Jeanne d`Arc und der Prozess von Rouen

Eine Ketzerin?


Essay, 2010

15 Seiten

Anonym


Leseprobe


1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat die Frage zum Gegenstand der Untersuchung, ob Johanna von Orleans, respektive Jeanne d’ Arc eine Ketzerin gewesen ist. Es gilt demnach in Erfahrung zu bringen, inwiefern der Prozess von Rouen politisch oder religiös motiviert gewesen ist. Warner macht in diesem Zusammenhang auf die bemerkenswerte Tatsache aufmerksam, dass es sich bei Johanna um die einzige Person der Weltgeschichte handelt, die zunächst vom christlichen Kirchenregiment als Ketzerin verurteilt und verbrannt wurde, um dann später heiliggesprochen zu werden. [1]

Die Gründe für ihre bis heute andauernde Relevanz und ihren Weltruhm sind mannigfaltiger Natur. Liebermann hat eine dreigliedrige Erklärung für die anhaltende Faszination:

Demnach verkörperte sie „das französische Nationalgefühl in unerhörter Stärke; sie erschaute ferner als nächste zur Staatsherstellung nötige Ziele die Befreiung von Orléans und die über sechs Jahre entbehrte Weihe der angestammten Dynastie; sie opferte sich endlich ihrer Idee so selbstlos, daß sie die eigene Zukunft in den Halluzinationen voraussehen zu können zumeist (…) ausdrücklich ableugnete.“[2]

Hinzu kommt, laut Liebermann, die erstaunliche Tatsache, dass sie „freiwillig mit überragender Seelenstärke, um die Führung ihrer Landesregierung zu gewinnen, die Hindernisse ihres Geschlechts, jugendlichen Alters, Standes- und Bildungsmangels zu überwinden verstand und Todfeindschaft der damals in Frankreich mächtigeren Gegenpartei, Leiden und Lebensgefahr des blutigen Krieges auf sich lud, ja mehr als ein Jahr lang ihre Krieger an voranstürmender Tapferkeit übertraf.“[3] Nun gehört diese historische Persönlichkeit zu jener Kategorie von Protagonisten, die im Laufe der Jahrhunderte durch zahlreiche Mythen und literarische Verarbeitungen beinahe vollkommen verzerrt worden sind. So stark scheint die Anziehungskraft dieser Frau zu sein, dass ihr schließlich auch in der heutigen Zeit nicht nur historische und literarische Abhandlungen gewidmet werden - man denke nur an Schillers Werk „Jungfrau von Orleans“ oder an Brechts Inszenierung ihrer Person als Klassenkämpferin -, sondern sie auch Einzug in die Popkultur gehalten hat. So entstand im Jahre 1999 unter der Regie von Luc Besson ein opulenter Historienfilm mit Mila Jovovic in der Hauptrolle. Die Aufgabe dieser Abhandlung wird es sein, zu eruieren, inwiefern sich die weit auseinanderklaffenden Ansichten zur Person der Johanna miteinander vereinbaren lassen. Es stellt sich bei näherer Betrachtung unweigerlich die Frage, wie es möglich ist, dass die einen Historiker in ihr eine Ketzerin, die anderen beinahe eine Heilige sehen.

Ein Schlüssel zum Verständnis der unterschiedlichen Konnotationen und Interpretationen ist sicherlich in der Tatsache zu sehen, dass die jeweiligen Autoren in ihrer Zeit unterschiedliche Absichten mit der Darstellung des Lebens und Wirkens dieser Persönlichkeit verbanden. Je nach Zeitgeist und Autor wurde die Figur der Jeanne d’ Arc - als Projektionsfläche - mit unterschiedlichen Sinngehalten aufgeladen. Dabei reicht die Liste von der Darstellung einer Emanzipationsheldin über Instrumentalisierungen im Namen des Nationalismus bis zu besagter Verwendung dieses Charakters im Kontext popkulturellen Erzeugnisse.

Es wird also deutlich, dass es sich bei der Person Jeanne d’ Arcs um ein sehr schwierig einzugrenzendes Phänomen handelt, dass im Laufe der Zeit unzähligen Modifikationen und Zerrbilder unterworfen worden ist.

Daher gilt es, zunächst diejenigen Elemente zum Leben dieser Frau zusammenzutragen, die als historisch gesichert gelten.

Im Anschluss soll näher auf die Prozesse von Rouen und Notre Dame eingegangen werden. Auf die Zusammenfassung der hieraus gewonnen Erkenntnisse folgt das abschließende Fazit.

