Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft. Geburtenentwicklung im Zusammenhang mit Alter und Bildung


Bachelorarbeit, 2009
61 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

1. Persönliche Erklärung

2. Bibliographische Beschreibung

3. Zusammenfassung

4. Ziel meiner Arbeit und Vorgehen

5. Hauptteil
5.1 Einführung
5.1.1 Kurze Vorüberlegungen und Erwartungen
5.1.2 Begriffliche Abgrenzung: äußere und innere Determinanten
5.2 DemographischerWandel der Bevölkerung der BRD
5.2.1 Wandel der Sozialstruktur
5.2.2 Sozialer Wandel der Rolle 'Frau'
5.2.3 Problematik: Kinderlosigkeit
5.3 Theoretische Erklärungsansätze zur Familiengründung
5.3.1 Individualisierungsthese von Ulrich Beck
5.3.2 Ökonomische Theorie der Fertilität nach Kopp
5.3.3 Rosenstiels Modelle
5.3.4 Entscheidungsmodell nach Burkart
5.3.5 Wohlstandstheorie
5.4 Kinderlose Ehen 25 -
5.4.1 Elternschaft und Berufseintritt
5.4.2 Vereinbarkeit Familie und Beruf fürFrau und Mann
5.5 Teilfolge: Späte Mütter
5.6 Praktisches Beispiel: die Ehe Curie
5.7 Europäischer Vergleich auf familienpolitischer Ebene

6. Aktueller Bezug: ALLBUS-Datensatz

7. Fazit und Diskussion

8. Anhang
8.1 Grafiken
8.2 Tabellen
8.3 Tabellen Stata

9. Unterstützender Anhang
9.1 Grafiken
9.1.1 Bundesamt für Statistik
9.1.2 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
9.2 Tabellen
9.2.1 Bundesamt für Statistik
9.2.2 Bundeszentrale für politische Bildung

II Literaturverzeichnis

III Internet-Quellen

1. Persönliche Erklärung

ln meinem Expose habe ich Ihnen einen groben Überblick meines gewählten Themas gegeben. Um Ihnen die Tiefe der Thematik erläutern zu können, bedarf es weiterer Einschränkungen.

Anfänglich habe ich den Schwerpunkt aufdie Unterschiede zwischen sehr jungen und eher ,alten’ Müttern bezüglich der Umsetzung des Kinderwunsches legen wollen.

Nach einer längeren Literaturrecherche musste ich jedoch feststellen, dass mein Interessengebiet sehr breit gefächert ist und von vielen Seiten beleuchtet werden kann.

Um in der mir vorgegebenen Seitenanzahl zu bleiben, auch wenn ich alle Randgebiete und Zusatzthemen beleuchten möchte, werde ich diese Bachelor-Arbeit aufdie Forschungsfrage: .Warum bleiben Akademiker-Ehen häufig kinderlos?’ begrenzen.

Mein Hauptgebiet: Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft - Geburtenentwicklung im Zusammenhang mit Alter und Bildung, bleibt dementsprechend unangetastet. Ich habe lediglich aus der doppelseitigen Betrachtung: junge sowie ältere Mütter, eine einfache gemacht um, wie schon erwähnt, das Thema nicht zu überspannen. Letztendlich hätte ich mehrere Forschungsansätze herausarbeiten müssen und wäre zu mehreren Themengebieten gelangt.

Dieses thematische Umschwenken gerade in Richtung der älteren Mütter rührt daher, dass sich hier ebenfalls ein Phänomen erkennen lässt. Vor allem hoch gebildete ehrgeizige Paare bzw. Ehepaare bleiben kinderlos, obwohl häufig Faktoren, wie Kosten oder Wohnungsverhältnisse ein geringeres Hindernis darstellen. Dennoch sind bevorzugt Akademiker oder Personen im öffentlichen Dienst davon betroffen, keine Kinder zu haben.

Ist dies gewollt? Oder sind eigentlich Kinder gewünscht und es gibt besondere Ursachen, die es nicht ermöglichen?

Warum ist es wiederum .Misch-Ehen’, in denen lediglich ein Partner über einen hohen beruflichen Status verfügt, möglich, Kinderzu haben? Ist dies alles nur eine Frage der Aufgabenteilung oder werden typische Rollenvergaben bevorzugt: der .Mann als Ernährer’, die .Frau als Mutter’?

Dieses Thema ausführlich zu hinterfragen ist mein Anliegen. Welche inneren sowie äußeren Determinanten spielen bei dem Kinderwunsch tatsächlich eine Rolle? Inwiefern nehmen Bildung und Alter in unserer modernen Zeit, geprägt von verschiedenen Lebensweisen, Einfluss aufdie kinderlose Ehe?

