Das Wörgler Freigeldexperiment: Über den bemerkenswerten Versuch einer Gemeinde sich aus der Weltwirtschaftskrise zu befreien


Seminararbeit, 2012
13 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2.Wirtschaftliche Ausgangssituation in Wörgl und Vorlauf der Freigeldaktion
2.1. Wirtschaftliche Situation in Wörgl Anfang der 1930er Jahre
2.2. Vorlauf der Freigeldaktion

3. Das Programm und die Durchführung der Wörgler Freigeldaktion
3.1. Einführung von Schwundgeld
3.2. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm

4. Die Auswirkungen des Wörgler Freigeldexperiments

5. Das Ende der Wörgler Freigeldaktion

6. Abschließende Überlegungen.

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In dieser Proseminararbeit gilt es einen Überblick über das sogenannte Wörgler Freigeldexperiment zu schaffen, bei dem es einer österreichischen Marktgemeinde durch die Einführung einer Parallelwährung gelang, einen Ausweg aus der Deflationskrise und der hohen Arbeitslosigkeit zu finden, die Anfang der 1930er Jahre vorherrschte. Das erste Kapitel thematisiert die wirtschaftliche Ausgangssituation Wörgls, aufgrund welcher es, vor allem vom damaligen Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger, für nötig empfunden wurde auf kommunaler Ebene der Weltwirtschaftskrise entgegenzutreten. Weiters behandelt dieses Kapitel kurz die wissenschaftstheoretische Grundlage von Freigeld, welche von dem deutschen Kaufmann Silvio Gesell Anfang des 20. Jahrhunderts ausgearbeitet wurde. Gesell schlug vor das Geld mithilfe einer automatischen Entwertung unter einen Umlaufzwang zu setzen, um der Deflation vorzubeugen. Den Abschluss des ersten Kapitels bildet die Veranschaulichung des Vorlaufs, der nötig war um ein eigenes Gemeindegeld herauszugeben. Das zweite Kapitel widmet sich dem Programm und der Durchführung des Experiments, bei dem sogenannte Arbeitswertbestätigungsscheine gedruckt und mit einer monatlichen Entwertung von 1% des Nennwerts belegt wurden. Damit konnte die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes deutlich gesteigert werden. Außerdem beschreibt dieses Kapitel den erfolgreichen Versuch der Gemeinde mithilfe des sogenannten Arbeitsbeschaffungsprogramms der Wirtschaftskrise antizyklisch entgegenzuwirken. Das dritte Kapitel dieser Proseminararbeit zeigt die positiven Auswirkungen des Freigeldexperiments auf den Gemeindehaushalt, die Arbeitslosenquote, die Privatwirtschaft, den Fremdenverkehr, sowie auf die Mentalität der Wörgler Bevölkerung auf. Dass die Wörgler Selbsthilfeaktion nicht im Einklang mit der Geldpolitik der Österreichischen Nationalbank stand und schließlich, nach Durchlaufen mehrerer Berufungsinstanzen, vom Verwaltungsgerichtshof verboten wurde, beschreibt das vierte Kapitel. Im letzten Kapitel wird überlegt, welche Besonderheiten und Grenzen dem Wörgler Freigeldexperiment zu Grunde lagen und ob Wörgl als gelungenes Beispiel für eine alternative Geldpolitik betrachtet werden kann.

Diese Proseminararbeit stützt sich vor allem auf Sekundärliteratur, wobei Gebhard Ottachers Monographie „Der Welt ein Zeichen geben“1 und Silvio Unterguggenbergers Aufsatz „Das Freigeldexperiment von Wörgl“2 die Basis für das wissenschaftliche Arbeiten bildeten.

2.Wirtschaftliche Ausgangssituation in Wörgl und Vorlauf der Freigeldaktion

2.1. Wirtschaftliche Situation in Wörgl Anfang der 1930er Jahre

Die circa 60 Kilometer östlich von Innsbruck im Unterinntal liegende Marktgemeinde Wörgl war durch ihre starke Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts auch besonders stark von der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise betroffen. Von den etwas über 4000 Einwohnern Wörgls arbeiteten Anfang der 1930er Jahre zirca zwei Drittel als Arbeiter, Angestellte oder Kleingewerbetreibende. Nach dem Übergreifen der Wirtschaftskrise auf Wörgl bauten zuerst die großen Betriebe Arbeitsplätze ab, was zu einer wirtschaftlichen Schwächung der gesamten Region führte. So reduzierte sich die Anzahl der Bundesbahnangestellten in Wörgl in den

