La Fontaine und die Gattungstradition der Fabel


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung

B. Definition "Fabel"

C. Die Fabel vor La Fontaine - Ursprung und Antike
1. Ursprung
2. Antike
3. Aufbau

D. Die Fabel vor La Fontaine - 16. und 17. Jahrhundert
1. Die Fabel in Frankreich im 16. Jahrhundert
2. Ausgangssituation 17. Jahrhundert
a. Beginn 17. Jahrhundert - beliebt aber ignoriert
b. Mitte 17. Jahrhundert - Fabelliteratur
3. Form der Fabel im 17. Jhdt. und die Literaturtheorie

E. La Fontaine - Wandel der bisherigen Fabeltradition
1. Tradition bewahren? Préface zum Premier Recueil
2. Wandel zu geistreicher Unterhaltung

F. Der lafontainische Fabel-Stil im Einzelnen
1. Umorganisation der Vorlage
2. Ästhetisierung der moralité
3. Überraschung und Vorwegnahme
4. Szenische Darbietung
5. Spurenelemente personalen Erzählens
6. Figurengestaltung
7. Spiegeltechnik
8. Zeit und Raum in den Fabeln
9. Französisierung
10. Literarisierung

G. Fazit

H. Literaturverzeichnis.

A. Einleitung

Die Fabel begleitet uns schon von frühester Kindheit an in Grimms Märchen. Als wichtigstes Element zur Entwicklung der Märchen wird die Fabel gesehen. Später in der Schule werden wir sowohl im Deutschunterricht als auch im Französischunterricht mit den Fabeln konfrontiert. Als einer der wichtigsten Vertreter der Fabel im Schulunterricht gilt Jean de La Fontaine. Es ist dessen Werk, welches meistens Gegenstand der Unterrichtseinheiten zur Fabel ist. Fast immer werden die wichtigsten Strukturmerkmale der Fabel behandelt und eine Beispielsfabel soll auswendig gelernt werden. Was den Schülerinnen und Schülern jedoch entgeht, sind die Ursprünge der Fabel, deren wunderbare Vielfalt der Inhalte, die Bedeutung der Fabel in ihrer Zeit und die literarische Tragweite des Werkes des Autors. So ist es oft auch im Fall von Jean de La Fontaine. Er ist einer der herausragenden klassischen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts und er hat der Fabel zu neuem Glanz verholfen. Als Vertreter der Moralistik hat er mit seinem Werk gesellschafskritischen Einfluss ausgeübt und auszuüben versucht.[1] Im Folgenden wird zunächst ein kurzer Überblick über die Ursprünge der Fabel gegeben werden und an einem Beispiel die kennzeichnenden Strukturelemente der Fabel dargestellt. Danach wird die Situation der Fabel im 16. und 17. Jahrhundert, vor dem Wirken La Fontaines, beleuchtet, um dann auf La Fontaines literarisches Werk und seine Bedeutung für die Fabeltradition einzugehen. In einem letzten Teil werden dann im einzelnen die Strukturelemente seines literarischen Stils erläutert werden. Ein Fazit resümiert die Bedeutung von La Fontaines Werk und seinem Wirken.

B. Definition "Fabel"

Jede Fabel (lateinisch fabula = Geschichte, Erzählung, Sage[2]) "besteht aus der Erzählung einer konkreten Handlung, aus der eine Wahrheit der Moral oder Lebensklugheit durch die aktive Tätigkeit des Geistes der Zuhörer gewonnen werden soll."[3] Es lassen sich zwei gattungsmäßige Grundzüge für die Fabel zusammenfassen: der erste Grundzug ist ihr Erzählcharakter, der zweite ihre moralisch-didaktische Komponente.[4]

C. Die Fabel vor La Fontaine - Ursprung und Antike

1. Ursprung

Fabeln zählen zum volkstümlichen Erzählgut. Die Frage nach ihrem Ursprung ist umstritten. In der Fachliteratur werden Indien, Griechenland, Ägypten und Babylonien als Wiege der Fabel im 3. Jahrtausend v. Chr. gehandelt. Andere gehen davon aus, dass die Fabel als eine Urform unserer Geistesbetätigung in diesen verschiedenen Regionen unabhängig voneinander entstanden ist.[5]

2. Antike

In der Antike gilt die Fabel nicht als literarische Gattung, sie wird höchstens als rhetorisches Element verwendet. Grundsätzlich ist sie Erzählgut für niedere Schichten.[6] Die europäische Tradition ist durch die Rezeption orientalischer Sammlungen, aber vor allem durch die griechischen Fabeln des phrygischen Sklaven Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.) geprägt[7]:

- Äsops Fabeln erhielten sich in prosaischer Form durch mündliche Überlieferung des Volkes.
- Bei den äsopischen Fabeln handelt es sich um mythische und säkulare kurze Geschichten, die als Gleichnis in Erscheinung treten.
- Die Stoffe wie Neid, Dummheit, Geiz und Eitelkeit und die Figuren stammen aus dem Horizont des kleinen Mannes im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr.
- Handlungsträger sind Tiere, Pflanzen, gar Götter oder bekannte Menschen der Zeit.
- Die Handlung trägt eine unmittelbar einleuchtende Aussage.
- Äsops Fabeln werten, urteilen und demaskieren zwar, vernichten oder verdammen aber nicht.
- Typische Charakteristika der Fabeln sind ihr klarer Aufbau, die anschauliche Erfassung der Szene und der behagliche Ton der Gespräche.

