Der Einfluss des Skandinavischen auf die englische Syntax


Diplomarbeit, 2010
69 Seiten, Note: 3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. GESCHICHTLICHER HINTERGRUND
1. Skandinavische Siedlungen
2. Skandinavische Ortsnamen
3. Lexikalische Entlehnungen aus dem Skandinavischen
4. Grammatische Entlehnungen aus dem Skandinavischen

III. SYNTAKTISCHER WANDEL
1. Reanalyse
2. Extension
3. Externe Mechanismen: Entlehnung
4. Die Verbreitung des syntaktischen Wandels

IV. VERÄNDERUNGEN DER WORTORDNUNG IN DER FRÜHEN MITTELENGLISCHEN SPRACHE
1. Altskandinavisch (Old Norse)
2. Die Syntax der altskandinavischen Sprache
V. OBJEKTBEWEGUNG (OBJECT MOVEMENT)
1. Objektverschiebung
2. Generalisierung von Holmberg
3. Object Scrambling
3.1. Object Scrambling im Alt- und Frühmittelenglischen

VI. VERGLEICH DER EIGENSCHAFTEN DER V2-POSITION IN MODERNEN GERMANISCHEN SPRACHEN UND IM ALT- UND MITTELENGLISCHEN
1. V2 in germanischen Sprachen
2. V2 im Altenglischen
3. V2 im Mittelenglischen
3.1. Die südlichen Dialekte des Mittelenglischen und die V2-Syntax
3.2. Die V2-Syntax in den Dialekten des Nordens im Mittelenglischen

VII. STYLISTIC FRONTING
1. Subjektlücke (subject gap)
2. Die Zugänglichkeitshierarchie (accessibility hierarchy)

VIII. SCHLUSSFOLGERUNG

QUELLENANGABEN

I. EINLEITUNG

Zahlreiche Eroberer, wie beispielsweise die Römer, die Sachsen, die Angeln oder die Normannen haben die geschichtliche Vergangenheit des Landes, welches wir heute Großbritannien nennen, nachhaltig geprägt. Sie alle haben zahlreiche Neuerungen in das soziokulturelle Leben der örtlichen Bevölkerung eingebracht. Auch die Sprache blieb diesem Einfluss nicht verschlossen und erfuhr auf die ein oder andere Weise Veränderung, bzw. Bereicherung.

Die Skandinavier, bzw. der Einfluss ihrer Sprachen auf die Entwicklung der verwandten englischen Sprache ist das Thema der vorliegenden Arbeit.

Die „Wikingerzeit“ erstreckte sich von der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts bis ins Jahr 1042, als die Wikinger endgültig ihre Macht verloren. Während dieser Zeit siedelten sich die Skandinavier (Norweger, Dänen und zum Teil auch Schweden) in dem von ihnen eroberten Teilen Englands an. Stück für Stück drangen sie weiter ins Landesinnere vor und im Laufe der Zeit veränderte sich ihr Status, von gefürchteten Eroberern wurden sie zu friedlichen Einwohnern, die einvernehmliche Beziehungen zur angelsächsischen Bevölkerung unterhielten. Die Folge war eine vollständige Auflösung des skandinavischen ethnischen Bewusstseins im angelsächsischen Raum. Darauf werden wir weiter unten in dieser Arbeit eingehen.

Der Assimilierungsprozess der skandinavischen Bevölkerung in England hatte konkrete Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des englischen Wortschatzes - und nicht nur darauf. Der Einfluss des Skandinavischen auf die lexikalische und morphologische Struktur der englischen Sprache ist ein Thema mit dem sich zahlreiche Philologen und Linguisten aus Europa (und auch Osteuropa) nachhaltig beschäftigt haben. Davon konnte ich mich bei meinen Recherchen für die vorliegende Arbeit überzeugen. Aus diesem Grund hat dieses Thema in mir kein weiteres Forschungsinteresse geweckt.