Jahren 1930 bis 1933 von 310 auf 190, im gleichen Zeitraum sank die Beschäftigtenzahl im Zementwerk Kirchbichl von 50 auf 2 und in der Brauerei Wörgl um ein Drittel. Die Zellulosefabrik musste ihren Betrieb 1933 einstellen, was fast 400 Personen den Arbeitsplatz kostete.3 Die Wörgler Wirtschaft wurde durch den Ausfall dieser großen Zahl an Lohnempfängern als Konsumenten nachhaltig geschädigt. Es musste eine Reihe von Kaufleuten, Handwerkern und Sägewerken ihre Arbeit stilllegen.4 Die hohe Zahl der Arbeitslosen führte aber nicht nur zu Einschränkungen in der Konsumtion, sondern es konnten auch immer mehr Wörgler ihre Gemeindesteuern nicht bezahlen. Die Steuerrückstände bei der Gemeinde Wörgl erhöhten sich von 1927 bis 1931 von 26.000,- ATS auf 118.000,- ATS.5 Die Gemeinde selbst war im Millionenbereich6 verschuldet und konnte nach einer Erhöhung des Diskontsatzes der Österreichischen Nationalbank von 7% auf 10% kaum die Zinsen für diese Schulden bezahlen, welche mit 175.000,- ATS schon über die Hälfte der gesamten Jahreseinnahmen (340.548,- ATS; 1931) der Gemeinde ausmachten.7 Angesichts dieser Schuldensituation stand Wörgl kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, und nachdem ein Hilfeschreiben an das Bundesministerium für Handel und Verkehr kein Gehör fand, versuchte der damalige Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger neue Wege zu finden die Wirtschaftskrise auf regionaler Ebene zu überwinden.8

2.2. Vorlauf der Freigeldaktion

Als geeignetes Mittel empfand der sozialdemokratische Bürgermeister eine praktische Umsetzung der Freiwirtschaftslehre des deutschen Kaufmanns Silvio Gesell9, mit der er sich bereits seit 1917 beschäftigte.10

Die Freiwirtschaftstheorie besteht im Wesentlichen aus drei Säulen: Freigeld, Freiland und Festwährung, wobei sich in Bezug auf das Wörgler Experiment auf das Freigeld beschränkt werden kann, da dies als einziges tatsächlich umgesetzt worden ist. Laut Silvio Gesell sollte mit Freigeld das gängige Geld ersetzt werden, welches einen „ungerechtfertigten Vorteil gegenüber den Waren hat“11 indem es keinem natürlichen Wertverlust ausgesetzt ist. Das neueingeführte Tauschmittel sollte automatisch denselben Wertverlust wie Waren erleiden, indem es wöchentlich um ein Promille (also jährlich um 5,3%) des Nennwertes entwertet würde. Freigeld stünde damit unter einem Umlaufzwang, denn niemand könnte mehr Geld zurückhalten ohne massive Verluste zu riskieren. Dies würde sich, so hoffte auch Michael Unterguggenberger, vor allem bei einer deflationären Wirtschaftslage, bei der die Konsumenten ihre Käufe aufschieben um mehr Waren für das selbe Geld zu erwerben, wie sie in den frühen 1930er Jahren vorherrschte, positiv auf die Umlaufgeschwindigkeit aus- und damit diesen deflationären Tendenzen entgegenwirken.12 Laut Gesell sollte: „Das Geld wie eine Eisenbahn sein, weiter nichts als eine staatliche Einrichtung, um den Warenaustausch zu vermitteln; wer sie benutzt soll Fracht bezahlen.“13

Über die Pfingstfeiertage 1931 reiste Michael Unterguggenberger nach Schwanenkirchen14, wo bereits eine praktische Umsetzung dieser Freigeldtheorie, durch die sogenannte WäraAktion, im Gange war. Ein örtlicher Unternehmer nahm dort ein stillgelegtes Bergwerk großteils mit Geld aus einer freigeldlichen Parallelwährung, den Wära-Scheinen, wieder in Betrieb. Dies belebte die örtliche Wirtschaft merklich und wurde bis zum Verbot durch den deutschen Finanzminister 1931 als Erfolg angesehen.15 Dass sich die Freiwirtschaftstheorie auch praktisch umsetzen ließ, bekräftigte den Wörgler Bürgermeister darin auch in seiner Marktgemeinde eine Parallelwährung installieren zu wollen.16

