Jüdische Feste und Gebräuche. Untersuchung von Schavout, Rosch ha-Schana, Chanukka, Sukkot, Jom Kippur


Hausarbeit, 2011

11 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Thema

In welchem Sinne könnte Schavuot als „Fest des Geistes“ bezeichnet werden?

Worum geht es in den besonderen Gebeten der Gottesdienste an Rosch ha-Schana?

Worin besteht der tiefere Sinn des Wunders von Chanukka?

Welche geistigen Konzepte repräsentieren die Symbole des Sukkot-Festes?

Welche Bedeutung hat der Widdui im größeren Zusammenhang von Jom Kippur?

Literturverzeichnis

1. In welchem Sinne könnte Schavuot als „Fest des Geistes“ bezeichnet werden?

„Man möge sagen, was man will, dieses merkwürdige Volk Israel hat allen Ereignissen und Wandlungen zum Trotz, die täglich und stündlich über es kamen und es seit zweitausend Jahren aus seinem Lande verstoßen, aus seinem Lebensraum und den Wurzeln seines Daseins gerissen haben, Körper und Geist dem ewigen Dienst des Geistes unterstellt.“[1]

Schavuot ist das letzte der drei jüdischen Haupt- und Wallfahrtsfeste und wird vom 6. bis 7. Siwan gefeiert. Im Gegensatz zu den anderen beiden Hauptfesten, Pessach und Sukkot, dauert Schavuot, das Fest der Ernte, bloß einen Tag an. Nicht nur die Tatsache, dass Schavuot immer fünfzig Tage nach dem Pessach-Fest stattfindet, sondern auch die inhaltliche Gemeinsamkeit der Wallfahrtsfeste, dass Opfergaben für Gott dargebracht werden, drückt ihre enge Beziehung und Zusammengehörigkeit aus.[2] Vor der zweiten Tempelzerstörung 70 n. Chr. wurde Schavuot als eine Kombination aus Wallfahrtsfest und Natur- bzw. Agrarfest zelebriert. Alle Juden wurden hierdurch jährlich zum Pilgern zum Tempel in Jerusalem verpflichtet, wo sie ein Dankesopfer in Form von der Weizenernte dem sich in der Natur offenbarenden Gott erbrachten. Dieses Opfer wurde rituell durch den Priester geschwungen und drückte den Dank für fruchtbares Land und die Verbundenheit mit diesem aus.[3] Nach der Zerstörung des Tempels und den damit für das Fest verbundenen rituellen Veränderungen, erhielt Schavuot wie die anderen Wallfahrtsfeste jedoch eine neue Dimension. Diese Dimension führte weg von der ursprünglich agrarisch ausgeprägten und mit dem Land verbundenen hin zu einer geistigen, nämlich dem Überleben des Judentums.[4] Dieses neuartige Charakteristikum ist historisch dadurch zu erklären, dass dem Schavuot-Fest die fünfzig Tage vorher am Pessach-Fest gefeierte Befreiung aus der Gola in Ägypten vorausging. Diese gewährleistete die materielle Freiheit des Volkes Israel und stellt somit die Bedingung und Basis für die Vollendung des Freiheitsbegriffs durch den Erhalt der geistigen Unabhängigkeit dar.[5] Dieser vollzog sich schließlich am 6. Siwan durch die Offenbarung Gottes am Berg Sinai und die Gabe der Torah, welche das Volk Israel in seinem neu geschlossenen Bund mit Gott die innere Freiheit zur Lebensgestaltung nach dem Willen Gottes erfahren lässt.
Schavuot als „Fest der Gabe der Torah“[6] ist nicht bloß der Tag, an dem man sich des Erhaltens der Gesetzestafeln und der Epiphanie Gottes am Berg Sinai erinnert, sondern an dem man diese Enthüllung und Gabe selbst miterlebt und den Bund mit Gott jährlich novelliert. Durch die lebendige Auseinandersetzung mit der Torah und durch ihre starke Gewichtung in der Liturgie wird sie präsentisch wie ein nie erlöschendes Feuer.[7] Schavuot ist ein regional ungebundenes und symbolloses Fest, das es auch den Juden in der Diaspora ermöglicht, durch die Torah als Medium des Geistes an der Nähe Gottes teilzuhaben.

