In der westlichen Berichterstattung spiegelt sich die Porträtierung der Hamas als „das Böse“ wieder. Alle präsenten Bereiche innerhalb der Hamas - politisch, sozial und militärisch - werden dem Terrorismus zugeordnet. Ihr wird ein fundamentalistisch-dogmatisches Image zugeschrieben. Die der Gruppierung nachgesagte radikale islamische Ideologie gilt in der öffentlichen Debatte als Grund ihrer Gewaltanwendung.
Dabei wird übersehen, dass sich die Hamas bereits 2005 von Selbstmordanschlägen distanziert hat.
Spätestens mit der Entscheidung, an den Kommunalwahlen 2004/2005 und den Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat (dem palästinensischen Parlament) 2006 teilzunehmen, zeigte sich eine Entwicklung in Richtung „realpolitischer Pragmatismus“ . Das Wahlprogramm bietet einen breiten Katalog an Zielsetzungen und orientiert sich an westlichen Normen. Auf radikale Widerstandsrhetorik verzichtet die Hamas in ihren aktuellen Dokumenten und Aussagen nahezu. Diese Veränderung wurde jedoch international kaum wahrgenommen.
Die Festigung des moderaten Flügels innerhalb der Hamas verstärkte hingegen die interne Heterogenität der Gruppierung. Die Unterstützung durch die palästinensischen Bürger basiert zu einem maßgebenden Teil auf dem bestehenden System von sozialen Diensten.
Das Angebot der Hamas-Führung eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten zu akzeptieren, fand bisher keine Antwort im internationalen Staatenkreis. Auch die gesamtpalästinensische Bevölkerung präferiert solch eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Kritiker sehen in der Absichterklärung nur Schönfärberei. Westliche Entscheidungsträger schwanken zwischen echter politischer Anschlussfähigkeit der Hamas-Positionen und der Bewertung als bloßes taktisches Vorgehen. Die Integration der Hamas in den politischen Prozess mit dem Ziel der Friedensfindung ist jedenfalls langfristig alternativlos.
Die Hamas präsentiert sich in der Gegenwart unscharf zwischen politischer Partei, terroristischer Vereinigung und Karitas. Daraus ergibt sich folgende Fragestellung: Wie lässt sich die Hamas im Jahr 2012 charakterisieren? Wird sie der Bewertung als terroristische Vereinigung gerecht oder befindet sie sich auf dem Weg zu einer politischen Partei? In diesem Zusammenhang soll auch die Frage aufgeworfen werden, welche Rolle ihre Sozialfürsorge spielt, die oft als „terroristische Infrastruktur“ beschrieben wird?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau und Methodik
1.3 Forschungsstand
2. Historische Entwicklung der Hamas
3. Organisationsstruktur
3.1 Politischer Flügel
3.2 Militärischer Flügel
3.3 Soziale Fürsorge
3.4 Finanzierung
4. Terroristische Gewalttaten
4.1 Terrorismusbegriff
4.2 Analyse: Hamas als terroristische Organisation
4.3 Abgrenzung zu anderen gewaltsamen Gruppierungen
5. Die Widerstandsbewegung als politische Partei
5.1 Programmatik
5.2 Politischer Diskurs
5.2.1 Beziehungen zu anderen Gruppierungen und Staaten
5.2.2 Dialog mit Israel?
5.2.3 Ausgangspunkte für ein souveränes Palästina
6. Schlussbetrachtung
6.1 Zusammenfassung und Fazit
6.2 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der palästinensischen Organisation Hamas und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob sich die Gruppierung auf dem Weg von einer terroristischen Vereinigung hin zu einer politischen Partei befindet. Dabei wird insbesondere die Rolle des sozialen Fürsorgesystems beleuchtet.
- Historische Genese der Hamas ausgehend von der Muslimbruderschaft.
- Analyse der Organisationsstruktur in politischen, militärischen und sozialen Flügel.
- Untersuchung des Terrorismusbegriffs und dessen Anwendung auf die Hamas.
- Entwicklung der politischen Programmatik und des Diskurses ab 2004/2005.
- Beziehungen der Hamas zu anderen Akteuren und deren Strategiewechsel.
