Darstellung von Foucaults Begriff der Macht in ‚Der Wille zum Wissen'


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abwendung vom klassischen Machtbegriff
2.1 Die produktive Macht
2.2 Macht und Subjekt

3. Omnipräsenz und Lokalität der Macht

4. Die strategische Macht

5. Herrschaft als Ausdruck von Macht

6. Eine kritische Zusammenfassung - Ohne Wille keine Intention

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

So spannend die Lektüre von Michel Foucaults Buch Der Wille zum Wissen ist, so schwierig gestaltet sich das Erschließen der Bedeutung seiner Begriffe und damit seiner Theorie. Mich interessiert vor allem die Bedeutung des Begriffs der ‚Biopolitik‘, weil er sehr aktuelle Phänomene, wie zum Beispiel die Kampagne ‚Fit statt fett‘ oder die Diskussion um den demografischen Faktor, zu beschreiben scheint. Als ich angefangen habe mich mit diesem Begriff zu beschäftigen, wurde ich jedoch immer wieder auf meine Unsicherheit in Hinblick auf Foucaults Machtbegriff zurückgeworfen. Deshalb möchte ich mich in dieser Arbeit dem Verständnis der ‚Macht‘ widmen. Ausgangspunkt ist mein Zweifel an der Möglichkeit einer Macht, die gleichzeitig „intentional und nicht-subjektiv“ ist.[1] Die Schwierigkeit in Bezug auf das Erfassen der Bedeutung von ‚Macht‘ ergibt sich aus Foucaults Methode. Er sagt nicht: ‚Das ist Macht:‘, um den Begriff dann einheitlich in dieser Bedeutung zu verwenden. Vielmehr zeigt sich in Der Willen zum Wissen, dass er selbst noch nach der Bedeutung sucht. „Es hat immerhin bis zum 19. Jahrhundert gedauert, bis man erkannte, was die Ausbeutung ist. Aber was die Macht ist, weiß man wohl noch immer nicht.”[2] Foucault hat also gar nicht den Anspruch, eine fertige Definition der ‚Macht‘ zu liefern und somit kann es nur darum gehen, ihm in seinem Versuch des Verstehens zu folgen und diese Skizze der Macht anschließend kritisch zu prüfen. Ich stütze mich in diesem Nachvollzug vor allem auf Foucaults Der Willen zum Wissen, beziehe aber auch andere Texte zwecks Verständnis des Begriffes mit ein.

2. Abwendung vom klassischen Machtbegriff

2.1 Die produktive Macht

Das klassische Bild von der Macht besteht in der Vorstellung von einem oder mehreren Menschen, die Macht über eine andere Gruppe von Menschen haben und diese in Form von Gesetzen, Verboten oder Vorschriften nutzen. Die Macht wird hierbei als bloß negativ, im Sinne einer unproduktiven Macht, gedacht. Foucault formuliert sehr deutlich und häufig, dass er die Notwendigkeit sieht, über dieses übliche Machtverständnis hinauszugehen. „Ich glaube von dieser juristischen Auffassung der Macht, von dieser Auffassung der Macht vom Gesetz und vom Souverän, von der Regel und Verbot her muss man sich jetzt befreien, wenn wir zu einer Analyse nicht mehr der Repräsentation der Macht, sondern ihres tatsächlichen Funktionierens kommen wollen.“[3] Das klassische Bild der Macht beschreibt nach Foucault zwar eine Erscheinungsform der Macht, aber nicht die Macht selbst. Machtbeziehungen sind nicht einfach Gerüste aus Verboten und Geboten, vielmehr „wirken sie unmittelbar hervorbringend“. Was aber ist unter einer hervorbringend wirkenden Macht zu verstehen? Dafür möchte ich zwei von vielen Beispielen nennen, mit denen sich Foucault auseinandersetzt. In dem Text Die Maschen der Macht spricht er die Produktivität der Macht in Bezug auf die Armee an. Eine neue Machttechnik, nämlich die Hierarchisierung in der Armee, hatte nicht das Ziel zu verbieten, vielmehr war ihr Zweck die Produktivität innerhalb der Armee zu erhöhen[4]. Im Willen zum Wissen hingegen beschreibt Foucault die Macht in Hinblick auf ihren Zusammenhang mit der Sexualität. Sein Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Macht sie nicht einfach unterdrückt; vielmehr entstehen gerade im Wirkungsbereich der Macht neue Diskurse über den Sex. Sie ist die Kraft, die die Sexualität formt, sie „ergreift und umschlingt den sexuellen Körper“.[5] Sexualität, so wie sie uns erscheint, wird also hervorgebracht von der Macht. Dabei ist der Körper das Material, das die Macht für sich in Gebrauch nimmt; Foucault spricht davon, dass „die Macht den Körper angreift“.[6] Das Verhältnis von Macht und Körper lässt auch auf das Verständnis Foucaults vom Subjekt schließen: Das, was man sich als seine eigene Sexualität vorstellt, ist in Wahrheit ein Produkt der Macht. Hinter dem, was klassischer Weise dem Subjekt zugeordnet wird, steckt in Wirklichkeit die Macht und somit steckt sie hinter dem Subjekt selbst. „So ist z.B. das, was wir für unsere ureigenste Sexualität und Subjektivität halten, in Wahrheit nichts weiter als ein willkürliches Konstrukt der Macht, dem wir tagtäglich auf den Leim gehen.“[7] Wir haben also gesehen: Die ‚Macht‘ bei Foucault ist nicht negativ zu denken, sondern positiv: Sie produziert und konstruiert. Die Macht ‚macht‘.

