Die Gefallenenrede des Perikles aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. hat eine lange Geschichte der Okkupation hinter sich: in den unterschiedlichsten Situationen und Systemen wurde sie als Vorlage und Rechtfertigung verwendet, je nach Standpunkt könnte man auch sagen: missbraucht. Angela Merkel stellte sich am 9. April 2010 bei der Trauerfeier für die in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten zwar nicht in diese Tradition, dennoch scheint es ergiebig, diese zweieinhalb Jahrtausende auseinander liegenden Reden zusammen zu lesen; in der Hoffnung, die Rede Angela Merkels jenseits rein inhaltlicher Analysen zu erhellen.
Gemeinsamkeiten fallen hierbei ebenso schnell auf wie Unterschiede: Beide Reden sind Gefallenenreden, doch die Anzahl der Gefallenen und die Inszenierung der Bestattung unterscheiden sich erheblich. Beide wurden in Demokratien gehalten, doch in manchen Punkten unterscheiden sich athenische und (post)moderne Demokratie. Nichtsdestotrotz sind die Soldaten in beiden Fällen „Staatsbürger in Uniform“ und keine geheuerten Söldner.
Die einzige Quelle für die Rede des Perikles ist die „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“ von Thukydides, die Rede Angela Merkels ist jederzeit in Bild, Ton und Schrift über Internet abrufbar . Die Rede des Perikles steht in einer Tradition von Gefallenenreden und ist Teil eines etablierten Begräbnisritus, wohingegen sich eine solche Tradition in der Bundesrepublik aufgrund der historischen Begebenheiten erst herausbildet.
Die genannten Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der historischen, politischen, sozialen und medialen Situation sollen im Folgenden genauer dargestellt und in Beziehung gesetzt werden zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der rhetorischen Strategien der Reden. Besondere Aufmerksamkeit wird hierbei der Bedeutung des Einzelnen für das Gemeinwesen sowie der Frage der Glaubwürdigkeit zuteil werden.
Aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit wird allerdings darauf verzichtet, eine Geschichte des peloponnesischen sowie des Afghanistan-Krieges nachzuerzählen. Auf derartige Einzelheiten soll nur verwiesen werden, wo es für die Analyse der Reden hilfreich ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Tradition, Inszenierung und Medialisierung
Der Einzelne in der Gemeinschaft
Die Gemeinschaft und die Anderen
Glaubwürdigkeit der Rede – Glaubwürdigkeit des Redners
Was glaubwürdig erscheinen soll und warum
Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht vergleichend die Gefallenenreden von Perikles (aus Thukydides' "Geschichte des Peloponnesischen Kriegs") und Angela Merkel (anlässlich der Trauerfeier für in Afghanistan gefallene Bundeswehrsoldaten). Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der rhetorischen Strategie sowie der Inszenierung der Gefallenen und des Staates jenseits rein inhaltlicher Analysen zu beleuchten.
- Rhetorischer Vergleich zweier Gefallenenreden
- Bedeutung des Individuums für das Gemeinwesen
- Inszenierung und Medialisierung im historischen Kontext
- Frage der Glaubwürdigkeit der Rede und des Redners
- Antithetik als rhetorische Figur
Auszug aus dem Buch
Die Gemeinschaft und die Anderen
Die bestimmende rhetorische Figur in der Rede des Perikles ist die Antithese. Zum einen werden wiederholt Wort (λόγος) und Tat (έργον) gegenübergestellt, wobei der Tat ein höherer Wert beigemessen wird. Dies zeigt sich auch in der Worthäufigkeit: der λόγος wird neunmal genannt, das έργον neunzehn Mal.
Die andere große Antithese, die in der gesamten Rede unterschwellig präsent ist, ist die Gegenüberstellung von Athen und „den anderen“. Diese anderen sind als die Spartaner, Athens Hauptgegner im Peloponnesischen Krieg, zu identifizieren. Sparta wird wiederholt mit (sorgenvoller oder rastloser) Mühe assoziiert, wohingegen die Athener sich durch Unbeschwertheit auszeichneten. Perikles ist bemüht, die anderen als Aggressoren darzustellen. Die Formulierung „Die Rache an den Feinden war ihnen begehrenswerter als all dies [Genuss des Reichtums, bzw. Hoffnung darauf, Anm. E.W.]“, suggeriert, dass die anderen zuerst etwas getan haben, auf das mit Rache reagiert werden müsse. Die Inszenierung dieser Verteidigungshaltung Athens führt mitunter zu Widersprüchen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung erläutert die Relevanz eines Vergleichs zwischen den zeitlich weit auseinanderliegenden Gefallenenreden von Perikles und Angela Merkel im Hinblick auf rhetorische Strategien und die Bedeutung des Einzelnen.
Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historischen und medialen Rahmenbedingungen, die Rolle des Individuums gegenüber der Gemeinschaft, rhetorische Stilmittel wie die Antithese sowie die Faktoren, die die Glaubwürdigkeit der Reden und Redner bestimmen.
Abschlussbetrachtung: Die Abschlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die inhaltliche Fokussierung auf politische Aspekte und reflektiert über weiterführende, hier nur angerissene Themen wie die Glückskonzeption bei den Autoren.
Schlüsselwörter
Gefallenenrede, Perikles, Angela Merkel, Rhetorik, Glaubwürdigkeit, Gemeinschaft, Individuum, Athen, Afghanistan, Bundeswehr, Antithese, Politik, Krieg, Erinnerung, Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die rhetorischen Strategien und politischen Zielsetzungen in der Gefallenenrede des Perikles aus der Antike und der Rede von Angela Merkel zur Trauerfeier für gefallene Bundeswehrsoldaten im Jahr 2010.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Inszenierung der Gefallenen, das Verhältnis zwischen dem Individuum und dem Gemeinwesen sowie die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Redners und seiner Argumentation.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Analyse?
Ziel ist es, jenseits einer rein inhaltlichen Betrachtung die rhetorischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Krieg und Tod in einer antiken bzw. (post)modernen Demokratie herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative rhetorische Analyse, unterstützt durch die Untersuchung der Worthäufigkeit und thematischen Gewichtung in den jeweiligen Redetexten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Themenkomplexe wie Tradition und Medialisierung, das Verhältnis von Einzelnem zu Staat, die rhetorische Figur der Antithese zur Abgrenzung vom "Feind" sowie die strategische Konstruktion von Glaubwürdigkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gefallenenrede, rhetorische Strategien, Individuum vs. Gemeinschaft, Glaubwürdigkeitsfaktoren und politische Legitimierung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Individuums bei Perikles im Vergleich zu Merkel?
Während Perikles den Tod als Schlusspunkt eines geglückten Lebens im Dienst der Stadt deutet, wird bei Merkel das private Glück der Soldaten betont, das durch den Tod zerstört wurde, während die politische Verantwortung im Vordergrund steht.
Welche Bedeutung kommt der "Glaubwürdigkeit" in der Analyse zu?
Die Glaubwürdigkeit wird als Zuschreibung durch den Rezipienten analysiert, wobei bei Perikles die Glaubwürdigkeit der Rede selbst und bei Merkel zusätzlich die Konsistenz und Kompetenz der Rednerpersönlichkeit hervorgehoben werden.
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- Eva Wißkirchen (Author), 2011, Tote Bürger in Uniform - Gefallenenreden im Vergleich: Perikles und Angela Merkel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210506