Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat in vielen Bereichen für Denkanstöße
gesorgt. Finanzinstitute, Zentralbanken und Rating–Agenturen mussten sich
kritisch hinterfragen lassen. Im Zuge dieser öffentlichen Diskussion, stand auch
die Institution der Abschlussprüfung auf dem Prüfstand. Eben jene Institution, die
im Jahre 1931 ins Leben gerufen wurde, um Wirtschaftskrisen vorzubeugen. Den
Wirtschaftsprüfern wurde vorgeworfen, Gefahren toxischer Papiere nicht oder zu
spät erkannt zu haben. Die Abschlussprüfer hätten aufgrund ihres Fachwissens
und ihrer Erfahrung die Gefährdung der Finanzinstitute in deren Bilanzen
erkennen müssen. Darüber hinaus habe sich gezeigt, dass die vier großen
Prüfungsgesellschaften, aufgrund ihrer nahezu oligopolistischen Marktstellung,
ein systemrelevantes Risiko darstellen, welches es zu minimieren galt. Die EUKommission,
unter Führung des EU-Kommissars für Binnenmarkt und
Dienstleistungen Michel Barnier, nahm sich dieses Problems an. Am 13.10.2010
veröffentlichte sie ein Grünbuch mit dem Titel „Weiteres Vorgehen im Bereich der
Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“. Mit Hilfe des Grünbuchs sollte eine
offene Diskussion angeregt werden, die zum Ziel hatte, die Rolle der
Abschlussprüfung zu überdenken. Die Maßnahmen sollten die Erwartungslücke
zwischen Ausstellern und Adressaten der Abschlussprüfung schließen und eine
zu hohe Konzentration auf dem Prüfermarkt verhindern. Weiterhin sollte die
Unabhängigkeit des Abschlussprüfers gestärkt werden. Diese Teilzielsetzung der
EU soll Hauptthema der folgenden Arbeit sein. Die Fragen, die dabei im Zentrum
stehen, sind, wie die Unabhängigkeit der Abschlussprüfer laut Grünbuch gestärkt
werden soll und ob die Vorschläge sinnvoll sind. Zum Einstieg sollen im ersten
Kapitel Normen zur Sicherung der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers in
Deutschland kurz beleuchtet werden. Dazu wird das Handelsrecht, die
Wirtschaftsprüferordnung und die Berufssatzung der Wirtschaftsprüfer betrachtet.
Im zweiten Abschnitt werden dann ausgewählte Maßnahmen des EU-Grünbuchs
vorgestellt und Argumente für oder gegen deren Einführung vorgetragen. Im
vierten Kapitel werden die Maßnahmen dann kritisch gewürdigt und eigeschätzt.
Dies geschieht unter Berücksichtigung der Regulierungsentwürfe vom
30.11.2011. Im fünften Kapitel folgen dann einige abschließende Bemerkungen
zum Grünbuch und den vorgestellten Maßnahmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Normen zur Sicherung der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers
2.1 Allgemeine Normen
2.2 Besitz von Anteilen
2.3 Personelle Verflechtung
2.4 Beratungstätigkeiten
2.5 Umsatzabhängigkeit
2.6 Vorschriften für Prüfungsgehilfen und Prüfungsgesellschaften
2.7 Schutzmaßnahmen
3. Maßnahmen des EU-Grünbuchs zur Stärkung der Unabhängigkeit
3.1 Zeitliche Begrenzung von Prüfungsaufträgen
3.2 Trennung von Prüfung und Beratung
3.3 Bestellung und Vergütung des Abschlussprüfers durch einen Dritten
4. Kritische Würdigung des Grünbuchs unter der Berücksichtigung des Richtlinien- und Verordnungsentwurfs der EU vom 30.11.2011
4.1 Zeitliche Begrenzung von Prüfungsaufträgen
4.2 Trennung von Prüfung und Beratung
4.3 Bestellung und Vergütung des Abschlussprüfers durch einen Dritten
5. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die von der EU-Kommission im Grünbuch „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“ vorgeschlagenen Maßnahmen vor dem Hintergrund der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers und bewertet deren Sinnhaftigkeit unter Einbeziehung aktueller Regulierungsentwürfe.
- Analyse geltender Normen zur Sicherung der Unabhängigkeit in Deutschland.
- Evaluation der externen Rotationspflicht von Abschlussprüfern.
- Diskussion der Trennung von Abschlussprüfung und Beratungsleistungen.
- Kritische Würdigung der Bestellung und Vergütung von Prüfern durch Dritte.
- Einordnung der EU-Regulierungsentwürfe vom November 2011.
Auszug aus dem Buch
3.1 Zeitliche Begrenzung von Prüfungsaufträgen
Die EU-Kommission hat in ihrem Grünbuch zur Abschlussprüfung einige Maßnahmen vorgeschlagen, um die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers weiter zu festigen. Einige dieser Maßnahmen sollen im Folgenden vorgestellt werden. Dazu erfolgt eine Nennung von Vor- und Nachteilen. Die erste Maßnahme, die betrachtet werden soll, ist die Einführung einer externen Rotationspflicht. Nach Ansicht der EU-Kommission sei ein über Jahrzehnte laufender Prüfungsauftrag nicht mit Unabhängigkeitsstandards vereinbar. Es besteht ein akutes Risiko der Vertrautheit zwischen Unternehmen und Prüfungsgesellschaft. Man spricht von der so genannten familiarity threat. Eine gesetzlich vorgeschriebene externe Rotation könnte ein Mittel sein diese persönliche Vertrautheit abzubauen. Hinzu sollen bestimmte Rotationsregeln kommen. Eine externe Rotation kann sich außerdem positiv auf die Kompetenz des Prüfers auswirken. Durch einen turnusmäßigen Wechsel müssen Prüfer neue Prüfungsmethoden entwickeln, die weniger vorhersehbar sind.