2. Bibliographische Beschreibung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Zusammenfassung

Eine der Haupterkenntnisse, die aus meinerfolgenden Arbeit herauszulesen ist, besteht in dem Sachverhalt, dass eine hohe Präferenz des Berufes eine hohe Wahrscheinlichkeit der Kinderlosigkeit zur Folge hat. Im Umkehrschluss wirkt sich die Bevorzugung von Familie gegenüber der Karriere positiv auf den eigenen Kinderwunsch aus.

Die verschiedenen beeinflussenden Faktoren - wie historischer Wertewandel, der Wandel der Rolle ,Frau’ bzw. .Familie’, Bildungsexpansion und die politische Unterstützung in Form von Kinderbetreuung - nehmen in unterschiedlichem Ausmaß einen Einfluss auf die Problematik der Kinderlosigkeit.

Die Verknüpfung von Karriere und Kind stellt sich in unserer Gesellschaft noch als sehr schwierig dar. Deshalb wird auch zukünftig das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein aktuelles Thema bleiben.

4. Ziel meinerArbeit und Vorgehen

Ziel meiner Arbeit ist es, ein Bild über die aktuelle Forschungslage zu schaffen und verschiedene theoretische Erklärungsansätze für die Geburtenentwicklung herauszuarbeiten.

Unter Betrachtung verschiedener Faktoren werde ich der Frage: warum ,Akademiker-Ehen’ häufig kinderlos bleiben, nachgehen. Der grundlegende Ausgangspunkt meinerArbeit ist hierbei, ob eine verspätete Familiengründung Ausdruck eines neuartigen autonomen Lebens ist oder zwangsläufig ausbildungsbedingt und folglich nur eine Verschiebung der Elternschaft in Frage kommen kann?

Um der Antwort darauf nach zu kommen, werde ich wie folgt vorgehen: Zunächst werde ich auf den demographischen Wandel der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland eingehen, um die Makro­Komponente als Grundlage zu schaffen. Daraufhin folgen die verschiedenen theoretischen Erklärungsansätze ausgewählter Autoren, welche mehrfach an den demographischen Wandel anknüpfen. Diesen unterschiedlichen Abhandlungen werde ich die Mikro-Komponente entgegen setzen: Unter dem Kapitel der kinderlosen Ehe werden Begriffe, wie Kinderlosigkeit und Zwei-Karriere-Ehen, definiert und verschiedene Arten von Paaren gegenüber gestellt. Zudem werden die differierenden Faktoren und Beweggründe für oder gegen ein Kind herausgearbeitet.

Anschließend wird eine Teilfolge: .späte Mutterschaft’ herausgefiltert. Die Ehe Curie findet als praktisches Beispiel ihren Anspruch in dieser Arbeit, welche mit einem europäischen Vergleich abgeschlossen wird.

5. Hauptteil

5.1 Einführung

Bevor ich mit dem eigentlichen Hauptteil meiner Bachelor-Arbeit beginne, werde ich zunächst auf zwei Punkte hinweisen.

Zum einen meine Vorüberlegungen und Erwartungen an das Ergebnis - um zum späteren Zeitpunkt feststellen zu können, ob meine Thesen bestätigt werden können oder eine Revidierung vorgenommen werden muss.

Zum anderen werde ich kurz auf die Begrifflichkeiten der inneren und äußeren Determinanten eingehen. Es dient lediglich einem besseren Vorverständnis, da ich nicht explizit meine Arbeit einer äußeren und inneren Gliederung unterworfen habe, sondern mich thematisch vom Gesamtbild der Bevölkerung der Bundesrepublik bis hin zum Einzelnen vorgearbeitet habe.

5.1.1 Kurze Vorüberlegungen und Hypothesen

H I Je intensiver das Erreichen eines hohen sozialen Status angestrebt wird, desto später erfolgt die Familiengründung im eigenen Lebenslauf oder führt sogar zum Verzicht auf ein Kind.

HII Je wichtiger die Präferenz der Selbstverwirklichung (so auch bezüglich des Berufes) für eine Person ist, umso wahrscheinlicher wird sie auf ein Kind verzichten.

H III Je länger der Bildungsweg bis zum gewünschten Bildungsgrad ist, desto später erfolgt die erste Schwangerschaft bzw. die Kinderplanung.

