Rechtsextremismus in Ostdeutschland - Die Sozialisationsbedingungen der DDR im Kontext mit Ethnozentrismus und Autoritarismus


Hausarbeit, 2003
30 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Begrifferklärung
1.1 Rechtsextremismus
1.2 Autoritarismus
1.3 Ethnozentrismus
1.4 Gemeinsamkeiten

2 Die Deutsche Demokratische Republik
2.1 Das politische System
2.2 Die öffentliche Erziehung
2.2.1 Die schulische Erziehung und Bildung
2.2.2 Die Pionierorganisationen
2.3 Die Familie als private Sozialisationsinstanz
2.4 Die Kollektiverziehung

3 Schlussfolgerung

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

6 Quellenverzeichnis

0 Einleitung

Mein persönliches Erkenntnisinteresse für diese Arbeit ist in dem Wunsch verankert, ein Verständnis für die rechtsextremistische Ideologie und ihre Hintergründe zu bekommen. Bisher habe ich mich mit dem Thema noch nicht intensiv auseinandergesetzt. Trotzdem stellt sich mir immer wieder die Frage: Warum ist diese Einstellung so attraktiv für so viele Menschen? Schenkt man den Medien Glauben, lässt sich eine zweite Frage nicht umgehen. Warum sind gerade die Ostdeutschen so empfänglich für die rechtsextreme Ideologie?

Die Forschung zu dem Themenkomplex Rechtsextremismus in Ostdeutschland ist vielfältig. Trotzdem haben sich zwei Hauptargumentationslinien herauskristallisiert. Plakativ ausgedrückt, geht man einerseits von der Erblast der DDR und andererseits von der Folge des politischen Umbruchs als Ursache für den Rechtsextremismus in Ostdeutschland aus. Ich möchte dem letzteren Argumentationsstrang nicht seine Legitimation absprechen, werde aber den Fokus folgender Arbeit auf die Sozialisation der Ostdeutschen legen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich dieser einseitigen Betrachtungsweise keinen Absolutheitsanspruch unterstelle, sondern vielmehr davon ausgehe, dass die konstruktivste Herangehensweise an das Ursachenproblem die Korrelation beider Argumentationen ist. Der Umfang dieser Arbeit verlangte aber eine Entscheidung.

Die leitende Fragestellung soll also sein, ob die Sozialisationsbedingungen der DDR als Grund für die heutige Verbreitung von rechtsextremistischem Gedankengut herangezogen werden kann. Dieser Frage soll im Kontext der Erklärungsmodelle Autoritarismus und Ethnozentrismus nachgegangen werden.

Vorab sollen im ersten Kapitel die zentralen Begriffe wie Rechtsextremismus, Autoritarismus und Ethnozentrismus konturiert werden. Außerdem werden Verbindungslinien und gemeinsame Aspekte herauskristallisiert, um den Zusammenhang zu verdeutlichen.

Gegenstand des Kapitels zwei ist dann die Auseinandersetzung mit den speziellen Bedingungen der Sozialisation in der DDR. Um dem Leser die Lebenswelt in der DDR vorab etwas näher zu bringen, stelle ich die Ausführungen zum politischen System voran. Die Konzentration liegt dann zum einen auf den öffentlichen Sozialisationsinstanzen, wie Kinderkrippe, Schule und die Pionierorganisationen und zum anderen, auf der privaten Erziehung in der Familie. Der Fokus wird abschließend auf ein ganz besonders beispielhaftes und signifikantes Merkmal sozialistischer Erziehung gelenkt. Gemeint ist damit die Kollektiverziehung der DDR. Diese Erziehungsmethode war in der DDR im besonderen Maß ausgeprägt und dient der Unterstützung der Erblast-These.

Im resümierenden Teil werden dann die Verbindungslinien zwischen den beiden Erklärungsmodellen Autoritarismus und Ethnozentrismus gezogen und es wird überprüft, ob ein Zusammenhang zumindest theoretisch zu konstatieren ist.

Der Einfachheit halber habe ich in diesem Beitrag nicht die geschlechtsneutrale Form verwendet, sondern beschränke mich auf die männliche.