Aber der Einfluss der skandinavischen Sprachen auf die grammatische Struktur und besonders auf die Syntax des Englischen, sind meiner Meinung nach noch nicht hinreichend untersucht worden. Folglich habe ich mir zum Ziel gesetzt, sofern das im Rahmen einer solchen Arbeit möglich ist, den Einfluss der skandinavischen Sprachen auf die Veränderungen der Syntax der englischen Sprache eingehend zu untersuchen. Diese Arbeit basiert auf den Werken zahlreicher Autoren, wie Trips, Holmberg, Vikner, Kroch, Pintzuk, Ilyish, Arakin und v.a.

II. GESCHICHTLICHER HINTERGRUND

Die Zeit der Wikinger[1] erstreckte sich vom 8. bis ins 11. Jahrhundert n. Ch. In Europa fanden ihre ersten Raubzüge um 750. statt.[2] Die Skandinavier waren als herausragende Seefahrer bekannt, sie verfügten über eine ausgezeichnete Schiffsflotte mit Navigationshilfen, die es ihnen ermöglichten, die Küste Nordamerikas zu erreichen - lange vor Kolumbus, dem dies erst 1492 gelang. Darüber hinaus betrieben die Skandinavier einen intensiven Handel (128), nicht nur untereinander, sondern auch mit den Engländern, den Iren, den Germanen, den Friesen, den Slawen, den Griechen, den Türken aus Konstantinopel, sowie mit den Bewohnern der Inseln im Atlantischen Ozean.[3]

In der Geschichte sind die Wikinger eher als barbarische Krieger bekannt, denn als Händler: Die Länder Westeuropas, insbesondere England und Irland, litten unter den ständigen Raubzügen der Wikinger. Warum den Skandinaviern die Britischen Inseln so wichtig waren, lässt sich folgendermaßen erklären: zum einen die eigene Überbevölkerung und zum anderen die Kargheit der nordischen Landschaften. Und es mag noch einen weiteren Anlass gegeben haben: das Vermächtnis des väterlichen Erbes an den ältesten Sohn, was dazu führte, dass der oder die jüngeren Söhne ihr Glück woanders suchen mussten, eben auch auf dem Meer. Das eröffnete den Skandinaviern neue Meeresrouten, dank derer sie nach Süden vordrangen.[4]

Erstmalig fielen die Wikinger um 800 n. Ch. in England ein. Ihre Vorstöße hatten vorrangig einen räuberischen Charakter und wurden in den darauffolgenden fünfzig Jahren immer brutaler. In jener Zeit überwinterten ganze Wikingerheere in Britannien. Erachteten sie früher den Winter als ungeeignet für ihre Raubzüge, erkannten sie nun, dass dieser in südlicheren Gefilden nicht so hart war, und es somit keinen Grund mehr gab, nach Hause zu fahren; Man konnte hier zu jeder Jahreszeit Land erobern.[5]

Der Widerstand der Engländer war schlecht organisiert und wenig effektiv. Seit dem 6. Jahrhundert bestand England aus sieben Kleinkönigreichen, der sogenannten Heptarchie: Kent, Essex, Sussex, Wessex, Ostanglien, Mercien und Nordhumbrien. Einige dieser Kleinkönigreiche führten oft Kriege gegeneinander und wetteiferten um die Gesamtherrschaft.[6]

Durch ihre Uneinigkeit war ihr Land für die Wikinger eine leichten Beute. Letztere, hauptsächlich als „Dänen“ bekannt, eroberten Stück für Stück das englische Territorium. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts, richtete sich Ihr Augenmerk auf Wessex, dem Mächtigsten der angelsächsischen Kleinkönigreiche, das sich immer noch nicht unter dänischer Kontrolle befand. König Alfred und sein Heer setzen den Eroberungen hier jedoch ein Ende und zwangen die Wikinger im Jahre 878 zur Kapitulation. Alfred erzielte eine Einigung mit Guthrum, dem Anführer der Wikinger. Im „Vertrag von Wedmore“ versprachen die Wikinger, sich aus Wessex zurückzuziehen und sich zum Christentum zu bekennen.[7] Den Dänen gehörten bereits die nördlichen und östlichen Territorien und nun war ihr Land auch im Süden abgegrenzt. Das gesamte Gebiet trug den Namen Danelag (Danelaw).