5.1.2 Begriffliche Abgrenzung: äußere und innere Determinanten

Dieser Abschnitt soll begreiflich machen, was man unter den jeweiligen Kategorien zu verstehen hat. Viele verschiedene Faktoren nehmen Einfluss auf das generative Verhalten eines Menschen.

So sind aufder individuellen Ebene die eigenen Wünsche und Einstellungen bezüglich struktureller Gegebenheiten zu verstehen. Es stellt sich häufig für den Einzelnen die Frage: In welcher Art von Partnerschaft lebe ich und inwiefern bietet diese mir den nötigen Halt für ein Kind? Doch neben diesem partnerschaftlichen Aspekt, nehmen auch finanzielle und berufliche Gesichtspunkte einen Einfluss.

Von besondererTragweite ist die eigene Wertigkeit, die man einer Familie mit Kind zuordnet. Jeder besitzt seine eigenen Wertvorstellungen und Leitbilder.

Doch es wäre falsch, zu behaupten, dass diese inneren Determinanten von den äußeren abgegrenzt betrachtet werden können. Sie bedingen einander. Gesellschaftliche Ereignisse und Wertewandel auf der Makroebene beeinflussen die Handlungsweise des Einzelnen und dessen Wertvorstellungen auf der Mikroebene. Welche Rolle kommt der Frau in der jeweiligen Gesellschaft zu? Welchen sozialen Stellenwert nehmen Familie und Kind ein und welche Unterstützung erfahren sie? Welche beruflichen Vorstellungen sind auf dem Arbeitsmarkt erfüllbar? Welche rechtliche Basis wurde für mich geschaffen, um dereventuellen Doppelbelastung von Familie und Beruf standhalten zu können? Sind berufstätige Mütter angesehen, werden sie akzeptiert oder sind die Wertigkeiten von Beruf und Karriere womöglich höher als ein Kinderwunsch angesiedelt?

Zusammenfassend sei darauf verwiesen, dass die inneren Faktoren ein Spiegelbild der äußeren darstellen. Jeder besitzt einen unterschiedlich stark ausgeprägten Kinder- und/ oder Karrierewunsch. Dennoch liefert die Gesellschaft das Umfeld in dem wir agieren, prägt uns in unseren Werte­vorstellungen und grenzt unseren Handlungsspielraum ein. Der Arbeitsmarkt ist dementsprechend ein Beispiel für die äußere Determinante.

5.2 DemographischerWandel der Bevölkerung der BRD

Mir ist es sehr wichtig, nachvollziehen zu können, welchen Einfluss die tatsächlich vorliegende Gesellschaftsstruktur (Makro) auf die eigene Meinung und das Handeln des Individuums (Mikro) ausübt. Um hier nicht zu viel vorweg zu nehmen und dennoch einen Überblick zu schaffen, möchte ich den Leser darauf verweisen, einen Blick in den unterstützenden Anhang (siehe S. 42-56) zu werfen. Dort sind öffentlich zugängliche Daten und Grafiken abgebildet, die durch das Statistische Bundesamt, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Bundeszentrale für politische Bildung bereitgestelltworden.

Ziel dieser Zusammenstellung ist es, sowohl die Gesellschaftsstruktur allgemein abzubilden und zusätzlich die eigentlich interessierende Untersuchungseinheit heraus zu filtern, wie viele Frauen bzw. Paare tatsächlich von Kinderlosigkeit betroffen sind.

Tatsache ist: es gibt einen Geburtenrückgang. Außerdem werden Frauen erst mit durchschnittlich 30 Jahren erstmalig Mutter. Wie viele sind in unserer Bevölkerung kinderlos? Des Weiteren ist zu erkennen, dass bevorzugt Frauen bzw. Partner mit einer hohen Bildung vergleichsweise weniger Kinder zur Welt bringen. Doch wie sieht es mit den Bildungsabschlüssen in der Bevölkerung überhaupt aus? Wie verteilen sich die Prozentsätze hinsichtlich der Doppelbelastung Kind und Beruf?

5.2.1 Wandel der Sozialstruktur

Doch nun zum eigentlichen Inhalt dieses Kapitels: Wandel der Sozialstruktur. Dieses Themengebiet soll vorrangig unter dem Aspekt des Wandels von Ehe und Familie betrachtet werden.

Doch wie genau werden die Begriffe Ehe und Familie definiert?

Schäfers definiert die Ehe als eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau, sowohl auf der allgemeinen, wie auch der juristischen Ebene.1 Interessanterweise bestehen für ihn die grundlegenden Funktionen darin, den Geschlechtsverkehr zu legalisieren und mit entsprechender Geburt eines Kindes Verpflichtungen zu knüpfen.

