Untersuchung Schnitzlers „Leutnant Gustl“ aus der psychoanalytischen Sicht Freuds

Freud, Schnitzler und der freie Assoziationsverkehr


Seminararbeit, 2012
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Von Hypnoseexperimenten zur Monolognovelle
1.1 Freud und Schnitzler
1.2 Gescheiterte Hypnoseexperimente
1.2.1 Freud und die freien Einfälle
1.2.2 Schnitzler und der innere Monolog
1.3 Der innere Monolog – Sprache des Unbewussten?

2. Aspekte des Unbewussten im Leutnant Gustl
2.1 Die Entlarvung der Ich-Schwäche
2.2 Die Identifikation mit dem Militär
2.3 Die Kompensation der Ich-Schwäche

3. Gustl - Ein Hysteriker?
3.1 Mögliche Ursprünge der Hysterie
3.2 Der Zusammenhang zwischen Ich-Schwäche und Hysterie

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der österreichische Autor und Dramatiker Arthur Schnitzler war ursprünglich Mediziner. Nach einer kurzen Phase als behandelnder Arzt wandte er sich von der Medizin ab und wurde Schriftsteller. Auch in dieser Funktion interessierte er sich für das Seelenleben der Menschen und beschäftigte sich intensiv mit den Forschungsergebnissen Freuds. So spielt die psychologische Dimension in den Werken Arthur Schnitzlers eine große Rolle. Ähnlich einer ärztlichen Diagnose, zeichnete Schnitzler ein sehr genaues psychologisches Bild seiner Protagonisten. Kurz vor dem Verfassen des „Leutnant Gustls“ befasste sich Schnitzler intensiv mit der „Traumdeutung“ Freuds. Daraufhin wollte Schnitzler von seinem „Leutnant Gustl“ ein Bewusstseinsprotokoll anfertigen. Deshalb verwendet er eine Erzählform, die als literarisches Psychogramm bezeichnet werden kann.

Diese Verknüpfung aus Literatur und den Anfängen der Psychoanalyse um 1900 ist sehr interessant. Die Novelle ist ein Meisterwerk der Erzählkunst, mit bemerkenswerten wissenschaftlichen Elementen. Deshalb soll es Ziel dieser Arbeit sein, Schnitzlers Leutnant Gustl aus dem Blickwinkel der freudschen Psychoanalyse genauer zu betrachten. Mit Hilfe der psychoanalytischen Technik der freien Assoziation soll ein kurzes Psychogramm Gustels erstellt werden.

Dazu wird im ersten Teil das biografische Verhältnis von Freud und Schnitzler beleuchtet, um die Entwicklung von Hypnoseexperimenten, über Freuds Technik der freien Einfälle, bis hin zu Schnitzlers inneren Monolog nachvollziehen zu können. In diesem Zusammenhang soll auch geklärt werden, ob der Leser durch den freien Assoziationsverkehr auf Gustls Seelenleben schließen kann.

Anschließend sollen die Aspekte des Unbewussten im Leutnant Gustl genauer untersucht werden. Dazu werden Gustls freie Assoziationen nach psychologischen Abwehrmechanismen untersucht, um auf das Innerste des Leutnants schließen zu können.

Als besonders interessant erscheint die Frage, ob Gustels unausgeglichenes Seelenleben ihn zum Hysteriker macht. Deshalb wird im letzten Kapitel untersucht, inwieweit Gustl als Hysteriker verstanden werden kann.

Zum Schluss wird ein Fazit vollzogen, in dem alle wesentlichen Ergebnisse der Hausarbeit zusammengefasst werden und ein Ausblick erfolgt.

