Vergewaltigung im Krieg

„Dient die systematische Vergewaltigung im Krieg nationalistischen Zielen?“


Essay, 2012

8 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Essay
Einleitung
Die Thesen
Ethnische Säuberung
Kritikpunkte
Fazit

Literaturverzeichnis

Essay

Einleitung

Vergewaltigungen sind häufig in Kriegen vorzufinden. Nicht nur im 2. Weltkrieg[1], während den Kriegshandlungen im Kongo[2] oder antiken Kriegen wurde regelmäßig diese Form von Gewalt gegen Frauen verwendet. Durch die unterschiedlichen zeitlichen Epochen und verschiedenen geographischen Räumen, kann man erkennen, dass diese Gewalthandlungen anscheinend religionsunabhängig sind. So auch in den Jugoslawienkriegen in den 90er Jahren. Der Auslöser dieser Kriege war das Streben der einzelnen Teilrepubliken der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien nach Unabhängigkeit. Dieses Streben und die sich daraus entstehenden Interessenkonflikte mündeten in einem jugoslawischen Bürgerkrieg. So war auch die Region Bosnien stark betroffen und es dauerte nicht lange, bis die ersten Berichte über eine systematische Vergewaltigung von serbischen Männern an bosniakischen Frauen veröffentlicht wurden. Es begannen mehrere Erklärungsversuche von feministischen VertreterInnen im In- und Ausland, warum es zu solchen Verbrechen gegen die Frauen kam. Schon bald gab es Thesen zu den Motiven der Vergewaltiger. Dabei stellte sich mir die Frage, ob die systematischen Vergewaltigungen im Krieg nur nationalistische Motive hätten und somit nationalistischen Zielen dienen. Natürlich kann dieses Essay nicht alle Erklärungsversuche nennen oder näher behandeln. Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage nach der nationalistischen Prägung näher zu betrachten. Dabei wird unter einer Nation ein Konstrukt von relativ komplexen Wir-Gruppen verstanden, deren Mitglieder nicht durch eine persönliche Beziehung, sondern durch eine konstruierte Gemeinschaft miteinander verbunden sind.[3] Zu überprüfen ist es somit, ob die systematischen Vergewaltigungen in irgendeiner Weise der Sicherung einer Nation dienen.

Die Thesen

Mehrere VertreterInnen beschäftigten sich mit der Problematik warum es zu solchen systematischen Vergewaltigungen kam. So führte die Kultur-Anthropologin Nita Luci auf, dass „[…] rape as a means of ethnic cleansing is connected to the notion that the ethnic groups is characterized by a pure bloodline.”[4] Dies bedeutet demnach, dass eine Vergewaltigung vorrangig dazu dient, um eine Blutlinie und damit eine Ethnie zu zerstören, denn nur reine Blutlinien kennzeichnen ethnische Gruppierungen. Unter dem veralteten und in der Humanmedizin nicht mehr gebräuchlichen Begriff ‚Blutlinie‘ wird heutzutage in der Genetik der Begriff Abstammungslinie verstanden.[5] Sie beschreibt die genetischen Vorfahren und Nachfahren. In dieser ethnischen Gruppe haben die Frauen eine wichtige Bedeutung und zwar die des Kulturträgers[6], denn ist „For women, honor and shame are the basis of morality and underpin the three tiered hierarchy of statues: husband, family and village.“[7]

Demnach wäre das Wichtigste für die Frau ihre Ehre und Scham, da diese die Basis ihres Lebens bilden würden. Des Weiteren dienen Vergewaltigungen neben der Lustbefriedigung auch der Erniedrigung und Beschämung der Opfer. Luci argumentiert somit, dass durch die Vergewaltigung der Frau ihr Mann beschämt wird. Gründe dafür sind unter anderen, dass der Mann die Frau nicht beschützen konnte und dass potenzielle Kinder von Serben ein Produkt dieser Vergewaltigungen sein können. Dies bedeutet, dass Kinder mit serbischen Vätern selbst Serben seien und dass demnach die Kultur der Bosniaken mit ihren serbischen Kindern zerstört wurde. Die Blutlinie ist somit ein wichtigeres Gut zur Erhaltung der Nation und Kultur, als die Erziehung eines Kindes. Das Hauptmotiv wäre demnach, dass der männliche Habitus als Maßstab für die Wertung zu sehen sei und dass die Vergewaltigung als Angriff auf die Männlichkeit der Ehrmänner dargestellt würde. Damit liegt der Fokus dieses Erklärungsversuches eindeutig auf der Bedeutung von Ehre und Ethnie, da diese mit die wichtigsten Aspekte der Nation sind.

