Ein leidiges Thema – nicht nur zu Wahlkampfzeiten: Pro und Contra von geschlossenen Heimen und von Untersuchungshaft für Kinder und Jugendliche sind in Deutschland spätestens seit der Heimkampagne in den siebziger Jahren Gegenstand teils hitziger Debatten. Befürworter argumentierten aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus, dass Straftäter, egal welchen Alters, weggeschlossen und die Gesellschaft vor ihnen geschützt werden müsse, während Kritiker hervorhoben, dass Hilfe und Zwang unvereinbar seien und eine Ambivalenz zwischen Zuwendung und Ausgrenzung bestehe. Der Gesetzgeber schloss sich der reformerischen Sichtweise an und liberalisierte das Jugendrecht. Das Jugendgerichtsgesetz wurde im Dezember 1990 dahingehend geändert, dass die Voraussetzungen für Anordnung und Vollzug der Untersuchungshaft eingeschränkt, sowie der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Hinblick auf besondere Belastungen für Jugendliche eingeführt wurden. Die eigenständige Rechtsgrundlage für die geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen fiel mit dem neuen Kinder und Jugendhilfegesetz, welches 1991 das Jugendwohlfahrtsgesetz ersetzte, völlig weg.
Die Arbeit untersucht, ob die Abschaffung der geschlossenen Heime zu einer Abnahme von repressiven Maßnahmen gegenüber Jugendlichen geführt hat, oder ob es, im Gegensatz dazu, zu einer Zunahme der Untersuchungshaftgefangenen gekommen ist. Um eine theoretische Grundlage zu schaffen, werden zunächst die Möglichkeiten aufgezeigt, die das deutsche Recht zur Freiheitsentziehung bietet. Danach werden Einrichtungen und Konzepte zur Vermeidung von Untersuchungshaft in Berlin und Brandenburg ausführlich vorgestellt. Im abschließenden Teil wird die Entwicklung von geschlossener zu offener Unterbringung aufgezeigt, bevor ein ausführlicher Einblick in die bisherige Diskussion schließlich zu einer abschließenden Bewertung der Alternativen zur geschlossenen Unterbringung führt.
Ferner möchte die Arbeit eine Antwort darauf liefern, ob die unterschiedlichen geographischen und infrastrukturellen Gegebenheiten in Berlin und Brandenburg eine Auswirkung auf die Effizienz der Träger haben.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Rechtliche Möglichkeiten der Freiheitsentziehung
- Definition der Freiheitsentziehung
- Grundgesetz (GG)
- Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)
- Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII)
- Jugendgerichtsgesetz (JGG)
- Jugendarrest
- Untersuchungshaft
- Jugendstrafe
- Vermeidung von Untersuchungshaft
- Weisungen nach JGG
- Maßnahmen des SGB VIII
- Einstweilige Unterbringung
- Untersuchungshaftvermeidung in Berlin
- Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft in Berlin und Brandenburg
- Die Jugendhilfeeinrichtung Frostwalde
- Entwicklung der Einrichtung
- Rahmenbedingungen der Einrichtung
- Rechtliche Voraussetzungen der Aufnahme
- Aufnahmeverfahren
- Betreuungskonzept
- Praxis der Aufenthaltsgestaltung
- Personelle Ausstattung
- Finanzierung
- Erfolg
- Das Jugendaufbauwerk Berlin
- Entwicklung der Einrichtung
- Rahmenbedingungen der Einrichtung
- Rechtliche Voraussetzungen der Aufnahme
- Aufnahmeverfahren
- Betreuungskonzept
- Praxis der Aufenthaltsgestaltung
- Personelle Ausstattung
- Finanzierung
- Erfolg
- Die Jugendhilfeeinrichtung Frostwalde
- Geschlossene Unterbringung – Pro und Contra
- Entwicklung
- Diskussion
- Bewertung der Alternativen
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen des Wegfalls geschlossener Heime auf die Zahl der Untersuchungshaftbefehle für Jugendliche in Berlin und Brandenburg. Sie vergleicht verschiedene Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft und analysiert deren Effizienz im Hinblick auf unterschiedliche geographische und infrastrukturelle Bedingungen.
