Tote Bürger in Uniform - Gefallenenreden im Vergleich: Perikles und Angela Merkel


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Tradition, Inszenierung und Medialisierung
Der Einzelne in der Gemeinschaft
Die Gemeinschaft und die Anderen
Glaubwürdigkeit der Rede – Glaubwürdigkeit des Redners
Was glaubwürdig erscheinen soll und warum

Abschlussbetrachtung

Einleitung

Die Gefallenenrede des Perikles aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. hat eine lange Geschichte der Okkupation hinter sich: in den unterschiedlichsten Situationen und Systemen wurde sie als Vorlage und Rechtfertigung verwendet, je nach Standpunkt könnte man auch sagen: missbraucht. Angela Merkel stellte sich am 9. April 2010 bei der Trauerfeier für die in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten zwar nicht in diese Tradition, dennoch scheint es ergiebig, diese zweieinhalb Jahrtausende auseinander liegenden Reden zusammen zu lesen; in der Hoffnung, die Rede Angela Merkels jenseits rein inhaltlicher Analysen zu erhellen.

Gemeinsamkeiten fallen hierbei ebenso schnell auf wie Unterschiede: Beide Reden sind Gefallenenreden, doch die Anzahl der Gefallenen und die Inszenierung der Bestattung unterscheiden sich erheblich. Beide wurden in Demokratien gehalten, doch in manchen Punkten unterscheiden sich athenische und (post)moderne Demokratie. Nichtsdestotrotz sind die Soldaten in beiden Fällen „Staatsbürger in Uniform“ und keine geheuerten Söldner.[1]

Die einzige Quelle für die Rede des Perikles ist die „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“ von Thukydides, die Rede Angela Merkels ist jederzeit in Bild, Ton und Schrift über Internet abrufbar[2]. Die Rede des Perikles steht in einer Tradition von Gefallenenreden und ist Teil eines etablierten Begräbnisritus, wohingegen sich eine solche Tradition in der Bundesrepublik aufgrund der historischen Begebenheiten erst herausbildet.[3]

Die genannten Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der historischen, politischen, sozialen und medialen Situation sollen im Folgenden genauer dargestellt und in Beziehung gesetzt werden zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der rhetorischen Strategien der Reden. Besondere Aufmerksamkeit wird hierbei der Bedeutung des Einzelnen für das Gemeinwesen sowie der Frage der Glaubwürdigkeit zuteil werden.

Aufgrund des geringen Umfangs der Arbeit wird allerdings darauf verzichtet, eine Geschichte des peloponnesischen sowie des Afghanistan-Krieges nachzuerzählen. Auf derartige Einzelheiten soll nur verwiesen werden, wo es für die Analyse der Reden hilfreich ist.

Hauptteil

Tradition, Inszenierung und Medialisierung

Eine schriftliche Fassung der originalen Perikles-Rede liegt nicht vor; erhalten ist lediglich die Version, die Thukydides drei Jahrzehnte später niederschrieb. Der Historiker Wolfgang Will hält es daher für aussichtslos, authentisch Perikleisches in der Rede zu entdecken:

In dreißig Jahren verwandelten sich Perikleische Gedanken in Thukydideische, Thukydideische Einsichten gerannen zu Perikleischen. Das eine vom anderen trennen zu wollen scheitert schon allein daran, daß die Nachwelt – sieht man von den wenigen Komödienzitaten ab – keine von Thukydides unabhängige Vorstellung über Perikles besitzt.[4]

Die Frage nach der Authentizität und den damit verbundenen Implikationen kann hier nicht berücksichtigt werden, obgleich es gewiss nicht irrelevant ist, ob die Rede 431, mit der Erfahrung eines halben Kriegsjahres, in dieser Form von Perikles gehalten wurde, oder 404, nach dem „Erlebnis einer epochalen Auseinandersetzung“[5] von Thukydides verfasst wurde.

Bei Thukydides geht dem Text der Rede eine Beschreibung des Begräbniszeremoniells voraus. Hier liegt nicht jeder einzelne Gefallene in einem eigenen Sarg, sondern es gibt Särge für jeden Stamm, in denen die jeweiligen Stammesangehörigen gemeinsam begraben werden, und zusätzlich einen Sarg für die Vermissten.[6] Am Zug nehmen Bürger, Fremde, und die angehörigen Frauen teil [Vgl.: P 34, 4].

Auch die Gefallenenreden sind bereits in gewisser Weise tradiert. Thukydides lässt Perikles zu Beginn der Rede diese Tradition reflektieren. Dies wird weiter unten eingehend untersucht.

