Architektur als Kunst der Raumbeziehungen: Innen und Außen

Raumtheorien von Schmarsow, Bachelard, Gormley, Simmel und Venturi


Seminararbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Raumtheorien
2.1. August Schmarsow - Innen und Außen als eine leibliche Dimension
2.2. Gaston Bachelard - Die Dialektik von Innen und Außen
2.3. Antony Gormley - Home
2.4. Georg Simmel: Brücke und Tür - Übergangsbereiche
2.5. Robert Venturi - Innen und Außen als Raum in Raum

3. Zusammenfassung - die Grenze

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Architektur kann über ihren raumschaffenden Charakter definiert werden. Unter diesem Blickwinkel schafft die Architektur Grenzen zwischen innen und außen. Die architekturtheoretische Auseinandersetzung mit den Fragen: was ist Raum, was definiert ihn, wie grenzt der Mensch sich von innen und außen und umgekehrt ab, deuten auf die konzeptionellen Probleme der baulichen Gestaltung und des menschlichen Verständnisses seiner Umwelt.

In dieser Ausarbeitung wird das Wort Raum mit Hinblick auf die Bedeutung der Begriffe Innen und Außen betrachtet. Dabei werden folgende Theoretiker und Künstler betrachtet: August Schmarsow, Gaston Bachelard, Georg Simmel, Robert Venturi und Antony Gormley.

2. Raumtheorien

2.1. August Schmarsow - Innen und Außen als eine leibliche Dimension

Die ersten Auseinandersetzungen mit dem Begriff Raum und der Beziehung zwischen innen und außen finden sich in kunsttheoretischen Debatten am Ende des 19. Jahrhunderts. In dem „Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur“ widmet sich 1886 der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin den Wirkungsprinzipen der Architektur, die sich auf die Wahrnehmung des eigenen Körper begründet.

Körperliche Formen können charakteristisch sein nur dadurch, daß wir selbst einen Körper besitzen. Wären wir bloß optisch auffassende Wesen, so m üß te uns eineästhetische Beurteilung der Körperwelt stets versagt bleiben. Als Menschen aber mit einem Leibe, der uns kennen lehrt, was Schwere, Kontraktion, Kraft usw. ist, sammeln wir an uns die Erfahrungen, die uns erst die Zustände fremder Gestalten mitzuempfinden befähigen. “ 1

Für Heinrich Wölfflin ist Raumerfahrung eine physische Erfahrung. Dadurch unterwirft der Mensch alle Erscheinungsformen seinem eigenen Abbild. Unwillkürlich beseelt der Mensch „ jedes Ding “ 2. Somit liegt für Wölfflin eine anthropomorphe, mimetisch-projektive Lesart der Architektur vor.3

„ Um das räumliche Gebildeästhetisch zu verstehen, müssen wir diese Betrachtung sinnlich miterleben, mit unserer körperlichen Organisation mitmachen. “4

Ähnlich wie Wölfflin beschäftigt sich August Schmarsow mit den Grundlagen der ästhetischen Betrachtung in der Kunst. Hier bildet die „Natur“ der menschlichen Raumwahrnehmung und Raumvorstellung den Ausgangspunkt seiner Architekturtheorie.

Schmarsow leitete seine Idee von Gottfried Sempers Bekleidungstheorie ab.5 Für Semper sind Kunst und Technik (Herstellungstechnik) wechselseitig miteinander verbunden. Als technische Formen der Künste unterscheidet er nach der textilen Kunst, der Keramik, der Tektonik (Zimmerei) und der Stereoomie (Steinschnitt/ Mauerkunst). Diese Formen bilden nach Semper die Grundelemente der Architektur: die Umzäunung, den Herd, das Dach und den Erdaufwurf.6

„ Das ursprünglichste auf den Begriff Raum fussende formelle Prinzip in der Baukunst unabhängig von der Konstruktion. Das Maskieren der Realität in den Künsten.

Die Kunst des Bekleidens der Nacktheit des Leibes, (wen man die Bemalung der eigenen Haut nicht dazu rechnet, … ,) ist vermuthlich eine jüngere Erfindung als die Benützung der Oberflächen zu Lagern räumlichen Abschlüssen … ..immer bleibt gewiss dass die Anfänge des Bauens mit den Anfängen der Textrin zusammenfallen.

… Eben so sind Decke, Bekleidung, Schranke, Zaun (Saum) und viele andere technische Ausdrücke nicht etwa spät auf das Bauwesen angewandte Symbole der Sprache, sondern sichere Hindeutungen des textilen Ursprungs dieser Bautheile. “7

In der textilen Kunst, des Verkleidens, sah Semper den Ursprung der Architektur. So sah er in der Arbeit der Mattenflechter, die stofflichen Abtrennung der ersten Räume.8

August Schmarsow geht zwar von Semper aus, distanziert sich aber von ihm, da er die Architektur nur verkehrt herum betrachtet, „ veräuß erlicht “ 9, und ihm der Blick in das Innere, Elementare verwehrt bleibt. In seinem Aufsatz lehnt er die idealistische und materialistische Denkweise ab und fordert anstelle der „ Ästhetik von Oben “ oder „ von Unten, die Ästhetik von Innen “10. Hier geht er von natürlichen physiologischen und psychologischen Bedürfnissen der Menschheit aus.11

Schmarsow bewertet Architektur nicht nach ihrer Komplexität oder Einfachheit. Die Höhle, das Zelt, der Tempel oder der Palast sind für ihn Raumgebilde. Hier zitiert er Eduard von Hartmann: „ Wesentlich ist nur die Raumumschließ ung “12.

