Kriegsgeschrei in Europa


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013
19 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Kriegsgeschrei in Europa: Von der Europaeuphorie zur Europahysterie

2. Zweitausend Jahre Europageschichte

1
Kriegsgeschrei in Europa:
Von der Europaeuphorie zur Europahysterie

O Freunde, nicht diese Töne !

Sondern laßt uns angenehmere

anstimmen, und freudenvollere !

Freude !

Aus der Europahymne „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven (Ton) und Friedrich Schiller (Text)

Kaum ist die Tinte, mit der die europäischen Verträge redigiert und multilateral unterzeichnet wurden, recht getrocknet, da möchte man diese auch schon wieder den lodernden emotionalen Flammen einer latenten Europahysterie preisgeben. Man könnte sagen, dass sie mit dem Blut zahlloser historischer Opfer europäischer Menschen auf der schier unmöglichen Suche nach einem gemeinsamen Modus Vivendi und einer friedlichen Koexistenz diverser Kulturen und konkurrierender geopolitischer Agenden in Europa und darüber hinaus – in einem Ozean von Blut – geschrieben wurden. Die Bewusstwerdung des Ausmaßes dieser Tatsache sollte genügen, jegliches Kriegsgetöse für immer irreversibel zum Schweigen zu bringen. Indes, wie bereits der deutsche Philosoph G. W. Hegel konstatierte, lernen wir offenbar aus der Geschichte, dass wir herzlich wenig aus ihr lernen, sodass sie sich zwangsläufig repetiert.

Gegenwärtige objektive, technische Integrationsfragen werden auch von manchen führenden Eurokraten durch den historischen kulturellen Filter geschichtlicher Antagonismen wahrgenommen. Doch die europäischen Vertragswerke und Institutionen wurden doch gerade als irreversible Zäsur, als da Cabo al Fine sin repetitione zyklischer historisch-hysterischer Konfliktspiralen geschaffen. Also: O Freunde, nicht diese Töne! Lasst uns nicht, unter dem Druck einer Bewährungsprobe für die europäische Einheit, die Europahymnen ungehört verhallen und Verträge in einer europahysterischer Manier zerreißen, sondern „lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere!“, wie es Beethovens und Schillers Europa konsekrierendes Kunstwerk der Europahymne nahelegt. Laßt uns das Kriegsgeschrei durch harmonischere Melodien ersetzen, statt einst der unbedachten Lancierung einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung bezichtigt werden zu müssen.

Eine andere Europa Hymne in Latein bringt diesen Sacherhalt folgendermaßen zum Ausdruck:

Est Europa nunc unita

et unita maneat;

una in diversitate

pacem mundi augeat.

Semper regant in Europa

fides et iustitia

et libertas populorum

in maiore patria.

Cives, floreat Europa,

opus magnum vocat vos.

Stellae signa sunt in caelo

aureae, quae iungant nos.

Sie kann konzis folgendermaßen übersetzt werden: Wahrt das Acquis Communautaire und gebt es nicht den Flammen europahysterischer nationaler Emotionen preis, sondern konsolidiert diese Gnade der Geschichte angesichts der Bewährungsprüfung.

Alle Euroskeptiker sind aufgerufen, sich von der epochalen Dimension des Projektes Europa ebenso sehr leiten zu lassen, wie von dem Erbe vergangenheitsbasierter Ängste, ohne dabei den realpolitischen Verstand zu opfern. Es ist richtig und wichtig, die Geschichte und die dadurch entstandene kulturelle Konditionierung der europäischen Nationen im Blickfeld zu haben, aber nicht dadurch das rechte Augenmaß für die überzeitliche Dimension im realpolitischen Kontext zu verlieren. Mit Vertrauen und Vernunft im Zeichen tradierter Werte kann man so manche scheinbare Barriere überwinden.

Die Ode an die Freude, die eine symbolische geistige Verfassung Europas inkarniert, fordert dazu auf, das Gleichgewicht der Wahrnehmung zu wahren, warnt vor diesen Tönen und fordert legt nahe – bei aller Krisenstimmung – freudvollere Töne in der Gestalt von Problemlösungen anzustimmen, statt, wenn auch nur vage, einen europäischen Totengesang anzustimmen. Im Zeitalter der Wertewiederentdeckung und der globalen Medien ist der Europadiskurs in gewisser Weise Teil der Realpolitik.

Vielleicht sollte man über die vertraglichen Krisenmanagementregeln hinaus dennoch ein strategisches Ultima Ratio Szenario und Instrumentarium ins Auge fassen, das auf eine durchaus mögliche Eskalierung des Kriegsgeschreis effektiv antworten kann, wenn der Point of No Return, das heißt, der Verlust des eurostrategisch relevanten historischen Acquis Communautaire sich abzeichnen sollte.

Wenn der Eurogruppenchef anlässlich gegenwärtiger nationaler europäischer Animositäten, wie z. B. anlässlich der Wahlen in Griechenland und Italien, eine Parallele zur Vorphase des ersten Weltkrieges zieht, dann zeugt das von einer legitimen und erforderlichen historischen Bewusstheit, aber auch gleichzeitig von der Last und dem Impact der kulturellen Kontinuität, die wir in unseren europäischen Köpfen herumtragen, die, wie oben gesagt, unter dem Blickwinkel der historischen Zäsur angemessen zu betrachten und zu bewerten ist.

Eine Zäsur bedeutet kein Ende, sondern einen Übergang zu einer neuen Phase im Kontext des alten, das aber neue Gestalt annimmt. Das alte Europa und die Neuschöpfung Europas sind die beiden Phasen, die geschichtlich durch eine Zäsur getrennt sind. Der Übergang von jenen unliebsamen Tönen der Vergangenheit zu freudvolleren Tönen wird durch die Ode an die Freude symbolisiert; die neue Schöpfung durch Händels Halleluja des Triumphs des Neuen über das Vergangene. Und die lateinische Eurohymne fordert dazu auf, diesen historischen Sieg Europas über seine Logik des Todes und über sich selbst nicht preiszugeben, sondern ihn vielmehr zu vollenden.

Es ist richtig, dass die Dämonen des alten konfliktbefrachteten Europas nicht für immer weg sind, sondern dass sie gewissermaßen nur schlafen, wie Jean Claude Junker zurecht besorgt moniert, um von Bewusstsein europäischer nationaler Akteure aus ihrem Schlaf geweckt zu werden. Wird die Vokabel Krieg aber als Zukunftsszenario in Europa verwendet, so könnte man dadurch eventuell über die konfliktbewusste, realpolitische Analyse hinausschießen und Patterns des alten europäischen Bewusstseins in das neue hineintransportieren und über eine self-fulfilling prophecy einen fait accompli heraufbeschwören. Dies ist Teil der Dämonie, die als geistige Kraft ihre Kontinuität sucht und nicht von der Bühne der Menschheitsgeschichte abzutreten gewillt ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kriegsgeschrei in Europa
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V211281
ISBN (eBook)
9783656388999
ISBN (Buch)
9783656567097
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Europapolitik
Schlagworte
Europäische Union, Europapolitik, geisitge Dimensionen der Politik, Geschichte Europas
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deißler (Autor), 2013, Kriegsgeschrei in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211281

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