Was mit Plünderungen begonnen hatte, endete mit der Eroberung Englands.

1. Skandinavische Siedlungen

Wie es der Name impliziert, war Danelaw der Teil Englands, in dem man nach dänischem Recht und nach dänischen Traditionen lebte. Die Grenze zu den englischen Territorien verlief in einer groben Linie zwischen London und dem an der Westkünste gelegenen Chester und schloss die Siedlungsgebiete Northumbria, Ostanglien, die südöstlichen Midlands, sowie die fünf boroughs Stamford, Leicester, Derby, Nottingham und Lincoln ein.[8]

Ungeachtet der Tatsache, dass man hinter der Bezeichnung Wikinger meistens Dänen vermutete, befanden sich in ihren Heeren auch zahlreiche Norweger und Schweden. Dies belegen in England gefundenen Runen.[9] Offenkundig führte die Gründung von Danelaw zu einer gewaltigen Auswanderungswelle aus Skandinavien im späten 9. Jahrhundert und zu Beginn des 10. Jahrhunderts.[10] Die Dänen ließen sich größtenteils in den östlichen Midlands und in Ostanglien nieder, die Norweger hingegen zogen den Norden vor und siedelten sich in Yorkshire, auf der Insel Man sowie in Irland an. Obwohl man wenig über die Beziehungen zwischen den Siedlern und der einheimischen Bevölkerung weiß, scheint es so, dass die Skandinavier die Angelsachsen selten zu einer Umsiedlung gezwungen haben,[11] vielmehr gründeten sie neue, eigene Siedlungen in weniger bevölkerten Gegenden. Zahlreiche Norweger gelangten in den Norden Schottlands über die Orkney Inseln und ließen sich dort nieder; Ihre Siedlungen überdauerten noch bis ins 17. Jahrhundert.[12]

2.Skandinavische Ortsnamen (Topographische Namen)

Von den skandinavischen Siedlungen im Danelaw zeugen heute noch Hunderte Ortsnamen skandinavischen Ursprungs ganz im Gegenteil zum den restlichen Territorien Englands. Die meistverbreiteten skandinavische Wortelemente sind folgende: - by (Tenby), - beck (Hollbeck), - ness (Skegness), - kir (k) (Ormskirk, Kirkwall), - thorp (e) (Cleethorpes) und - toft (Lowestoft). Am signifikantesten erscheinen Endungen in – by und – thorp,[13] wobei man – by hauptsächlich in Yorkshire, Lancashire und Lincolnshire antrifft. (was auch die Autorin dieser Arbeit bezeugen kann). Zahlreiche – bys sind ein Zusammenspiel dänischer Eigen- und Siedlungsnamen, die sich nach den erfolgreichen Eroberungen ca. bis 850 und etabliert hatten. Trips[14] hat mehr als 600 Namen gezählt, die mit – by enden - fast alle auf „dänischem Gebiet“. Das Suffix – by bedeutete ursprünglich „Farm“ (kleiner Landwirtschaftlicher Betrieb) oder „Dorf“[15]. Zahlreiche Siedlungen entwickelten sich mit der Zeit aber zu Dörfern und Städten, behielten aber ihr Suffix bei. Als Beispiele können Grimsby, Ingleby und Irby dienen. Sowie die Namen in – by bildeten auch die Namen in – thorp skandinavische Komposita zur Bezeichnung zweitrangiger Siedlungen, Weiler oder Farmen ab. In Yorkshire stehen sie hauptsächlich in Verbindung mit Schafsfarmen. Yorkshire, Leicestershire und Lincolnshire sind die Grafschaften mit den meisten auf – thorp endenden Namen. Trotzdem gilt es vorsichtig mit diesem Suffix umzugehen, da es im Altenglischen ebenfalls die Endung – throp/-trop gab, die auch bei der Etablierung dem skandinavischen – thorp eine Rolle gespielt haben könnte.[16]

Darüber hinaus gibt es eine ebenso hohe Zahl an Ortsnamen die mit – thwaite enden – „ein einsames Stück Land“ (Thornthwaite)[17] sowie Namen mit der Endung – toft, i.e.„ein Stück Land“.[18]

„Hybridnamen“ sind auch ein häufiges Phänomen, hier ist ein Element skandinavisch und das andere englisch. Zum Beispiel, Nawton (der skandinavische Eigenname „Nagli“ und das angelsächsische geografisches Element –ton (-tun), das soviel bedeutet wie „Dorf“ oder „Farm“).[19] Üblicherweise tragen jene Dörfer diese Namen, die damals von den Skandinaviern eingenommen und umbenannt wurden.[20]

Ebenfalls wichtig ist die Tatsache, dass nicht alle besiedelten Orte in Danelaw ihre Namen von den Wikingern haben. Es ist durchaus möglich, dass die Angelsachsen die Tradition der Skandinavier aufgegriffen haben und den Siedlungsgebieten einfach neue Namen gegeben haben. Demzufolge ist es manchmal schwer zu sagen, ob die ein oder andere Siedlung wirklich von Skandinaviern gegründet wurde. Einige stellen drei Varianten für Ortsnamen vor, die aus dem Kontakt zweier unterschiedlicher Sprachen entstanden sind:[21]

- Die Einwanderer haben einfach die alten Namen benutzt ohne sie zu verändern;
- Die Einwanderer haben ihre eigenen Namen verwendet, unabhängig von den schon bestehenden;
- Sie haben die alten Namen ihren sprachlichen Gewohnheiten angepasst.

Schaut man sich die anglo-skandinavischen Beziehungen näher an, so hat man sich aller drei Varianten bedient, obwohl letztere die wohl gängigste war.[22]

Die Skandinavisierung der Namen altenglischer Orte ist zufolge der beste Beweis dafür, wie hervorragend die skandinavischen Siedler die angelsächsische Sprache beherrschten.

Tatsächlich zeugen nicht nur Ortsnamen vom Einfluss der Wikinger und ihrer Sprache auf das Altenglische, es gibt darüber hinaus auch eine große Anzahl Wörter skandinavischen Ursprungs, die bis heute im Englischen vorhanden sind.

3. Lexikalische Entlehnungen aus dem Skandinavischen

Als die altskandinavisch sprechenden Wikinger auf den Britischen Inseln ankamen, war dort Altenglisch die Hauptsprache. Für viele Sprachwissenschaftler entstammen beide Sprachen dem Germanischen, folglich war ein gegenseitiges Verstehen beider Sprachen möglich, obwohl man sich dafür sicherlich etwas Mühe geben musste. Betrachtet man ihre Grundstruktur, waren sich beide Sprachen sehr ähnlich. Auch ein sich über die Jahre entwickelter Bilingualismus sollte in Betracht gezogen werden, obwohl es hierfür keine endgültige Bestätigung gibt. Es ist unklar, ob die Engländer, die Dänen oder beide Völker die Zweisprachigkeit erlangten.[23]

Anfang des zwölften Jahrhunderts die Skandinavier endlich mit der einheimischen Bevölkerung vermischten. Dies vollzog sich zum Ende der Wikingerzeit, aber es bedeutet keinesfalls, dass das Altskandinavische aus Britannien verschwand. Ganz im Gegenteil, es hielt sich noch viele Jahre. Die Seefahrt war immer noch von großer Bedeutung, was sich in den Beziehungen zur Insel Man, den irischen Häfen wie auch zu den Northern Isles widerspiegelte und zum Erhalt der Sprache beitrug. An diesen Orten gab es damals eine große Anzahl Menschen, die altskandinavisch sprachen.[24] Orkney und Shetland Islands spielten ebenfalls eine wichtige Rolle in der „Spracherhaltung“. Hier wurde altskandinavisch über das Mittelalter hinaus gesprochen und war bis ca. 1472 die normale Umgangssprache. Zu dieser Zeit wurde die Sprache von der schottischen absorbiert.[25]