- Vergleich der Untersuchungshaftvermeidung in Berlin und Brandenburg
- Analyse der Effizienz verschiedener Einrichtungen zur Untersuchungshaftvermeidung
- Auswirkungen des Wegfalls geschlossener Heime auf die Inanspruchnahme von Untersuchungshaft
- Bewertung der Alternativen zu geschlossenen Unterbringungen
- Rechtliche Grundlagen der Freiheitsentziehung von Jugendlichen
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beschreibt den Hintergrund der Arbeit, den Wandel im Jugendrecht seit den 1970er Jahren und die Debatten um geschlossene Unterbringungen. Sie stellt die These auf, dass die Abschaffung geschlossener Heime nicht zwangsläufig zu einem Rückgang der Untersuchungshaft geführt hat, und skizziert den Aufbau der Arbeit. Die steigende Zahl von Untersuchungshaftbefehlen trotz der Gesetzesänderungen wird als Forschungsfrage hervorgehoben. Der Fokus liegt auf dem Vergleich der Berliner und Brandenburger Strategien zur Untersuchungshaftvermeidung.
Rechtliche Möglichkeiten der Freiheitsentziehung: Dieses Kapitel beleuchtet die gesetzlichen Grundlagen der Freiheitsentziehung von Jugendlichen in Deutschland. Es behandelt das Grundgesetz (GG), das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) und das Jugendgerichtsgesetz (JGG) und deren Relevanz für die Untersuchungshaft und alternative Maßnahmen. Es analysiert die jeweiligen rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen der Freiheitsentziehung im Kontext von Jugendarrest, Untersuchungshaft und Jugendstrafe. Die verschiedenen gesetzlichen Regelungen werden systematisch dargestellt und in ihrer Bedeutung für die Praxis der Untersuchungshaftvermeidung erläutert.
Vermeidung von Untersuchungshaft: Dieses Kapitel befasst sich mit den Maßnahmen zur Vermeidung von Untersuchungshaft. Es untersucht verschiedene Möglichkeiten der Jugendhilfe und des Jugendgerichts, die eine Inhaftierung vermeiden sollen. Die Weisungen nach dem JGG und die Maßnahmen des SGB VIII werden detailliert erklärt. Besondere Aufmerksamkeit erhält die Einstweilige Unterbringung. Der Schwerpunkt liegt auf den in Berlin angewandten Strategien zur Vermeidung von Untersuchungshaft und den Herausforderungen, die sich in diesem Kontext stellen.
Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft in Berlin und Brandenburg: Dieser Abschnitt präsentiert detaillierte Fallstudien von Einrichtungen in Berlin und Brandenburg, die sich mit der Untersuchungshaftvermeidung befassen. Es werden die Jugendhilfeeinrichtung Frostwalde und das Jugendaufbauwerk Berlin im Detail vorgestellt. Für jede Einrichtung wird die Entwicklung, die rechtlichen Voraussetzungen der Aufnahme, das Aufnahmeverfahren, das Betreuungskonzept, die Praxis der Aufenthaltsgestaltung, die personelle Ausstattung, die Finanzierung und der Erfolg der Maßnahmen beschrieben. Der Vergleich beider Einrichtungen ermöglicht eine Analyse der Unterschiede in ihrer Arbeitsweise und Effektivität.
Geschlossene Unterbringung – Pro und Contra: Dieses Kapitel analysiert die geschlossene Unterbringung von Jugendlichen. Es betrachtet die historische Entwicklung, die Argumente für und gegen diese Form der Unterbringung, sowie die Bewertung alternativer Lösungen. Die Diskussion um den pädagogischen Nutzen und die Risiken der geschlossenen Unterbringung wird umfassend dargestellt und kritisch gewürdigt. Die Kapitel beschreibt die Veränderungen in der Jugendhilfe, die zu dem Wegfall der geschlossenen Unterbringung geführt haben und deren Folgen.
Schlüsselwörter
Untersuchungshaft, Jugendhilfe, geschlossene Heime, offene Unterbringung, Jugendgerichtsgesetz (JGG), Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII), Berlin, Brandenburg, Jugendstrafrecht, Freiheitsentziehung, Verhältnismäßigkeit, Prävention, Alternativen zur Untersuchungshaft, Jugendhilfeeinrichtungen, Jugendaufbauwerk.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu: Untersuchungshaftvermeidung bei Jugendlichen in Berlin und Brandenburg
Was ist der Gegenstand dieser Arbeit?