1 Begriffserklärung

Ich sehe eine Begriffsklärung als unabdingbar, da die Terminologie in der Literatur keine einheitlichen Definitionen aufweist. Dem rechten Spektrum werden Begrifflichkeiten zugeordnet, wie Rechtsradikale, Rechtsextreme, (Neo-) Nazis, Faschos, etc. (vgl. Stöss 2000, S.20, Merten & Otto 1993, S.17).. Ich möchte mich in meiner Arbeit jedoch nicht im Begriffschaos verlieren, sondern werde die Terminologie vorab in diesem Kapitel klären.

Ähnlich konfus gestalten sich die Theorien zu der Frage des Rechtsextremismus. Ich möchte mich mit dem Autoritarismus- und Ethnozentrismus-Konzept auseinandersetzen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass in der Literatur die Wechselbeziehungen der beiden Konzepte unterschiedlich verarbeitet wird. Vorab werde ich beide Konzepte getrennt voneinander beleuchten und im Anschluss die Gemeinsamkeiten und Schnittpunkte herausfiltern.

1.1 Rechtsextremismus

Der deutsche Verfassungsschutzbericht von 2002 definiert den Rechtsextremismus wie folgt: „Er umschreibt (...) ein vielschichtiges politisches und soziales Glaubens- und Handlungssystem, das in der Gesamtheit seiner Einstellungen und Verhaltensweisen auf die Beseitigung oder nachhaltige Beeinträchtigung demokratischer Rechte, Strukturen und Prozesse gerichtet ist. Rechtsextremistisches Gedankengut setzt sich aus Fragmenten verschiedener ideologischer Teilbereiche zusammen. Diese wurzeln vorrangig in einem völkischen Nationalismus, dessen Triebfeder ein elitäres Rassedenken ist.“ (http://www.berlin.de/SenInn/Verfassungsschutz/Abteilung/rechts.html)

In Abgrenzung dazu, markiert Rechtsradikalismus das Spannungsfeld zwischen Rechtsextremismus und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, welches dem verfassungskonformen Spektrum zuzuordnen ist (vgl. Stöss 2000, S.17). Die Übergänge verlaufen fließend (vgl. Merten & Otto 1993, S.17). Diese amtliche Sicht auf den Rechtsextremismus ist eine mögliche Betrachtungsweise. Um den Begriff für sozialwissenschaftliche Zwecke nutzbar zu machen, erscheint mir eine weiterführende Beleuchtung der rechtsextremen Haltung erforderlich.

Ganz allgemein sieht Stöss (2000, S.20) „Rechtsextremismus als Sammelbegriff für verschiedenartige gesellschaftliche Erscheinungsformen, die als rechtsgerichtet, undemokratisch und inhuman gelten.“ Unter Rechtsextremismus ist keine einheitliche Ideologie zu verstehen, sondern heterogene Begründungszusammenhänge und Sichtweisen (vgl. Stöss 2000, S.21, Merten & Otto 1993, S.18). Die Komplexität schlägt sich auch in den Erscheinungsformen im politischen Alltag nieder (vgl. Stöss 2000, S.21). Im Folgenden habe ich versucht die Vielfalt an Merkmalen zu ordnen und möchte darauf hinweisen, dass nicht die Gesamtheit der Merkmale in einem rechtsextremistischen Weltbild verankert sein muss.

Übersteigerter Nationalismus:

- imperialistisches Großmachtstreben
- feindselige Haltung gegenüber anderen Ländern oder Völkern
- prinzipiell biologisch bzw. rassisch begründete Ungleichheit von Menschen

verbunden mit der Ausgrenzung und Abwertung der nicht zur eigenen Gruppe

gehörenden Individuen

- Ungleichwertigkeit der Basis
- die ethnische Zugehörigkeit zu einer Nation oder Rasse und der Nutzen für die Gemeinschaft sollen den Wert des Menschen ausmachen
- Rechtfertigung von Formierungs- und Gleichschaltungsabsichten durch die Beschwörung einer äußeren Bedrohung

Negation der universellen Freiheits- und Gleichheitsrechte

- Missachtung wesentlicher Menschenrechte und des Grundsatzes der Gleichheit vor dem Gesetz
- Rassismus und Antisemitismus sind dafür beispielhaft

