"Nun aber haben wir es heute mit einer Menschheit zu tun, der nahezu alle Voraussetzungen für das Verstehen eines Kunstwerkes fehlen; dies wäre das Schlimmste nicht, man hätte es gewissermaßen mit jungfräulichem Boden zu tun, bereit zur Aufnahme der Saat. Ratlos zunächst aber stehen wir vor einem wüsten Feld, verfilzt von geistigem Unkraut, das tiefe Wurzeln geschlagen hat."1 Mit diesen Worten beschreibt Carl Hofer als Herausgeber der Zeitschrift bildende kunst die Probleme mit denen er die Rezeption seiner 1947 zum ersten Mal in der sowjetischen Besatzungszone erscheinenden Kunstzeitschrift konfrontiert sieht. In dieser wissenschaftlichen Arbeit soll der Versuch unternommen werden jenes von Carl Hofer in seinem Geleitwort erwähnte wüste Feld genauer zu untersuchen, um grundlegend die Situation der Presse nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Osten wie im Westen Deutschlands darzustellen. Nur mit dem Verständnis für die Besonderheit dieser einerseits historischen Chance und andererseits schwerwiegenden Last, ist eine umfassende Charakteristik der ostdeutschen Kunstzeitschrift Bildende Kunst, die auf ihren kleingeschriebenen Vorgänger folgt, erst möglich. Während die Voraussetzungen in beiden Teilen Deutschlands mit dem Zusammenfall des Nazi-Regimes und der Übernahme durch die Alliierten annähernd gleich waren, so sollte sich doch ein schon in beiden Verfassungen unterschiedlich fest- und später auch ausgelegtes Pressewesen entwickeln. So gilt es zu klären, ob die DDR-Kunstzeitschrift, als offiziell zugelassenes Presseerzeugnis der DDR, durch die Sowjetische Einheitspartei in ihrer Berichterstattung beschränkt, kontrolliert oder sogar gelenkt und für eigene Propaganda missbraucht wurde, wie man es aufgrund der historischen Aufarbeitung Ostdeutschlands2 annehmen würde. Auch aus aktuellem Anlass (20-jähriges Jubiläum deutscher Einheit) scheint es interessant die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser ostdeutschen Kunstzeitschrift, deren Einstellung wenige Monate nach der Wiedervereinigung erfolgte, zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Situation der Presse in der deutschen Nachkriegszeit
2.1 Pressepolitik der Besatzungszonen in Ost und West
2.2 Pressefreiheit und subkulturelle Zeitschriften in der DDR
3. Die Bildende Kunst als Verbandszeitschrift mit Bildungsauftrag
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Charakteristik und Entwicklung bis zur Einstellung 1991
4. Fazit zum Wirken der Bildenden Kunst
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der DDR-Kunstzeitschrift „Bildende Kunst“ im Kontext der alliierten Besatzungs- und Pressepolitik sowie der restriktiven medienpolitischen Vorgaben der SED, um zu klären, inwieweit das Blatt als Instrument der politischen Lenkung fungierte.
- Pressepolitik in den Besatzungszonen nach 1945
- Strukturen der Medienkontrolle und Zensur in der DDR
- Die Rolle von Kunstzeitschriften als Erziehungsorgane
- Vergleich zwischen staatlich gelenkter Presse und subkulturellen Kleinzeitschriften
- Der Einfluss der SED auf die Ausrichtung der Zeitschrift „Bildende Kunst“
Auszug aus dem Buch
3.1 Entstehungsgeschichte
Als kleingeschriebene bildende kunst. zeitschrift für malerei, graphik, plastik und architektur erscheint der Vorgänger der Kunstzeitschrift Bildende Kunst von April 1947 bis Ende 1949 in Berlin. Mit der Erteilung der Lizenz zur Herausgabe durch die sowjetische Militärverwaltung anlässlich des ersten Künstlerkongresses 1946 in Dresden erhielten die beiden deutschen Maler Carl Hofer und Oskar Nerlinger die Erlaubnis zur Gründung dieser Zeitschrift. Nerlinger, seit 1928 Mitglied der kommunistischen Partei Deutschlands, bekannte sich in der ersten Ausgabe der Zeitschrift bereits zur kulturpolitischen Orientierung der SED mit dem Anspruch die Entfremdung zwischen Kunst und Volk überwinden zu wollen. Er vertrat den 1949 zur Staatskunst ernannten sozialistischen Realismus. Auch Carl Hofer, als Maler dem expressiven Realismus zuzuordnen, bekennt sich, mit Bezug zu seiner Funktion als Direktor der Hochschule der Künste in Berlin, zu der Aufgabe für die „geistige Erziehung unseres Volkes“ verantwortlich zu sein.
Obwohl man anhand solcher Verlautbarungen bereits meinen könnte ein typisches Presseorgan propagandistischer Erziehungsarbeit der SED zu erkennen, sind in der bildenden kunst weitaus offenere theoretische Positionen nachzulesen als im ab 1953 erscheinenden Nachfolger dieser Kunstzeitschrift. Offene Diskussionen, vor allem vorangetrieben vom Kunstkritiker Heinz Lüdecke, sowie dessen kunsthistorischen Aufsätze über den Surrealismus, Konstruktivismus und Expressionismus, lassen die bildende kunst zum „Verbindungsglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ werden. Trotz der aufkeimenden Spannungen zwischen Ost und West konnte die Zeitschrift in monatlicher Erscheinung eine übergreifende Diskussion um die gesamtdeutsche Kunst aufrecht erhalten, bis der Kalte Krieg und die damit in Verbindung stehende Verschärfung ostdeutscher Pressepolitik 1949 das vorläufige Aus für die bildende kunst bedeuteten. Vier Jahre sollte es dauern bis man der Forderung von Künstlern nach einer neuen Zeitschrift für Kunst- und Kulturangelegenheiten gerecht werden konnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige medienpolitische Ausgangslage in der Nachkriegszeit und definiert das Erkenntnisinteresse an der Rolle der Zeitschrift „Bildende Kunst“ im DDR-System.
2. Situation der Presse in der deutschen Nachkriegszeit: Dieses Kapitel analysiert das alliierten 3-Phasen-Modell der Pressepolitik und die daraus resultierende unterschiedliche Entwicklung der Medienlandschaft in Ost und West.
2.1 Pressepolitik der Besatzungszonen in Ost und West: Hier werden die methodischen Unterschiede bei der Lizenzvergabe und die Etablierung des Pressemonopols in der sowjetischen Besatzungszone gegenüber dem westlichen Ansatz verglichen.
2.2 Pressefreiheit und subkulturelle Zeitschriften in der DDR: Dieser Abschnitt thematisiert die zunehmende staatliche Gängelung und die Entstehung inoffizieller, subkultureller Kleinzeitschriften als Reaktion auf die Zensur.
3. Die Bildende Kunst als Verbandszeitschrift mit Bildungsauftrag: Das Kapitel untersucht die institutionelle Einbindung und den kulturpolitischen Auftrag, den die Zeitschrift innerhalb der SED-Strukturen erfüllen musste.
3.1 Entstehungsgeschichte: Der Abschnitt beschreibt die Gründung der Zeitschrift „bildende kunst“ (kleingeschrieben) durch Hofer und Nerlinger und deren Entwicklung in der Übergangsphase bis 1949.
3.2 Charakteristik und Entwicklung bis zur Einstellung 1991: Hier wird die Transformation der Zeitschrift zum offiziellen Parteiorgan unter dem Henschel Verlag sowie ihr Ende nach der Wiedervereinigung dargelegt.
4. Fazit zum Wirken der Bildenden Kunst: Das Fazit bewertet die Zeitschrift als ein historisches Resultat der sowjetischen Pressepolitik und verdeutlicht die einseitige, staatlich gelenkte Natur der Berichterstattung.
Schlüsselwörter
Bildende Kunst, DDR, Pressepolitik, Besatzungszonen, SED, Kunstzeitschrift, Kulturgeschichte, Sozialistischer Realismus, Pressezensur, Medienkontrolle, Nachkriegszeit, Subkultur, Journalismus, DDR-Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Kunstzeitschrift „Bildende Kunst“ im Kontext der ostdeutschen Pressepolitik zwischen 1947 und 1991.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die alliierte Besatzungspolitik, die Etablierung von Medienstrukturen in der DDR, staatliche Zensurmechanismen und die Rolle von Kunst im sozialistischen Gesellschaftsbild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Zeitschrift „Bildende Kunst“ durch die SED instrumentalisiert wurde und in welchem Verhältnis sie zur ursprünglichen, noch freieren Entstehungsphase stand.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kulturgeschichtliche und pressehistorische Analyse unter Heranziehung von Primärquellen, Geleitworten und zeitgenössischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung der frühen Zeitschrift, deren ideologische Ausrichtung durch die SED, die Rolle der Verbände und die letztliche Einstellung des Blattes nach 1990.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Pressepolitik, SED-Propaganda, Sozialistischer Realismus, Medienkontrolle und DDR-Kulturgeschichte.
Welche Bedeutung hatte der Wechsel von der kleingeschriebenen „bildende kunst“ zum Großschreibungs-Titel?
Der Wechsel markierte den Übergang von einer noch diskursiven Phase (bis 1949) hin zu einem strikt gelenkten Parteiorgan, das der Doktrin des sozialistischen Realismus folgte.
Welche Rolle spielten die in den 1980er Jahren entstandenen Kleinzeitschriften?
Sie dienten als inoffizielles Ventil für Künstler, die aus der offiziellen Kulturlandschaft ausgeschlossen waren, und boten einen Raum ohne direkte staatliche Zensur.
- Quote paper
- Björn Gleß (Author), 2010, Die Zeitschrift "Bildende Kunst ": Ergebnis alliierter Besatzungs- und Pressepolitik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211236