus und damit gesellschaftlichen Klassen entsprechen:

1. Der legitime Geschmackfür die legitimen Werke. Sein Auftreten wächst mit steigender Bildung und gipfelt in den Kreisen der herrschenden Klasse mit den größten schulischen Kapitalien.
2.Der mittlere Geschmackbezieht sich auf die minderbewerteten Werke der legitimen Kunst. Anzutreffen ist er bei Angehörigen der Mittelklasse.
3. Der „populäre“ Geschmackbezieht sich auf Werke der „leichten“ oder aber auch durch Verbreitung der entwerteten Kunst. Vertreten ist er am häufigsten in den unteren sozialen Schichten. (Bourdieu 1987, 37f.)

Der rein ästhetische Blick ist folglich nach Bourdieu nur in den höheren Klassen vorhanden und besitzt somit Distinktionscharakter gegenüber unteren Gesellschaftsschichten.

2.3 Der rein ästhetische Blick und sein Distinktionswert

Pierre Bourdieu beschreibt den rein ästhetischen Blick als Sicht auf die Welt. Dieser Blick verfolgt dabei jedoch keinerlei Interesse, außer der Betrachtung um seiner selbst willen. Sichtbar wird dies in der modernen Kunst, die sich abhebt von allem Weltlichen und das Publikum in zwei Kategorien trennt, in die „die verstehen“ und diejenigen „die nicht verstehen“. An dieser Stelle beruft sich Bourdieu auf den spanischen Soziologen und Philosophen Ortega y Gasset, der davon ausgeht, dass der verstehende Teil des Publikums, etwas besitzen muss, was dem anderen Teil offensichtlich verwehrt bleibt. (Bourdieu 1987, 61)„Die neue Kunst ist nicht für jedermann wie die romantische, sie spricht von Anfang an zu einer besonders begabten Minderheit“(Ortega y Gasset in Bourdieu 1987, 61). Demnach stellt der ästhetische Blick also ein Privileg dar, welches eine gewissen Demütigung und Unterlegenheit der Massen impliziert. Die rein ästhetische Intention eines Kunstwerks kann folglich als Distinktion von Wenigen gegenüber Vielen gesehen werden.

Dieser Wunsch nach Abgrenzung ist jedoch an und für sich nichts neues, da Kunst nie jedem so zugänglich war wie heute. Früher war der Zugang zur Kunst dem Proletariat verwehrt und stellte ein reines Vorrecht der höheren Klassen dar. Heute hat prinzipiell jeder die Möglichkeit Kunstausstellungen zu besuchen, Literatur zu lesen oder klassische Musik zu hören und dadurch über Kunst zu urteilen. Die moderne Kunst jedoch entzieht sich diesem Urteil der Massen indem sie„kein unmittelbar sinnliches Vergnügen“(Langer in Bourdieu 1987, 62) darstellt. Was bedeutet, dass sie nicht jeden Geschmack trifft und somit sich einer allgemeinen Zugänglichkeit verschließt.

Der rein ästhetische Blick beinhaltet also etwas Abgrenzendes, die Möglichkeit sich gegenüber dem Herkömmlichen, Normalen, Gemeinen zu distinguieren. Für Bourdieu stellt diese Distinktion einen„Bruch mit der alltäglichen Einstellung zur Welt, einen Bruch mit der Gesellschaft“(Bourdieu 1987, 62) dar. Der rein ästhetische Blick kann sich aus Sicht Bourdieus nur auf der Grundlage von ökonomischem Reichtum und kulturellem Kapital entwickeln. (Kastner 2012, 98)

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der rein ästhetische Blick nach Pierre Bourdieu
Untertitel
Darstellung und kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Fachhochschule Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V210188
ISBN (eBook)
9783656383307
ISBN (Buch)
9783656383659
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
blick, pierre, bourdieu, darstellung, auseinandersetzung
Arbeit zitieren
B.A. Senta Schäffer (Autor), 2013, Der rein ästhetische Blick nach Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210188

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