Zeit und Zeitlichkeit in Goethes Faust


Studienarbeit, 1993

27 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Masken des Chronos

Zeit und Zeitlichkeit in der Literatur

Gedanken über die poetische Gestaltung des Zeitphänomens in Goethes „Faust“

"Vergangen nicht,

verwandelt ist was war"

(Rainer Maria Rilke)

Was gibt es über die Zeit zu sagen, was nicht längst schon gesagt wurde? Was gibt es über Goethes „Faust“ zu forschen, was nicht längst schon erforscht wurde? Nichts Neues, wenn man die Zeit linear denkt und Neuigkeiten auf dem Endpunkt einer chronologischen Zeitlinie platziert. Doch das literarische Zeitphänomen ist zeitlos – und daher zu jeder Zeit aktuell. Es kommt darauf, wer etwas liest und vor allem: WIE. Es gibt viele gültige Lesarten eines literarischen Werkes; in diesem Text soll es darum gehen, EINE mögliche Interpretation von Zeit und Zeitlichkeit zu beschreiben. Der "Bescheidwisser von Weimar" (Thomas Mann über Goethe) hat es bereits seinerzeit selbst gefordert: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken“. In diesem Sinne soll im folgenden Text unser Verhält­nis zur Zeit und den daraus resultierenden Problemen wie Todesta­buisierung und "Seinsbewußtlosigkeit" vor dem Hintergrund unserer schnelllebigen Zeit neu durchdacht werden.

Stichwort - Schnelllebigkeit: Diesen Begriff gab es früher nicht, und genau genommen macht er auch heute wenig Sinn. Er besagt, dass wir heute schneller leben – aber eben auch länger. Wer schneller läuft, ist früher am Ziel. Wer schneller lebt, ist nicht (unbedingt) früher tot. Die Frage lautet vielmehr. Was mache ich mit „dem Rest der Zeit“, wenn ich schneller gelebt habe? In China gibt es dazu ein Sprichwort: „Wenn du es eilig hast, gehe einen Umweg“. Oder anders formuliert: Wer „Zeit sparen“ möchte, sollte sich gut überlegen, was er mit der gesparten Zeit anzufangen wünscht. Doch dies nur am Rande. Kommen wir nun – über diesen kleinen Umweg - zum eigentlichen Thema: Was sind die poetischen Masken des Chronos? Auch darüber haben sich viele kluge Köpfe Gedanken gemacht und diese zu Papier gebracht. In den letzten Jahrzehnten kann man hinsichtlich der interdiszi­plinären Literatur regelrecht von einem "Boom" oder "Zeitaufschwung" sprechen.

Um die Masken des Chronos darzustellen, möchte ich hiermit an jenem literarischen Zeitpunkt ansetzen, der nicht nur vor zwei Jahrhunderten die Welt der Poesie bereicherte, sondern uns auch heute noch nicht zuletzt wegen seiner Unergründbarkeit ab­schreckt oder fasziniert: Goethes "Faust".

Vorab geht es auch um den Begriff Zeit im Wandel der Zeit, um Zeit in der Sprache und im literarischen Raum, um Sprache im Angesicht des Unsäglichen sowie um Grundprobleme hermeneutischer Interpretation („Der Interpret als Brückenbauer“).

Dauer im Wechsel

„Hielte diesen frühen Segen,

Ach, nur eine Stunde fest!“

(Goethe: Dauer im Wechsel)

Immer wieder behandelt Goethe Zeit seines Lebens das Thema der Zeit und der Beziehung des Menschen zu dem eigentümlichen Phäno­men. Die Zeit ist die "höchste Gabe Gottes" und die "aufmerksamste Begleiterin des Daseins":

Der größte Respekt wird allen eingeprägt für die Zeit als für die höchste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins .[1]

Nach Goethes Überzeugung ist eine richtige Einstellung zum Leben ohne eine solche zur Zeit, der Begleiterin des Daseins, unmöglich. Das Daseinsverständnis wird geleitet durch das Bewusstsein, dass sich der Mensch in einer Welt voller Zeit und Ewigkeit gleichzei­tig befindet[2]:

Wir alle sind ewig!- Meines Anfangs erinnr' ich mich nicht, / Zu enden hab' ich keinen Beruf / Und seh' das Ende nicht. / So bin ich ewig, denn ich bin![3]

Die gleiche Erkenntnis, dass Sein und Ewigkeit Synonyme seien, liest sich im Vermächtnis:

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen! Das Ew'ge regt sich fort in allen, / Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein ist ewig [...].[4]