Wiederum Familie definiert er wie folgt:

Unter Familie im engeren Sinne und soziologischen Verständnis ist jene Lebensgemeinschaft und Sozialgruppe zu verstehen, in der Erwachsene sich der Erziehung (Sozialisation) von Kindern und Jugendlichen widmen.

Zusätzlich geht Schäfers aufdie .konstitutiven Merkmale von Familie’ nach Rosemarie Nave-Herz2 ein. Für sie besteht die Familie aus einer Art Doppelnatur, in dem die Familie sowohl die Reproduktions- als auch die Sozialisationsfunktion erfüllt. Doch diese Funktionsannahmen würden allmählich neu definiert werden. So stellt zum Beispiel eine Adoptivfamilie keine Verbindung mehr zwischen sozialem und biologischem Ursprung dar.

Dennoch bestehtweiterhin ein Solidaritätsverhältnis, welches als ein weiteres Merkmal der Familie zu verzeichnen ist und die üblichen Gruppenmerkmale übersteigt. Auch die Generationendifferenzierung hat weiterhin bestand.

Als Grund für die allmähliche Aufweichung von traditionellen Familienmerkmalen führt Schäfers historische Veränderungen an. Die Entwicklung weg von der isolierten Familie hin zur bürgerlichen Familie datiert er als den Hauptbruch in der Geschichte.3

Die isolierte Familie entstand aufgrund von Industrialisierungs- und Verstädterungsphasen. Diese führte eine Trennung von Arbeits- und Wohnbereichen mit sich und hatte Unabhängigkeit und freie Partnerwahl zur Folge. Dementsprechend war es auch neu, dass die Ehe frei geschlossen werden konnte.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts hat sich diese Entwicklung immer weiter abgezeichnet und die Liebe wurde als Ehegrund angegeben. Auch die Kindheit wurde nun als eigenständiger Erziehungsbereich anerkannt und die Familie galt als privater Bereich.

Welche Zwischenstufen genau zu diesem Endresultat führten, werde ich erst im späteren Verlauf mit Hilfe von Rüdiger Peuckert darstellen. An dieser Stelle möchte ich es bei einem kurzen historischen Abriss belassen.

Eben dieser große Bruch in der Sozialstruktur brachte einen Funktionswandel mit sich. Nun hatte die Familie die Aufgabe ihre Kinder zu erziehen und zu sozialisieren. Primär bleibt die Familie die Sozialisationsinstanz, jedoch tritt als zweite Einheit zusätzlich die institutionelle Ebene auf. Schulen, die Berufsausbildung oder gar die Medien erziehen und beeinflussen die Kinder mit und liefern die sekundäre Sozialisation.

Aufder Negativseite ist mit Wandel der herausbildenden Kernfamilie somit zu notieren: Verlust an Selbstversorgung, Einschränkung der Altersfürsorge und der Erziehungs- und Ausbildungsfunktionen.4 Gerade durch diesen historischen Wandel sieht Schäfers die Lage der Kinderlosigkeit begründet. Lebensgemeinschaften und -umstände die der früheren Gesellschaft entsprechen, hätten mehr Kinder und wiederum .moderne’ Familien hätten weniger Kinder hervorgebracht. Schäfers stellt folgende Aussagen gegenüber:

im Durchschnitt der Fälle ist die Kinderzahl: bei bäuerlichen Familien größer als bei Familien aus dem industriellen Berufsbereich, in kleinen Ortschaften höher als in größeren, bei Katholiken höher als bei Protestanten, in Familien, in denen die Ehefrau ausschließlich Hausfrau ist, größerals in Familien mit erwerbstätigen Müttern, bei Ehepaaren größer als bei Alleinerziehenden oder nichtehelichen Lebensgemeinschaften “5.

Doch hiermit ist lediglich eine Seite betrachtet worden. Nun möchte ich näher aufden Standpunktvon Rüdiger Peuckert eingehen.

Für ihn beruht die Familie auf der Ehe, welche die Keimzelle der Gesellschaft darstellt.6

Auch für ihn ist ein Bedeutungsverlust zu erkennen, der zu einer Destabilisierung der Ehe und Familie

geführt hat und in der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen mündet.7

Er bestätigt Schäfers Theorie in der Gegenüberstellung von bürgerlicher Familie und der Familie als Produktionsstätte und sieht in diesem Wandel auch die Hauptveränderung der Familienstruktur.

