Umweltzerstörung in W.G. Sebalds "Die Ringe des Saturn"

Hoffnungslosigkeit in der Betrachtung oder Überwindung durch Betrachtung?


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stille Katastrophen - Das Verhältnis von Mensch und Natur bei Sebald in der Forschung..

3. Hoffnungslosigkeit oder Überwindung - Einige Episoden aus Die Ringe des Saturn im Detail
3.1 Der Wert des Herings
3.2 Landschaften
3.2.1 Brandrodung und die Heide von Dunwich
3.2.2 Die Schafweide von Orford und die Fasanenjagd
3.2.3 Das Vernichtungspotential des Menschen

4. Schlussbetrachtung

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Textausgaben

Forschungsliteratur

1. Einleitung

Dem 1995 erschienenen Text Die Ringe des Saturn von W. G. Sebald liegt dessen "Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk" (Ringe: 11) im August 1992 zugrunde. Er selbst gibt an, diese Reise unternommen zu haben, in der Hoffnung, "der nach dem Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere" (ebd.) zu entkommen.

Dieser sehr autobiographisch geprägte Beginn des Buches sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dessen weiteren Verlauf die Grenzen zwischen Autor und Erzähler ständig verwischt werden und nicht immer klar wird, wo Sebald genuin selber Erlebtes beschreibt und wo er ausschmückt und dazu erfindet. Dass dies bewusst geschieht, wird nicht zuletzt dann deutlich, wenn Fotos abgebildet sind, die sich zwar assoziativ an den nebenstehenden Text anbinden lassen, allerdings klar erkennbar nicht eins zu eins den im Text beschriebenen Begebenheiten zuzuordnen sind. Auch durch die Struktur des Buches emanzipiert Sebald sich von der klassischen Form eines Reiseberichts. Zwar lassen sich die Stationen seiner Reise auf einer Karte nachverfolgen, aber die Übergänge von einem Ort zum anderen sind mal fließend, so dass der Leser erst nach einigen Zeilen merkt, dass der Erzähler den Ort gewechselt hat, mal schroff, die nächste Station der Reise mit der vorhergehenden eher assoziativ denn räumlich verbindend. Hinzu kommt, dass Kunstwerke, Menschen, Phänomene der Landschaft, und noch einiges mehr, oft zu seitenlangen, sehr detaillierten Exkursen führen, die den Leser tiefer in die Geschichte des Ortes eintauchen lassen oder die sich vom Ort des Reiseberichtes ganz entfernen. So nimmt Sebald eine Dokumentation der BBC, die er in nur halb wachem Zustand in einem Hotel in Southwould im Fernsehen sieht, zum Anlass, das bewegte Leben des Polen Teodor Josef Konrad Korzeniowski zu erzählen, der als Seemann fast die ganze Welt bereiste. (Vgl. Ringe: 125-163) Eingewoben in diese Erzählung ist die nüchterne und dennoch sehr eindringliche Schilderung der belgischen Kolonisierung des Kongos. (Vgl. Ringe: 141-156) An anderer Stelle inspiriert eine Brücke, auf der einst eine Schmalspurbahn verkehrte, eine ausführliche Darstellung der Öffnung des chinesischen Reiches, da die Waggons der Bahn angeblich eigentlich für den Kaiser von China bestimmt gewesen waren. (Vgl. Ringe: 165-185)

Die einzelnen Episoden des Reiseberichtes sind nicht zwangsläufig direkt aufeinander zu beziehen, sondern eher um bestimmte Motive gruppiert. Dominierend sind Themen wie Verfall, Zerstörung, Niedergang, Tod, menschliche Schwäche sowie menschliches Versagen und Scheitern.

Damit verbunden wird die Beobachtung von der Ausbeutung und Zerstörung der Natur durch den Menschen und die dadurch provozierte, sich jedoch nur schleichend vollziehende, Naturkatastrophe. Die beschriebene Umweltzerstörung scheint auf den ersten Blick unumkehrbar, ein Eindruck, der von dem schon erwähnten Menschenbild, welches Sebald konstruiert, nur noch verstärkt wird. Allerdings schrieb Sebald 1985, 10 Jahre vor Erscheinen von Die Ringe des Saturn:

Melancholie, das Überdenken des sich vollziehenden Unglücks, hat aber mit Todessucht nichts gemein. Sie ist eine Form des Widerstands. Und auf dem Niveau der Kunst vollends ist ihre Funktion alles andere als bloß reaktiv oder reaktionär. Wenn sie, starren Blicks, noch einmal nachrechnet, wie es nur so hat kommen können, dann zeigt es sich, daß die Motorik der Trostlosigkeit und diejenige der Erkenntnis identische Exekutiven sind. Die Beschreibung des Unglücks schließt in sich die Möglichkeit zu seiner Überwindung ein.1