Auszug aus dem Buch
Militarisierung der Bewegung
Mit der Gründung verschob sich das Handlungsfeld der Tochterorganisation der Muslimbruderschaft vom sozialen und zivilen Aktivismus auf den politischen und militärischen Bereich. Der militärische Flügel konzentrierte sich im ersten Jahr der Intifada vor allem auf die Organisation von Waffen und die Rekrutierung und Ausbildung neuer Aktivisten. In den Anfangsjahren bis 1990 führte die Hamas Messerstechereien und Brandstiftungen durch, setzte Schusswaffen ein und entführte und tötete zwei israelische Soldaten im Jahr 1989. Die israelischen Sicherheitsbehörden reagierten scharf auf die Attentate und es kam zu den ersten zwei großen Verhaftungswellen im September/Oktober 1988 und Mai 1989. Israel stufte die Hamas im Juni 1989 als Terrororganisation ein.
Der Ausfall vieler Führungskräfte durch die Massenverhaftungen, bei denen auch Anführer Scheich Yasin zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, zwangen die Hamas zur Umstrukturierung: Die einzelnen Zweige der Organisation wurden stärker voneinander abgetrennt und die Führung wurde ins arabische Ausland verlegt. Weitere Verhaftungswellen Ende 1990 und Anfang 1991 resultierten in der Professionalisierung des militärischen Arms mit der Gründung der Izz ad-Din al-Qassam-Brigaden 1991. Der Ausbau der Hierarchie ließ die militärische Gruppierung autonomer werden und führte zur Radikalisierung der Hamas. Die Angriffe weiteten sich auf Zivilisten aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problemstellung ein, erläutert die Methodik und gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand.
2. Historische Entwicklung der Hamas: Es wird die Entstehung der Organisation aus der ägyptischen Muslimbruderschaft sowie deren Entwicklung bis zur Gründung der Hamas nachgezeichnet.
3. Organisationsstruktur: Dieses Kapitel untersucht die komplexe Gliederung der Hamas in einen politischen, militärischen sowie einen sozialen Flügel und betrachtet deren Finanzierung.
4. Terroristische Gewalttaten: Hier werden der Terrorismusbegriff definiert, die Hamas als terroristische Organisation analysiert und eine Abgrenzung zu anderen militanten Gruppierungen vorgenommen.
5. Die Widerstandsbewegung als politische Partei: Das Kapitel befasst sich mit der aktuellen Programmatik der Hamas und analysiert deren politischen Diskurs in Bezug auf Außenbeziehungen und den Dialog mit Israel.
6. Schlussbetrachtung: Dieses abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick auf die künftige Entwicklung der Organisation.
Schlüsselwörter
Hamas, Terrororganisation, politische Partei, Palästina, Nahostkonflikt, Muslimbruderschaft, Qassam-Brigaden, Sozialarbeit, Intifada, Zwei-Staaten-Lösung, Terrorismus, Radikalisierung, Pragmatismus, Sicherheitsapparat, Gaza.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel der Hamas von einer primär als terroristisch eingestuften Organisation hin zu einem politischen Akteur, der auch Regierungsverantwortung wahrnimmt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Organisationsstruktur, die politische Programmatik, die Finanzierung sowie die Rolle der sozialen Arbeit für das Ansehen der Hamas in der Bevölkerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die Hamas als terroristische Vereinigung charakterisiert werden muss oder ob sie sich auf dem Weg zu einer voll integrierten politischen Partei befindet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die den Forschungsstand auswertet, historische Entwicklungen nachzeichnet und Dokumente der Hamas (wie Wahlprogramme) sowie internationale Berichte heranzieht.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Organisationsstruktur, die Analyse von Terrorismusvorwürfen und die Auseinandersetzung mit der politischen Programmatik ab dem Jahr 2004/2005.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der Terrorismusbegriff, der Nahostkonflikt, die politische Partizipation sowie der soziale Sektor, der für die Stabilität der Hamas entscheidend ist.
Welche Rolle spielen die Qassam-Brigaden für die Einschätzung der Hamas?
Die Qassam-Brigaden als militärischer Arm sind ein zentraler Punkt der Untersuchung, da sie die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und militärischer Gewalt verdeutlichen.
Wie bewertet die Arbeit das Verhältnis der Hamas zur Charta von 1988?
Die Arbeit stellt fest, dass die Charta in der aktuellen politischen Kommunikation der Hamas kaum noch eine Rolle spielt und von der Führung als historisches, aber politisch irrelevantes Dokument behandelt wird.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Annegret Vogel (Autor:in), 2012, Die Hamas - Von der terroristischen Vereinigung zur politischen Partei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210346