Das vorindustrielle Modell bot in der Partnerwahl einen ökonomischen Moment. Durch die Trennung von Arbeits- und Lebensstätte wurden auch die Geschlechterrollen polarisiert und die Erziehung des Kindes wurde zu einer selbständigen Phase. Auch darin bestätigt Schäfers Peuckert.

Zusätzlich fügt er noch hinzu, dass eben die Erziehung des Kindes die „ureigenste“ Aufgabe der Frau sei.8 Erst ab diesem Abschnitt geht Peuckert weiter als Schäfers und erklärt die Familienstruktur im 19. Jahrhundert als „vernünftige Ehe“, in der Liebe mittels materieller Vor- und Nachteile zusätzlich abgewogen wird. In den frühen 50er und 60er Jahren kommt es zur Generalisierung des modernen, bürgerlich gefärbten Familienmusters.

Daraufhin bargen die späten 50er und 60er (DDR) eine weitere Veränderung. Die Ehe und Familie wurde institutionalisiert und regelrecht als verpflichtend und selbstverständlich betrachtet.

„Das [...] moderne Ehe- und Familienmodell hatte sich fast universell durchgesetzt und war zur dominanten Familienform, zur Normalfamilie, geworden.“9

Erst Mitte der 60er kam es zur allmählichen Destabilisierung der Normalfamilie und darauf folgend die Pluralisierung der Lebensformen.

Die Definition von Familie weicht nur geringfügig von Schäfers ab. Lediglich das Solidaritätsverhältnis wird noch einmal spezifiziert und vorwiegend als Eltern-Kind-Verhältnis gekennzeichnet. Zusätzlich ist es Peuckert wichtig den Begriff des Haushaltes zu definieren:

„Der Haushalt hingegen ist eine sozio-ökonomische Einheit, die aus zusammenwohnenden und gemeinsam wirtschaftenden Personen besteht.“10

Nach dieser historischen Entwicklung und den Begriffsdefinitionen, werde ich nun näherauf die Pluralität der Lebensformen eingehen. Hierzu schrieb Peuckert, dass diese Pluralität bis zum Ende der dritten Lebensdekade am größten sei.11 Vor allem Frauen und Männer der Höheren Bildungsschicht zögen sich bevorzugt aus den familialen Lebensformen zurück. Es gibt häufig nur noch „Monogamie auf Raten“12, so die Kritik Peuckerts, und die biologische und soziale Elternschaftfallen immer seltener zusammen, wie es eigentlich im traditionellen Familienmerkmal verankert ist.

Der Grund, warum sich weitere Lebensformen ausbreiten, liegt für Peuckert in dem Sachverhalt, dass die berufliche Karriere immer stärker an Wertigkeit für junge Frauen gewinnt und somit die Wertigkeit eines Kindes bzw. der Familie senkt, oder zumindest in Konkurrenz steht.

Die Folge sind so genannte Zwei-Karriere-Ehen, Commuter-Ehen (man sieht sich nur am Wochenende, aufgrund der Distanz zur Arbeitsstelle), egalitäre Ehen (absolute Gleichheit) und sexuell nichtexklusive Paargemeinschaften.13

Somit sei die Deinstitutionalisierung des bürgerlichen Familienmusters bestätigt: die Institution Ehe gerät durch die kulturelle Legitimationseinbuße ins Schwanken und ebenso büßen Geschlechtsrollen an Verbindlichkeit ein. Die häufige Wirkung davon ist ein sinkender Kinderwunsch.14 Doch auch die institutionelle Ebene, die äußeren Determinanten, sollten nicht außer Acht gelassen werden. So steht außer Zweifel, dass die staatliche Kontrolle der Ehemoral aufgelöst wurde und auch das erste Eherechtsreformgesetz von 1976, sowie der Übergang zum Zerrüttungsprinzip im Juli 1977 die Scheidung formal erleichterte. Auch die informelle soziale Kontrolle von Ehe- und Sexualmoral hat nachgelassen. Das Umfeld und die Gesellschaft im Allgemeinen werden immer aufgeschlossener gegenüber .anderen’ Lebensformen. Die Hauptfolge: die Auflösung und Entkopplung des bürgerlichen Familienmusters15, was zum Fazit hat, dass die Pluralisierung der Lebensformen bestätigt werden kann, nicht jedoch, dass dies mit einem Verlust an Gemeinschaft einhergeht In einem eigens dafür vorgesehenen Kapitel stellt Peuckert bereits den Zusammenhang zwischen der Änderung unserer Sozialstruktur und dem Geburtenrückgang und somit der Veränderung der Familiengröße her.16

Bis 1998 sind die Geburtenzahlen von einst 727.000 (1990) auf 682.000 gesunken.17 Umgerechnet bedeutet dies einen Wandel von 1570 Kindern pro 1000 Frauen hin zu der Tendenz von nur noch 770 Kindern auf 1000 Frauen.