„ Jeder leiseste Versuch des Menschen zur Herstellung einer Raumumschließ ung setzt zunächst in dem Subjekt die Vorstellung des gewollten Raumausschnittes voraus, … . “13

Für Schmarow beginnt architektonisches Schaffen bereits mit der bloßen Vorstellung und Phantasie, sich von der Außenwelt abzugrenzen. Er betrachtet die Architektur als Kunst, die in der menschlichen Vorstellungskraft ruht. Diesem Grundbedürfnis einen Raum zu schaffen, liegt laut Schmarow, in der menschlichen Wahrnehmung. Das sogenannte „Subjekt“, der Mensch, nimmt seine Umwelt mit allen Sinnen, mit dem Körper wahr. Über ihn bildet der Mensch seine räumliche Anschauung. Da das „Subjekt“ aufrecht geht, fühlt es sich automatisch als Raumzentrum, das mit Richtungsachsen ausgebildet ist14.

Mit der fühlbaren Aufrichtung- wenn ich so sagen darf - des Rückrades unserer Anschauung beginnt das architektonische Schaffen in uns. “15

Damit ist der geschaffene Raum eine Projektion aus dem Inneren des Menschen, mit dem Ziel das Raumgefühl und die Raumphantasie zu befriedigen. Das bedeutet, dass dem Raumgebilde nach idealen Vorstellungen eine wahrnehmbare Gestalt gegeben wird. Aus der Vorstellung wird Realität. Zuerst sind es nur markante Bezugspunkte in der Umwelt, dann sind es Linien im Sand, die dann wieder mit Steinen markiert werden. Zum Schluss entstehen Wände. In diesem Zusammenhang verweist Schmarsow auf spielende Kinder, für die im Sand gezeichnete Linien als eine sichtbare Begrenzung eines gewollten Raumausschnittes genügen.16

Der Akt des Raumschaffens wird zunächst durch Nachahmung erreicht. Laut Schmarsow beginnt der Mensch seine Umwelt zu ordnen und zu analysieren, um seinem Bedürfnis eines idealen Raumes Nachdruck zu verleihen. Es entsteht der Wunsch nach perfekten Formen, wie Rechtecken, Kreisen und „ geradgewachsen “ Baumaterial.17

„ Als Ideal schwebt immer die reine Form vor, wie sie sein soll, deren Gesetze die Raumwissenschaft ergründet, während die Raumkunst, die ihre Gestaltung in wirklichem Materiale durchführt, auch mit den Faktoren der natürlichen Umgebung, den physischen Gesetzen der Wirklichkeit sich abfinden muß . Aber in beiden waltet das Grundgesetz des Menschengeistes, kraft dessen er auch in der Auß enwelt Ordnung sieht und Ordnung will. … . So bevorzugt der Mensch … die abstrakte Regelrichtigkeit der Linien, Flächen und Körper als charakteristisches Wirkungsmittel der Architektur … . Die Architektur ist also Raumgestalterin nach den Idealformen der menschlichen Raumanschauung. “18

Hiermit weist Schmarsow auf die Ästhetik der zu schaffenden Realität. Architektonisches Schaffen beginnt im Menschen selbst. Das Schaffende ist zugleich das genießende Subjekt und bildet somit die Voraussetzung für das ästhetische Gefallen an der Raumschöpfung.19 Architektur ist demnach „ eine systematische Bewältigung Anschauungsmateriales …“, und dient „ durch eine schöpferische Durchverfolgen des dreidimensionalen Gesichtsbildes zu eigenem Genügen und Genuß des Menschen “ .20

Größe und Form eines Raumes werden nach Schmarsow durch die Richtung der freien Bewegung bestimmt . Dabei kommt das „ Höhenlot “ der körperlichen Orientierung am nächsten. Von hier aus sind Bewegungen nach oben, unten, links und rechts möglich. Legt der Mensch sich hin, liegt das Lot in der Horizontalen und der Wunsch nach niedrigen Raumhöhen entsteht. Die Ausrichtung der Arme ist wichtig für die Breitendimension eines Raumes. Wird hier die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, käme das dem Raumcharakter einer Gefängniszelle gleich.21

Mit der Betrachtung eines Objektes oder eines Raumgebilde von außen trennt sich das genießende und schaffende Subjekt in Erfinder und Betrachter. Jetzt beginnt die ästhetische Bewertung, die mit der Vorstellung beginnt, sich in den Innenraum zu versetzen. Kann dieser Prozess nicht vollzogen werden, „ bleibt das Bauwerk für uns eine starre Krystallisation22 “ . Können wir uns und mit dem Raumgebilde identifizieren, empfinden wir das Bauwerk als schön.23

