In der Literatur über Sterben und Tod findet sich häufig die Überzeugung, daß der Umgang mit diesen in der neuzeitlichen, westlichen Industriegesellschaft durch Angst und Verdrängung geprägt sei. Das ist kein neues Phänomen. Es wird allerdings angenommen, daß der Tod sowohl in anderen Gesellschaften als auch in der europäischen Vergangenheit als ein 'natürlicher' Teil des Lebens betrachtet wurde; zum Teil sogar, daß der Umgang mit ihm auf einem angeborenen Instinktverhalten beruhe.
Voraussetzung für das Verständnis des heutigen Umgangs mit Sterben und Tod ist die Bestandsaufnahme der kulturellen Ausdrucksformen, Vorstellungen und der Verhaltensmuster im Zusammenhang mit Sterben und Tod in der Vergangenheit und Neuzeit der deutschen und anderer Gesellschaften: Wo und wie wird gestorben, was bedeutet der Tod sowohl für die von ihm betroffene Gemeinschaft als auch den Einzelnen, wie wird der Leichnam behandelt, wie wird getrauert, was hat sich im Vergleich zu früher geändert?
Dies geschieht auch unter der Fragestellung, ob die stetige Veränderung der Sozialstruktur, die zwangsläufig bei einer zunehmenden Industrialisierung und Individuation eintreten muß, zu einer spezifischen Haltung gegenüber dem Phänomen des Sterbens und des Todes führt. In diesem Zusammenhang wird einerseits ein Exkurs zu den indigenen Völkern, ihrem Umgang und insbesondere deren Rituale um Sterben und Tod und andererseits in die Vergangenheit der deutschen Gesellschaft notwendig sein.
Heute sind solche Rituale weitgehend in Vergessenheit geraten. Dem modernen Menschen bietet sich darüber hinaus kaum noch die Möglichkeit, Erfahrungen durch das unmittelbare Erleben von Sterben und Tod zu sammeln. Dies hat zur Folge, daß er ohne durch die Gesellschaft vorgegebene Verhaltensmuster zur Kanalisierung seiner Emotionen mit einer ungewohnten Situation konfrontiert ist. Neben anderen Determinanten führt das Fehlen einer Sterbe- und Todeskultur in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zu Unsicherheit im Umgang mit Sterben und Tod.
Nicht nur die Veränderung der Sozialstruktur, sondern auch die normative, kulturelle, ökonomische und medizinisch-technische Entwicklung der deutschen Gesellschaft zog eine veränderte Sicht und folglich einen anderen Umgang mit Sterben und Tod nach sich. Durch diesen umfangreichen Wandel verlor der Tod seine existenzielle Bedeutung sowohl für die Gemeinschaft insgesamt als auch für das Individuum.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellungen über das Sterben und den Tod
2.1. Definitionen von Sterben und Tod und deren inhaltliche Bedeutung
2.2. Das Ritual als Manifestation einer Vorstellung
2.2.1. Das Strukturmodell der Riten nach Van Gennep
2.3. Vergleich der Vorstellungen in verschiedenen Gesellschaften
2.4. Kollektive und individuelle Sterbe- und Todesvorstellungen
2.5. Das Verhältnis zwischen der Vorstellung von Zeit, Sterben und Tod
2.6. Vorstellungen über Sterben und Tod in der modernen Gesellschaft
3. Der Umgang mit Sterben und Tod
3.1. Geschichtliche Entwicklung des Umgangs mit Sterben und Tod
3.2. Der Umgang mit Sterben und Tod in der Vergangenheit
3.3. Der Umgang mit Sterben und Tod in der Gegenwart
3.3.1. Todesanzeigen
3.3.2. Bestattung
3.3.3. Trauer
3.4. Faktoren, die den Umgang mit Sterben und Tod determinieren
4. Survey
4.1. Demoskopische Daten
4.2. Hospizbewegung
4.2.1. Deutsche Hospiz Stiftung
4.2.2. Der Hospizverein Würzburg
5. Feldstudie
5.1. Methode der Inhaltsanalyse
5.2. Inhaltsanalyse
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Magisterarbeit erforscht die sozialen, kulturellen und ökonomischen Faktoren, die den Umgang mit Sterben und Tod in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft prägen. Ziel ist es, durch die Kombination ethnologischer Theoriearbeit und einer qualitativen Feldstudie beim Hospizverein Würzburg aufzuzeigen, wie Unsicherheit, Distanz und der Verlust einer gemeinsamen Sterbe- und Trauerkultur das Verhalten Einzelner und der Gesellschaft beeinflussen.
- Wandel von Sterbevorstellungen und Ritualen im historischen Kontext
- Einfluss von Säkularisierung, Individualisierung und Sozialstruktur auf den Umgang mit dem Tod
- Analyse der Hospizbewegung als Reaktion auf gesellschaftliche Defizite in der Sterbebegleitung
- Qualitative Auswertung von Protokollen eines Einführungsseminars zur Sterbebegleitung
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen medizinischer Technisierung und menschlichem Bedürfnis nach würdevollem Abschied
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Ritual als Manifestation einer Vorstellung
Ebenso zahlreich und verschiedenartig wie die Definitionen, Begriffe, Metaphern und Bedeutungen im vorangegangenen Kapitel sind die Rituale, die im Zusammenhang mit dem Sterben und dem Tod existieren. Sie sind Ausdruck dieser Vorstellungen und gleichzeitig ein bedeutender Aspekt des Umgangs mit Sterben und Tod.
Das religiöse wie das säkulare Ritual stellt eine mögliche Form der Kommunikation zwischen der göttlichen und der menschlichen Ebene beziehungsweise zwischen dem Staat und dem Individuum dar, wobei die Übergänge zwischen religiösem, säkularem oder politischem Inhalt fließend sind. In jedem Fall zeichnet sich ein Ritual durch seine standardisierte, repetitive, formalisierte, stereotype und traditionelle Form aus und findet nur bei außergewöhnlich wichtigen Anlässen statt.
Bloch und Parry sehen im Ritual “a form of social control”, ein Mittel, mit dem die Gesellschaft die Gefühle ihrer Mitglieder ordnet. Ähnlich argumentiert Hocart, der darin eine Technik zur “acquisition and control of life” erkennt. Als zentrale Funktion des Rituals sieht Durkheim in der Tradition der Anneé Sociologique: “the renewal of common values, a reaffirmation of communal conceptions, and a strengthening of social bonds”. Todesrituale betrachtet er aber nicht als Ursprung von Religion oder gar Gesellschaft. Keesing sieht in den Ritualen um das Sterben und den Tod eine “Sequenz der Desakralisierung”, mit deren Hilfe man zur Normalität zurückkehren und die Trauer kanalisieren kann. Radcliffe-Brown und Rosaldo interessierten sich unter anderem für den Zusammenhang zwischen dem Ritual und Emotionen. In den meisten Fällen dient es der Angstreduktion.
Mooren nennt die Rituale “Anti-Todes-Strategien”, die in den verschiedenen Gesellschaften im Fall der Konfrontation mit dem Sterben oder Tod angewandt werden oder sich daran anschließen und immer einen bestimmten Sinn haben, den er nicht im Ausschluß oder der Ignoranz des Todes sieht, sondern als “Integration des Todes in die Leben-Tod-Symbiose”.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Erforschung gesellschaftlicher Faktoren ein, die den Umgang mit Sterben und Tod bestimmen, und erläutert die methodische Herangehensweise der qualitativen Sozialforschung.
2. Vorstellungen über das Sterben und den Tod: Dieses Kapitel analysiert Definitionen, metaphysische Deutungen, rituelle Strukturen nach Van Gennep sowie den Einfluss von Zeitkonzepten auf die Wahrnehmung des Sterbens.
3. Der Umgang mit Sterben und Tod: Hier werden die historische Entwicklung, der Wandel von traditionellen Bräuchen hin zur modernen Distanzierung sowie die faktischen Determinanten des Umgangs mit dem Lebensende untersucht.
4. Survey: Ein Überblick über demoskopische Daten zur deutschen Gesellschaft und eine detaillierte Beschreibung der Entwicklung sowie des Selbstverständnisses der Hospizbewegung.
5. Feldstudie: Dokumentation der empirischen Untersuchung beim Hospizverein Würzburg, inklusive der Methodik der teilnehmenden Beobachtung und der qualitativen Inhaltsanalyse der Seminarprotokolle.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit bestätigt die Ausgangsthese von der zunehmenden Unsicherheit und Distanz im Umgang mit dem Tod in einer säkularisierten, hoch individualisierten Industriegesellschaft.
Schlüsselwörter
Sterben, Tod, Hospizbewegung, Sterbebegleitung, Trauer, Rituale, Säkularisierung, Individualisierung, Ethnologie, qualitative Sozialforschung, Todesanzeigen, Bestattungskultur, gesellschaftlicher Wandel, Lebensqualität, Sinnstiftung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziologischen und ethnologischen Faktoren, die den Umgang mit Sterben und Tod in der heutigen deutschen Gesellschaft prägen, mit einem besonderen Fokus auf die Rolle der Hospizbewegung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung von Sterbevorstellungen, der Bedeutung von Ritualen, dem Einfluss des gesellschaftlichen Wandels auf Trauerprozesse und der Analyse des Hospizwesens als alternative Antwort auf die Sterbebegleitung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die deskriptive Analyse und Verifizierung der Hypothese, dass der gegenwärtige Umgang mit dem Tod durch Unsicherheit, Distanz und den Verlust einer tragfähigen existentiellen Sterbe- und Trauerkultur geprägt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen ethnologischen, qualitativ-induktiven Ansatz. Dieser umfasst eine Theorie- und Literaturanalyse sowie eine Feldstudie, bei der Inhaltsanalysen von Seminarprotokollen einer Ausbildung zur Sterbebegleitung durchgeführt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Todesvorstellungen, eine historische sowie gegenwärtige Bestandsaufnahme der Umgangsweisen mit dem Sterben und eine detaillierte Auswertung der empirischen Feldforschung beim Hospizverein Würzburg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sterben, Tod, Hospizbewegung, Trauer, Rituale, Säkularisierung, Individualisierung und ethnologische Forschung.
Welche Rolle spielt die Säkularisierung beim Sterben?
Die Säkularisierung wird als wesentlicher Faktor beschrieben, der traditionelle religiöse Deutungsmuster und Einbettungen des Sterbens in kosmologische Systeme aufgelöst hat, was zu einer Sinnleere und Unsicherheit im Umgang mit dem Tod führt.
Wie bewerten die Teilnehmer des Hospiz-Seminars ihre Motivation?
Die Teilnehmer äußern oft das Bedürfnis, den Tod wieder stärker in das Leben zu integrieren, Ängste abzubauen und Unterstützung bei der Begleitung Sterbender sowie bei der eigenen Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit zu finden.
- Quote paper
- Sabine Hochmuth (Author), 1999, Der Umgang mit Sterben und Tod in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210641