Um ein eigenes Gemeindegeld herauszugeben brauchte es einen gewissen Vorlauf, es mussten die politischen- und wirtschaftlichen Entscheidungsträger dafür gewonnen und eine Akzeptanz in der Bevölkerung geschaffen werden.17 Die politischen Entscheidungsträger überzeugte Unterguggenberger, indem er in den letzten zwei Juniwochen des Jahres 1932 jedes Gemeinderatsmitglied durch ein Einzelgespräch von seinem Plan in Kenntnis setzte und durch das Gewinnen von Meinungsträgern. So wurden als Treuhänder der Aktion der Ortspfarrer Matthias Riedelsberger und der Apotheker und Heimwehrführer des Bezirks Kufsteins, Dr. Georg Stawa, welche beide im Ort sehr angesehen waren, eingesetzt.18 Durch diese Aufklärungsarbeit und die klug gewählten Treuhänder ist es auch zu erklären, dass das „Nothilfe Programm“ am 5. Juli 1932 vom Wohlfahrtsausschuss- und am 8.Juli 1932 vom Gemeinderat, trotz aller parteipolitischen Differenzen zu dieser Zeit, einstimmig beschlossen wurde.19 Die örtliche Wirtschaft stand fast geschlossen hinter dem Experiment, nachdem es Unterguggenberger gelang vier Wörgler Kaufleute davon zu überzeugen die geplanten Arbeitswertbestätigungsscheine an Zahlungsstatt anzunehmen und dadurch die anderen Gewerbetreibenden unter Druck gesetzt wurden dasselbe zu tun, wollten sie die Gemeindebediensteten, welche in Zukunft mit den AB-Scheinen ausbezahlt werden sollten, als Kundschaft nicht verlieren.20 Um auch in der Bevölkerung für das größtmögliche Vertrauen und Verständnis zu sorgen, wurde ein neunköpfiger Aufklärungsdienst gegründet, indem etwa ein Altbürgermeister, ein Schulleiter oder ein Cafetier für das Freigeld warben und es wurden regelmäßig Artikel in den „Wörgler Nachrichten“ geschaltet.21

3. Die Durchführung der Wörgler Freigeldaktion

3.1. Einführung von Schwundgeld

Am 5. Juli 1932 stellte Unterguggenberger sein Nothilfe-Programm dem Wohlfahrtsausschuss mit folgenden Worten vor: „Langsamer Geldumlauf ist die Hauptursache der bestehenden Wirtschaftslähmung. … [Das Geld] versickert in den Zinskanälen und sammelt sich in den Händen weniger Menschen, die [es] nicht mehr dem Warenmarkt zuführen, sondern als Spekulationsmittel zurückhalten. … Jede Geldstauung bewirkt Warenstauung und Arbeitslosigkeit.

[...]


1 Gebhard, Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben. Das Freigeldexperiment von Wörgl 1932/33, Kiel 2007.

2 Silvio, Unterguggenberger, Das Freigeldexperiment von Wörgl, in: Wörgl. Ein Heimatbuch, hrsg. v. Zangerl, Josef, Wörgl 1998, S. 259-278.

3 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 16.

4 Vgl. Unterguggenberger, Freigeldexperiment, S. 265.

5 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S: 16f.

6 Ende 1930 betrugen die Schulden der Marktgemeinde Wörgl 1.350.000,- ATS

7 Vgl. Unterguggenberger, Freigeldexperiment, S. 265.

8 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 18.

9 Silvio Gesells (1862 bis 1930) 1916 erschienene Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ gilt als Standartwerk für die Freiwirtschaftslehre

10 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 32.

11 Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 27.

12 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 27f.

13 Silvio Gesell 1892, Zitiert nach Unterguggenberger, Freigeldeldexperiment, S. 264.

14 Ein 500 Einwohner zählendes Dorf im Bayerischen Wald

15 Vgl. Wolfgang, Broer, Schwundgeld. Bürgermeister Michael Unterguggenberger und das Wörgler Währungsexperiment 1932/33, Innsbruck, 2007, S. 19.

16 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 32.

17 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 33.

18 Vgl. Klaus, Rohrbach, Freigeld. Michael Unterguggenberger und das „Währungswunder von Wörgl“, Borchen, 2001, S. 53-62.

19 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 33f.

20 Vgl. Ottacher, Der Welt ein Zeichen geben, S. 35.

21 Vgl. Rohrbach, Freigeld, S. 62.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Wörgler Freigeldexperiment: Über den bemerkenswerten Versuch einer Gemeinde sich aus der Weltwirtschaftskrise zu befreien
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Proseminar Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V210367
ISBN (eBook)
9783656386124
ISBN (Buch)
9783656386391
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wörgl, Freigeld, Wirtschaftskrise, Weltwirtschaftskrise, Zwischenkriegszeit, Tirol, Unterguggenberger, Schwundgeld, Silvio Gesell
Arbeit zitieren
Niklas Bickel (Autor), 2012, Das Wörgler Freigeldexperiment: Über den bemerkenswerten Versuch einer Gemeinde sich aus der Weltwirtschaftskrise zu befreien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210367

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