Idealistisch-autoritär geprägte Staatsauffassung

- gegen parlamentarisch-pluralistische Systeme, also gegen Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip
- Zentralismus und Führerprinzip
- Hierarchische Prinzipien („Führer“ und „Gefolgschaft“)
- Etablierung einer Einheitspartei
- Militär und Großkapital tragende Rollen
- Forderung nach einer autoritären bzw. diktatorischen Staats- und Sozialordnung
- Faschistische und autoritäre Herrschaftsformen sind zu unterscheiden

Volksgemeinschaft als gesellschaftliches Leitbild

- Verschmelzung von Volk und Staat zum Reich
- Völkische bzw. rassistische Ideologie
- Völkisch-rassische Homogenität etabliert kulturelle Differenzen
- Ungleichbehandlung
- Ethnisch homogenes Volk
- Überbewertung der aufgrund ethnischer Zugehörigkeit definierten „Volksgemeinschaft“ zu Lasten der Rechte und Interessen des Einzelnen (völkischer Kollektivismus)

Mangelnde Distanz zum Dritten Reich

- Verharmlosung bzw. Leugnung bis zur Verherrlichung der Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (Revisionismus)

(http://www.berlin.de/senInn/Verfassungsschutz/Abteilung/rechts.html, Stöss 2000, S.20f., Merten & Otto 1993, S.18 & Gessenharter 1999, S.19f.)

Rausch (1999, S.101f.) ergänzt die Eigenschaftspotenziale und sieht im Rechtsextremismus eine Ideologie der Ungleichheit in Verbindung mit der Akzeptanz oder Propaganda von Gewalt als Regelungsform für soziale und politische Konflikte. Die Betonung liegt hierbei auf der Gewaltakzeptanz, die physische sowie psychische Gewalt als Konfliktlösung beinhaltet, und nicht auf der direkten Gewaltausübung.

Stöss (2000, S.21) vollzieht in seinen Ausführungen zudem eine Trennung zwischen rechtsextremistischen Einstellungen und Verhalten. Er weist aber daraufhin, dass das Verhalten meist auf Einstellungen beruht. Mit meiner Arbeit möchte ich mich auf die Seite der Einstellungen schlagen, die nach Stöss folgende sechs Dimensionen erfasst: Autoritarismus, Nationalismus, Ethnozentrismus, Wohlstandschauvinismus, Antisemitismus, Pronazismus (vgl. Stöss 2000, S.25f.).

Ich möchte meine Arbeit den Einstellungs- aber auch Erklärungsmustern Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit/Ethnozentrismus widmen. Ich werde mich lediglich in Kapitel 2.2 auf die Dimension des Verhaltens begeben, da ich es im Hinblick auf die Fragestellung für relevant halte. Eine gänzliche Erörterung beider Dimensionen würde allerdings den Umfang dieser Arbeit sprengen.

1.2 Autoritarismus

Das Konzept des Autoritarismus ist auf Studien von Thoedor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford von 1950 zurückzuführen. Der Klassiker „The Authoritarian Personality“ ist Bezugspunkt vieler Studien und Forschungsarbeiten zur Erklärung von Rechtsextremismus, Nationalismus und Rassismus. Das Forschungsinteresse galt der Entstehung von Vorurteilen gegenüber Minderheiten. Der Fokus lag auf der latenten Empfänglichkeit für die faschistische Ideologie. (vgl. Rippl, Kindvater & Seipel 2000, S.14f)

Das Konzept des Autoritarismus ist in den Ansätzen der Sozialisation zuzuordnen. Autoritarismus ist die Folge einer stark autoritären Erziehung in Form von Bestrafung von unkonventionellen Impulsen. Das Kind verdrängt seine Feindseeligkeit gegenüber den Eltern, was sich in Reaktionsformen von Unterwerfung und Glorifizierung der Eltern ausdrückt. Die Hassgefühle der Kindheitsphase können nicht ausgelebt werden. Die unterdrückten Emotionen verursachen im Laufe der Zeit einen Gefühlsstau. Die ursprünglichen Hassgefühle der Kindheit gegenüber den Eltern trifft meist Schwächere. Die unterdrückte Aggression verschiebt sich und wird auf Außenstehende Gruppen, die sich als „leichtes“ Ziel anbieten projiziert.

Die autoritäre Aggression hat zwei grundlegende Merkmale: einerseits wird sie von den Individuen, die sie ausleben, als von einer höheren Autorität sanktioniert empfunden, sei dies von anderen Personen, von Politikern oder gar von Gott. Anderseits richtet sie sich leicht und fast ausschließlich gegen konventionelle Ziele sozialer Feindseeligkeit wie zum Beispiel gegen unkonventionelle Personen, Minderheiten- und Randgruppen beziehungsweise Fremde.