2.2 Macht und Subjekt

Mit dem klassischen Begriff von ‚Macht‘ wird immer eine Person oder Gruppe von Personen verbunden, die diese Macht besitzt. Dagegen positioniert sich Foucault, wenn er behauptet: „Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert.“[8] Diese Vorstellung von einer Macht, die niemand hat, ist für mich der problematischste Punkt an Foucaults Analyse der Macht. Durch Kräfteverhältnisse würden Machtbeziehungen erzeugt.[9] Aber sind es nicht vielmehr Subjekte, die diese Kräfteverhältnisse ausmachen? Und sind sie damit nicht Urheber des Verhältnisses, das Foucault als Machtbeziehung bezeichnet? Weiter schreibt Foucault, dass sich Macht „[…] in jeder Beziehung zwischen Punkt und Punkt – erzeugt“.[10] Wieder sehe ich nicht den Widerspruch zu einem Subjekt, das Macht hat; das einen Punkt darstellt und in seiner Beziehung zu einem anderen Punkt Macht erzeugt. Ich möchte damit nicht sagen, dass jemand Macht haben könnte, ohne dabei in Beziehung zu einer anderen Person zu stehen. Insofern stimmt es m.E., dass Macht sich nur innerhalb einer Beziehung „zwischen zwei Punkten“ entwickeln kann. In dieser Beziehung aber besitzt eine Person Macht, insofern sie ihm von der anderen Person zugestanden wird. Dieses Zusammenspiel von Mächtigem und Unterworfenem ist m.E. die Bedingung von Macht. Neben Ablehnungen eines solchen Verständnisses von Macht lassen sich ebenso Formulierungen bei Foucault finden, die eine solche Interpretation zulassen. „Die Frage ist nicht, wer im Bereich der Sexualität die Macht hat (die Männer, die Erwachsenen, die Eltern, die Ärzte) und wer ihrer beraubt ist (die Frauen, die Heranwachsenden, die Kranken, die Kinder, die Kranken… ) […]. Vielmehr gilt es das Schema der Modifikationen zu suchen, das die Kräfteverhältnisse in ihrem Spiel implizieren.“[11] Foucault sagt also, dass das Wesentliche an der Macht ihre Beweglichkeit ist. Im Weiteren betont er, dass bestimmte Machtbeziehungen immer bloß Momentaufnahmen darstellen, weil sie ständigen Veränderungen unterliegen und somit stets instabil sind. Auf den Punkt gebracht befinden sich die Machtbeziehungen nach Foucault fortlaufend in einem Prozess. Trotzdem stellt er im oben genannten Zitat fest, dass es Menschen gibt, die zu einer bestimmten Zeit (nämlich unserer Zeit) Macht haben, er zählt ja sogar die jeweiligen Personengruppen auf! Foucault lässt sich an dieser Stelle so interpretieren, dass es Menschen gibt, die Macht haben und diese auf andere Personen ausüben, es aber in Bezug auf das Verständnis von Macht viel wichtiger ist, die Beziehung zwischen den Menschen zu analysieren. Eine Eigenschaft eben dieser Machtbeziehung ist ihre Beweglichkeit. Diese Auffassung des Sachverhalts, die ich für richtig halte, widerspricht jedoch Foucaults Absage an die Möglichkeit, ‚Macht zu haben‘. Auch wenn der Anspruch Foucaults deutlich wird, die Macht als subjektlos zu entlarven, lässt sich m.E. der Zusammenhang zu einem Subjekt nicht wegdenken.

[...]


[1] vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 111999, S. 116.

[2] Siehe Foucault, Michel/ Deleuze, Gilles: Der Faden ist gerissen. Berlin: Merve-Verlag, 1977, S. 95.

[3] Siehe Foucault, Michel: Botschaften der Macht. Reader Diskurs und Medien. Hrsg. von Jan Engelmann, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1999 , S. 176

[4] Vgl. Ebd., S. 179.

[5] Siehe Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 111999, S.60.

[6] Siehe Foucault, Michel: Die Machtverhältnisse durchziehen das Körperinnere. Ein Gespräch mit Lucette Finas. In: Ders.: Dispositive der Macht. Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve-Verlag, 1978, S. 104 – 117, hier: S. 109.

[7] Siehe Fink-Eitel, Hinrich: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius-Verlag, 42002, S. 87.

[8] Siehe Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 111999, S. 115.

[9] Vgl. ebd., S. 114.

[10] Siehe ebd.

[11] Siehe Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 111999, S. 120.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Foucaults Begriff der Macht in ‚Der Wille zum Wissen'
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Michel Foucault – Sexualität und Wahrheit 1
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V211557
ISBN (eBook)
9783656392729
ISBN (Buch)
9783656393603
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, foucaults, begriff, macht, wille, wissen
Arbeit zitieren
Wiebke Schröder (Autor), 2008, Darstellung von Foucaults Begriff der Macht in ‚Der Wille zum Wissen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211557

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