2. Ausgangslage

Die französische Lage in dieser Periode stellte sich als extrem ungünstig und verworren dar. So galt König Karl VI. bereits gute zwei Dekaden vor Johannas Geburt als geisteskrank. Dies hatte zur Folge, dass ein erbitterter Erbfolgestreit zwischen seinen nächsten Verwandten entbrannte. Dieser spielte sich in allererster Linie zwischen den Herzögen von Burgund und Orléans ab. Diesen Moment der politischen Unentschiedenheit und Verwirrung wusste der König Englands Heinrich V. zu seinem Vorteil zu nutzen, um seine Macht in Frankreich zu vergrößern. Es gelang ihm, machtpolitisch zentrale Städte wie Reims und Paris zu erobern. Im Jahre 1422 verstarb Karl VI. Die Thronfrage blieb vorerst ungeklärt.[4]

Sein unmittelbarer Nachkomme Karl VII. befand sich in einer misslichen Position:

Seine leibliche Mutter verleugnete ihn, innenpolitisch musste er mit den Burgundern, der Aristokratie und dem Volke ringen, während zugleich die Engländern im eigenen Lande ihn unter Druck setzten. Aufgrund der defekten Verbindungen zum Rest des Adels und der Kriegssituation befand er sich zudem in einer prekären finanziellen Situation.

Nimmt man all diese Faktoren zur Kenntnis und bedenkt man, wie weitverbreitet zur damaligen Zeit der Glaube an Wundertäter und Heilige war, erklärt sich - zumindest partiell -, wie sich das Erscheinen Johannas für den Thronfolger in spe zu einer vielversprechenden Machtsicherungsoption entwickeln konnte.

3. Historischer Verlauf

Zur Person Jeanne d’Arcs existieren nicht viele gesicherte Fakten. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, sie sei in etwa vor 600 Jahren also um 1412 geboren und sie stamme aus Lothringen, wo sie in einem ruralen Umfeld großgeworden sei. Domremy an der Maas gilt als ihr Herkunftsort. Ihre Kindheit muss demnach unter dem Eindruck der Plünderungen und Verwüstungen in der vom Hundertjährigen Krieg erschütterten Region gestanden haben, denn England und Frankreich stritten erbittert um die Dominanz in Westeuropa.

Sie soll bereits als Kind Stimmen von Heiligen der christlichen Kirche vernommen haben, die sie anleiteten, den Kampf gegen die Engländer aufzunehmen und die Krönung Karl VII. zu vollbringen. Das im Folgenden Geschilderte geschieht vor dem Hintergrund einer kaum noch aufzuhaltenden, sich vom Norden in den Süden Frankreichs vollziehenden englischen Invasion. Die natürliche Grenze dieses Vorhabens bildete der Fluss Loire.

Im Jahre 1428 - also als etwa sechzehnjähriges Mädchen - kam es zu einem Empfang durch den Stadthauptmann Robert de Baudricourt in Vaucouleurs. Es gelang ihr, diesen von Ihrer Mission zu überzeugen und so stellte er ihr ein Geleit zur Verfügung, welches sie auf dem Weg zu Karls Hofe in Chinon beschützte. Bei diesem Weg handelte es sich um eine Strecke von etwa 500 Kilometer durch größtenteils angloburgundisches Terrain. Für die Reise benötigte die Einheit elf Tage, man erreichte am 24. Februar 1429 Chinon. Hier musste Johanna zunächst warten.[5]

Den im Lexikon des Mittelalters gemachten Angaben Contamines zufolge wurde ihr am 6. März des Jahres 1429 eine Audienz bei Karl gewährt, welchen sie ebenfalls von ihrer Mission zu überzeugen verstand - mit welchen Mittel ihr dies gelungen ist, stellt bis zum heutigen Tage ein nicht gelöstes Problem der Geschichtswissenschaft dar.[6]