1. Von Hypnoseexperimenten zur Monolognovelle Leutnant Gustl

1.1 Freud und Schnitzler

Die Zeitgenossen Freud und Schnitzler lebten beide in Wien hatten aber dennoch nur sporadisch Kontakt. Wohl grade weil sie sich mit ähnlichen Fragestellungen und Problemen der menschlichen Psyche beschäftigten fürchtete Freud eine Art Doppelgängerscheu und mied lange Zeit einen persönlichen Kontakt zu Schnitzler. Zu Schnitzlers 60. Geburtstag schrieb Freude an ihn: „Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu. […] ich habe immer wieder, wenn ich mich in Ihrer schönen Schöpfung vertiefe, hinter deren poetischen Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ereignisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren. […] das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. Ja, ich glaube, im Grunde Ihres Wesens sind sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war“[1]

Freud und Schnitzler studierten mit einem Abstand von sechs Jahren an der Wiener Universität Medizin. Während des Studiums entwickelten sie eine Skepsis gegenüber der reinen physikalisch-chemische Körperlehre, die ein Großteil der Professoren vertrat. Sowohl Freud wie auch Schnitzler waren der Ansicht, dass der richtige psychische Umgang mit dem Patienten zum Heilungserfolg beiträgt. So entwickelten beide ein Interesse für psychische Erkrankungen und deren Heilung. Besonderen Einfluss auf das Denken beider hatten die Psychologen Ernst Brücke und Theodor Meynart bei denen sie beide im Abstand von vier Jahren Assistenten waren.[2]

Erst mit dem Beginn der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts weichen die Lebensläufe von Freud und Schnitzler voneinander ab. Während Freud weiterhin als Arzt praktizierte und seine Forschung zur Psychoanalyse vorantrieb, schränkte Schnitzler nach einer kurzen Assistenz in der Klinik seines Vaters seine Tätigkeit als Mediziner ein und wurde Redakteur der Internationalen klinischen Rundschau. In dieser Stellung lobte er Freuds Übersetzungen zur Psychoanalyse aus dem Französischen sehr. Nach dem Tod seines Vaters betrieb er eine Privatpraxis, die er mit zunehmendem Erfolg als Schriftsteller vernachlässigte, aber nie ganz aufgab.[3]

Erst nach seinem berühmten Doppelgänger- Brief vom 14. Mai 1922 willigte Freud erstmals einem gemeinsamen Treffen zu.[4] Trotz anregender Gespräche hatte Schnitzler viele Vorbehalte gegenüber der Theoriebildung Freuds, welcher wiederrum in der Dichtung keine Alternative zur Forschung sah.[5]

Trotz des sporadischen Kontakts und unterschiedlicher Ansichten bezüglich des Verhältnisses von Dichtkunst und Psychologie hat Schnitzler nachweislich Inspiration aus den Schriften Freuds geschöpft. So hat Freud aus seiner Forschung die psychoanalytische Technik der freien Assoziation entwickelt, welche Schnitzler den Anstoß zur Verwendung des inneren Monologs für den Leutnant Gustl gab. Wie es dazu kam, soll im Folgenden genauer dargestellt werden.

1.2 Gescheiterte Hypnoseexperimente

Im Rahmen seiner Chefarztassistenz an der Poliklinik in Wien experimentierte Schnitzler mit Hypnose. Als Ergebnis seiner Forschung veröffentlichte er seine einzige große medizinische Arbeit „Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion“ in der Internationalen klinischen Rundschau. Dennoch war Schnitzler unzufrieden mit der Hypnosetechnik. Auch wenn er ein guter Hypnotiseur war, gelang es Ihm dennoch nicht alle Patienten in Trance zu versetzten. Ähnlich erging es Freud. In seiner Abhandlung „Zur Psychotherapie der Hysterie“ beschreibt er sein Versagen in der Hypnose. Er gab zu, würde er seine Arbeit auf jene Patienten beschränken, die er in Hypnose versetzen könne, würde die Zahl seiner behandelbaren Patienten beträchtlich schrumpfen.[6] Sowohl Freud, als auch Schnitzler waren an diesem Punkt unzufrieden mit ihrer Forschung und suchten nach einer Alternative. Während Freud die Lösung in der Gesprächsanalyse fand, entfernte sich Schnitzler gänzlich von der medizinischen Untersuchung der menschlichen Psyche und suchte einen Ersatz in der Dichtkunst.

1.2.1 Freud und die freien Einfälle

Freud hatte zu Beginn seiner psychologischen Arbeiten durch Hypnoseexperimente Zugang zum Unterbewusstsein seiner Patienten erhalten. Als er die Hypnose durch die Gesprächsanalyse ersetzten wollte, sah sich Freud jedoch einer scheinbar unüberwindbaren Barriere gegenüber stehen. Patienten, welche er näher nach der Ursache ihrer psychischen Störung befragte, gaben ihm keine oder eine nur unzureichende Antwort. Manche Patienten wechselten sogar unmerklich das Thema, um vom Kern ihres Problems abzulenken. Als Grund dafür erkannte Freud einen inneren unbewussten Widerstand, den sogenannten Assoziationswiderstand. Dadurch war es Freud durch reine Befragung nicht möglich Zugang zum Unterbewusstsein des Patienten zu erlangen. Er erkannte jedoch auch: Je mehr sich der Patient ungezwungen und frei fühlte, umso schwächer wurde der Assoziationswiderstand und der Patient äußerte sich offener gegenüber dem Therapeuten. Der Zugang zum Unterbewusstsein war geöffnet.[7]

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte Freud die Methode der freien Assoziation, welche die Hypnose als Technik der Erforschung des Unbewussten ablöste. Hintergrund ist, dass ein großer Teil dessen, was ein Mensch denkt, tut und empfindet vom Unterbewusstsein gesteuert wird. Das menschliche Handeln unterliegt einer Selbstzensur, indem die aus dem Unterbewusstsein kommenden Triebregungen, Affekte, Aggressionen etc. unterdrückt werden.[8]

Bei der damals technischen Neuerung der freien Assoziation wird diese Kontrolle zumindest teilweise aufgehoben. Der Patient soll seine Gedanken frei äußern und dem Therapeuten alles sagen, was ihm grade einfällt. Ein Gedanke des Patienten soll zum nächsten führen. Dabei hört der Therapeut einfach nur zu und greift nicht in den Gesprächsverlauf ein. Die entstehende Gedankenkette, von Freud auch freie Einfälle genannt, muss nicht logisch konsistent sein. Der Therapeut kann durch die richtige Interpretation, der scheinbar belanglosen Reihenfolge der freien Einfälle, bestimmten Motiven, Aussparungen etc. auf das Unbewusste des Patienten schließen.[9]

[...]


[1] Zit. nach Rattner/Danzer: Österreichische Literatur und Psychoanalyse. Würzburg. 1999, S. 71

[2] Vgl.: Worbs: Nervenkunst. Frankfurt am Main. 1983, S. 192

3 Vgl.: ebd, S. 196

[4] Vgl.: ebd, S. 219

[5] Vgl.: Perlman: Arthur Schnitzler. Metzler – Sammlung. Band 239. 1987, S. 37

[6] Vgl.: Polt-Heinzl: Leutnant Gustl. Vom freien Assoziationsverkehr. In: Arthur Schnitzler Affären und Affekte; S. 87

[7] Vgl.: Berg: Freuds Psychoanalyse in der Literatur und Kulturwissenschaft. Tübingen. 2005, S.74

[8] Vgl.: Freud: Abriss der Psychoanalyse. Frankfurt am Main. 1972, S. 9

[9] Vgl.: Berg: S. 47ff

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Untersuchung Schnitzlers „Leutnant Gustl“ aus der psychoanalytischen Sicht Freuds
Untertitel
Freud, Schnitzler und der freie Assoziationsverkehr
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V211745
ISBN (eBook)
9783656394976
ISBN (Buch)
9783656394921
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freud, Assoziationsverkehr, Novelle, Schnitzler, Innerer Monolog, Psychoanalyse, Leutnant Gustl
Arbeit zitieren
Johann Weselmann (Autor), 2012, Untersuchung Schnitzlers „Leutnant Gustl“ aus der psychoanalytischen Sicht Freuds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211745

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