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen des Wegfalls geschlossener Heime auf die Zahl der Untersuchungshaftbefehle für Jugendliche in Berlin und Brandenburg. Sie vergleicht verschiedene Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft und analysiert deren Effizienz im Hinblick auf unterschiedliche geographische und infrastrukturelle Bedingungen. Ein zentraler Fokus liegt auf dem Vergleich der Berliner und Brandenburger Strategien zur Untersuchungshaftvermeidung und der Bewertung der Alternativen zu geschlossenen Unterbringungen.
Welche rechtlichen Grundlagen werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet die gesetzlichen Grundlagen der Freiheitsentziehung von Jugendlichen in Deutschland. Es werden das Grundgesetz (GG), das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) und das Jugendgerichtsgesetz (JGG) sowie deren Relevanz für die Untersuchungshaft und alternative Maßnahmen analysiert. Die verschiedenen gesetzlichen Regelungen werden systematisch dargestellt und in ihrer Bedeutung für die Praxis der Untersuchungshaftvermeidung erläutert.
Welche Maßnahmen zur Vermeidung von Untersuchungshaft werden untersucht?
Die Arbeit untersucht verschiedene Maßnahmen zur Vermeidung von Untersuchungshaft, darunter Weisungen nach dem JGG, Maßnahmen des SGB VIII und die einstweilige Unterbringung. Besondere Aufmerksamkeit erhält die Betrachtung der in Berlin angewandten Strategien und der damit verbundenen Herausforderungen.
Welche Einrichtungen werden im Detail vorgestellt?
Die Arbeit präsentiert detaillierte Fallstudien der Jugendhilfeeinrichtung Frostwalde und des Jugendaufbauwerks Berlin. Für jede Einrichtung werden Entwicklung, rechtliche Voraussetzungen der Aufnahme, Aufnahmeverfahren, Betreuungskonzept, Praxis der Aufenthaltsgestaltung, personelle Ausstattung, Finanzierung und Erfolg der Maßnahmen beschrieben. Ein Vergleich beider Einrichtungen ermöglicht eine Analyse der Unterschiede in ihrer Arbeitsweise und Effektivität.
Wie wird die geschlossene Unterbringung behandelt?
Die Arbeit analysiert die geschlossene Unterbringung von Jugendlichen, betrachtet deren historische Entwicklung, die Argumente für und gegen diese Form der Unterbringung und bewertet alternative Lösungen. Die Diskussion um den pädagogischen Nutzen und die Risiken der geschlossenen Unterbringung wird umfassend dargestellt und kritisch gewürdigt. Die Veränderungen in der Jugendhilfe, die zum Wegfall der geschlossenen Unterbringung geführt haben und deren Folgen, werden ebenfalls beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind: Untersuchungshaft, Jugendhilfe, geschlossene Heime, offene Unterbringung, Jugendgerichtsgesetz (JGG), Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII), Berlin, Brandenburg, Jugendstrafrecht, Freiheitsentziehung, Verhältnismäßigkeit, Prävention, Alternativen zur Untersuchungshaft, Jugendhilfeeinrichtungen, Jugendaufbauwerk.
Welche Forschungsfrage steht im Mittelpunkt?
Die steigende Zahl von Untersuchungshaftbefehlen trotz der Gesetzesänderungen und des Wegfalls geschlossener Heime bildet die zentrale Forschungsfrage. Die Arbeit untersucht, ob die Abschaffung geschlossener Heime tatsächlich zu einem Rückgang der Untersuchungshaft geführt hat.
Welche Kapitel umfasst die Arbeit?
Die Arbeit umfasst Kapitel zu Einleitung, Rechtlichen Möglichkeiten der Freiheitsentziehung, Vermeidung von Untersuchungshaft, Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft in Berlin und Brandenburg, Geschlossene Unterbringung – Pro und Contra und Fazit. Jedes Kapitel bietet eine detaillierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Aspekten.
- Quote paper
- Diplom-Sozialpädagoge Marco Stölk (Author), 2003, Einrichtungen zur Vermeidung von Untersuchungshaft in Berlin und Brandenburg. Unterschiedliche Voraussetzungen und den Wegfall der geschlossenen Heime, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21157