Der Bielefelder Soziologe und Bevölkerungswissenschaftler Kaufmann18 ist der Meinung, dass mehrere gesamtgesellschaftliche Komponenten aufden Einzelnen einwirken (Makro-Mikro) und somit seinen Planungen und Entscheidungen beeinflussen. Doch an dieser Stelle nur ein kurzer Abriss. Ich werde später unter dem Punkt .Theoretische Erklärungsansätze’ näher aufdie Beeinflussungsprozesse eingehen (Gliederungspunkt 5.3).

Kaufmann spricht von einer Optionssteigerung infolge der allgemeinen Wohlstandssteigerung, wodurch es zu erhöhten Bildungschancen und Arbeitsmöglichkeiten kam. Man wird mobiler, konsumiert stärker und ist sich dessen bewusst, selbst entscheiden zu dürfen.

„Die Entscheidung für ein Kind bedeutet eine langfristige, irreversible biographische Festlegung und damit einen Verzicht auf andere Optionen.“19

Des Weiteren kommt die kulturelle Liberalisierung von Ehe und Familie zum Tragen. Auch hier findet eine freie Wahl statt und nicht mehr wie früher, eine Art Selbstverständlichkeit in dieser Lebensform zu münden.

„Liebe führt nicht mehr zwangsläufig zur Ehe und die Ehe nicht mehr zwangsläufig zur Elternschaft.“20

Zusätzlich nimmt die soziale Ungleichheit ihren Einfluss aufdie Familie und Kinderzahl. Sozio- ökonomische Benachteiligungen verringern die eigenen Optionen und reduzieren die Familiengröße.

Als letzten Punkt führt Kaufmann die erhöhten Ansprüche der Elternrolle an. Eben diese erhöhten Ansprüche hätten psychische Belastungen und Verunsicherungen zur Folge.

Doch dies, wie schon erwähnt, nurals kurze Begründungsmöglichkeiten.

Hauptaugemerk legend auf mein Thema, lässt sich zu diesen vier Punkten ableiten, dass die Optionssteigerung für ein hoch gebildetes Paar, mit entsprechend gutem Einkommen auf beiden Seiten, definitiv zutrifft. Den zweiten Punkt der liberalisierten Ehe würde ich für alle Paare allgemein als bestätigt ansehen, da es eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung darstellt.

Wiederum den dritten Punkt, die sozio-ökonomische Benachteiligung, würde ich bei Akademiker-Ehen ausschließen. Der letzte Punkt ist meiner Meinung nach am interessantesten. Wenn bereits allgemein von einer Art Überforderung der Eltern gesprochen wird, wie ist dann erst die psychische Belastung bei einem Paar, wo beide voll-berufstätig sind und zeitlich stark ausgelastet? Ein Kind würde somit eine zusätzliche Verpflichtung darstellen, die ebenso zeitintensiv ist.

5.2.2 Sozialer Wandel der Rolle ,Frau’

„Mit dem Übergreifen des Individualisierungsprozesses aufden weiblichen Lebenslauf Mitte der 60'er Jahre haben die traditionalen Geschlechtsrollen an Geltung und Überzeugungskraft eingebüßt.“21

Nave-Herz beschreibt diesen Vorgang anhand von mehreren Unterpunkten. Den ersten Punkt beschreibt sie als „demographische Freisetzung“22 der Frauen (vgl. Imhof 1981). Das Kind hat nur noch für einen gewissen Lebensabschnitt eine Relevanz und darauffolgend kommen durchschnittlich drei Jahrzehnte des eigenen Lebens, ohne Kind Als einen weiteren Gliederungspunkt führt Nave-Herz folgenden an:

„[...] die Aufhebung der bis dahin gesetzlich fixierten Zuständigkeit der Frau für Hausarbeit und Familie durch die Reform des Ehe- und Familienrechts [...]“

Dies bedeutet, was bereits zuvor durch den historischen Abriss bestätigt wurde, dass traditionelle Rollenverteilungen immer weniger Stabilität besitzen und es zu neuen Aufgabenverteilungen kommt. Frauen kommen inzwischen durch eigene Erwerbstätigkeit für ihren Lebensunterhalt auf. Die darauf folgende Unabhängigkeit vom Mann und zusätzlich die Neuordnung des Scheidungsrechts führen zu einer stark ansteigenden Scheidungszahl. Hinzu kommt die öffentlich geänderte Einstellung zur Sexualität der Frau. Vor allem der voreheliche Sex stellt eine überaus große Veränderung in der gesellschaftlichen Tabu-Welt dar. Schwangerschaft kann nun auch geplant werden - eine bewusste Entscheidung für oder gegen ein Kind ist nicht mehr unüblich.