2. Worum geht es in den besonderen Gebeten der Gottesdienste an Rosch ha-Schana?

Der Monat Tischre ist ein festintensiver Monat, der durch das jüdische Neujahrsfest, Rosch ha-Schana, eingeleitet wird. An dieses Fest knüpfen die zehn Bußtage an, die dann im höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, gipfeln. Rosch ha-Schana als das jüdische Neujahrsfest besitzt einen rein religiösen Charakter, der sich dadurch auszeichnet, dass es inhaltlich hauptsächlich aus ganzheitlichen Gebeten besteht.[8] Exemplarisch sind hierfür „Gaon Saadja: 10 Gründe für das Schofarblasen“, „Sichronot“, „Awinu Malkenu“, „Alenu“, „Hymne für die furchtbaren Tage“ und „Bella Chagall: Neujahr“ anzuführen.[9] Diese Gebete sowie die Titulierungen in der Torah definieren Rosch ha-Schana als „Tag des Posaunenschalls“ und als „Tag des Gedenkens“ und bringen hiermit die beiden Hauptcharakteristika der Litanei Rosch ha-Schanas zum Ausdruck.[10]

Zum Einen bildet der Posaunenschall liturgisch und rituell betrachtet das zentrale Leitmotiv des Neujahrsfestes. Das Blasen des Schofars, eines Widderhorns, als Rahmbedingung fungiert repetitiv zur Alarmierung und Aufweckung.[11] Es soll hierbei das alte sündige Jahr hinter sich gelassen werden, um sich für die Ankunft des neuen, hellen Jahres vorzubereiten.[12] Das Schofargeschmetter leitet die Zeit der Umkehr ein und ruft zum Gedenken auf.[13]

Zum Anderen findet sich das zweite Hauptcharakteristikum, der Aspekt des Gedenkens, findet sich in den Gebeten am Neujahrstag vor allem in dem Entsinnen an die Erschaffung der Welt und somit an den Beginn der Gottesherrschaft wieder.[14] Hierbei ist es von großer Relevanz, dass die Souveränität des Schöpfergottes der Knechtschaft der Menschen gegenüber gestellt wird.[15] Deswegen ist insbesondere der Einfluss durch die Torah an diesem Feiertag nicht irrelevant. Durch die exemplarische Anführung von Abrahams Opferbereitschaft gegenüber Gott (Gen 22) und die Torahtreue im Bund mit Gott (Ex 19) wird an den Menschen appelliert, dieselbe Hingabe und das gleiche Vertrauen in Gott vom Neujahrsfest an erneut florieren zu lassen.[16]

Eine weitere Thematisierung in den Gebeten des Neujahrsfestes ist die Tatsache, dass es sich bei Rosch ha-Schana auch um den Tag des Gerichts und der Rechtfertigung vor Gott handelt. [17] Am Neujahrsfest beginnt bereits das Entsinnen der Menschen an die Sünden des vergangenen Jahres, wie es während der zehn Bußtage noch intensiver betrieben wird. Zur Wiedergutmachung dieser treten die Menschen mit Reue- und Bußbereitschaft vor Gott. Die Gebete emphatisieren das Bitten um Vergebung der Sünden und die Hoffnungen der Menschen auf den Erhalt von Gottes Heil. Insbesondere der Wunsch nach Gesundheit und Schutz vor den Feinden im historischen Gedenken an die Tempelzerstörung[18] erhält eine zentrale Bedeutsamkeit.[19] Zudem schwingt das Gefühl der Furcht, das durch den Schreckens- und Warnruf an Rosch ha-Schana ausgelöst wird, stetig mit.[20]

Betrachtet man diese individuellen Gebetsschwerpunkte an Rosch ha-Schana –nämlich Erinnerung und Umkehr, Souveränität und Knechtschaft, Sünde und Buße- im Kollektiv, so lässt sich festhalten, dass diese bereits die für Jom Kippur charakteristische Dialektik aus Liebe und Ehrfurcht bzw. Recht und Erbarmen einleiten.[21] Die Gebete am jüdischen Neujahrsfest haben alle den Anspruch, aus Liebe zu Gott im Zusammenspiel mit der Angst vor ihm als Richter in sich zu gehen und sich religiös gefestigt auf das neue Jahr einzustellen, damit man nach diesem Prozess der Umkehr am höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, bereit ist, Gottes Erbarmen zu empfangen und sich mit ihm zu versöhnen.

3. Worin besteht der tiefere Sinn des Wunders von Chanukka?

Chanukka ist das achttägig gefeierte Lichterfest, das ab dem 25. Kislew zelebriert wird und der Tempelweihung im Jahr 164 v. Chr. gedenkt. Es ist kein in der Torah verankertes Fest, sondern hat einen historischen Ursprung zu nachbiblischer Zeit.[22] Aus diesem Grund muss der tiefere Sinn des Festes, das Wunder von Chanukka, sowohl religiös als auch historisch gedacht werden.