Goethe denkt in Äonen[5], d.h.: Um eine adäquate Beziehung zur Zeit zu erlangen, muß man ein Verständnis der Gegenwart gewinnen, das die Dreiheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Gleich­zeitigkeit in sich vereint:

Dann ist Vergangenheit beständig,/Das Künftige voraus lebendig, / Der Augenblick ist Ewigkeit .[6]

Die Gewichtung des Zeitthemas in Goethes größter Dichtung legiti­miert sich nicht zuletzt durch die Gestaltung der Lebensspanne Fausts, die Hervorhebung des Augenblicks durch den Teufelspakt sowie durch die vielen Symbole und Allegorien, die ein Verständnis von Zeit vermitteln[7], sondern allein schon durch die Gegenüberstel­lung von göttlicher (Prolog/Epilog) und menschlicher Zeit (bezeichnenderweise gibt es vor Fausts Auftreten und nach seinem Tod keine Zeitangaben mehr). So lesen wir bereits in der Zueignung:

Was ich besitze [Zeit], seh' ich wie im Weiten, / Und was verschwand [Vergangenheit], wird mir zu Wirklichkeiten. (V.31f.)

Zur Wirklichkeit wird Faust in der Hexenküche die zuvor im Vorspiel auf dem Theater nur gewünschte Wiederbringung seiner Jugendzeit ("Gib meine Jugend mir zurück", V.197). Der "Traum der Jugend" ist des Dichters "goldner Stern"[8] im Alter. Die Überwindung der Zeit, die den "Olymp sichert" und "Götter vereinet", findet sich in "Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart" (V.156f.).[9]

Der Leser, ein Brückenbauer

Die Inkommensurabiltät der Faustdichtung fordert die notwendigen "intellektuellen Brücken"[10] für ein Gesamtverständnis. Als notwen­dige Brücke und als - vorerst hypothetischen - clavis interpretandi für den Faustschen Einheitsfaden, der Bedingung für ein Gesamtverständnis der Dichtung ist, soll das Thema Zeit ge­wählt werden. Dieser Faden ist Fausts sich ändernde Erfahrung von Zeit und Ewigkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit. Bei Goethe ent­knotet sich der Faden, der keineswegs als gerade Interpretations­linie zu sehen ist, in dem Bewusstsein, dass sich der Mensch in einer Welt voller Zeit und Ewigkeit "gleichzeitig" befindet. Da nach Goethes Überzeugung ein Verständnis des Lebens ein richtiges Bewusstsein von Zeit fordert, soll es auch in diesem Text um Existenzverständnis und dessen Bedingung gehen.

Nicht die Frage "Was also ist die Zeit?"[11] soll beantwortet, sondern ihre Erscheinungsweisen offengelegt und gedeutet werden: "Das Was bedenke, mehr bedenke Wie" (Homunculus, V.6992). So kann uns die Zeit z.B. in Masken des Eros, des Thanatos, der Poesie und in Masken ihrer selbst erschei­nen. Da die Frage nach der Zeit immer auch die Frage nach Existenz impliziert, kann und soll Goethes Rätsel nicht gelöst, sondern nur mehr oder weniger angemessen, d.h. ein Seinsverständnis erlangend, "begriffen"[12] werden.

"Literatur als Weg zum Verstehen"[13] ist folglich das Medium, um zu einem Zeitbewusstsein und damit zu einem Existenzverständnis zu gelangen. Dass wir uns hierbei in einem hermeneutischen Zirkel befinden, wird deutlich: Ein Zeitverständnis durch Poesie soll durch Poesieverständnis der Zeit gewonnen werden. Das Problem ist nun nicht die Frage, wie aus diesem Teufelskreis heraus-, sondern wie in ihn hineinzugelangen ist.

Der Dichtung Rätsel

Bei dem „Enträtseln der Dichtung“ wird uns der Begriff der Maske weiterhelfen, der uns auf das eigentümliche Wesen der Sprache, in ihrer Differenzstruktur das "Eigentliche"[14] nicht ausdrücken zu können, hinführt. So wie der Begriff Zeit selbst ein "Maskenbegriff" ist, da er ursprüng­lich Räumliches bezeichnet[15] ("Wir messen also die Zeit mit dem Raume"[16] ), und so wie die Bezeichnung Phänomen, ursprünglich ein Grundbegriff der Ideenlehre Platons, ebenfalls nicht das Wesen der Zeit fassen kann[17], so ist die Dichtung selbst, die nur in und durch Zeit entstehen und wirken kann (Zeit des Dichters, des Helden, des Dichtens, des Erzählens und Erzählten, des Lesers und des Lesens[18] ) und in ihr die Sprache (in dieser wiederum Symbole, Allegorien, Metaphern, Metonymien etc.) eine Maske des Chronos. In Anspielung auf den von Hesiod überlieferten Titanen Kronos - die Zeit, die ihre Kinder auffrißt - bezeichnen die Masken des Chronos[19] die Bekleidung des Zeitbegriffs mit dem Gewande der Gott­heit.