Aesops Werk fand über Phaedrus, Babrios und Avianus Eingang in das mittelalterliche Europa. Erst Phaedrus schreibt Fabelbücher, die vor allem durch eine Prosabearbeitung, das Romulus-Corpus, verbreitet werden.[8] Die Fabeln Äsops waren in den mittelalterlichen Klosterschulen ein häufig verwendeter Lesestoff. Symbolische Bedeutung machten die Fabel zu einer geeigneten Erzählform für Predigten und Beispielsammlungen. Nach der Erfindung des Buchdrucks erschienen eine Vielzahl von Ausgaben der Äsop-Fabeln. Wegen seiner qualitätsvollen Holzschnitt-Illustrationen gilt Heinrich Steinhöwels 1476 in Ulm erschienener "Aesop" als herausragende Edition.[9]

3. Aufbau

In ihrer strengen Form besitzt die Fabel einen dreigliedrigen Aufbau, der von der Antike bis zur Moderne im Prinzip beibehalten wird[10]:

1. Ausgangssituation

2. Konfliktsituation
2.1 Aktion oder Rede
2.2 Reaktion oder Gegenrede

3. Lösung/Moral

Beispiel: Vom Raben und Fuchs [11]

Ein Rab' hatte einen Käse gestohlen und setzte sich auf einen hohen Baum und wollte zehren. Da er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er isst, hörte ihn ein Fuchs über dem Käse kecken und lief zu und sprach: "O Rab', nun hab' ich mein Lebtag keinen schöneren Vogel gesehen von Federn und Gestalt, denn du bist. Und wenn du auch so eine schöne Stimme hättest zu singen, so sollt' man dich zum König krönen über alle Vögel." Den Raben kitzelte solch Lob und Schmeicheln, fing an und wollt' seinen schönen Gesang hören lassen. Und als er den Schnabel auftat, entfiel ihm der Käse; den nahm der Fuchs behänd, fraß ihn und lachte des törichten Raben.

Situation:

Der Rabe sitzt mit seinem Stück Käse auf einem hohen Baum. Der Fuchs naht voll Gier nach dem Käse. Mit Gewalt lässt sich nichts erreichen.

Aktion:

Der Fuchs versucht es mit List. Der Rabe hat im Gegensatz zu den bunten Singvögeln ein schwarzes und nicht glänzendes Gefieder. Im Gegensatz zum Adler, dem König der Vögel, hat er einen unscheinbaren Kopf. Wenn einer heiser ist und nicht singen kann, sagen wir: Er krächzt wir ein Rabe. Der Fuchs sagt das Gegenteil. Er belügt den Raben; er schmeichelt ihm aus Gewinnsucht.

Reaktion:

Der eitle Rabe will sich zeigen und seine Stimme erklingen lassen. Er ist töricht. Durch die Schmeichelei des Fuchses betört, denkt er nicht daran, dass er den Käse verliert, wenn er den Schnabel öffnet.

Ergebnis/Moral:

Der Fuchs hat sein Ziel mit List erreicht und frisst den Käse auf. Erst jetzt merkt der Rabe, dass er betrogen wurde und für seine Eitelkeit bezahlen muss.

D. Die Fabel vor La Fontaine - 16. und 17. Jahrhundert

1. Die Fabel in Frankreich im 16. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert war das Emblem der dominierende Partner der Fabel. Letztere wurde nicht als literarische Gattung akzeptiert.[12]

Die französische Fabel im 16. Jahrhundert hatte meist folgende Form[13]:

- Neben dem Textteil gab es ein Bild, im allgemeinen ein Kupferstich auf ganzer oder halber Seite. Selten fehlte die bildliche Umsetzung.
- Der Textteil war in lateinischer oder französischer Sprache verfasst.
- Die Fabel war in Vers- oder Prosaform gehalten.

[...]


[1] Vgl. (Ewald, 1977), S. 27-32; (Lindner, Didaktische Gattungsstruktur und narratives Spiel, 1975), S. 197.

[2] Vgl. (Lindner, Fabeln der Neuzeit, 1978), S. 12.

[3] (Wienert 1925), S.8.

[4] Vgl. (Lindner, Didaktische Gattungsstruktur und narratives Spiel, 1975), S. 9.

[5] Vgl. (Dithmar, 1988), S. 11-23.

[6] Vgl. (Wienert, 1925), S. 23-25.

[7] Vgl. (Wienert, 1925), S. 20-39.

[8] Vgl. (Dithmar, 1988), S. 11-23.

[9] Ebd.

[10] Vgl. (Dithmar, 1988), S. 163-179.

[11] Vgl. (Luther, 2010), S. 22.

[12] Vgl. (Lindner, Didaktische Gattungsstruktur und narratives Spiel, 1975), S. 15.

[13] Vgl. (Lindner, Didaktische Gattungsstruktur und narratives Spiel, 1975), S. 19/20.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
La Fontaine und die Gattungstradition der Fabel
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V212003
ISBN (eBook)
9783656399599
ISBN (Buch)
9783656400899
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fontaine, gattungstradition, fabel
Arbeit zitieren
Nicole Romig (Autor), 2011, La Fontaine und die Gattungstradition der Fabel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212003

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