Ist die Betrachtung der Zerstörung der Umwelt in Die Ringe des Saturn also wirklich nur von Hoffnungslosigkeit geprägt, oder gibt es Hinweise darauf, dass in dieser Betrachtung die Möglichkeit der Überwindung des Unglücks schon angelegt ist? Zur Annäherung an die Antwort zu dieser Frage soll zunächst ein kurzer Überblick darüber gegeben werden, wie die Forschung dieses Thema bisher behandelt hat.

2. Stille Katastrophen - Das Verhältnis von Mensch und Natur bei Sebald in der Forschung

Renate Justs Potrtrait Sebalds mit dem Namen Stille Katastrophen eignet sich gut als Einstieg in die Sebald - Forschung:

In der Tat ist das Thema seines Schreibens 'die stille Katastrophe': Die Idylle, in der prekärste Bedrohung, die Agonie der Natur, schon nistet; aber es sind auch die unauffälligen Desaster individueller Biographie. Als Katastrophe, so läßt sich aus seinen Texten folgern, hat man wohl unser Erdenleben anzusehen - im Schicksal des Einzelnen wie als globalen Umstand. Die 'Condition humaine' tut nicht gut: sich nicht und nicht dem Planeten, den sie regiert. [...] Sebald ist ein Berichterstatter, der mit einem präzisen Blick kalter Verzweiflung die Deformation des Selbst und der Umgebung registriert - ohne Pathos und ohne Larmoyanz.2

Für Just ist Sebalds Werk charakterisiert durch die nüchterne Beobachtung von Umwelt und Mensch, welche nie die Historizität des Beobachteten negiert und somit keine Illusionen über dessen Zukunft zulässt. Diese sieht, aufgrund der menschlichen Eigenschaft Unglück über sich selbst und seine Umwelt zu bringen, nicht allzu rosig aus.

Anne Fuchs, eine der produktivsten Sebald - Forscherinnen, beschäftigt sich in Ein Hauptkapitel der Geschichte der Unterwerfung damit, wie Sebald Landschaften beschreibt und in seinen Werken bildliche Landschaftsdarstellungen verarbeitet. Aus diesem Text zum Verhältnis von Mensch zur Natur in Die Ringe des Saturn'.

[...]it is no longer possible for landscape to exist independently of the history of the subjugation of nature. Sebald's own descriptions of landscape therefore treat nature as a historically marked space that provides a living archive of the history of catastrophes for which mankind is responsible.3

Die Parallelen zu Justs Einordnung von Sebalds Schreiben sind unübersehbar: Es scheint fraglich, ob für Sebald eine Abwendung von Katastrophen und Umweltzerstörung überhaupt denkbar ist: Die Natur kann schon gar nicht mehr betrachtet werden, ohne in ihr auch die Spuren der menschlichen Zerstörung zu sehen. Aufgrund der Ausbeutung der Natur und deren ökologischen Konsequenzen ist ein harmonisches Erleben von Landschaft und Natur nicht mehr möglich.4 Sebald begreift die Natur ,,as a cultivated region, as an expression of lived history.“5 Bei solch' einem Verständnis von Natur liegt es in der Hand des Menschen, ob seine Umwelt ein Ort von Glück oder Unglück ist.6

Die Frage, wie sich der Mensch zu seiner Umwelt verhält und verhalten sollte, steht auch nach der Auffassung von Colin Riordan im Mittelpunkt von Sebalds Schaffen.7 Sein Aufsatz Ecocentrism in Sebald's After Nature bezieht sich zwar dem Titel nach auf Sebalds Gedicht Nach der Natur und die Präsenz von Ecocentrism8 in diesem, er macht jedoch zum Werk Sebalds folgende allgemeine Aussage: „The unmissable strengths of Sebald's approach, the ability to see ourselves in context, to think in terms of connective processes, are in essence ecocentric.“9

Bemerkenswert in Bezug auf meine Fragestellung ist außerdem, dass Riordan, neben der ja auch von Fuchs getätigten Beobachtung, dass all das, was wir als Natur bezeichnen, vom Menschen geformt ist, noch zwei weitere Theorien angibt, die beschreiben, wie Natur konstruiert wird: Zum einen durch eine soziale Praxis, die darin besteht, dass der Mensch immer weiter von der Natur entfremdet wird, je mehr er sich darum bemüht, sie zu beherrschen. Diese Entfremdung führt jedoch auch dazu, dass die Natur als etwas rekonstruiert wird, vor dem man Furcht empfinden muss, was wiederum zum Ergebnis hat, dass die Anstrengungen, sie zu überwinden, intensiviert werden.

Zum anderen durch kulturelle Praxis: „Representation of nature - for example, writing about nature - is inseperable from nature. [...] ' Constructed nature' is nature, because it cannot be seperated from what human beings do to nature (including representing it).“10 Daraus folgt, dass Sebalds poetische Überlegungen zur Natur nicht nur deskriptiv und repräsentativ, sondern auch konstruktiv sind und damit potentiell die Vorstellung des Lesers von Natur und wie mit ihr umgegangen werden soll, beeinflusst.11

Schließlich sind noch zwei Aufsätze erwähnenswert, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Tier in Sebalds Werk, beziehungsweise in Die Ringe des Saturn, beschäftigen. Hans- Walter Schmidt-Hannisa schreibt, dass es ein wichtiges Anliegen von Sebald gewesen sei, das öffentliche Bewusstsein dahingehend zu beeinflussen, dass der Mensch auch für Tiere eine moralische Verantwortung übernimmt und diesen nicht nur im Hinblick auf ihren Nutzen für den Menschen einen moralischen Wert zuspricht.12 Damit einhergehend habe er sich auch gegen ein Geschichtsverständnis gestellt, welches das Schicksal von Tieren vollkommen unberücksichtigt lässt.13 Als Kontrast zu einem anthropozentrischen Weltbild, welches Sebald ablehne, seien in seinem Werk einige Episoden von einem harmonischen Neben- und Miteinander von Mensch und Tier zu finden, in welchen die Ähnlichkeit von Mensch und Tier deutlich und somit die Vorstellung, dieser sei jenem natürlicherweise überlegen, verneint werde.14

Doch nicht nur die Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier, zum Beispiel die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, begründen für Sebald die Forderung, Tieren einen Wert zuzuschreiben, sondern gerade ihre artenspezifische Andersartigkeit, wie Sara Friedrichsmeyer erläutert: „Diese Einzig - Artigkeit [jeder Tierart, N. B.] macht, [...] daßjede Art eine unverwechselbare Potenz besitzt, die menschliche Fähigkeiten oft hinter sich lässt. Darum sind Tiere nicht als Gegenüber und das Andere zu werten, sondern als gleichwertige

[...]


1 W. G. Sebald: Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke. Salzburg 1985, S. 12.

2 Renate Just: Stille Katastrophen. In: Franz Loquai (Hrsg.): W. G. Sebald (Porträt 7), Eggingen 1997, S. 28.

3 Fuchs, Anne: „Ein Hauptkapitel der Geschichte der Unterwerfung“. Representations of Nature in W. G. Sebald's Die Ringe des Saturn. In: Fuchs, Anne u. Long, Jonathan J. (Hrsg.): W. G. Sebald and the Writing of History, Würzburg 2007, S. 129.

4 Vgl. ebd.

5 Ebd., S. 137.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. Riordan, Colin: Ecocentrism in Sebald's After Nature. In: Long, Jonathan J. u. Whitehead, Anne (Hrsg.): W. G. Sebald. A critical companion, Seattle 2004, S. 46.

8 Riordan über Ecocentrism: „As Carolyn Merchant puts it, an ecocentric ethic implies that: 'The whole environment, including inanimate elements, rocks and minerals along with animate plants and animals, is assigned intrinsic value [...].' E. isa holistic ethos: context, connections and process are the foundations of an ecocentric understanding of the world and our place in it.“ (Ebd.)

9 Ebd.

10 Ebd., S. 48.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Hans-Walter Schmidt-Hannisa: Aberration of a Species. On the Relationship between Man and Beast in W. G. Sebald's Work. In: Fuchs, Anne u. Long, Jonathan J. (Hrsg.): W. G. Sebald and the Writing of History, Würzburg 2007, S. 33.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd., S. 35ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Umweltzerstörung in W.G. Sebalds "Die Ringe des Saturn"
Untertitel
Hoffnungslosigkeit in der Betrachtung oder Überwindung durch Betrachtung?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V210215
ISBN (eBook)
9783656383543
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sebald, Die Ringe des Saturn, Umweltzerstörung
Arbeit zitieren
Nils Brenner (Autor), 2011, Umweltzerstörung in W.G. Sebalds "Die Ringe des Saturn", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210215

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