Die Selbständigkeit des Gebildes tritt uns um soüberzeugener entgegen, je stärker die Senkrechte Dominante des Ganzen entwickelt worden; denn eben dieses Gefühl, das ein zweiter Meridian als Mittelaxe dort, uns gegenüber vorhanden ist, bedingt die Anerkennung des Raumgebildes als Körper eigner Organisation auß er uns selbst. “24

Die Stadt ist nach Schmarsow ebenfalls eine Raumumschließung, die zuerst mit der Vorstellung beginnt, die Dinge zu ordnen und miteinander in Beziehung zu setzen. Das Prinzip des psychischen Bedürfnisses nach einem idealen Raum und physischen Materialisierung über das menschliche Koordinatensystem wiederholt sich in der Anordnung von Stadtteilen.25

„… so tritt die Architektur als Raumgestalterin wieder in ihr volles Recht, indem sie diese Baukörper zu gr öß eren Raumumschließ ungen ordnet und in neue organische Beziehung setzt, seien es die Häuserfassaden einer Straß e, die Baugruppen um einen Platz, vielleicht mit einem Denkmal in der Mitte … .“26

Das Wesen der architektonischen Schöpfung, bzw. innen und außen definiert Schmarsow als eine „ Objektivation “27 des im Menschen entspringenden Raumwillens. Dieser zeigt sich zunächst in der Vorstellungkraft des Menschen, sich selbst zu umschließen. Dabei ist es nebensächlich, ob Umschließung aus Steinen oder nur aus Linien geschaffen ist. Dieses Prinzip erhebt er zum universellen Gesetz architektonischer Schöpfung. Es gilt für eine kleine Raumzelle ebenso wie für eine komplexes Gebäude und einen landschaftlichen Raumzusammenhang.28

[...]


1 Heinrich Wölfflin: Prolegoma zu einer Psychologie der Architektur; in: Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002, S. 275

2 Ebd.

3 Vgl. Johan Frederik Hartle: Die Räume; in: Text Revue, http://www.text-revue.net/revue/heft-6/die-raume/text, zuletzt aufgerufen 02.09.2012

4 Ebd., S. 276

5 Fritz Neumeyer: Nachdenken über Architektur. Eine kurze Geschichte ihrer Theorie; in Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002 , S. 53

6 Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002, S. 248

7 Gottfried Semper: Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten: oder praktische Aesthetik. Ein Handbuch für Techniker, Künstler und Kunstfreunde, 1860/1863; in: Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002 S. 267 - 268

8 Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002, S. 248

9 August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung, Leipzig 1894; in:
http://www.architekturtheorie.tu-berlin.de/architekturtheorie/menue/service/downloads/,zuletzt aufgerufen 02.09.2012, S. 2

10 Ebd.; die Theorie der Ästhetik von Oben und Innen stammt von G. Th. Fechner

11 Vgl. Fritz Neumeyer: Nachdenken über Architektur. Eine kurze Geschichte ihrer Theorie; in Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002 , S. 54

12 August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung, Leipzig 1894; in:
http://www.architekturtheorie.tu-berlin.de/architekturtheorie/menue/service/downloads/, zuletzt aufgerufen 02.09.2012, S. 5

13 Ebd.

14 Vgl. Ebd., S. 5 ff.

15 Ebd., S. 7

16 Vgl. Ebd., S. 6

17 Vgl. Ebd., S. 7

18 Ebd., S. 6 f.

19 Vgl. Fritz Neumeyer: Nachdenken über Architektur. Eine kurze Geschichte ihrer Theorie; in Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002 , S. 54

20 August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung, Leipzig 1894; in:
http://www.architekturtheorie.tu-berlin.de/architekturtheorie/menue/service/downloads/, zuletzt aufgerufen 02.09.2012, S. 10

21 Vgl. Ebd., S. 8. f.

22 Ebd. S. 11

23 Vgl. Ebd.

24 Ebd.

25 Vgl. Ebd.

26 Ebd.

27 Fritz Neumeyer: Nachdenken über Architektur. Eine kurze Geschichte ihrer Theorie; in Fritz Neumeyer: Quellentexte zur Architekturtheorie, Prestel Verlag, München-Berlin- London-New York, 2002 , S. 55

28 Vgl. Ebd., S. 55 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Architektur als Kunst der Raumbeziehungen: Innen und Außen
Untertitel
Raumtheorien von Schmarsow, Bachelard, Gormley, Simmel und Venturi
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Architekturtheorie)
Veranstaltung
Seminar: Innen Außen. Architektur als Kunst der Raumbeziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V211263
ISBN (eBook)
9783656388678
ISBN (Buch)
9783656389699
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
architektur, kunst, raumbeziehungen, innen, außen
Arbeit zitieren
Sophia Bauer (Autor), 2012, Architektur als Kunst der Raumbeziehungen: Innen und Außen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211263

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Architektur als Kunst der Raumbeziehungen: Innen und Außen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden