Die vorliegende Arbeit hat die Frage zum Gegenstand der Untersuchung, ob Johanna von Orleans,
respektive Jeanne d’ Arc eine Ketzerin gewesen ist. Es gilt demnach in Erfahrung zu bringen,
inwiefern der Prozess von Rouen politisch oder religiös motiviert gewesen ist.
Warner macht in diesem Zusammenhang auf die bemerkenswerte Tatsache aufmerksam, dass es sich
bei Johanna um die einzige Person der Weltgeschichte handelt, die zunächst vom christlichen
Kirchenregiment als Ketzerin verurteilt und verbrannt wurde, um dann später heiliggesprochen zu
werden.
Die Gründe für ihre bis heute andauernde Relevanz und ihren Weltruhm sind mannigfaltiger Natur.
Liebermann hat eine dreigliedrige Erklärung für die anhaltende Faszination:
Demnach verkörperte sie „das französische Nationalgefühl in unerhörter Stärke; sie erschaute ferner
als nächste zur Staatsherstellung nötige Ziele die Befreiung von Orléans und die über sechs Jahre
entbehrte Weihe der angestammten Dynastie; sie opferte sich endlich ihrer Idee so selbstlos, daß sie
die eigene Zukunft in den Halluzinationen voraussehen zu können zumeist (…) ausdrücklich
ableugnete.“
Hinzu kommt, laut Liebermann, die erstaunliche Tatsache, dass sie „freiwillig mit überragender
Seelenstärke, um die Führung ihrer Landesregierung zu gewinnen, die Hindernisse ihres Geschlechts,
jugendlichen Alters, Standes- und Bildungsmangels zu überwinden verstand und Todfeindschaft der
damals in Frankreich mächtigeren Gegenpartei, Leiden und Lebensgefahr des blutigen Krieges auf
sich lud, ja mehr als ein Jahr lang ihre Krieger an voranstürmender Tapferkeit übertraf.“ [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangslage
3. Historischer Verlauf
4. Die Prozesse von 1432 und 1555
4.1 Der Prozess von Rouen
4.2 Der Rehabilitationsprozess von Notre Dame
4.3 Zwischenergebnis
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Figur Johanna von Orléans unter der zentralen Fragestellung, inwiefern die gegen sie geführten Prozesse, insbesondere der Prozess von Rouen, politisch oder religiös motiviert waren. Dabei wird analysiert, wie sich die widersprüchlichen Ansichten zur Person Johannas – zwischen Ketzerei und Heiligkeit – historisch einordnen und vereinbaren lassen.
- Historische Analyse der Prozesse von Rouen (1431) und der Rehabilitation (1456).
- Untersuchung der politischen Instrumentalisierung Johannas durch das französische Königshaus und die Engländer.
- Analyse der Bedeutung von Vorwürfen wie Ketzerei und Hexerei in der damaligen Rechts- und Glaubenspraxis.
- Dekonstruktion von Legendenbildung und wissenschaftliche Einordnung von Johannas militärischem Wirken.
Auszug aus dem Buch
Der Prozess von Rouen
Der Prozess und seine Beweggründe haben, seit er Gegenstand der künstlerischen und geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung ist, die Lager gespalten. Gegen die sogenannten „Johannisten“, die „den Verdammungsprozess für einen politischen Schauprozess halten und den Richtern jegliches Bemühen um Wahrheit und Gerechtigkeit absprechen, stehen diejenigen, die (…) auch den Richtern der Jungfrau Gerechtigkeit zukommen lassen wollen“10 und die ihnen gute Absichten bestätigen.
Um dieser komplexen Sachlage angemessen Rechnung tragen zu können, gilt es, die Argumente beider Seiten möglichst sachlich zu analysieren. Als gesichert kann die Annahme betrachtet werden, dass es sich bei diesem Prozess zu guten Teilen um einen Stellvertreterprozess handelte, d. h. der eigentliche Verhandlungsgegenstand war die Legitimität des Königs Karl VII.
Mit Durschied lässt sich ein weltlich-rechtlicher Grund für die Gefangennahme Johannas und den anschließenden Prozess anführen: Sie führte eine Einheit bewaffneter Männer an, obwohl sie von offizieller Seite keinerlei militärische Befehlsgewalt erhalten hatte. Aus dieser mangelnden Legitimation konstruierte man den Vorwurf, es handle sich in ihrem Falle um eine Vereinigung von Straßenräubern unter ihrer Leitung.11
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der historischen Wahrnehmung Johanna von Orléans ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der politischen oder religiösen Motivation des Prozesses von Rouen.
2. Ausgangslage: Dieses Kapitel skizziert die politisch instabile Situation Frankreichs während des Hundertjährigen Krieges und die prekäre Lage des Thronfolgers Karl VII.
3. Historischer Verlauf: Hier wird der Lebensweg Johannas von ihrer Herkunft aus Domrémy bis zu ihrer Gefangennahme durch die Burgunder historisch nachgezeichnet.
4. Die Prozesse von 1432 und 1555: Dieser Abschnitt analysiert den Verurteilungsprozess in Rouen sowie den späteren Rehabilitationsprozess als Mittel zur politischen Machtfestigung.
4.1 Der Prozess von Rouen: Eine detaillierte Untersuchung der Anklagepunkte, der Verteidigung Johannas und der machtpolitischen Hintergründe des Urteils.
4.2 Der Rehabilitationsprozess von Notre Dame: Darstellung der Umstände, die zur Revision des Urteils führten, und der Rolle von Karl VII. bei der Wiederherstellung von Johannas Würde.
4.3 Zwischenergebnis: Ein theoretischer Exkurs zur theologischen Einordnung von Johannas Verhalten, insbesondere hinsichtlich ihrer männlichen Kleidung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Prozesse untrennbar mit den politischen Interessen der Zeit verknüpft waren.
Schlüsselwörter
Johanna von Orléans, Jeanne d’Arc, Prozess von Rouen, Ketzerei, Karl VII., Hundertjähriger Krieg, Rehabilitation, Inquisition, Frankreich, England, Hexerei, Legendenbildung, Politik, Mittelalter, Geschichtsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der historischen Person Johanna von Orléans und der Frage, ob der gegen sie geführte Prozess eine religiöse oder eine politisch motivierte Verurteilung darstellte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Prozess von Rouen, der Rehabilitationsprozess, die Rolle der Kirche im Spätmittelalter sowie die politische Instrumentalisierung Johannas durch zeitgenössische Machtträger.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu eruieren, inwiefern die widersprüchlichen historischen Ansichten über Johanna – als Ketzerin oder Heilige – durch die Analyse der damaligen politischen Machtkonstellationen erklärbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin/der Autor wendet eine geschichtswissenschaftliche Analyse von Primärquellen und Sekundärliteratur an, um die Prozesse und die politische Situation im 15. Jahrhundert kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des historischen Verlaufs von Johannas Leben, die Analyse der Anklage von 1431 sowie die Untersuchung der späteren Aufhebung dieses Urteils im Rehabilitationsprozess.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Jeanne d’Arc, Ketzereiprozess, politische Instrumentalisierung, Legitimität des Königs und Rehabilitation beschreiben.
Warum wurde Johanna von Orléans laut den Unterlagen als „Stellvertreterin“ angeklagt?
Der Prozess diente vor allem dazu, die Legitimität von Karl VII. anzugreifen. Indem man Johanna diskreditierte, wollte man beweisen, dass die Herrschaft Karls nicht göttlich legitimiert, sondern vom Satan beeinflusst war.
Welche Rolle spielte der Vorwurf der Ketzerei im Prozess von Rouen?
Der Vorwurf der Ketzerei diente als theologisches Instrument, um Johanna zu diskreditieren, da ihr militärischer Erfolg und ihr Auftreten als Frau in Männerkleidung das damalige Weltbild und die Autorität der Kirche herausforderten.
Warum dauerte es so lange, bis König Karl VII. eine Revision des Prozesses einleitete?
Karl VII. konnte erst handeln, nachdem Rouen 1449 wieder in französischen Besitz gelangt war und der Zugriff auf die Prozessakten möglich wurde; zudem bestand eine Abhängigkeit von der päpstlichen Zustimmung.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2010, Jeanne d`Arc und der Prozess von Rouen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211587