Im zweiten Jahrhundert v. Chr. wurden die Existenz der jüdischen Gemeinschaft durch die Herrschaft der Seleukiden in Israel stark bedroht. Im Gegensatz zu den anderen vorherigen Regierungen duldete der seleukidische Eroberer Antiochios III. ihre Kultur und ihre Religion jedoch nicht und es war ihm ein Anliegen, die durch ihn unterworfenen Völker zu zwangshellenisieren. Hierzu gehörte auch, den zweiten Tempel in Jerusalem durch Plünderung zu entweihen und zu einem Heiligtum des olympischen Gottes Zeus umzuwandeln.[23] Im Jahr 164 v. Chr. gelang es der hellenistischen Gegenbewegung, den Hasmonäern, allerdings, in einem Aufstand den Tempel zurückzuerobern und so die kulturelle und religiöse Unterdrückung der jüdischen Gemeinschaft zu beenden.[24]

Als im Anschluss der Tempel durch das Anzünden des immer brennenden Leuchters, der Menora, wiedereingeweiht werden sollte, ereignete sich das eigentliche Wunder Chanukkas: Die Hasmönäer mussten feststellen, dass das entsprechende Öl zur Entfachung des Leuchters von den Seleukiden ebenfalls entweiht worden und bloß noch ausreichend geweihtes Öl für einen einzigen Tag vorhanden war. Obwohl die Herstellung dieses speziellen Öls acht Tage dauerte, brannte die Menora über eben diesen Zeitraum, bis neues Öl aufgefüllt wurde.[25]

[...]


[1] Wilhelm, o.J.: 432.

[2] Gal-Ed, 2001: 76.

[3] Gal-Ed, 2001: 74.

[4] Gal-Ed, 2001: 77.

[5] Gal-Ed, 2001: 77.

[6] Gal-Ed, 2001: 84.

[7] Gal-Ed, 2001: 82.

[8] Donin, 1987: 254.

[9] Vgl. Rink, 1988.

[10] Donin, 1987: 253.

[11] Rink, 1988: 80 („Und die große Posaune wird geblasen,…“).

[12] Rink, 1988:82 („Ich erinnere mich an all meine Sünden… im Laufe des Jahres hat sich so viel angesammelt.“).

[13] Rink, 1988: 78 („…es ist Zeit zur Umkehr!“).

[14] Rink, 1988: 78 („Dies ist der Tag des Anfangs deiner Werke,…“).

[15] Rink, 1988: 80 („Und wir beugen uns, werfen uns hin…“).

[16] Rink, 1988: 78 („Und gedenke uns Herr, unser Gott, den Bund und die Liebe und den Schwur, den du dem Abraham, unserm Vater, geschworen hast auf dem Berg Moria. („Laß vor dir erscheinen die Opferung, da Abraham unser Vater den Isaak seinen Sohn band auf dem Altar…“).

[17] Rink, 1988: 78 („Ein festgesetzter Tag ist es für Israel, ein Gericht des Gottes Jacobs.“).

[18] Rink, 1988: 78 („und unser Heiligtum vernichtet wurde:“).

[19] Rink, 1988:79 („…halte fern Pest und Schwert und den Verderber von den Söhnen deines Bundes…verzeih und vergib unsere Verfehlungen…bring uns zurück in völliger Buße vor dich.“).

[20] Rink, 1988: 78 („So soll er uns… die Warnrufe unserer Propheten wieder ins Ohr schrein.“).

[21] Rink, 1988: 81 („Denn wie dein Name so ist dein Ruhm: schwer zu erzürnen und leicht zu versöhnen,…“).

[22] Galley, 2003: 101.

[23] Galley, 2003: 102f.

[24] Galley, 2003: 104.

[25] Galley, 2003: 107.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Jüdische Feste und Gebräuche. Untersuchung von Schavout, Rosch ha-Schana, Chanukka, Sukkot, Jom Kippur
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Jüdische Feste und Gebräuche
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V211732
ISBN (eBook)
9783656396161
ISBN (Buch)
9783656396314
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ökumenische Theologie
Schlagworte
jüdische, feste, gebräuche
Arbeit zitieren
Jana Patricia Hemmelskamp (Autor), 2011, Jüdische Feste und Gebräuche. Untersuchung von Schavout, Rosch ha-Schana, Chanukka, Sukkot, Jom Kippur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211732

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