Die Geschichtsdidaktik hat es unter anderem zu ihrer Aufgabe gemacht, den Geschichtsunterricht systematisch zu erforschen. Um so verwunderlicher erscheint es, dass, obwohl die Geschichtsdidaktik zu den jungen Wissenschaften zählt, eine Geschichte der Geschichtsdidaktik und des Geschichtsunterrichts noch immer ein Desiderat darstellt, wie Bergmann und Schneider treffend formulieren. Wer sich folglich mit der Geschichte der Geschichtsdidaktik und des Geschichtsunterrichts auseinandersetzen möchte, muss notwendigerweise auf verschiedene Vorarbeiten zu bestimmten Zeiträumen und umfangreicheren didaktischen Werken zurückgreifen. Eine zusammenhängende Darstellung, die einen Überblick von Entstehung bis zu aktuellen Tendenzen geben könnte, gibt es hinsichtlich dieses Themas nicht. Das ist umso bedauerlicher, da die Beschäftigung mit der Geschichte der Geschichtsdidaktik und des Geschichtsunt errichts, - vor allem mit letzteremuns vor Augen führen kann, was der moderne Geschichtsunterricht, der tagtäglich in unseren Schulen anzutreffen ist, tatsächlich für eine Errungenschaft für Schüler, Lehrer und die Gesellschaft bedeutet.
Die vorliegende Arbeit soll einen entwicklungsgeschichtlichen Überblick über die Geschichte des Geschichtsunterrichts, von der Entstehung des Geschichtsunterrichts bis zum Durchbruch der neueren Geschichtsdidaktik, geben und aufzeigen, dass der Geschichtsunterricht seit seiner offiziellen Einführung in den Schulen sowohl in der Monarchie, in der Weimarer Republik als auch zur Zeit des Nationalsozialismus, sich nahezu immer in der Pflicht sah, die Zielvorstellung der jeweiligen Staatsform zu erfüllen, und somit immerzu i n einem Spannungsfeld zwischen Politik und Pädagogik stand.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die historische Bildung von ihren Anfängen bis zum Kaiserreich
3. Der Geschichtsunterricht in der Monarchie
4. Der Geschichtsunterricht in der Weimarer Republik
5. Der Geschichtsunterricht im Nationalsozialismus
6. Der Geschichtsunterricht seit der Nachkriegszeit
7. Schlussgedanke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit verfolgt das Ziel, einen entwicklungsgeschichtlichen Überblick über die Geschichte des Geschichtsunterrichts von den Anfängen bis zur Nachkriegszeit zu geben. Dabei wird insbesondere untersucht, wie der Geschichtsunterricht in den verschiedenen politischen Systemen – von der Monarchie über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus – als Instrument der staatlichen Erziehung eingesetzt wurde und in welchem Spannungsfeld zwischen Politik und Pädagogik er sich dabei befand.
- Historische Entwicklung der historischen Bildung von der Antike bis zum Kaiserreich
- Strukturen und Funktionen des Geschichtsunterrichts in der Monarchie unter preußischem Einfluss
- Neuorientierung und Reformbestrebungen in der Weimarer Republik
- Funktionalisierung und ideologische Vereinnahmung im Nationalsozialismus
- Entwicklungslinien und Herausforderungen des Geschichtsunterrichts in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Auszug aus dem Buch
4. Der Geschichtsunterricht in der Weimarer Republik
Der Zusammenbruch des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkrieges führte zu einer Umgestaltung der Staatsform von der Monarchie zur Republik, die „zwangsläufig auch eine Neuorientierung auf allen Gebieten des Schulwesens“ mit sich brachte, in welcher sich der Geschichtsunterricht eine „zentrale Stellung als nationales Bildungsmittel“ sichern konnte. Die Grundkategorien dieses nationalen Bildungsmittels, die sich auf das ‚Volk und Volkserlebnis’ bezogen, gehörten in erster Linie zu den Zielvorstellungen des Geschichtsunterrichts in den Volksschulen, wurden jedoch alsbald auch in jenen des Geschichtsunterrichts an den höheren Schulen aufgenommen. Mit dem Ministerialerlass des Volksbeauftragten Adolf Hoffmann vom 15. November 1918 ging die Forderung einer wesentlich eingeschränkten Behandlung der politischen Geschichte und der Kriegsgeschichte, sowie einer vermehrten kultur- und universalhistorischen Stoffauswahl für den Geschichtsunterricht einher. Des weiteren forderte die neue Reichsverfassung zum einen die Einführung der Staatsbürgerkunde, durch welche eine Vermittlung formaler Kenntnisse über Institutionen und Funktionen der Demokratie erfolgen sollte, und zum anderen die Einführung des Arbeitsunterrichts, einer neuen Unterrichtsform mit dem Ziel ‚schaffenden Lernens’, welche in der Reichsschulkonferenz von 1920 schließlich zum Lehrgrundsatz erhoben wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit problematisiert das Fehlen einer zusammenhängenden Darstellung der Geschichtsdidaktik und definiert ihr Ziel, den Wandel des Geschichtsunterrichts im Spannungsfeld zwischen Politik und Pädagogik aufzuzeigen.