Die angelsächsische Literaturgeschichte weist einige Merkmale einer lang andauernde Koexistenz beider Sprachen auf, und der Einfluss der skandinavischen Sprache war weitreichend.[26] Die Mehrheit der lexikalischen Entlehnungen aus dem Skandinavischen sind erstmals in der Mittelenglischen-Epoche nach 1100 belegt; Der Hauptgrund dafür ist, dass kaum altenglische Texte aus dem Danelaw vorhanden sind.[27] Kastovsky vermutet außerdem, dass Dänisch ausschließlich eine gesprochene Sprache war. Dafür spricht der Charakter der skandinavischen Entlehnungen, die meistens aus dem Alltagsvokabular kommen ebenso wie der Mangel an schriftlichen Texten. Darüber hinaus braucht ein Wort manchmal sehr lange Zeit, auch wenn es häufig mündlich verwendet wird, um in die schriftlich-literarische Sprache einzugehen. Eine sehr wichtige Entlehnung, die den Anfang des skandinavischen Einflusses belegt, ist das Verb to call, welches erstmalig in neuntem oder zehntem Jahrhundert aufgezeichnet wurde.[28]

Die gewaltigen Einwanderungswellen und die Skandinavischen Ansiedlungen haben zu einer starken Verbreitung der altskandinavischen Sprache auf dem Danelaw-Territorium geführt. Ihr Einfluss ist auch im heutigen Englisch noch spürbar. Der skandinavische Wortschatz drang in fast alle Sprachbereiche ein,[29] aber die Mehrheit der Wörter skandinavischen Ursprungs kommt aus der Alltagssprache. Nachfolgend einige Beispiele:

Die Nomen bank, birth, booth, egg, husband, law, leg, root, score, sister, skin, trust, wing, window etc...

Die Adjektive awkward, flat, happy, ill, loose, low, odd, sly, ugly, weak, wrong etc...

Die Verben to cast, clip, crawl, cut, die, drown, gasp, give, lift, nag, scare, sprint, take, want etc und natürlich auch der Plural des Verbs to be, are.

Die Pronomen both, same, they, them, their.

Dass selbst die Pronomen they, them, their entlehnt wurden, zeigt den enormen Einfluss der Wikinger auf die einheimische Bevölkerung. Gewiss waren die zu jener Zeit schon vorhandenen angelsächsischen Pronomen den skandinavischen ähnlich und genau deshalb fiel es nicht schwer, sich die skandinavische Variante anzueignen.[30] Nichtsdestotrotz ist die Entlehnung von Funktionswörtern sehr untypisch. Darüber hinaus scheint they früher als andere Pronomen übernommen worden zu sein.[31]

Manchmal ist es kompliziert, skandinavische Wörter zu erkennen, da sich beide Sprachen sehr ähneln: Zahlreiche Wörter sehen skandinavisch aus, sind aber englischen Ursprungs. So sind z.B. arm, foot, tree, cow, stone, land eat, drink im frühen Altenglischen dokumentiert.[32] Arakin schlägt einige Methoden zur Erkennung skandinavischen Entlehnungen vor:

Das germanische sk wandelte sich positionsunabhängig in sh. Die Mutation fand in Skandinavien zu einem viel späteren Zeitpunkt statt, was zu dem Rückschluss führt, dass Wörter wie shall, shoulder und shirt eigentlich englische, während skin, skirt skandinavische sind.

Im frühen Altenglischen wandelte sich das germanische /g/ vor einem Vokal in /j/ und /k/ in /t/. Im Altskandinavischen blieben /g/ und /k/ erhalten. So sind child, choose und yield lokalen Ursprungs, während give, gift, kid und kindle skandinavische Wörter sind.