Prüfer müssten sich darüber hinaus dem Urteil des nachfolgenden Prüfers aussetzen. Dadurch wären sie zu noch größerer Sorgfalt angehalten. Mit der externen Rotationspflicht könnte man ebenfalls Betriebsblindheit und der Abhängigkeit des Abschlussprüfers von einem Mandanten entgegenwirken. Die erneute Diskussion um die Einführung einer externen Pflichtrotation wurde in der Literatur mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Entsprechende Pläne wurden bereits 2006 im Zuge der Überarbeitung der 8. EU Richtlinie zur Abschlussprüfung aufgegriffen. Mit nachvollziehbaren Argumenten konnte man sich jedoch dagegen aussprechen. Vertrautheit, wie von der EU moniert, kann nur zwischen natürlichen Personen auftreten. Zu große Vertrautheit zwischen Prüfungsgesellschaft und dem Unternehmen ist also nicht möglich. Durch den Pflichtwechsel stiegen auch die Prüfungskosten, die aus erhöhter Einarbeitungszeit resultieren würden. Erhöhte Einarbeitungszeit, auf Grund von Ineffizienzen bei der Durchführung der Prüfung, wirkt sich negativ auf die Prüfungsqualität aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Abschlussprüfung vor dem Hintergrund der Finanzkrise und Darlegung der Zielsetzung sowie des Aufbaus der Arbeit.
2. Normen zur Sicherung der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers: Darstellung der bestehenden deutschen gesetzlichen Regelungen und Berufspflichten, die die Unabhängigkeit von Prüfern sichern sollen.
3. Maßnahmen des EU-Grünbuchs zur Stärkung der Unabhängigkeit: Erläuterung der von der EU vorgeschlagenen Maßnahmen, insbesondere zur Rotation, zur Trennung von Beratung und Prüfung sowie zur Vergütung.
4. Kritische Würdigung des Grünbuchs unter der Berücksichtigung des Richtlinien- und Verordnungsentwurfs der EU vom 30.11.2011: Kritische Analyse der Vorschläge unter Einbeziehung der konkreten EU-Entwürfe von 2011 und der Konsultationsergebnisse.
5. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Bewertung der EU-Maßnahmen und Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Abschlussprüfung.
Schlüsselwörter
Abschlussprüfung, Unabhängigkeit, EU-Grünbuch, Externe Rotation, Prüfungsqualität, Beratungsleistungen, Wirtschaftsprüfer, Interessenkonflikte, Aufsichtsrat, Mandatsdauer, Prüfermarkt, Regulierungsentwurf, Finanzkrise, Unternehmensführung, Haftungsfälle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Reformvorschlägen der Europäischen Kommission zur Abschlussprüfung, wie sie im EU-Grünbuch von 2010 unter dem Titel „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“ dargelegt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen drei Hauptbereiche: die Einführung einer externen Rotationspflicht für Prüfer, die geforderte Trennung von Abschlussprüfung und Beratung sowie die Änderung des Systems zur Bestellung und Vergütung des Abschlussprüfers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die vorgeschlagenen Maßnahmen der EU auf ihre Wirksamkeit zur Stärkung der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers hin zu prüfen und zu bewerten, ob diese Vorschläge angesichts bestehender Regelungen und möglicher negativer Begleiteffekte sinnvoll sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine deskriptive und kritisch-analytische Methode verwendet, die auf der Auswertung aktueller Fachliteratur, der im Grünbuch genannten Argumente sowie der Analyse offizieller Konsultationsergebnisse und EU-Regulierungsentwürfe basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Nach einer Übersicht über den deutschen Status quo folgen die detaillierte Vorstellung der EU-Maßnahmen (Rotation, Beratungsverbot, Vergütung), eine kritische Würdigung dieser unter Berücksichtigung der EU-Entwürfe vom 30.11.2011 und eine Diskussion der Konsultationsergebnisse.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Unabhängigkeit, Abschlussprüfung, Rotationspflicht, Nichtprüfungsleistungen und die Corporate-Governance von Unternehmen öffentlichen Interesses.
Warum wird die externe Rotationspflicht in der Arbeit kritisch gesehen?
Der Autor argumentiert unter anderem mit dem Verlust von implizitem, mandantenspezifischem Wissen, potenziellen Ineffizienzen bei der Einarbeitung neuer Prüfer sowie dem Risiko, dass die Konzentration auf dem Prüfermarkt durch den Ausschluss mittelständischer Anbieter weiter zunimmt.
Wie bewertet der Autor die Forderung nach einem generellen Beratungsverbot?
Das generelle Verbot von Nichtprüfungsleistungen wird als zu weitgehend eingestuft, da Lerneffekte aus der Beratung die Qualität der Abschlussprüfung erhöhen können und eine Differenzierung zwischen verschiedenen Beratungsarten sinnvoller erscheint als ein pauschales Verbot.
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- Stanley Braun (Author), 2012, Ausgewählte Maßnahmen des EU-Grünbuchs vor dem Hintergrund der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211945