Die Rede Angela Merkels kann schon aufgrund der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in keiner derartigen Tradition stehen. Die Bundeswehr wurde 1955, vor dem Hintergrund der Verantwortung für zwei Weltkriege, als reine Verteidigungsarmee aufgestellt. In den 60er Jahren leisteten sie erstmals im Rahmen internationaler Bündnisse humanitäre Hilfe. Bewaffnete Auslandseinsätze im Rahmen der militärischen Bündnisse fanden seit 1990 statt, die Rechtmäßigkeit solcher Einsätze wurde im Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Juli 1994 bestätigt[7], unter Vorbehalt der jeweiligen Zustimmung des Deutschen Bundestags. Ein diesbezügliches Gesetz (ParlBetG) wurde am 18. März 2005 erlassen. Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ist Teil der internationalen Truppe ISAF, deren Aufstellung der Weltsicherheitsrat am 20. Dezember 2001 beschlossen hat. Der Einsatz der Bundeswehr wurde vom Parlament genehmigt.

Da die Bundesrepublik lange Zeit ihres Bestehens nicht an militärischen Aktionen beteiligt war, bildet sich eine Tradition der Gefallenenbestattungen gerade erst heraus.[8] Die Särge der drei Gefallenen wurden in der St.-Lamberti-Kirche in Selsingen im Altarraum aufgebahrt, waren mit der Bundesdienstflagge umhüllt und von je drei Soldaten auf jeder Längsseite des Sargs flankiert. Am Fußende jeden Sarges waren die Orden der toten Soldaten auf schwarzem Samt angebracht, am Kopfende großformatige Porträtfotos in schwarzweiß mit blau verlaufendem Hintergrund. Die Helme, die bei früheren und späteren Bestattungen von Bundeswehrsoldaten auf den Särgen zu sehen waren und sind, wurden hier weggelassen.

Die Inszenierung legt zunächst den Schluss nahe, dass dem Individuum eine größere Bedeutung beigemessen wird als in der attischen Begräbnistradition: Durch Porträtfotos personalisierte Einzelsärge statt Gemeinschaftssärgen, die die Stammeszugehörigkeit statt der Individualität betonen. Dennoch betonen die Flaggen, die Uniformen, die die Soldaten auf den Fotos tragen, sowie die Uniform tragenden Soldaten neben den Särgen die Zugehörigkeit zu einer Institution des Staates, die mit partiellem Verzicht auf Individualität einhergeht.[9]

Der Einzelne in der Gemeinschaft

Eine namentliche Beschäftigung mit den einzelnen Gefallenen in der Rede Merkels sowie insgesamt eine Inszenierung, die (zunächst) den Eindruck erweckt, dem Individuum werde ein größerer Wert zugesprochen, wird allerdings erst ermöglicht durch die, verglichen mit den athenischen Gefallenen des Peloponnesischen Krieges, relativ geringe Anzahl an Gefallenen der Bundeswehr, selbst des gesamten Afghanistankonflikts. Folgt man der These des Historikers Wolfgang Will, der Epitaphios des Perikles richte sich an die Gefallenen des ganzen Krieges[10], wird der Kontrast zwischen Individuum und Masse noch deutlicher.

Der Tod der gefallenen Bundeswehrsoldaten wird als wiederholt als Verlust dargestellt, der nicht zu schließende Lücken hinterlässt [vgl. M 88/89]. Perikles hingegen versucht die jüngeren Eltern mit der Hoffnung auf neue Kinder zu trösten: „In manchen Häusern werden die nachwachsenden die nicht mehr lebenden in Vergessenheit sinken lassen“ [P 44,3]. Der deutlich geringere Wert, der hier scheinbar dem Individuum gegenüber dem Gemeinwesen zugestanden wird, zeigt sich besonders in der anschließenden Bemerkung: „[U]nd der Stadt bringt es zweifachen Vorteil: Sie wird nicht entvölkert und bleibt gesichert.“

Dass der Tod hier nicht als Tragödie begriffen wird, hat jedoch weder mit der großen Zahl an Toten zu tun,[11] noch mit einer Geringschätzung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft.[12] Es entspricht vielmehr der antiken Konzeption von einem geglückten Leben. Worin dies für Perikles besteht, lässt sich aus seinem Lob der Stadt ableiten: es ist das Leben eines politisch tätigen, tugendhaften Mannes, der sich mit Maß an kulturellem und kulinarischem Genuss erfreut. Der Tod des Gefallenen bildet den bestmöglichen Schlusspunkt eines geglückten Lebens. Perikles/Thukydides verwendet für „Glück“ die Begriffe eutychia, was „Glück“ im Sinne von glücklichem Zufall/Schicksal“ meint, und „eudaimonia“, was sich auf das „geglückte Leben“ bezieht.