Autoritarismus ist erlernt entweder bewusst durch die Eltern anerzogen, von den Eltern abgeschaut oder durch Medien, peer-groups etc. vermittelt. Autoritarismus ist auch geprägt durch die persönlichen Erfahrungen, die eine Person im Laufe ihres Lebens macht. Eltern können den Grundstein für den späteren Autoritarismus legen. Der eigentliche Autoritarismus, die Kombination von Unterwürfigkeit, Aggression und Konventionalismus bildet sich aber erst später (Jugend) heraus und kann sich im weiteren Verlauf eines Menschen immer wieder wandeln.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entwicklung von Vorurteilen und Gehorsam in einem autoritärem Erziehungsstil verankert ist und die Entwicklung fremdenfeindlicher Orientierung als Folge von rigiden Sozialisationsbedingungen und daraus resultierenden Charaktereigenschaften zu sehen ist. (vgl. Lüscher 1997, S.11-15)

1.3 Ethnozentrismus

Der Vordenker des Ethnozentrismus ist der Sozialwissenschaftler William Graham Sumner 1906 (vgl. Rieker 1997, S.15). Danach ist Ethnozentrismus eine kognitive und affektive Orientierung nach der zwischen Eigen- und Fremdgruppe differenziert wird (vgl. Hopf, Silzer & Wernrich 1999, S.82). Die Differenzierung äußert sich darin, dass die eigene Gruppe stets positiv beurteilt, idealisiert und als überlegen angesehen wird. Im Gegensatz dazu, wird die fremde Gruppe als minderwertig und unterlegen betrachtet und abgewertet. Beide Dimensionen sind unmittelbar miteinander verbunden (vgl. Heyder & Schmidt 2000, S.122). Maßgebend ist die Orientierung an der eigenen Gruppe. Sie bietet einen Bezugsrahmen für eigene Wertvorstellungen, der meist unreflektiert bleibt. Eine positive Beurteilung bis hin zur Glorifizierung ist signifikant für die Dimension der Überbewertung der Eigengruppe (vgl. Rieker 1997, S.75). Die Aufwertung der Eigengruppe impliziert auch immer eine Abwertung des Fremden und umgekehrt genauso (vgl. Rieker 1997, S.75). In Studie zu Ethnozentrismus wird deutlich, dass der wirtschaftliche Aspekt eine tragende Rolle spielt. So werden Asylbewerber als Ursache für die schlechte wirtschaftliche Lage in Deutschland und zugleich als Nutznießer gesellschaftlicher Verteilungsprozesse gesehen. Neben dem Kostenargument fließt eine kriminalisierende, rassistische und kulturalistische Argumentation mit ein. Diese Argumentation verweist auf ein weiteres signifikantes Merkmal des Ethnozentrismus und zwar die ausgeprägte Vorurteilsbereitschaft. Das Schwarz-Weiß-Denken wird forciert, indem Unterschiede zur Fremdgruppe betont werden und zudem die gruppeninternen Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden (vgl. Heyder & Schmidt 2002, S.122). Das Hauptmerkmal ist also eine strikte Zweiteilung, die über Selbstdefinition des Wir und eine Fremddefinition des Anderen erfolgt. Die eigene Gruppe erfährt dabei immer eine Aufwertung und Idealisierung und die fremde Gruppe wird als unterlegen und minderwertig betrachtet. Beide Gruppen erhalten damit eine kollektive Identität auf der Basis von konstruierten Differenzen (vgl. Rieker 1997, S.15).

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Rechtsextremismus in Ostdeutschland - Die Sozialisationsbedingungen der DDR im Kontext mit Ethnozentrismus und Autoritarismus
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Fachbereich Soziale Arbeit)
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V21123
ISBN (eBook)
9783638248143
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsextremismus, Ostdeutschland, Sozialisationsbedingungen, Kontext, Ethnozentrismus, Autoritarismus
Arbeit zitieren
Claudia Mehner (Autor), 2003, Rechtsextremismus in Ostdeutschland - Die Sozialisationsbedingungen der DDR im Kontext mit Ethnozentrismus und Autoritarismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21123

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