Das Datum ihres erstmaligen Erscheinens. Zum Beispiel das altenglische Wort für „die“ war „steorfan“, man findet aber im späten Altenglisch das Wort „sterven“. Das entsprechende altskandinavische Wort war „deyia“, somit erscheint eine skandinavische Entlehnung mehr als wahrscheinlich. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „law“, dem früheren „æ“, In späteren Aufzeichnungen findet man das Wort „lagu“, das definitiv aus dem Altskandinavischen kommt.

Die mannigfaltigen lexikalischen Entlehnungen im Juristischen Bereich zeigen den großen Einfluss der Wikinger auf Gesetz und Ordnung bei den Angelsachsen. Als Beispiel dazu dienen Wörter wie fellow (partner), law und outlaw. Im Rechtswesen gab es im Altenglischen noch mehr skandinavische Wörter, diese wurden aber mit der Zeit verdrängt. Man kann außerdem hinzufügen, dass England die von den Skandinaviern nach Danelaw eingeführten Gesetze angenommen hat.[33]

Zu allem, was weiter oben gesagt wurde, kann man außerdem hinzufügen, dass der Vokal im Wort dabei helfen kann, eine Entlehnung zu erkennen[34] Zum Beispiel: der germanische Diphthong /ai/ verwandelt sich im Altenglischen in /a/, während er im Altskandinavischen zu /ei/ oder /e:/ wird. So sind Wörter wie aye, nay oder swain Entlehnungen. Die Beobachtung der Weiterentwicklung von Vokalen der beste Weg ist, die skandinavischen Wörter von den eigentlich englischen zu unterscheiden. Hin und wieder kann man das auch anhand der Wortbedeutung tun. Zum Beispiel könnte das Wort bloom über einer Derivation vom altenglischen bloma oder dem skandinavischen blom kommen. Das skandinavische Wort bedeutet „Blume“ oder „Blüte“, während es im Altenglischen „Block“, „Metallklotz“ bedeutet. Beide Bedeutungen sind bis heute im Englischen noch vorhanden; Die skandinavische „Blume“ fand Eingang in die Alltagssprache und die altenglische Form gibt es heute noch als Begriff aus der Stahlindustrie. Das Gleiche könnte mit dem Wort gift geschehen sein, über das schon weiter oben geschrieben wurde. Das Initial-g weist auf einen skandinavischen Ursprung hin, aber wenn man das nicht weiß, kann die Bedeutung des Wortes hilfreich sein. Das altenglische „gift“ bedeutete „Preis für die Ehefrau“, während es im altskandinavischem die Bedeutung „Geschenk“, „Gabe“ hatte.

Vermutlich haben auch viele skandinavische Wörter durch Zufall Eingang in die englische Sprache gefunden. Das Altenglische und das Altskandinavische liefen bildlich ausgedrückt Seite an Seite, und welches Wort überlebte, hing vom Unterschied in Bedeutung und Form ab.[35] Wahrscheinlich müssen sie die Form bevorzugt haben, die am verständlichsten sowohl für die eine wie auch für die andere Seite war.

Zahlreiche skandinavische Entlehnungen findet man, was nicht weiter überraschend ist, in den Bereichen der Seefahrt und des Militärwesens[36], beispielsweise keel, knife und slaughter. Heute gibt es viel mehr skandinavische Entlehnungen in den Dialekten aus Yorkshire und Schottland als in anderen Gegenden Englands. In den nördlichen und schottischen Dialekten gibt es Wörter, die es in südlichen Gegenden nicht gibt. Zum Beispiel gate („Straße“ oder „Weg“ bedeutend). „Gates“ in London (beispielsweise Newgate) meint wörtlich den Ort an den Toren der Festungsmauer, während in den Städten im Norden, beispielsweise in York (the) - gate „Straße“ bedeutet, wie z.B. Stonegate, Goodramgate, Coney Gate.[37]

Es scheint ebenfalls einen gewissen Unterschied zwischen den frühen und späten Entlehnungsformen gegeben zu haben: Im Altenglischen nahmen die Entlehnungen durch Substitution die englische Form an, bei mittelenglischen Entlehnungen hingegen wurde die skandinavische Form beibehalten.[38] Eine Erklärung dafür könnte sein, dass zur Zeit des Altenglischen Wörter von der englischsprechenden örtlichen Bevölkerung einfach aus dem damals gesprochenen altskandinavisch entlehnt wurden, skandinavische Entlehnungen im Mittelenglischen jedoch das Ergebnis des Sprachwechsels vom Skandinavischen ins Mittelenglische war, da erstere Sprache langsam auszusterben begann und Wörter einfach „importiert“ wurden.

Einige Sprachwissenschaftler zahlen in der englischen Sprache mehr als 600 (Roesdal) skandinavische Entlehnungen, währen andere auf 1000 kommen (Illysh). Betrachtet man den Umfang des modernen englischen Wortschatzes ist das nicht sehr viel, aber diese Wörter sind von Relevanz für die englische Sprache.

Nicht nur die Vielzahl lexikalischer Entlehnung zeugen von der engen Verbindung beider Sprachen, sonder auch grammatische und syntaktische.

4. Grammatische Entlehnungen

Grammatische Elemente springen nicht oft von einer Sprache in die andere. Die einst hier erwähnten Pronomen they, their und them sowie both und same sind skandinavischen Ursprungs. Die Präpositionen till (Bedeutung to) und fro (Bedeutung from) waren stark verbreitet und blieben im modernen Englisch im Ausdruck „to and fro“ bestehen. Die skandinavische Präposition „at“ (to) blieb im englischen „ado“ (at-do) erhalten und wurde auch oftmals in dieser Form im Mittelenglischen verwendet. Die Adverbien aloft, athwart, aye (ever) und seemly kamen ebenfalls über Derivation aus dem Skandinavischen, sowie die Pluralform des Verbs to be, are, auf die wir weiter oben eingegangen sind. So ist we aron, die altenglische Form, im Norden gebräuchlich, während die südsächsische Form we syndron war. Das bedeutet, dass die moderne Form are skandinavischen Ursprungs ist, Das wiederum zeigt, wie tief die Sprache der Eroberer in die englische Sprache eingedrungen ist. Die Verb-Endung in der 3. Person Singular - s, aber auch die Endungen der Partizipien – and beziehungsweise – end und – ind in den zentralen Grafschaften und im Süden des Landes kann man ebenfalls dem skandinavischen Einfluss zuschreiben.[39]

Beispiele skandinavischer Entlehnungen findet man in der altenglischen Literatur, beispielsweise in Lagamons Brut und in Ormulum. Wenn man in Ersterem alles in allem nur 40 Beispiele lexikalischer Entlehnungen findet, so sind es im zweiten ca. 120.[40] Die o.g. Texte belegen syntaktische Entlehnungen und zeigen den weitreichenden Einfluss der skandinavischen Sprachen auf.[41] Wie weitreichend der Einfluss der skandinavischen Sprachen auf die englische Syntax ist, werden wir weiter unten beleuchten.

[...]


[1] Der Begriff Wikinger bezeichnet Angehörige von kriegerischen, zur See fahrenden Personengruppen der meist germanischen Völker (es gab darunter auch Balten) des Nord- und Ostseeraumes in der so genannten Wikingerzeit

[2] Gurevitsh, A.J. Wikingi. Slovar srednieviekovoj kultury, M., 2003, S. 73-78

[3] Ibid.

[4] Ibid.

[5] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, S. 30

[6] Catholic Encyclopedia online (http://www.newadvent.org/cathen/07241d.htm)

[7] Illysh, B.A., Istorija anglijskogo jasyka, M., 1968, S. 166

[8] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, S. 170

[9] Ibid, S. 31

[10] Kastovsky, Dieter. Semantics and Vocabulary. The Cambridge History of the English Language: the beginnings to 1066. Volume 1. Ed. Richard M. Hogg. Cambridge University Press, 1992, S. 323

[11] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, SS. 31, 169

[12] Kastovsky, Dieter. Semantics and Vocabulary. The Cambridge History of the English Language: the beginnings to 1066. Volume 1. Ed. Richard M. Hogg. Cambridge University Press, 1992, S. 324-325

[13] Fellows Jensen, Gillian. Scandinavian Settlement Names in Yorkshire. Copenhagen, 1972, S. 6

[14] Trips, Carola. From OV to VO in Early Middle English. Linguistik Aktuell/Linguistics Today 60. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company, 2002, S. 10

[15] Fellows Jensen, Gillian. Scandinavian Settlement Names in Yorkshire. Copenhagen, 1972, S. 6

[16] Ibid., S. 180

[17] Mills, A.D., A Dictionary of English Placenames. New York: Oxford University Press, 1991, S. 239

[18] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, S. 173

[19] Mills, A.D., A Dictionary of English Placenames. New York: Oxford University Press, 1991, S. 239

[20] Gelling, Margaret. Signpoststo the Past. London: J.M. Dent & Sons, 1978, S. 232

[21] Roesdal, E. Mir vikingov (http://www.gumer.info/bibliothek_Buks/History/Roesdal/14.php)

[22] Ibid.

[23] Trips, Carola. From OV to VO in Early Middle English. Linguistik Aktuell/Linguistics Today 60. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company, 2002, S. 11

[24] Ibid, S. 11

[25] Jones, Charles. The Edinburgh History of the Scots Language. Edinburgh University Press, 1997, S. 201

[26] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, S. 169-171

[27] Kastovsky, Dieter. Semantics and Vocabulary. The Cambridge History of the English Language: the beginnings to 1066. Volume 1. Ed. Richard M. Hogg. Cambridge University Press, 1992, S 331

[28] Arakin, Istorija anglijskogo jasyka, M., 2003, S. 170

[29] Ibid.

[30] Ibid., S. 172

[31] Ibid.

[32] Ibid.

[33] Trips, Carola. From OV to VO in Early Middle English. Linguistik Aktuell/Linguistics Today 60. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company, 2002, S. 12

[34] Ibid., S. 13

[35] Illysh, B.A., Istorija anglijskogo jasyka, M., 1968, S. 167

[36] Kastovsky, Dieter. Semantics and Vocabulary. The Cambridge History of the English Language: the beginnings to 1066. Volume 1. Ed. Richard M. Hogg. Cambridge University Press, 1992, S 333

[37] Viltsinskaja, T.L., Lingvistitseskaja situatsija v Severnoj Anglii. Avtoreferat. Moskva, 2009

[38] Illysh, B.A., Istorija anglijskogo jasyka, M., 1968, S.S. 182-185

[39] Trips, Carola. From OV to VO in Early Middle English. Linguistik Aktuell/Linguistics Today 60. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company, 2002, S. 12-13

[40] Ibid. S. 13

[41] Ibid. S. 14

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Skandinavischen auf die englische Syntax
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Anglistik/Amerikanistik)
Note
3
Autor
Jahr
2010
Seiten
69
Katalognummer
V211229
ISBN (eBook)
9783656407744
ISBN (Buch)
9783656408857
Dateigröße
1268 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Syntaktischer Wandel, Entlehnungen aus dem Skandinavischen, Old Norse, Objektbewegung, V2-Position, Stylistic Fronting, Holmberg, Object Scrambling, Objektverschiebung, V2-Syntax, Reanalyse, Extension, Mittelenglisch, Altskandinavisch
Arbeit zitieren
Christina Andri (Autor), 2010, Der Einfluss des Skandinavischen auf die englische Syntax, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211229

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Einfluss des Skandinavischen auf die englische Syntax


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden