Die Erforschung von Kriminalitätsfurcht fand zunächst nur in Amerika statt und wurde anfangs der 70er Jahre in Westdeutschland bekannt gemacht. In den westdeutschen Untersuchungen stellte sich jedoch heraus, dass Kriminalitätsfurcht ein amerikanisches Phänomen zu sein und im geteilten Deutschland keine Rolle zu spielen scheint. Mit dem Fall der Mauer änderte sich aber auch das Sicherheitsempfinden der deutschen Bürger, vor allem in den neuen Bundesländern. Hier stieg das Gefühl der Unsicherheit 1990 bei den Großstadtbewohnern sogar auf amerikanisches Niveau. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, kam in den kleinen Städten und Gemeinden die Kriminalitätsfurcht gerade erst auf.
In den 90er Jahren stießen diese Forschungen jedoch eher auf geringes öffentliches Interesse. Wichtiger schien die Bekämpfung der Kriminalitätsfurcht im Alltag, was von den Medien groß publiziert wurde und so den politischen Diskurs auf dieses Thema gelenkt hatte. Dies führte zur Mobilisierung der Polizei als Präventionseinheit, welche den sozialen Verfall verhindern und die „Community“ stärken sollte. Die Orientierung an dem amerikanischen Vorgehen der „Zero Tolerance“ war deutlich zu erkennen. In der Wissenschaft konnte bis heute kein Effekt dieser Maßnahmen auf die Reduktion von Kriminalität und Furcht nachgewiesen werden.
Heutzutage stehen die Präventionsmaßnahmen und die Forschungen im guten Verhältnis zueinander, so dass durch die Analyse von Zusammenhängen zwischen der Sozialstruktur und individuellen Bewältigungsstrategien die präventiven Maßnahmen optimiert werden können.1
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Theoretischer Ansatz
2.1) Zusammenhang von materieller Unordnung und Kriminalitätsfurcht
2.2) Forschungsvorhaben
2.3) Hypothesenableitung
3) Daten und Variablen
3.1) Daten- und Variablenauswahl
3.2) Rekodierung der Variablen
4) Statistische Datenanalyse
4.1) Univariate Prüfung der Variablen
4.2) Bivariate Prüfung der Einzelhypothesen
4.2.1) Hypothese 1: Je mehr jemand Unordnung in seiner Umgebung akzeptiert, desto geringer ist seine Kriminalitätsfurcht. - Haupteffekt
4.2.2) Zusammenhang aller Modellvariablen
4.2.3) Kontrolle von Drittvariablen: Geschlecht, Alter, sexage, Schicht
4.3) Multivariate Modellprüfung
4.3.1) Prüfung der Modellannahmen
4.3.2) Regressionsmodelle
4.4) Ergänzung: Vorkommen materieller Incivilities
5) Methodenkritik
6) Ergebnisse und Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Forschungsarbeit
Diese Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Akzeptanz materieller Unordnung (Incivilities) in der Wohnumgebung und der Kriminalitätsfurcht der Bewohner. Ziel ist es, auf Basis einer empirischen Datenanalyse zu klären, ob ein höheres Maß an Akzeptanz gegenüber materieller Verwahrlosung mit einem subjektiven Sicherheitsgefühl korreliert und welche Rolle soziodemografische Variablen wie Geschlecht, Alter und soziale Schicht dabei spielen.
- Analyse des Einflusses von materiellen Incivilities auf die Kriminalitätsfurcht.
- Überprüfung von Haupteffekten und Interaktionsvariablen in statistischen Modellen.
- Untersuchung der vermittelnden Rolle von Alter, Geschlecht und Schichtzugehörigkeit.
- Methodische Validierung durch univariable, bivariate und multivariate statistische Verfahren.
- Kritische Reflexion der Datengrundlage und der Modellgüte.
Auszug aus dem Buch
2.1) Zusammenhang von materieller Unordnung und Kriminalitätsfurcht
Das Experiment Zimbardos stellt den Ausgangspunkt der Broken-Windows-Theorie dar. Willson und Kelling zogen daraus die Schlussfolgerung, dass die Anwesenheit von Incivilities Schwerkriminalität hervorruft. Aus diesem Gedanken entstand in New York die Politik der „Zero Tolerance“. Diese Kausalität gilt für Stadtviertel unterschiedlicher Schichten. Die Aussage lässt sich generell so verstehen, dass materielle Unordnung ein Anzeichen dafür ist, dass sich niemand aus der Bevölkerung für den Zustand der Stadtviertel interessiert. Somit wird der Zugang von „problematischen Personen“ erleichtert, welche kriminell verhalten.
Zimbardos Ansicht nach spielen neben den Zeichen der Zerstörung, auch der Zustand der jeweiligen Gemeinschaft eine Rolle, da Anonymität einen Raum für Straftaten schafft. Willson und Kelling argumentieren jedoch, dass vor allem erstgenanntes einen entscheidenden Status einnimmt, denn dieses seien Anzeichen für eine fehlende Bestrafung von kriminellen Handlungen (Laue 1999: 281).
Aus einigen Befragungen über Kriminalitätsprobleme zogen Lewis und Salem das Fazit, dass die Bewohner größere Angst vor den Zerstörungszeichen haben, als vor der eigentlichen Kriminalität (ebd.: 283). Außerdem wiesen in der Untersuchung von Skogan die Einschätzung materieller Incivilities geringere Schwankungen auf, als die Aussagen zu sozialen Incivilities.
Skogan konnte des Weiteren einige wichtige Faktoren für das Aufkommen von „physical disorder“ ausmachen. Diese waren: Stabilität der Nachbarschaft, Armut und ethnische Zugehörigkeit („race“). Dabei führte eine fluktuierende Nachbarschaft, geringe Schichtverortung sowie die Angehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit im Stadtteil zu einem höheren Ausmaß materieller Unordnung. Demnach besitzen sie einen bedeutenden Einfluss auf die Kriminalitätsfurcht und das Kriminalitätsaufkommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Hier wird der historische Kontext der Kriminalitätsfurchtforschung skizziert und das Ziel der eigenen empirischen Untersuchung dargelegt.
2) Theoretischer Ansatz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen, insbesondere die Broken-Windows-Theorie, und leitet daraus die Hypothesen der Untersuchung ab.
3) Daten und Variablen: Es werden der Datensatz, die Auswahl der Variablen sowie deren Rekodierung und Vorbereitung für die statistische Analyse beschrieben.
4) Statistische Datenanalyse: Dieser Hauptteil beinhaltet die univariate, bivariate und multivariate Prüfung der Hypothesen sowie die methodische Ergänzung zur Rolle des Vorkommens materieller Incivilities.
5) Methodenkritik: Kritische Auseinandersetzung mit der Datenqualität, den gewählten statistischen Verfahren und den analytisch bedingten Limitationen der Studie.
6) Ergebnisse und Schlussbetrachtung: Zusammenfassender Überblick über die Ergebnisse der Arbeit und Diskussion der bestätigten bzw. widerlegten Hypothesen sowie Ausblick für künftige Forschung.
Schlüsselwörter
Kriminalitätsfurcht, Materielle Incivilities, Broken-Windows-Theorie, Soziale Unordnung, Sicherheitsgefühl, Multivariate Analyse, Regressionsanalyse, Stadtviertel, Risikoeinschätzung, Kriminologie, Sozialstruktur, Datenanalyse, SPSS, Validierung, Hypothesenprüfung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen materiellen Verwahrlosung (Incivilities) in Wohnvierteln und der Kriminalitätsfurcht der Bewohner.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die empirische Sozialforschung zu Kriminalitätswahrnehmung, der Einfluss von Umweltfaktoren auf das Sicherheitsgefühl und die statistische Modellierung komplexer sozialwissenschaftlicher Zusammenhänge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung der Hypothese, dass die Akzeptanz materieller Unordnung negativ mit der Kriminalitätsfurcht korreliert, unter Berücksichtigung von Kontrollvariablen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden quantitative Verfahren der Statistik angewendet, darunter univariate Analysen, bivariate Korrelationen, Varianzanalysen und multivariate lineare Regressionsmodelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Vorbereitung der Variablen sowie der schrittweisen statistischen Überprüfung der Einzelhypothesen und der Gesamtzusammenhänge im multivariaten Modell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Kriminalitätsfurcht, materielle Incivilities, statistische Datenanalyse und soziologische Faktoren beschreiben.
Welche Rolle spielt das Geschlecht in dieser Studie?
Das Geschlecht wird als Kontroll- und Interaktionsvariable betrachtet, da die Analyse Unterschiede in der Kriminalitätsfurcht und deren Beeinflussbarkeit durch materielle Unordnung bei Männern und Frauen aufzeigt.
Wie gehen die Autoren mit dem Problem der Varianzhomogenität um?
Die Autoren stellen bei ihren Analysen fest, dass die Annahme homogener Varianzen teilweise verletzt ist, und nutzen daher spezifische Verfahren wie den Tamhane-T2-Test für Post-Hoc-Vergleiche.
- Quote paper
- Gabriele Beyer (Author), Franziska Brünler (Author), 2012, Kriminalitätsfurcht durch Materielle Incivilities: Eine empirische Studie zur Wirkungsprüfung von Materiellen Incivilities auf Kriminalitätsfurcht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211080