Der Geschichtswissenschaftler Gerd Althoff bezeichnet das Früh- und Hochmittelalter als „Neben- und Gegeneinander verschiedener Groß- und Kleingruppen, unter denen die herrschaftlich strukturierten dominieren.“ Diese Gruppen waren durch personale Verbindungen miteinander verknüpft, welche die Stärke ihres inneren Zusammenhalts begründeten, aber auch Konflikte bei sich widersprechenden Verpflichtungsverhältnissen hervorrufen konnten. Dieses politische System spiegelt sich auch in der Literatur um 1200 wider, wie etwa im Nibelungenlied, indem das Geflecht triuwe-Bindungen letztendlich die Entzündung des Konflikts und des tragischen Endes hervorruft. Daher wird im Folgenden die Bedeutung von Personenbindungen und -verbänden im Hochmittelalter - also zur Entstehungszeit des Nibelungenlieds - verdeutlicht, um die Erkenntnisse im Anschluss konkret auf die Funktion und Inszenierung solcher Bindungen im Nibelungenlied anzuwenden. Hierbei nehmen die triuwe-Konflikte eine Schlüsselfunktion ein, um Spielregeln des Handelns und sich daraus entwickelnde Konflikte besser zu verstehen. Dies soll exemplarisch anhand der Figur des „Rüdiger von Bechelaren“ stattfinden, da diese besonders stark in verschiedenste Bindungsnetze - seien es vasallische, freundschaftliche oder verwandtschaftliche - eingespannt ist, welche sich widersprechende Verpflichtungen mit sich bringen. Somit kann an diesem Beispiel die Konfliktbehaftetheit von verschiedenen politisch relevanten, personalen Bindungen, sowie deren Ausgestaltung im Nibelungenlied beleuchtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Thematische Hinführung und Zielsetzung der Arbeit
2. Bedeutung von Herrschaft und Personenverbänden im Hoch-mittelalter
3. Inszenierung politischer Bindungen im Nibelungenlied anhand des Konflikts der Figur des Rüdiger von Bechelaren
3.1. Die Ausgangssituation
3.1.1. Rüdigers Verhältnis zu den Burgunden
3.1.2. Rüdiger als Vasall Etzels
3.2. Rüdigers Bindung an Kriemhild
3.3. Rüdiger als Gastgeber der Burgunden und Schwiegervater von Giselher
3.4. Zuspitzung des Konflikts und Lösungsversuch
3.4.1. Der Konflikt
3.4.2. Die Entscheidung
3.4.3. Die zweite Schildbitte
3.4.4. Rüdigers Tod
4. Konfliktbehaftetheit personaler Bindungen im Nibelungenlied
5. Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Rüdiger von Bechelaren im Nibelungenlied?
Rüdiger von Bechelaren ist ein Markgraf und Vasall Etzels, der durch seine vielfältigen Bindungen zu den Burgunden und zu Kriemhild in einen tragischen Loyalitätskonflikt gerät.
Was versteht man unter triuwe-Bindungen?
Triuwe bezeichnet im Mittelalter die gegenseitige Treueverpflichtung zwischen Personen, etwa zwischen Lehnsherrn und Vasall oder innerhalb der Verwandtschaft und Freundschaft.
Warum ist Rüdigers Konflikt exemplarisch für das Hochmittelalter?
Sein Schicksal verdeutlicht die Problematik sich widersprechender Verpflichtungen in einem System, das auf personalen Bindungen statt auf abstrakten Gesetzen basierte.
Welche Rolle spielt Kriemhild für Rüdiger?
Rüdiger leistet Kriemhild einen Eid, ihr bei jedem Unrecht beizustehen, was ihn später zwingt, gegen seine Freunde, die Burgunden, zu kämpfen.
Wie endet der Konflikt für Rüdiger von Bechelaren?
Rüdiger sieht keinen Ausweg aus seinen widersprüchlichen Treueeiden und stirbt im Kampf gegen die Burgunden, nachdem er zuvor seinen Schild an Gernot verschenkt hat.
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- Stefanie Garstenauer (Author), 2012, Das "Nibelungenlied": Inszenierung politischer Bindungen im Nibelungenlied – anhand der Figur des Rüdiger von Bechelaren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210400