Es verbirgt sich hierhinter eine ganz andere Art von Glücksvorstellung als hinter Angela Merkels Formulierung vom „großen und kleinen Glück“. Dieses Glück wird durch den Tod der Soldaten zerstört, es bleiben nur die Erinnerungen [vgl. M 85-91]. Es ist dies ein privates Glück, das zu einer Verantwortung des Einzelnen für Andere in keinerlei Beziehung steht.

Diese Verantwortung des Einzelnen, des Teils für das Ganze ist bei Angela Merkel jedoch auf der politischen Ebene erkennbar. Das Individuum in modernen demokratischen Systemen trägt persönliche Verantwortung für Entscheidungen, aber in Absprache mit anderen Individuen des Systems. Dieses Zusammenwirken von Individuum und Gemeinschaft wird etwa deutlich in der Aussage: „Unter meinem Amtsvorgänger begann der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr, und zwar mit breiter Unterstützung des Deutschen Bundestages, auch der damaligen Opposition, der ich seinerzeit angehörte.“ In diesem Satz findet sich die Bewegung vom Individuum der Funktion „Bundeskanzler“ als Teil der Organisation „Bundestag“ über dessen Untergruppe „Opposition“ bis zum Individuum Angela Merkel als deren Teil. Diese Verschachtelung der Institutionen lässt den Einzelnen jedoch mitunter aus der Wahrnehmung verschwinden, etwa wenn vom „Einsatz der Bundeswehr im Rahmen der internationalen Schutztruppe unter Führung der NATO mit insgesamt 42 beteiligten Nationen“ gesprochen wird.

[...]


[1] Söldner wurden in Athen erst im 4. Jhd. vor Chr. in großem Umfang eingesetzt, was Leonard Burkhardt zufolge als Symptom einer Krise der Demokratie gewertet wurde. Vgl.: Burkhardt, Leonard: Söldner und Bürger als Soldaten für Athen. In: Eder, Water [Hrsg.]: Die athenische Demokratie im 4. Jhd. vor Chr., Stuttgart (Franz Steiner) 1995, S. 107

[2] Die Rede von Bundeskanzlerin Merkel wurde live auf n-tv übertragen, die Tonbandabschrift wird auf der Website der Bundesregierung (www.bundesregierung.de) zur Verfügung gestellt. Eine Aufzeichnung der Live-Übertragung der Rede ist über www.youtube.com abrufbar. Der Untersuchung liegt die Tonbandabschrift zugrunde.

[3] Vgl.: Seliger, Marco: Gefallene Bundeswehr-Soldaten. Die Standardisierung des Todesfalls. http://www.faz.net/-00mm21, zuletzt aufgerufen am 28.02.2013

[4] Will, Wolfgang: Thukydides und Perikles. Der Historiker und sein Held, Bonn 2003, Seite 204

[5] Ebenda, Seite 203

[6] Vgl.: Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. Auswahl, übersetzt und herausgegeben von Helmuth Vretska, Stuttgart 1966, Absatz 34, Satz 3. Im folgenden zitiert unter Verwendung der Sigle [P]

[7] Vgl.: BVerfGE 90, 286

[8] Vgl.: Seliger, Marco: Gefallene Bundeswehr-Soldaten. Die Standardisierung des Todesfalls. http://www.faz.net/-00mm21

[9] Beispielsweise wird das Recht des Soldaten auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit und das Petitionsrecht durch die im Soldatengesetz konkretisierten Dienstpflichten eingeschränkt. Vgl.: Zentrum für innere Führung (Hg.): Arbeitspapier. Das Recht des Soldaten auf freie Meinungsäußerung, Koblenz 2000

[10] Vgl.: Will, Wolfgang: Thukydides und Perikles. Der Historiker und sein Held, Bonn 2003, Seite 205: „Der Epitaphios ist nicht auf die Toten des ersten Kriegssommers eingeengt, er ist gleichzeitig und vorrangig der Preis der athenischen Gefallenen des ganzen Krieges.“

[11] im Sinne des Stalin zugeschriebenen Ausspruchs: „Ein Toter ist eine Tragödie, Millionen Tote sind eine Statistik“.

[12] wie etwa im HJ-Slogan: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Tote Bürger in Uniform - Gefallenenreden im Vergleich: Perikles und Angela Merkel
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter-Szondi-Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V210506
ISBN (eBook)
9783656388135
ISBN (Buch)
9783656389750
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tote, bürger, uniform, gefallenenreden, vergleich, perikles, angela, merkel
Arbeit zitieren
Eva Wißkirchen (Autor), 2011, Tote Bürger in Uniform - Gefallenenreden im Vergleich: Perikles und Angela Merkel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210506

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