Des Weiteren erklärt die Soziologin Ruth Seifert, dass „[i]n kriegerischen Auseinandersetzungen […] die Misshandlung von Frauen ein Teilstück männlicher Kommunikation“[8] sei. Genau wie Luci erklärt, wäre die Vergewaltigung ein symbolischer Ausdruck zur Demütigung des männlichen Gegners.[9] Außerdem seien Vergewaltigungen Begleiterscheinungen, da bei den Männern angeblich der Reiz für die Laufbahn eines Soldaten die „Bestätigung und Bestärkung von Männlichkeit“ ist.[10] Hinzu kommt, dass der (vorwiegend männliche) Soldat die subjektiven Interessen ‚seiner‘ Nation unter anderem mit Waffen vertritt.[11]

Daraus kann man Schlussfolgern, dass die Gewalt mit der Waffe zur Verteidigung der Nation vorwiegend bei den männlichen Gegnern und die systematische Vergewaltigung als Waffe gegen die Frau angewendet werden. Beides dient demzufolge der Erhaltung und Bewahrung der eigenen Nation und gleichermaßen zur Zerstörung der gegnerischen Kultur und Nation. Ein weiterer Sinn von Vergewaltigungen ist die Zerstörung der Kultur der Kriegsgegner.[12] Diese These deckt sich vollkommen mit der Ansicht von Luci, dass die Blutlinie durch die Zeugung von Kindern mit serbischen Vätern zerstört werden würde. Demnach würden die Gene durch den Vater dominiert werden und die Nationalität der Kinder nicht durch die Erziehung, sondern durch das Erbmaterial der Väter geformt werden. Diese, stark rassistisch geprägten, Vorstellungen verstärken den Eindruck, dass man sich bei diesen Gewalthandlungen eher um den Schaden an der Nation Sorgen macht, als um den Schaden an den vergewaltigten Frauen. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Nationalität der betroffenen Frauen, sondern auf der Nationalität der gezeugten Kinder. Es scheint fast so, dass die Kinder mit einem „Kainsmal“ zur Welt kommen würden.

Ethnische Säuberung

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist der Begriff der „Ethnischen Säuberung“[13] im Kontext der systematischen Vergewaltigung. Die Journalistin Alexandra Stiglmayer führt am Beispiel von Bosnien-Herzegowina, dass „für eine erfolgreich durchgeführte «ethnische Säuberung», bei der die Vergewaltigung als Waffe eingesetzt wurde […]“ an.[14] Dies wird von ihr am Beispiel des Konfliktes in Bosnien-Herzegowina genauer erklärt. So sei das Ziel die Vertreibung der Muslime und Kroaten von den betroffenen Gebieten sei. Dafür würden „[n]eben brutalem Terror, willkürlichen Morden, Massenexekutionen, Lagern, Deportationen und Foltern“ auch die Vergewaltigung als Mittel eingesetzt.[15]

[...]


[1] Vgl. Ingo von Münch: Frau, komm!; Die Massenvergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen 1944/1945. Graz: 2009.

[2] Susanne Babila: Im Schatten des Bösen; Der Krieg gegen die Frauen im Kongo. Fernsehdokumentation des SWR in Zusammenarbeit mit ARTE: 2007.

[3] Vgl. Holm Sundhaussen: Nationsbildung; Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien: 2004. S. 470.

[4] Nita Luci: Enagering: Masculinity in Kosova; Can Albanian Women say no?. 2002. S. 6.

[5] Vgl. http://universal_lexikon.deacademic.com/156788/Blutlinie, 09.12.2012.

[6] Vgl. Andrei Simić: Machismo an Cryptomatriarchy; Power, Affect an Authority in the traditional Yugoslav Family. IN: Ethos 11. 1983. S. 13 ff.

[7] Nita Luci: Enagering: Masculinity in Kosova; Can Albanian Women say no?. 2002. S. 6.

[8] Ruth Seifert: Krieg und Vergewaltigung, Ansätze zu einer Analyse. Freiburg i. Br.: 1993. S. 90-91.

[9] Ebd., S. 91-92.

[10] Ruth Seifert: Krieg und Vergewaltigung, Ansätze zu einer Analyse. Freiburg i. Br.: 1993. S. 93

[11] Ebd. S. 92-96.

[12] Ebd.. S. 96-100

[13] Vgl. Holm Sundhaussen: Ethnische Säuberung, Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien: 2004. S. 221-222.

[14] Alexandra Stiglmayer: Die «Ethnische Säuberung» von Prijedor, Massenvergewaltigung: Krieg gegen die Frauen. Freiburg i. Br.: 1993. S. 112.

[15] Alexandra Stiglmayer: Vergewaltigung in Bosnien-Herzegowina, Massenvergewaltigung: Krieg gegen die Frauen. Freiburg i. Br.: 1993. S. 110.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Vergewaltigung im Krieg
Untertitel
„Dient die systematische Vergewaltigung im Krieg nationalistischen Zielen?“
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Gender in Südosteuropa
Note
1,5
Autor
Jahr
2012
Seiten
8
Katalognummer
V211383
ISBN (eBook)
9783656392903
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergewaltigung, krieg, dient, zielen
Arbeit zitieren
Christin Pinnecke (Autor), 2012, Vergewaltigung im Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211383

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