Die letzten zwei Überlegungen sind die meines Erachtens wichtigsten für mein Thema: der intellektuell­moralische Aufbruch der Studenten- und Frauenbewegungen. Bildungschancen wurden angeglichen, was einen „[...] Anstieg qualifizierter Berufsarbeit und de[r]n Erwerb eigenen Einkommens als Voraussetzung ökonomischer Selbständigkeit [...]“ zur Folge trug.

Obwohl es zu einer solchen Revolution in der Bildungsebene kam, fehlt noch die Revolution auf der Familienebene. Sicherlich ist in aktueller Zeit auch darin viel geschehen. Dennoch ist das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein bevorzugt weibliches Thema. Frauen ist der Vorstoß in die Arbeitswelt gelungen, jedoch die Funktionen als Mutter und soziales Standbein der Familie bleiben ihr weiterhin einverleibt, was eine Doppelorientierung nach sich zieht. Um dieser Konkurrenz von Familie und Erwerb entgegenzusteuern, gibt es verschiedene Lösungsvarianten innerhalb weiblicher Lebensverläufe. Nave-Herz legt hier drei Modelle vor:

- das Zwei-Phasen-Modell
- das männliche Normalerwerbsverlaufs-Modell (auch Kontinuitätsmodell genannt)
- das Drei-Phasen-Modell (vgl. Schwarz 1993 -94c; Geissler 1996).

Zum ersteren sei gesagt, dass die Frau bis zur Geburt ihres ersten Kindes beruftätig ist und mit der Geburt endgültig aus dem Arbeitsleben austritt.

Das zweite Modell stellt die Anpassung an die typische Männer-Berufs-Welt dar - Frauen, die durchgängig berufstätig sind.

Das letzte Modell, dass meines Erachtens immer stärker umgesetzt wird, beschreibt den Zustand, dass die Berufstätigkeit nur kurz durch ein Kind unterbrochen wird. So lange das Kind klein ist, wird mit dem Erwerb ausgesetzt. Danach wird die Erwerbstätigkeit wieder aufgenommen und bis zum Ruhestand praktiziert.

Auch hier ist erneut die Doppelbelastung der Frau zu erkennen. Nur in außergewöhnlich seltenen Fällen bleibt der Mann zu Hause bei dem Kind.

Wenn man nun die beiden Faktoren der psychischen Belastung und der Berufskarriere zusammenzieht, dürfte sich für Akademiker-Ehen ein negatives Bild abzeichnen. Berufstätig erfolgreich, ehrgeizig und zeitlich ausgelastet - ein Wandel hin zum Kind wäre eine große Entscheidung, die die meisten leider weit nach hinten verschieben.

5.2.3 Problematik: Kinderlosigkeit

Christiane Hugvon Lieven gibt nochmals eine schöne Zusammenfassung des zuvor Erwähnten:

„Die Gründe für den Anstieg der Kinderlosigkeit sind allerdings vielschichtiger. Dabei muss die Kinderlosigkeit im Kontext der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung gesehen und zudem zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit unterschieden werden. Zu den wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen zählen beispielsweise, dass das Bildungsniveau und die Erwerbsbeteiligung von Frauen kontinuierlich gestiegen sind, die Familienstrukturen und Paarbeziehungen der Arbeitswelt mit der Globalisierung und dem Umbruch von der Industriegesellschaft zurWissensgesellschaft verändern.“23

Oft und gerne, vor allem in der Politik, wird das Ergebnis zitiert, dass 30% aller Frauen zeitlebens kinderlos bleiben und unter ihnen 40% Akademikerinnen sind.

Nun könnte man zynischerweise behaupten, dass die deutsche Intelligenzschicht ausstirbt. Jedoch sollte beachtet werden, dass jede Statistik ihre Grenzen besitzt. So auch diese, in der nur Kinder der jeweils bestehenden Ehe gezählt werden. Hohe Scheidungsraten und nicht-eheliche Kinder werden somit nicht mit eingebunden, was die Daten deutlich verfälscht. Erst mittels einer Geburtenstatistik, die an die biologische Rangfolge anknüpft, wäre ein besserer Rückschluss auf die tatsächliche Kinderlosigkeit möglich und zusätzlich eine bessere europäische Vergleichbarkeit geschaffen. Hierauf werde ich unter Kapitel 5.8 näher eingehen.