Bedeutet der Sinn von Mysterien, in deren Riten die Mystagogen in Masken schlüpften, die Vermittlung von Heil, so soll auch der Deuter vermitteln zwischen Text und Verstehen: Er fun­giert als "Brückenbauer"[20] zwischen morphus (Textkorpus der Dichtung) und enigma (Dichtung als Rätsel). Hier zeigt sich der Dichtung rätselhafte Spiegelstruktur auf: Sie ist Ver­mittlerin, in der ein Vermittler ver-mitte-ln soll. Muss man deshalb davor zurückschrecken oder ist sie deshalb, im Sinne Platons, weniger wahr? Die Antwort auf diese nur rhetorischen Frage findet sich bei Goethe:

Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum erscheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen (...). Über Kunst sprechen, heißt die Vermittlerin vermitteln wollen, und doch ist uns daher viel Köstliches erfolgt.[21]

Nachdem nun aber "viel Köstliches erfolgt" ist, bleibt der letzte Schritt von enigma zu soter, von der Dichtung Rätsel zu der Dichtung Lösung, subjektiv-individuell und fällt somit nicht mehr in das Ressort der Allgemeingültigkeit beanspruchenden Wissen­schaft, da - vom Text gelöst - nicht mehr der Deuter den Text aus­legt, sondern von ihm gedeutet wird. Dadurch ergibt sich, Emrichs Fragen in bezug auf einen möglichen Zugang zum "Faust" aufgreifend, ein Grundproblem hermeneutischer Interpretation:

Gibt es einen inneren Zugang zu diesem Werk? Besteht die Möglichkeit, das "Faust-II"-Rätsel zu lösen? Können wir das Werk gleichsam mit Goethes Augen sehen und so das dichterische Geheimnis dieses sonderbaren Gebildes durch es selbst verstehen?[22]

Wie soll das möglich sein? Geht man davon aus, dass sich der Exeget als Vermittler selbst zwischen Text und Auslegung begibt (wie kön­nen wir mit "Goethes Augen sehen", wenn nicht mittelbar durch un­sere eigenen?), muss die Antwort auf Emrichs Fragen "Nein" lauten.[23] Denn nur, was bereits "in uns" liegt und woran wir uns erinnern[24] können, werden wir aus einem Text herausholen können bzw. holt der Text – ähnlich einem geliebten Menschen- AUS UNS heraus. Und da es der Dichtung immer um "Welt und Menschen" geht, so soll uns ein Ausspruch Fontanes innere Wahrheit werden:

Was wir in Welt und Menschen lesen, ist nur der eigene Widerschein.[25]

Aber "weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen"[26] heißt nicht, sie nicht durch Dichtung - die immer auch ein Stück Selbst ist - finden zu können.

Also doch Zeitverständnis durch Poesie? Ja und Nein, Poesie wird nicht zur Zweck-Mittel-Relation herabgesetzt, ganz im Gegenteil:

Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.[27]

Nicht die Philosophie lehrt uns das Wesen der Zeit, sondern die Poesie, die "Lehrerin der Menschheit". Wie macht sie das? Was sind die verbindenden Strukturen von Dichtung und Deutung?

In der Deutungsfalle

„Das wäre nicht so schwer, wenn die Sprache

von dem Einzelnen ausginge, in ihm entstünde und sich,

von da aus, allmählich Ohr und Verständnis erzwänge.

Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil, sie ist das Gemeinsame,

das keiner gemacht hat, weil es alle fortwährend machen,

die große summende und schwingende Konvention,

in die jeder hineinspricht, was er auf dem Herzen hat.“

( Rilke, Worpswede )

Die Sprache als Medium, "durch welches hindurch das Licht der Wahrheit an uns gelangt", verwandelt die Wahrheit und spiegelt sie nicht so, "wie sie an sich, sondern wie sie durch und in diesem Medium ist"[28]. Begibt man sich auf den Weg, die Sprache, "wie sie durch und in diesem Medium" ist, zu fassen, stößt man auf den Differenzbegriff von Derrida:

Jenseits des Seins und des Seienden differiert (sich) und bahnt (sich) unabsehbar diese Differenz. Diese différance wäre die erste oder letzte Spur, könnte hier noch von Ursprung und Ende die Rede sein.[29]

In der Differenz gibt es, wenn auch nicht die Antwort nach der Ursprungsfrage, so doch "eine Idealität des Wortes, die alles Sprachliche über die endliche und vergängliche Bestimmung (...) hinaushebt"[30]:

Wer in dieser Weise spricht, mag nur die gewöhnlichsten Worte gebrauchen und vermag doch eben dadurch zur Sprache zu bringen, was ungesagt ist und zu sagen ist (...). In diesem gesteigerten Sinne begegnet all dies im dichterischen Wort.[31]

Auf dem Gebiet der Sprache findet der Exeget das Sprungbrett, das ihn in den hermeneutischen Zirkel stößt: die mimetische Differenz der hermetischen Sprach­struktur erlaubt dem "Brückenbauer" in der Zweideutigkeit des Sprachsystems den "Polytheismus der Einbil­dungskraft"[32]. Der Interpret wird Hermes - nicht als "Gott der Auslegung" oder "Erfinder der Sprache", sondern als "Überbrücker der Gegensätze"[33], als Mittler zwischen "Maske" und "Be-Deutung", den beiden Polen der mimetischen Differenz[34]. Die Möglichkeit des Deuters, diese Differenz zu überbrücken, um den (Zeit-) "Geist der Erzählung" (Th. Mann) zu fassen, liegt nach Kant in der Eigenart der Dichtung selbst, da sie das "Gemüt" dadurch erweitere,

daß sie die Einbildungskraft in Freiheit setzt und innerhalb der Schranken eines gegebenen Begriffs unter der unbegrenzten Mannigfaltigkeit möglicher damit zusammenstimmender Formen diejenige darbietet, welche die Darstellung derselben mit einer Gedankenfülle verknüpft, der kein Sprachausdruck völlig adäquat ist (...).[35]

Die sprachliche Fixierung des Dichters der "Zeit als Einbildungs­kraft", der "kein Sprachausdruck völlig adäquat" ist, ermöglicht dem Deuter den "Polytheismus der Einbildungskraft". Jakobsen hat in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der figurativen Sprache betont:

Ohne figurative Sprache gibt es keine Sprachschöpfung: nicht nur keine poetische Sprachschöpfung, sondern auch kein Sprechen, das uns erlauben würde, neuen Situationen gerecht zu werden. Die natürliche Sprache (...) ist der Motor der Einbildungskraft. (..) Gewiss braucht man, um wissenschaftliche Ideen zu formulieren - Formeln. Doch es gibt zahlreiche Lebensphänomene, die nach einer gewissen verbalen Mythologie verlangen.[36]

Eines dieser Lebensphänomene, die nach einer "verbalen Mythologie" verlangen, ist zweifelsfrei die Zeit. Auf der Suche nach der "'mythischen' Wahrheit"[37] des dichterischen (Zeit-) Wortes und angesichts "dieser sprachlichen Vergegenwärtigung disparatester Elemente"[38] wird es notwendig, die "vollzogene Anverwandlung lite­rarischer und geistiger Traditionen als einen allgemeinen herme­neutischen Prozess aufzufassen"[39]. Dieser hermeneutische Prozess, die An-Verwandlung ist ein mimetischer: An-Verwandeln als Wieder-Erzählen ist sprachliche Nachahmung des "alten" Worts, das durch seine Wieder-Erzählung ( = Wieder-Belebung durch Sprach ereignis in einer anderen Zeitlichkeit) in ein "neues" Licht des Verstehens gerückt wird. Die Anverwandlung als Wiedererzählen ist Deutung, und der Interpret befindet sich ebenso innerhalb dieser mimetischen Differenz, "... wie das Sprachereignis des dichterischen Werks, dessen Worte in allen ihren Elementen 'neu'

sind, [sie sind] 'Ausdruck, Zeichen, Darstellung eines lebendigen, aber besonderen Ganzen"[40].

[...]


