Über die Authentizität, Erfahrungen und Rezeption von Marco Polos Reisebericht „Il Milione“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Reisebericht des Marco Polo
2.1 Vorgeschichte
2.2 Reise nach China und Rückreise
2.3 Nach der Reise
2.4 Verschiedene Textfassungen
2.5 Aktueller Forschungsstand

3 Einhörner bei Marco Polo
3.1 Die Entwicklungsgeschichte der Einhörner
3.2 Die Insel Klein-Jawa
3.3 Beschreibung der Einhörner von Klein-Jawa

4 Marco Polos Umgang mit Fremden und Fremdem
4.1 Beschreibung von Religionen
4.2 Beschreibungen des Alltags

5 Das Erfahren von Wissen bei Marco Polo

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Reisebericht Marco Polos über seine Reise zum Hof Kublai Khans und zurück nach Italien gehört zu den bekanntesten Reiseerzählungen der europäischen Literatur. Bereits wenige Jahre nach dem Erscheinen waren viele Abschriften entstanden, von denen etwa 140 Handschriften in verschiedenen Sprachen erhalten sind.[1] Allerdings waren viele Leser nicht davon überzeugt, dass Marco Polo die beschriebene Reise tatsächlich unternommen hatte und auch heute noch wird die Authentizität angezweifelt. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass er einige wichtige Elemente der chinesischen Kultur nicht beschrieb und dass er von Einhörnern auf der Insel Klein-Jawa berichtete. Skepsis löste auch aus, dass er große Hochachtung vor Kublai Khan hatte und das Leben Buddhas mit dem von Jesus Christus gleichsetzte. Viele kontroverse Punkte aus dem Reisebericht sind bis heute umstritten.

In dieser Arbeit wird zunächst das Leben Marco Polos beschrieben, um die Situation darzustellen, in der sich Marco befand, als er die Reise antrat bzw. diese niederschreiben ließ. Anschließend wird kurz beschrieben, wie sich die Legende von Einhörnern entwickelt hat und welchen Stellenwert diese Fabelwesen in der europäischen Kultur eingenommen haben. Danach wird aufgezeigt, warum sich Marco Polo auf Klein-Jawa aufhielt und wie er in Kontakt mit den Einheimischen geriet, die ihm von den Einhörnern berichteten. Als letztes werden Beispiel dargestellt, wie Marco Polo Religionen und alltägliche Sachverhalte beschrieb und wie er sie bewertete. Dabei geht es vor allem darum, aufzuzeigen, ob der Reisebericht authentisch ist, wie Marco von den Begebenheiten auf der Reise erfuhr und wie seine Mitmenschen dies aufgenommen haben.

Die Literaturlage ist sehr gut, bis heute erscheinen regelmäßig neue Publikationen über den Reisebericht Marco Polos. In den meisten dieser Werke wird die Historizität der Reise Marcos nicht angezweifelt, es erscheinen aber auch kritische Texte. Hauptsächlich wurden in den Publikationen aber die Passagen untersucht, in denen China beschrieben wird, die Rückreise erhielt deutlich weniger Aufmerksamkeit. Relevant ist die Beschäftigung mit Marco deshalb, weil sein Reisebericht auch heute noch oft zitiert wird und einen hohen Bekanntheitsgrad aufweist. Außerdem zeigt die Fülle von Publikationen, auch von neueren, dass die Forschungen über Marco Polo noch nicht abgeschlossen sind.

2 Der Reisebericht des Marco Polo

2.1 Vorgeschichte

Über das Leben der Familie Polo ist wenig bekannt, es ist aber nachgewiesen, dass es sich um eine im Fernhandel tätige Familie aus dem Herrschaftsbereich der Republik Venedig handelte. Die Tätigkeit im Handel brachte es mit sich, dass die Mitglieder der Familie weit im östlichen Mittelmeerraum umher reisten. Der Vater Marco Polos, Niccolò Polo, hatte zwei Brüder, Marco der Ältere und Matteo (oder Maffeo). Marco d. Ä. leitete Handelskontore in Konstantinopel und in Sudak auf der Krim, Matteo bereiste bereits vor der Geburt Marco des Jüngeren, also vor 1253, zusammen mit dessen Vater den Fernen Osten.[2]

Dabei drangen sie weit in die Steppen des heutigen Russland und Kasachstan vor und gelangten an den Hof von Berke Khan, der zu diesem Zeitpunkt die Goldene Horde anführte. Die Goldene Horde war ein mongolisches Khanat, eine Art Stamm, der sich im Verlauf der mongolischen Invasion in Europa konstituiert hatte.[3] Die Brüder Polo schenkten ihm Schmuckstücke, die sie aus Konstantinopel mitgenommen hatten, wurden im Gegenzug ebenfalls reich beschenkt und durften das Reich des Khan bereisen. Nach einem Jahr wollten die Brüder zurück reisen, der direkte Weg war aber versperrt und so reisten sie weiter nach Zentralasien und wurden nach einem längeren Aufenthalt in Bucara[4] von einem Gesandten des Großkhan zu diesem eingeladen. Am Hof des Kublai Khan berichteten sie von den politischen und religiösen Verhältnissen in Europa. Daraufhin schickte der Großkhan eine Gesandtschaft zum Papst, welcher die Brüder Polo anhören sollte. Diese erhielten goldene Tafeln (ein Identifikationsmerkmal chinesischer Beamter) und reiche Geschenke. 1269, 16 Jahre nach Beginn der Reise, trafen sie in Alexandrette[5] ein und reisten nach Venedig zurück. Dort erfuhr Niccolò, dass seine Frau bereits verstorben war und er traf zum ersten Mal seinen Sohn Marco.[6]

Aus diesem Bericht, der dem eigentlichen Reisebericht voran gestellt ist, wird ersichtlich, dass die Familie Polo sehr reich gewesen ist, denn sonst wäre eine solche Reise nicht zu finanzieren gewesen. Außerdem waren die Brüder Polo in der Lage zu den mächtigsten Herrschern der jeweiligen Region zu gelangen und dort ihrem Geschäft nachzugehen. Diese Reise war auch die Voraussetzung für die Reise Marco Polos, denn ohne seinen Vater und seinen Onkel wäre er wohl nicht an den Hof von Großkhan Kublai Khan gelangt.

2.2 Reise nach China und Rückreise

Die Brüder entschlossen sich, nachdem Niccolò von seinem Sohn erfahren hatte, diesen mitzunehmen. Allerdings mussten sie zunächst auf die Wahl eines neuen Papstes warten, denn Clemens IV. war 1268 gestorben und Gregor X. wurde erst am 1. September 1271 gewählt. Da sie eigentlich nicht so lange warten wollten, erreichte die Polos die Nachricht des neuen Pontifex Maximus in Armenien und sie reisten zurück nach Akkon, wo sie vom Papst empfangen wurden und ein offizielles Schreiben erhielten. Die beiden Geistlichen, die mit ihnen zusammen nach China reisen sollten, kehrten bereits in Kilikien in der heutigen Türkei wieder um.[7]

Die Reise führte von Akkon zunächst über den Iran (von Marco Polo wurde der Begriff Persien benutzt[8]) bis nach Hormus (auch Hormos oder Hormuz), da die Polos dort ein Schiff in Richtung Indien besteigen wollten. Da die dortige Schiffbaukunst aber nicht den Erwartungen entsprach und ernsthafte Bedenken an der Seetauglichkeit der Schiffe bestanden, entschied sich die Reisegruppe den Landweg zu nehmen. Deshalb wandten sich die Polos nach Norden in Richtung Kerman.[9] Von dort aus ging die Reise über das zerstörte Balc nach Talikan im heutigen Afghanistan. Dort erkrankte Marco Polo und die Reise verzögerte sich um ein Jahr, bevor die Gruppe nach Kashgar weiterwanderte. In diesem Jahr der Zwangspause konnte Marco die Bevölkerung und die Umwelt am nördlichen Hindukush besser kennen lernen und beschrieb sie ausführlich.[10]

Kashgar war der westliche Ausgangspunkt für zwei Routen der Seidenstraße um die Wüste Taklamakan herum, eine nördliche und eine südliche. Die Polos nahmen die südliche Route und erreichten mit der Stadt Dunhuang in der Provinz Gansu das eigentliche Herrschaftsgebiet von Kublai Khan. Von dort aus folgten sie dem Flusslauf des Hwang Ho, der bei Yinchuan die chinesische Mauer schneidet (vgl. hierzu Kap. 2.5) und erreichten im Frühjahr oder Juni 1275 die Sommerresidenz des Khan in Shangdu. Die Winterresidenz befand sich in Canbaluc und der Hof wechselte alle drei bis sechs Monate, diese Angabe ist nicht gesichert, die Residenz.[11]

Marco Polo beschrieb den Großkhan und seinen Hof sehr ausführlich und schwärmte dabei in den höchsten Tönen von den Schätzen und der Weisheit des Herrschers. Kublai Khan wird als größter Herrscher aller Zeiten dargestellt, in dessen Reich die wunderbarsten Dinge passieren.[12] Er beschreibt die Nutzung von Steinkohle, ohne genau zu wissen, um was für Material es sich dabei handelt, und die Herstellung von Papiergeld. Das Organisationstalent des Khan wird von ihm gelobt, vor allem im Bereich des Verkehrswesens. Aber auch die Feste und Feierlichkeiten, die Kublai Khan abhalten lässt, finden lobende Erwähnung. Insgesamt hielt sich Marco 17 Jahre in China auf und dieser Teil seines Berichtes nimmt den größten Platz ein. Ab dem Zeitpunkt, als die Polos am Hofe des Großkhans eintrafen, war Marco nicht mehr nur Begleiter seines Vaters und Onkels, sondern trat selber in den Vordergrund, während seine Verwandten nahezu ganz aus den Berichten verschwinden.[13]

Während seines Aufenthaltes in China bereiste Polo sowohl weite Teile von Catai (Nordchina) und Mangi (Südchina), der Begriff China fällt nur einmal. Die Reisen und die genauen Berichte darüber, was er gesehen hat, ließen Marco in der Gunst des Khan steigen, so dass er zu einer wichtigen Person am Hof wurde. Angeblich war Marco Polo auch drei Jahre Gouverneur, aber hier scheint ein Übersetzungsfehler vorzuliegen und er hielt sich vielmehr drei Jahre in der Präfektur Yangzhou auf und regierte sie nicht. Vor allem seine Beschreibung der verschiedenen Regionen und tributpflichtigen Länder im Einflussbereich des Großkhans sind sehr detailliert, hier kann aber nicht näher darauf eingegangen werden. Es kann aber festgehalten werden, dass Marco gegenüber den verschiedenen Religionen in China sehr offen war und sie nicht, wie es christliche Missionare getan hätten, verurteilte. Er beschrieb sie und überließ dem Leser ein Urteil, obwohl eine gewisse Begeisterung durchaus vorhanden war.[14]

Nach 17 Jahren in China wollten die Polos wieder nach Venedig zurückreisen und durch einen Zufall erhielten sie die Möglichkeit dazu. Kublai Khan schickte eine Gesandtschaft nach Persien und erlaubte es der Reisegruppe, diese zu begleiten. Der Auftrag war, eine Adlige namens Cocacin nach Persien zu begleiten, damit sie mit dem dortigen Khan Argon verheiratet werden könnte. Der Versuch, auf dem Landweg nach Persien zu gelangen scheiterte und so reiste die Gesandtschaft auf Dschunken dorthin. Es ergab sich für Marco Polo dabei die Gelegenheit, Indien näher kennen lernen zu können und er beschrieb es als das wundervollste Land auf Erden. Nach der Ankunft in Persien reisten die Polos umgehend nach Europa weiter. 1295, über zwanzig Jahre nach der Abreise, erreichten die Polos über Trabzon kommend Venedig.[15]

Die Reise der drei Kaufleute musste hier sehr verkürzt dargestellt werden, da die Berichte sehr umfangreich sind und allein die Anreise nach China hier nicht dargestellt werden kann. Auf die Rückreise wird in Kapitel 3.1 genauer eingegangen, da dort die Episode auf der Insel Klein-Jawa untersucht wird.

2.3 Nach der Reise

Il Milione[16] entstand ab 1298, also drei Jahre nach der Rückkehr der Polos nach Venedig in einem Gefängnis in Genua und wurde von Rusticiaus von Pisa (auch Rustichello) niedergeschrieben.[17] Diese Situation trat deshalb ein, weil Marco für die Republik Venedig auf einer Galeere in der Seeschlacht von Curzola[18] am 7. September 1298 gekämpft hatte. Diese Schlacht verloren die Venezianer, 66 Galeeren wurden versenkt, 18 von Genua erbeutet und mehrere Tausend Personen gerieten in Gefangenschaft. Dort traf Marco Polo auf Rustichello, der nach einer Seeschlacht am 6. August 1284 zwischen Genua und Pisa in Gefangenschaft geraten war und auch zehn Jahre nach dem Abschluss eines Friedensvertrages zwischen den beiden Städten nicht freigelassen worden ist. Da die beiden wohl nicht in einem der städtischen Gefängnisse sondern in einem Privathaus untergebracht wurden, ist nicht verwunderlich, dass sie die Gelegenheit erhielten, die Erinnerungen Marco Polos aufzuschreiben.[19]

[...]


[1] Stumpfeldt 2008, S. 11.

[2] Ménard 2009, S. 13.

[3] Vgl. Spuler 1965.

[4] Heute Buxoro, Usbekistan.

[5] Heute Iskenderun, Türkei.

[6] Polo 1983, S. 8 – 15; Ménard 2009, S. 16 – 18.

[7] Ménard 2009, S. 18 – 19.

[8] Gabriel 1963, S. 49 – 50.

[9] Polo 1983, S. 54 – 57.

[10] Emersleben 2002, S. 40 – 46.

[11] Ebd., S. 46 – 47; S. 53 – 55.

[12] Polo 1983, S. 113 – 118; S. 128 – 151.

[13] Emersleben 2002, S. 56 – 64.

[14] Ebd., S. 65 – 76.

[15] Ebd., S. 79 – 99.

[16] Das Werk hat verschiedene Titel, hier wird dieser verwendet, da er auch der genutzten Übersetzung als Titel dient, vgl. Polo 1983.

[17] Polo 1983, S. 8.

[18] Kroatisch: Korčula.

[19] Ménard 2009, S. 21 – 26.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Über die Authentizität, Erfahrungen und Rezeption von Marco Polos Reisebericht „Il Milione“
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Fabeltiere und Wundervölker im Mittelalter
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V211256
ISBN (eBook)
9783656389002
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marco Polo, Fabeltiere, Einhörner, Asien, Reise
Arbeit zitieren
Julian Freche (Autor), 2011, Über die Authentizität, Erfahrungen und Rezeption von Marco Polos Reisebericht „Il Milione“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211256

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