Da es meiner Meinung nach einen sehr wichtigen Aspekt darstellt, statistische Grenzen nicht zu missachten, noch ein letzter Punkt zu diesem Thema. Auch der Mikrozensus birgt Falschaussagen, da hier lediglich minderjährige Kinder im Haushalt gezählt werden. Kinder über 18 Jahren, Kinder die gestorben sind oder durch eine Scheidung in einem anderen Haushalt leben werden nicht erfasst. Dennoch lässt sich die Aussage formulieren, dass bevorzugt Akademiker-Frauen kinderlos sind. Christiane Hug-von Lieven stellte interessanterweise fest, dass Länder, die noch die traditionelle Rollenverteilung weitestgehend beibehalten haben, so zum Beispiel Griechenland oder Spanien und Italien, kein Rückgang der Geburtenrate zu verzeichnen haben. Dementsprechend könnte man den Geburtenrückgang als eine Art Folge von gesellschaftlicher Weiterentwicklung interpretieren. Und genau in dieses Bild passen Akademiker-Ehen mit emanzipierten Frauen, die einen Vollzeiterwerb ausleben und demzufolge die traditionelle Rolle nicht erfüllen.

Dennoch wurde in einer Veröffentlichung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit dem Titel .Emanzipation der Frau’ herausgefunden, dass die Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen und die Anerkennung und Unterstützung von berufstätigen Müttern zu einem Geburtenanstieg verhelfen.24

Um nun erneut die Blickrichtung zu wechseln: was ist mit kinderlosen Männern?

Die wichtigste Gegebenheit für eine Familiengründung ist für Männer immer noch die ökonomische Absicherung - sozusagen die Erfüllung der Rolle des Ernährers.

Diametral zu der Entwicklung der Frauen haben Männer mit einem Vollzeitjob den geringsten kinderlosen Anteil. Schließlich ist der Anteil der kinderlosen Frauen bei den Vollzeitbeschäftigten am höchsten.

„Männer können ihre berufliche Karriere in aller Regel unbekümmert von solchen Sorgen mehr oder minder autonom planen und verfolgen.“25

[...]


1 Bernhard Schäfers (2004), S.114.

2 nach Nave-Herz (1994), S.5 in Bernhard Schäfers (2004), S.114.

3 Bernhard Schäfers (2004), S.116

4 Bernhard Schäfers (2004), S.117

5 Bernhard Schäfers (2004), S.126

6 Rüdiger Peuckert (1999), S.15.

7 Rüdiger Peuckert (1999), S.19.

8 Rüdiger Peuckert (1999), S.20f.

9 Rüdiger Peuckert (1999), S.26.

10 Rüdiger Peuckert (1999), S.30.

11 Rüdiger Peuckert (1999), S.33.

12 Rüdiger Peuckert (1999), S.33.

13 Rüdiger Peuckert (1999), S.34.

14 Rüdiger Peuckert (1999), S.36.

15 Rüdiger Peuckert (1999), S.37.

16 Rüdiger Peucker (1999), ab S.101; Kapitel 4.

17 nach Dorbitz (1999); in Rüdiger Peuckert (1999), S.101.

18 nach Kaufmann (1995); in Rüdiger Peuckert (1999), S.111.

19 nach Kaufmann (1995); in Rüdiger Peuckert (1999), S.111.

20 nach Kaufmann (1995); in Rüdiger Peuckert (1999), S. 112.

21 Rosemarie Nave-Herz (1988), S.205.

22 Rosemarie Nave-Herz (1988), S.206.

23 Hug-von Lieven in Eva Barläus (2007), S.49.

24 nach Kröhnert und Klingholz (2005) in Eva Barläus (2007), S.50.

25 Hug-von Lieven in Eva Barläus (2007), S.147.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft. Geburtenentwicklung im Zusammenhang mit Alter und Bildung
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,8
Autor
Jahr
2009
Seiten
61
Katalognummer
V211075
ISBN (eBook)
9783656387671
ISBN (Buch)
9783656388357
Dateigröße
1691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozioalstruktur, gesellschaft, geburtenentwicklung, zusammenhang, alter, bildung
Arbeit zitieren
Gabriele Beyer (Autor), 2009, Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft. Geburtenentwicklung im Zusammenhang mit Alter und Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211075

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