[1] ) Goethe: Wilhelm Meister, WA I, 25.1, S. 211

[2] ) vgl.: Deirdre Vincent: The Eternity of Being. On the Experience of Time in Goethe's Faust, Bonn 1987

[3] ) Goethe: Prometheus-Fragment (1773), WA I, 39, S. 201

[4] ) Goethe: Vermächtnis, WA I, 3, S. 82

[5] ) vgl. hierzu Hans-Georg Gadamer: Über leere und erfüllte Zeit (1969), in: Klassiker der modernen Zeitphilosophie, Hrsg.: Zimmerli u. Sandbothe, Darmstadt 1993: Aion, "die dem Wesen des Lebens zugehörige Seinsart" (S. 291), "meint selber ein Zeitphänomen. Das Wort wird vor allem für Lebenszeit gebraucht und erst von da aus auf 'unbegrenzte Dauer' umgewendet" (S. 287).

[6] ) siehe Fn.: 4

[7] ) Umso verwunderlicher, daß das Zeitthema nach 160 Jahren Faustforschung bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Deirdre Vincent, Ilse Graham, Andrew Jaszi, Wilhelm Resenhöfft) nur marginale Beachtung gefunden hat.

[8] ) Friedrich Förster: Lauf der Welt. Zu einer Tasse mit dem Bildnis Goethes, in: Der ewige Brunnen, Hrsg.: Reiners, München 1990, S. 239

[9] ) Eine mögliche Realisierung der Forderung "gib meine Jugend mir zurück" sieht die Prinzesin in "Tasso" in der Tätigkeit der Phantasie, sich "in die goldne Zeit der Dichter [zu] träumen": "Wir können unser sein und Stunden lang/Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen./(...) Und dieses neue Grün und diese Sonne/Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.", in: Goethe: Torquato Tasso, HA Bd.III, V.22ff.

[10] ) nach Vincent: "... the intellectual bridges neccessary for an understanding of the whole", a.a.O., S. 3

[11] ) Augustinus: Bekenntnisse, Hrsg.: Thimme, München 1982, S. 312: "Quod ergo est tempus? Si nemo me ex quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio." (Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn ich es aber einem Fragenden erklären soll, weiß ich es nicht.)

[12] ) Daß "wir begreifen, was uns ergreift", ist nach Emil Staiger das eigentliche Ziel aller Literaturwissenschaft.

[13] ) Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt a.M. 1991, S. 715

[14] ) Auf die Debatte über das Problem des Eigentlichen kann hier nicht erschöpfend eingegangen werden. In der Regel wird das Ursprüngliche als das Eigentliche im Sinne von das Nahe (propre, proprius) bestimmt, als das Anwesende im Sinne Heideggers: in der Nähe der Selbstgegenwart (vgl.: Martin Heidegger: Sein und Zeit, 14. Aufl., Tübingen 1977, S. 12ff.). Exemplarisch soll aber die Frage Derridas aufgegriffen werden: "Und warum wird die Zeitlichkeit als eigentliche oder uneigentliche gekennzeichnet, sobald jede ethische Besorgnis aufgehoben wurde?" (Jacques Derrida: Ousia und gramme, in: Klassiker der modernen Zeitphilosophie, Hrsg.: Zimmerli/Sandbothe, Darmstadt 1993. S. 276)

[15] ) Die Etymologien der Zeitbegriffe, wie kronos, tempus, Zeit u.s.w., sind nicht hinreichend gesichert. Allerdings weisen viele adjektivische Zeitbegriffe auf deren ursprünglich räumliche Bedeutung hin: so z.B. bei spät/später _ spatius _ der Raum (vgl. u.a. Leisi, Koselleck, Ebeling, Mugler, Mauthner: Wörterbuch der Philosophie, Bd.II, München/Leipzig 1910, S. 583ff.). Empfinden können wir die Zeit folglich nur durch den Raum, was letztendlich den Begriff chronotopos geprägt hat: "Wir verstehen den Chronotopos als eine Form-Inhalt-Kategorie der Literatur". Aus: Michail Bachtin: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik, Hrsg.:Kowalski u.a., Frankfurt a.M. 1989, S. 7

[16] ) Thomas Mann: Der Zauberberg, S. 93

[17] ) Das griechische Wort Phaenomenon bezeichnet das Erscheinende, den in der Sinnlichkeit gegebenen Gegenstand (vgl.: J. Mittelstraß: Die Rettung der Phänomene, 1963). Doch "Zeit ist nicht sinnlich" - wir haben kein Sinnesorgan, die Zeit zu fassen, da wir sie "mit dem Raume" messen (vgl.: Der Zauberberg, S. 312: "Er hatte auf den stillen Anbruch des zehnten Monats nicht achtgehabt; nur das Sinnliche berührte ihn.").

[18] ) Auch dieser zeitpsychologische Aspekt kommt zum Tragen: Literatur wächst in der Zeit, manchmal lange Zeit im verstaubten Bücherschrank verweilend, bevor die "richtige Lesezeit" gekommen ist. So werden wir bei der Lektüre unserer persönlichen Zeit entrückt, wenn Kunst über alle Zeitgesetze versetzt in andere Zeiten - und Zeitlosigkeiten.

[19] ) Eine Etymologie, die besagt, daß Chronos von Kronos herzuleiten sei, ist nicht gesichert. Deshalb wird im folgenden nicht der Begriff Kronos, zumal dieser vor allem die negativ-vernichtende Seite der Zeit hervorhebt, verwendet, sondern das griechische Wort für Zeit: chronos. Denn "die griechische Begrifflichkeit unternimmt zu formulieren, was aller menschlichen Seinserfahrung entspricht". (Hans-Georg Gadamer: Über leere und erfüllte Zeit (1969), in: Klassiker der modernen Zeitphilosophie, S. 283)

[20] ) vgl. Vincent, a.a.O., S. 3

[21] ) Goethe: Maximen und Reflexionen, HA Bd.XII, Nr. 729, S.468 u. Nr. 18, S. 367

[22] ) Wilhelm Emrich: Das Rätsel der "Faust-II"-Dichtung. Versuch einer Lösung (1965), in: Aufsätze zu Goethes "Faust II", Hrsg.: Keller, Darmstadt 1992, S. 29

[23] ) Was allerdings weder den Wert der Dichtung, noch den der Deutung mindert.

[24] ) Ist erinnern eine zeitliche Tätigkeit, in der man sich von der Gegenwart in die Vergangenheit zurückversetzt, dann ergibt sich eine Beziehung zwischen Zeit und Hermeneutik als die Theorie und Praxis, sich verstehend erinnern zu können. Baudelaire's "J'aime les souvenirs" steht ebenso für ein Zeitverständnis im Sinne von erinnern wie die binäre Opposition des Vergessens (vgl.: "Lethe" in "Faust-II", 1.Akt, 1.Szene) für die Zeitlosigkeit: "Hier herrschte das Vergesen selbst, der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit". (Zauberberg, S. 886)

[25] ) Theodor Fontane, in: Der ewige Brunnen, Hrsg.: Reiners, München 1990, S. 857 (nicht zufällig unter die Rubrik "Kunst zu leben" gesetzt!).

[26] ) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Entwurf. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

[27] ) ebd.

[28] ) Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M. 1970, S. 68

[29] ) Jacques Derrida: Ousia und gramme, in: Klassiker..., S. 280

[30] ) Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1965, S. 368

[31] ) ebd., S. 444f.

[32] ) Hegel: Entwurf, a.a.O.

[33] ) Karl Kerenyi: Hermes, der Seelenführer. Das Mythologem vom männlichen Lebensursprung, Zürich 1944, S. 99

[34] ) Der Begriff der Differenz, der ursprünglich auf Derridas "Die Schrift und die Differenz" (Frankfurt a.M. 1972) zurückzuführen ist, ist in dem hier angeführten Sinne der Abhandlung "Subversion und Differenz. Das Spiegelmotiv bei Freud-Thomas Mann-Rilke und Jacques Lacan" (Essen 1986) von Heinz Holzapfel entnommen.

[35] ) Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Hrsg.: Vorländer, Hamburg 1968, S. 183

[36] ) R.Jakobsen: Poesie und Sprachstruktur, Zürich 1970, S. 37

[37] ) "Als Phänomen in einer phänomenalen Welt spiegelt die Sprache des Menschen die 'mythische' Wahrheit." Aus: Manfred Dierks: Studien zu Mythos und Psychologie bei Thomas Mann, Thomas-Mann-Studien Bd.II, Bern/München 1972, S. 118

[38] ) Holzapfel, a.a.O., S. 70

[39] ) J. Scharfschwert: Thomas Mann und der deutsche Bildungsroman, Stuttgart 1967, S.10

[40] ) Hölderlin, zitiert nach: Gadamer: Über leere ..., a.a.O., S. 295

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Zeit und Zeitlichkeit in Goethes Faust
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1
Autor
Jahr
1993
Seiten
27
Katalognummer
V210781
ISBN (eBook)
9783656382966
ISBN (Buch)
9783656386568
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeit, zeitlichkeit, goethes, faust
Arbeit zitieren
Magistra Renja Lüer (Autor), 1993, Zeit und Zeitlichkeit in Goethes Faust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210781

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