2. Die historische Bildung von ihren Anfängen bis zum Kaiserreich: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung des historischen Interesses vom Humanismus und der Reformation bis zu den Ansätzen des 18. Jahrhunderts nach, als die Geschichte begann, als Instrument bürgerlicher Bildung und Emanzipation zu fungieren.
3. Der Geschichtsunterricht in der Monarchie: Hier wird analysiert, wie der Unterricht staatlich reglementiert wurde, um treue Untertanen zu erziehen, und wie er den wechselnden Anforderungen des preußischen Staates, der Kirche und konservativer politischer Erziehungsziele unterworfen war.
4. Der Geschichtsunterricht in der Weimarer Republik: Dieses Kapitel beschreibt die Demokratisierungsversuche und die Hinwendung zur Staatsbürgerkunde und dem Arbeitsunterricht, die jedoch durch traditionelle Geschichtsbilder der Lehrerschaft nur zögerlich umgesetzt wurden.
5. Der Geschichtsunterricht im Nationalsozialismus: Die Untersuchung zeigt die vollständige Vereinnahmung des Geschichtsunterrichts durch die NS-Ideologie, die biologischen Rassismus, Sozialdarwinismus und den Primat der Politik zur absoluten Richtschnur erhob.
6. Der Geschichtsunterricht seit der Nachkriegszeit: Das Kapitel thematisiert den Neuanfang nach 1945, die langsame Entwicklung hin zu einer kritisch-reflexiven Geschichtsdidaktik und die Auseinandersetzung mit den Reformen ab 1968.
7. Schlussgedanke: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass der Geschichtsunterricht keine historische Selbstverständlichkeit darstellt und ein kritischer Blick auf seine Geschichte für ein tieferes Verständnis heutiger Unterrichtswirklichkeit essenziell ist.
Schlüsselwörter
Geschichtsdidaktik, Geschichtsunterricht, Monarchie, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, politische Erziehung, Staatsbürgerkunde, historische Bildung, Geschichtsschreibung, Unterrichtsreform, Pädagogik, Preußen, Erziehungsauftrag, Geschichtsbewusstsein, Geschichtsepochen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit behandelt die historische Entwicklung des Geschichtsunterrichts in Deutschland von seinen Anfängen bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei der Fokus auf dem Wandel der Ziele und didaktischen Ansätze liegt.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Geschichtsdidaktik als Instrument politischer Erziehung, der Einfluss staatlicher Reglementierungen und Ideologien auf den Unterricht sowie die Bemühungen um methodische Reformen in den verschiedenen historischen Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, dass der Geschichtsunterricht seit seiner Einführung nahezu immer in einem Spannungsfeld zwischen Politik und Pädagogik stand und die Zielvorstellungen der jeweiligen Staatsform zu erfüllen hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer entwicklungsgeschichtlichen Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung didaktischer Fachliteratur sowie historischer Quellen und Erlasse aus den untersuchten Zeiträumen beruht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, die den Geschichtsunterricht in der Monarchie, der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus sowie in der unmittelbaren Nachkriegszeit detailliert analysieren und deren spezifische erzieherische Zielsetzungen beleuchten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem politische Erziehung, staatsbürgerliche Bildung, Geschichtsdidaktik, nationalsozialistische Geschichtsauffassung und die Entwicklung zum mündigen Bürger.
Inwiefern hat der Nationalsozialismus den Geschichtsunterricht verändert?
Das NS-Regime funktionalisierte den Geschichtsunterricht vollständig für seine Ideologie, indem es den Fokus auf Sozialdarwinismus, Rassismus und den Primat der Politik legte, wodurch die historische Wissenschaftlichkeit zugunsten der völkischen Indoktrination aufgegeben wurde.
Warum ist die Geschichte des Geschichtsunterrichts heute relevant?
Die Arbeit argumentiert, dass die Beschäftigung mit der eigenen Unterrichtsgeschichte Schülern hilft, die gegenwärtige Unterrichtswirklichkeit zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen, statt sie als gegebenen Alltag hinzunehmen.
- Quote paper
- Yvonne Vitt (Author), 2004, Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht. Ein entwicklungsgeschichtlicher Einblick in den Wandel des Geschichtsunterrichts von seinen Anfängen bis zur Nachkriegszeit., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21198