Die Kleingruppe unter gruppenpsychologischen Aspekten


Hausarbeit, 2012

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gruppenforschung und theoretische Grundlagen

3. Klassifikationsmerkmale der Gruppe
a. Definition Gruppe
b. Gruppengröße
c. Gruppenziel/ gemeinsame Aufgabe
d. Strukturierung
e. Normen
f. Dauer

4. Interaktion und Kommunikation

5. Phasen der Gruppenbildung

6. Gruppenleistung
a. Leistung und Aufgabe
b. Leistung und Gruppenzusammensetzung
c. weitere Einflussfaktoren
d. Leistung und Kohärenz

7. Vor- und Nachteile der Gruppenarbeit
a. Erfahrungsvielfalt vs. suboptimaler Informationsaustausch
b. Wir-Gefühl vs. Nivellierung
c. Entscheidungslegitimation vs. Verantwortungsdiffusion
d. Kreativität vs. Risky-shift
e. Gruppenstabilität vs. Groupthink und Entrapment
aa. Groupthink
bb. Entrapment

8. Konformität in Gruppen

9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Kleingruppen bestimmen unser Leben von Anfang an. Schon in der Familie – dem Prototyp der Kleingruppe - gilt zu interagieren, kommunizieren und Probleme zu lösen. Auf dem weiteren Lebensweg begegnen uns viele weitere Gruppenformen: Schulklassen, Studenten-WGs und Freizeitgruppen. In der Arbeitswelt haben wir es ebenfalls mit Gruppenstrukturen - der Kollegenschaft allgemein oder Projektteams im Speziellen - zu tun. Selbst in der Politik sollen Gruppen helfen, bei komplexen Problemen zu effizienten Lösungsansätzen zu kommen.

Sobald also Personen zusammen kommen, laufen gruppendynamische Prozesse ab. Warum bedient man sich überhaupt der Gruppe? Schulz & Frey (1998, S. 140) formulieren als Grund, dass „individuelle Irrtümer und Fehleinschätzungen durch die Gruppe ‚aufgefangen‘ werden können“. Dadurch, dass mehrere Personen gemeinsam eine Entscheidung erarbeiten, würden eine größere Anzahl von Informationen und Ideen in den Entscheidungsprozess einfließen als dies ein Einzelner vermag (Schulz & Frey, a.a.O.).

Die vorliegende Arbeit behandelt grundlegende Fragen der Gruppen-forschung: Wie bildet sich eine Gruppe? Was beeinflusst die Abläufe in ihr? Wie gelingt zielgerichtete Gruppenkommunikation? Ist eine Gruppenentscheidung derjenigen von Einzelnen wirklich überlegen? Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Kleingruppe. Sie ist allein aufgrund ihres häufigen Vorkommens weder aus unserem Alltag noch aus der Gruppenpsychologie wegzudenken: 92% aller Gruppen haben laut Sader (1991, S. 63) zwei bis drei Mitglieder. Dagegen bestehen nur 2% aller Gruppen aus mehr als fünf Personen.

2. Gruppenforschung und theoretische Grundlagen

Die Gruppenforschung ist sowohl auf soziologischem und sozialwissen-schaftlichem als auch sozialpsychologischem Terrain zuhause. Der Begriff der Gruppe wurde in der deutschen Soziologie Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Werken von Comtes, Gumplowicz, Simmels, von Wiese oder Tönnies verwendet (Schäfers, 1999, S. 27). Eine „theoretische Sättigung“ bis in die 1940er Jahre hinein darf als Ursache dafür gelten, dass die deutschen Gruppenforscher zunächst kein weiteres Bedürfnis nach theoretischer Fundierung der Gruppenforschung hatten (Schäfers, a.a.O.). Die Erforschung der Kleingruppe in experimentellem Umfeld in den 1920er bis 1950er Jahren wurde stattdessen entscheidend von US-amerikanischen Sozialpsycho-logen voran getrieben. So habe laut Schäfers (1999, S. 30) der Amerikaner Bales den Begriff „Kleingruppe“ erstmalig im Jahr 1946 benutzt. Lewin, Lippit & Whyte widmeten sich der Frage der Abhängig-keit von Führungsstilen und demokratischen Einstellungen in Gruppen. Moreno und Mayo untersuchten die Gruppenzusammensetzung als Voraussetzung harmonischer Gesellschaftsstrukturen und persönlichen Wohls. Arbeiten zur Bedeutung von Kleingruppen für die Herausbildung von Normen und die Erzeugung von Konformitätsdruck stammen von Sherif, Asch und Milgram. Bales beschrieb Rollendifferential, Sozialhierarchien sowie Interaktions- bzw. Kommunikationssysteme in Gruppen (Übersicht in Schäfers, 1999, S. 31).

Seit den 1970er Jahren liegen Arbeiten zahlreicher deutscher Kleingruppenforscher vor. Dabei scheint die traditionelle Forschung zu Kleingruppen jedoch zu stagnieren zugunsten von Untersuchungen, die eher das Erleben und Verhalten von Individuen in den Mittepunkt stellen (so Girgensohn-Marchand, 1999, S. 54). Das Problem der Klein-gruppenforschung sei laut Girgensohn-Marchand, dass die untersuchten Sachverhalte sehr vielfältig seien. Daher hätten sich diverse kognitive Theorien für Einzelaspekte gebildet (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 57). Girgensohn-Marchand (1999, S. 57) nennt drei generelle theore-tische Paradigmen zur Erklärung von Gruppenphänomenen:

- Die Konstruktion der Realität mit und durch die anderen

Menschen machen sich durch kognitive Prozesse ein realistisches Abbild der Umgebung, unterliegen aber auch emotionalen Prozessen. Es ist sowohl eine realistische Wahrnehmung als auch eine irrationale Verzerrung der Umwelt nötig, um den eigenen Selbstwert und den der Gruppe im Gleichgewicht erhalten (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 57). Beim Kontakt zu anderen prüfen wir, ob die empfangenen Informationen mit unseren eigenen übereinstimmen. Wenn dies bei wichtigen Fragen nicht zutrifft, entstehen Meinungsunterschiede und kognitive Dissonanz. Wir versuchen, unsere Meinung der anderen anzugleichen, andere von unserer Meinung zu überzeugen oder verlassen die Gruppe. Gibt es keine objektiven Maßstäbe, orientieren wir uns an ähnlichen oder für kompetent gehaltenen Personen bzw. an denen, zu denen wir gehören möchten (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 59).

- Die lerntheoretisch begründete Austauschtheorie

Die Lerntheorie geht davon aus, dass jedes Verhalten eine Belohnung oder Bestrafung nach sich zieht und einmal „gelernte“ Verhaltensweisen sich verstärken. Die Austauschtheorie nimmt an, dass der Gewinn, den eine Person in einer Gruppe erhält, mit den bisher gemachten Erfahrungen sowie einem möglichen Gewinn aus Alternativen verglichen wird (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 59).

- die Theorie der sozialen Identität

Diese besagt, dass Gruppen Quellen sozialer Identität sind (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 57) und das Gruppenmitglied dadurch das Bedürfnis hat, mit den Gruppenmitgliedern über Themen zu sprechen, um sich ihrer Zustimmung zu versichern oder um ihre Meinungen an die eigene Überzeugung anzunähern (Girgensohn-Marchand, 1999, S. 75).

Schneider (1985, S. 15) weist darauf hin, dass die Erkenntnisse sozial-psychologischer Kleingruppenforschung kultur- und zeitgebunden seien. Daher könne man z.B. die amerikanische Gruppenforschung nicht ohne weiteres auf europäische Maßstäbe übertragen. Auch würden frühere Studien zu Konformitätsverhalten von Frauen höhere Konformitätsraten aufweisen als neuere Untersuchungen.

3. Klassifikationsmerkmale der Gruppe

Definitionen bzw. Klassifikationen von Gruppen sagen zwar nichts über die einzelnen Gruppenmitglieder aus. Dennoch können durch Klassifikationsmerkmale ihre Beziehungen zueinander beschrieben werden (Sader, 1991, S. 39). Im Folgenden werden einige Klassifikationsmerkmale von Gruppen erörtert, die als Rahmenbedingungen für die Untersuchung von Gruppenphänomenen heran gezogen werden können.

a. Definition Gruppe

Welche Kriterien dies sind, kann anhand der Definition der Gruppe von Rosenstiels (2011, S. 18) ersehen werden. Danach ist Gruppe eine

- Mehrzahl von Personen in
- direkter Interaktion über eine
- längere Zeitspanne bei
- Rollendifferenzierung und
- gemeinsamen Normen, verbunden durch
- ein Wir-Gefühl

b. Gruppengröße

Bereits durch die Gruppengröße können Entscheidungsprozesse beeinflusst werden. Mit zunehmender Gruppengröße vollzieht sich eine qualitative Änderung in der Gruppe (Schneider, 1985, S. 19). Die Gruppe werde mit steigender Größe unübersichtlicher, die Kommunikation erschwert und eine Aufgliederung in Untergruppen mit relativer Selbständigkeit setze ein.

Von Rosenstiel (2011, S. 18) spricht bei Gruppe von der „Mehrzahl von Personen“, also mindestens einer Dyade. Sobald zwei Personen aufeinander treffen, kann Interaktion und Kooperation stattfinden. Von Rosenstiel (2011, S. 18) und Schneider (1985, S. 19) weisen jedoch darauf hin, dass die meisten Vertreter der sozialpsychologischen Gruppenforschung erst bei drei Personen (Triade) von einer Gruppe ausgehen würden, weil die soziale Einheit einer Dyade schon zerfallen könne, wenn einer der Teilnehmer die Gruppe verlasse. Diese Gefahr besteht jedoch auch bei Triaden, wenn sich nämlich von den verbleibenden beiden Personen wiederum eine zum Verlassen der Gruppe entscheidet. Selbst bei größeren Gruppen kann man dieses Argument denklogisch immer weiter führen.

Außerdem kommen in der Frage, ob Dyade oder Triade zur Gruppe nötig sind, weitere Argumente zum Zuge: Erst bei einer ungeraden Anzahl von Mitgliedern – so von Rosenstiel (2011, S. 19) könnten spezifische gruppendynamische Phänomene wie z.B. Mehrheit gegen Minderheit, Koalitionsbildung und –wechsel beobachtet werden.

Zwar ist eine eindeutige Beobachtbarkeit von Gruppenphänomenen für die Forschung wünschenswert. Die im Alltag auftauchenden Phänomene richten jedoch meist nicht nach gewünschten Beobachtungen. So macht auch Sader (1991, S. 20) deutlich, dass ein Missverhältnis zwischen dem Anspruch der sozialpsychologischen Gruppenforschung und dem bestehe, was die Forschung wirklich zu leisten vermag:

„Es sieht nicht so aus, als ob die Sozialpsychologie Fragen (…) in einer Weise beantworten kann, wie sie dem praktisch Handelnden vorschwebt und wie sie gesellschaftlich erforderlich erscheint.“

Im Anwendungsfall würden laut Sader (1991, S. 20) immer auch die kon-kreten Bedingungen des Einzelfalles eine Rolle spielen. Es sei jedoch nicht zu erwarten, dass beweiskräftige Befunde für jede mögliche Bedin-gungskonstellation erhoben werden könnten.

Bezogen auf die o.g. Frage der Zweiergruppe können in selbiger zwar Pattsituationen geben sein. Dennoch mindert dies nicht die Charakterisierung der Dyade als Gruppe, zumal alle übrigen Voraussetzungen für das Vorhandensein einer Gruppe vorliegen können. Mithin wird die Dyade – auch in Übereinstimmung mit Sader (1991, S. 36) - in der vorliegenden Arbeit als Gruppe gewertet.

Von einer Kleingruppe geht Sader (1991, S. 39) bei 2 bis 6 Personen aus; bei 3 bis 30 Personen spricht er von einer Gruppe. Großgruppen bestünden ab einer Personenanzahl von 25 Gruppen. Schneider (1985, S. 32-33) beschreibt, dass verschiedene Autoren für die Kleingruppe sogar zwischen 2 und zwei Dutzend Personen angeben würden, die Mehrzahl der empirischen Arbeiten jedoch bei einer Anzahl bis 8 Personen von einer Kleingruppe ausgehe. Diese Unterschiede bei der Bestimmung einer Maximalgröße für eine „Kleingruppe“ zeigen, dass eine Eingrenzung auf konkrete Personenzahlen aufgrund der Vielschichtigkeit der untersuchbaren Lebenssachverhalte schwer möglich scheint. Schneider (1985, S. 33) hält daher eine alternative Bestimmung von Kleingruppen anhand qualitativer Merkmale für plausibel. So würde die Gruppencharakteristik teilweise daran festgemacht, ob die Gruppe überschaubar sei und einen Face-to-face -Kontakt sowie starke emotionale Bindungen ermöglichen könne.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Kleingruppe unter gruppenpsychologischen Aspekten
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Institut für Organisationspsychologie)
Veranstaltung
Arbeits- und Organisationspsychologie, Schwerpunkt Selbst und Sozialkompetenz
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V210258
ISBN (eBook)
9783656384496
ISBN (Buch)
9783656385363
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppenpsychologie, Kleingruppe, Gruppendynamik, Kohärenz, Interaktion, Risky shift, Groupthink, Entrapment, Konformität, Gruppenziel, Gruppengröße, Dyade, Tuckman, forming, storming, norming, performing, adjourning, Verantwortungsdiffusion
Arbeit zitieren
Maja Schiffmann (Autor), 2012, Die Kleingruppe unter gruppenpsychologischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210258

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