Sicher ist jedoch, dass man zu jener Zeit an Erscheinungen, Wunder und göttliche Sendboten glaubte und so erklärt sich zumindest in Teilen, warum dieses arme Bauernmädchen aus der Provinz überhaupt Gehör am Hofe fand. Allerdings konnte sich der Thronfolger in spe nicht ohne weiteres auf dieses fremde Mädchen und seine Visionen einlassen ohne zumindest vonseiten der Geistlichkeit der Frage auf den Grund gehen zu lassen, inwiefern Johanna tatsächlich im Auftrag Gottes handelte oder nicht vielleicht doch einen Mittler des Satans darstellte. Und so wurde sie nach Poitiers verbracht, wo sie sich einer geistlichen Untersuchungskommissionstellen musste. Abgesehen davon, dass im Rahmen dieser Prüfung festgestellt werden konnte, dass das Mädchen tatsächlich noch Jungfrau war - zur damaligen Zeit ein Beweis für ihre qua Unbeflecktheit gewährleistete Distanz zu jeglichem Teufelswerk -, musste sich Johanna diversen Fragen vonseiten der klerikalen Kommissionsmitglieder stellen. Waibel beschreibt diesen Vorgang im Jahre 1835 folgendermaßen:

„Die Jungfrau gab ihnen auf ihre Fragen und Spitzfindigkeiten so treffende und so gute Antworten, daß die Gelehrten sich wunderten, und meinten, ein Meister in der Gelehrsamkeit könnte nicht besser antworten. Und wann sie dann erzählte, wie sie sei gesendet worden, sprach sie auf so eine erhabene und würdevolle Weise, daß die Gelehrten staunten.“[7]

Nach dem vonseiten dieser Kommission grünes Licht gegeben worden war, erhielt sie vom Dauphin die Legitimation, Orléans von der Belagerung der Engländer zu befreien.

Orléans stellte einen hart umkämpften und strategisch wichtigen Punkt entlang der Loire dar. Vor Johannas Ankunft war es der Bevölkerung bereits seit über einem halben Jahr gelungen, den Angriffen der Engländer zu trotzen. Am 8. Mai des Jahres 1429 glückte es der Jungfrau - wenige Tage nach ihrem Eintreffen -, die Engländer zur Aufgabe der Belagerung zu zwingen. Die Tatsache, dass sie die entsendete Streitmacht Karl VII. erfolgreich in schimmernder Rüstung anführte, trug zu der Legendenbildung noch zu ihren Lebzeiten erheblich bei. In der Folgezeit gelingt ihr ein strategischer Sieg nach dem anderen.

So weitet Johanna im Juni selbigen Jahres ihren Loire-Feldzug aus: Sie benötigt lediglich eine Woche um Meung, Jargeau, und Beaugency zurückzuerobern.

Welche Reputation Johanna binnen kürzester Zeit erworben hatte, lässt sich am Beispiel der Stadt Troys aufzeigen. Hier sollen sich die Besatzer nach einer Drohung vonseiten Johannas widerstandslos ergeben haben. Nach der Kapitulation Châlons sur Marne und Reims kommt es am 18. Juni zur strategisch und machtpolitisch zentralen Schlacht von Patay. Auch aus dieser gehen die Truppen Karls siegreich hervor. Nun ist der Weg zur Krönung Karls frei, daher will Johanna so rasch wie möglich Reims erreichen. Am 16. Juli zog der König schließlich in die Stadt ein.

Am Folgetag kam es dann zur Inthronisierung des Dauphins und Johanna wurde die Ehre zuteil, den in Gefangenschaft geratenen Charles d´ Orléans bei den Krönungsfestivitäten zu vertreten.

Dies führte dazu, dass sie während der Feierlichkeiten als Bannerträgerin zur Rechten des Königs stehen durfte.

Diese außergewöhnliche Position brachte eine Reihe von Annehmlichkeiten für die junge Frau mit sich. So kam es zur Adelung ihrer Familie und zur Aufhebung jeglicher fiskalischer Pflichten für ihren Heimatort.

[...]


[1] Vgl.: Warner: Joan of Arc, S. 97.

[2] Liebermann: Shaws Bildnis der Jungfrau von Orléans, S. 27.

[3] Ebd. S. 27.

[4] http://www.planet-wissen.de/natur_technik/fluesse_und_seen/Loire/johanna_orleans.jsp

[5] Vgl.: http://www.zeit.de/2012/02/Johanna-von-Orleans/seite-2

[6] Vgl.: Contamine: Jeanne d' Arc, S. 342.

[7] Waibel: Die Jungfrau von Orleans, S. 58f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Jeanne d`Arc und der Prozess von Rouen
Untertitel
Eine Ketzerin?
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V211587
ISBN (eBook)
9783656401735
ISBN (Buch)
9783656402039
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jeanne, ketzerin
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Jeanne d`Arc und der Prozess von Rouen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211587

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