Madame Bovary und die Gefahren des Zuckers

Madame Bovary et le danger des sucreries


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung

B. Bedeutung des Zuckers im 19. Jahrhundert

C. Zielvorgabe: Analyse mit Fokussierung auf den Zucker
1. Schlüsselszene
2. Inhaltliche Analyseperspektiven rund um den Zucker

D. Vergifteter Zucker
1. Emmas Tod
2. Skandal um Homais
3. Homais und der gefährliche Zucker
a. Justin war unvorsichtig
b. Der Zucker und die Chemie
c. Zucker als Heilmittel
4. Zucker und der Luxus

E. Das Weiß: Reinheit, Süße und Gift
1. Emma, das Weiß und die Reinheit
2. Der Kummer lässt Emma erblassen
3. Der Tod Emmas, ein Konzentrat des Weißen
4. Das tödliche Weiß als Quelle des Todes aus ihrer kindlichen Unschuld
5. Das Weiß als Farbe des Luxus

F. Feinheit

G. Puderzucker und Flaubert

H. Illusion

I. Ironie

J. Fazit

K. Literaturverzeichnis.

Madame Bovary ou le danger des sucreries[1]

A. Einleitung

Zwölf Mal verwendet Flaubert in seinem Roman Madame Bovary das Wort » sucre «.[2] Das Thema der weißen Süße des Zuckers scheint also eine besondere Bedeutung in Flauberts Roman haben. Worin diese Bedeutung besteht und wie Flaubert diese im Roman umsetzt, das wird Thema der vorliegenden Arbeit sein.
In vielerlei Hinsicht kann man einen Roman analysieren. Im ersten Augenblick erscheint es etwas seltsam, Flauberts Madame Bovary in Bezug auf die » danger des sucreries « näher zu betrachten. Im Roman selbst, einem tiefgründigen Werk Flauberts, werden die » sucreries « nicht augenfällig zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte gemacht. Es würde aber auch nicht der intelligenten und vielschichtigen Schreibkunst Flauberts entsprechen, den Leser in ein Thema gleichsam hineinzustoßen. Dem Stil des Realismus entsprach es vielmehr, Themen und sozialkritische Elemente der Wirklichkeit entsprechend in den Verlauf der Handlung einzubetten und ihnen eine allegorische Bedeutung beizumessen. » Neben der realistischen, gibt es jedoch eine symbolische Ebene: Namen, Gegenstände, Gesten dienen als Zeichen, die entscheidenden Momente in Emmas Lebensweg bildhaft verdichten oder auf spätere Entwicklungen vorauszuweisen. «[3]

Im Folgenden soll diese symbolische Ebene rund um das Thema der » sucreries « ermittelt werden, um so die Bedeutung für den Handlungsstrang, die Protagonisten und deren Lebensweg darzustellen. Der Begriff »s ucreries « kann auf vielerlei Hinsicht übersetzt werden: mit Süßigkeiten, Süßwaren, Zuckerfabriken oder auch Zuckerwerk. Da der Fokus der Arbeit auf den Eigenschaften des Ausgangsproduktes all dieser Produkte liegt, nämlich dem Zucker, wird auch in Folgenden die Bezeichnung » Zucker « als Übersetzung des Begriffes » sucreries « gewählt.

Zunächst wird in dieser Arbeit ein Überblick über die Bedeutung des Zuckers im 19. Jahrhundert in Frankreich gegeben. Danach wird die Analysemethode dargestellt, mit der das Thema » Zucker « im Roman beleuchtet werden soll. In einem weiteren Teil wird diese Methode auf den Roman angewandt. Es werden dabei verschiedene Facetten des Themas » Zucker « aufgezeigt, dargestellt, analysiert und interpretiert werden. In einem Fazit soll die Bedeutung der » sucreries « im Roman resümiert und dargestellt werden.

B. Bedeutung des Zuckers im 19. Jahrhundert

Unser heutiger Zucker hat immer die gleiche Qualität, bzw. die gleiche weiße Farbe. Im 19. Jahrhundert war das nicht der Fall. Der Ausdruck » sucre blanc « stellte kein Pleonasmus dar. Seit ungefähr 1810 konnte man Zucker gewinnen, und zwar erstmals auch aus Zuckerrüben.

Einige Details zur Bedeutung des Zuckers in Frankreich im 19. Jahrhundert, der Zeit Flauberts:[4]

- Der Rohrzucker war grundsätzlich weißer und teurer als Zucker aus Rüben.
- Es gab 20 Zuckerklassen. Je nach Grad der Raffinade richtete sich der Preis. Puderzucker gehörte zum teuersten Produkt.
- Zucker wurde hoch indirekt besteuert: fünffache Erhöhung in 50 Jahren (1837 Gesetz zur intensiven Besteuerung der heimischen Zuckerproduktion).
- Im Kaiserreich unterstützte man die Gewinnung des Zuckers aus Zuckerrüben, um die Blockade Englands aus den Kolonien zu umgehen.
- Die Zuckerproduktion aus den Kolonien wurde durch die Abschaffung der Sklaverei bedroht.
- Ende des19. Jahrhunderts erfolgte der Übergang von Zucker von einem Luxusprodukt - gefärbt mit dem Blut der Sklaven - zu einem Produkt des täglichen Bedarfs.

C. Zielvorgabe: Analyse mit Fokussierung auf den Zucker

1. Schlüsselszene

Jedem Leser steht es frei, einen Text auf seine Art zu bearbeiten. Eine interessante und häufig angewandte Methode ist die Analyse des Textes bezogen auf ein Detail, d.h. das Lesen rund um einen zuvor definierten Begriff oder eine Szene, die zum Fokus wird und um die sich das ganze Werk dreht. Was zum Mittelpunkt des Lesens wird, bleibt dem Leser überlassen. Diese Methode wird analog zur Vorgehensweise Bernards[5] angewandt werden.

Warum sollte man sich mit dem Thema Zucker in Madame Bovary beschäftigen wollen? Man stolpert beim Lesen des Romans unweigerlich über eine Passage, die in vielerlei Hinsicht besonders ist und sich im weiteren Verlauf der Lektüre als Schlüsselszene herauskristallisieren wird. Auf dem Ball im Schloss Vaubeyssard werden Emmas Träume Realität[6], sie sieht eine Welt, der sie schon immer angehören will und deren Anziehungskraft Emma langsam zerstören wird. In dieser Szenerie misst Flaubert einem Detail Bedeutung zu, das für uns heute kaum mehr eine Rolle spielt, aber das in früherer Zeit Ausdruck eines gewissen Wohlstandes war, der Puderzucker. Geschickt rückt er ihn in die Position als Emmas Verführer:

»On versa du vin de Champagne à la glace. Emma frissonna de toute sa peau en sentant ce froid dans sa bouche. Elle n’avait jamais vu de grenades ni mangé d’ananas. Le sucre en poudre même lui parut plus blanc et plus fin qu’ailleurs.« (I, 8, p.117).[7]

Selbst der Puderzucker erscheint Emma weißer und feiner als irgendwo anders. Diese Stelle fällt inmitten der für Emma insgesamt überwältigenden Szenerie besonders auf. Man fragt sich erstens, warum sie den Puderzucker überhaupt beachtet, hat er doch heutzutage kaum mehr Relevanz. Zweitens fällt auf, dass der Wert, den der Puderzucker in dieser Zeit gehabt haben mag, im Schloss durch noch höhere Qualität bestochen haben muss oder Emma es in der Exklusivität des Abends so erschien. Die beiden Komparative unterstreichen diese Interpretation. Zwar könnte man » fein « steigern, jedoch fällt eine Steigerung in Bezug auf den bereits pudrigen Puderzucker schwer vorstellbar. » Weiß « wird heute zwar in Waschmittelwerbungen als durchaus steigerungsfähig dargestellt. Allerdings ist man sich als Zuschauer oder Leser solcher Werbung der Unrichtigkeit der Steigerung bewusst und man sieht darin einen aus emotionaler Werbesicht begangenen strategischen Fehler.

Der Zucker ist in dieser Szene Inbegriff der Verführung, die im Schloss ihren Anfang nimmt. Er stellt die » Realisierung ihrer Phantasien «[8] dar.

Will man sich also mit der Bedeutung des Zuckers in Madame Bovary beschäftigen, so muss man sich diesem Thema nähern, indem man von der zuvor beschriebenen Szene im Château de Vaubeyssard ausgeht.

Bernard schlägt dazu vor, den Text im Hinblick auf Bezüge zum Thema Zucker in thematischer, historischer, psychologischer, biografischer und generischer Hinsicht zu beleuchten.[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Inhaltliche Analyseperspektiven rund um den Zucker

Eine Gefahr bei der Analyse eines Textes, den man in Bezug auf ein bestimmtes Detail bzw. Thema liest, ist die Subjektivität.

Daher schlägt Bernard vor, ein Detail aufspüren, es zu verinnerlichen und es durch den Text hindurch zu verfolgen. Zunächst soll es nur strukturell wahrgenommen werden und es so spät wie möglich einer Interpretation unterziehen. In der Konsequenz heißt das: höchste Subjektivität betreffend des Details, höchste Objektivität bei der Analyse des Textes dieses Details betreffend.[10]

Strukturell findet man das Thema Zuckerwerk im Text auf verschiedenen Ebenen. Ausgehend von der Schlüsselszene im Schloss Vaubeyssard bieten sich inhaltlich folgende Analyseperspektiven an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese inhaltlichen Themenbereiche rund um den Zucker werden in Madame Bovary aufgespürt, analysiert und final interpretiert werden, ähnlich einer Sequenzanalayse.

[...]


[1] Die Hausarbeit orientiert sich methodisch am Aufsatz von: Bernard, Michel. » Madame Bovary ou le danger des sucreries. « Romantisme, 1999: 41-51.

[2] (CÉRÉdI, 2012): Suche nach » sucr- «

[3] (Ott, 2011), S. 265.

[4] Vgl. (Bernard, 1999), S. 48 f.

[5] (Bernard, 1999).

[6] Vgl. (Ott, 2011), S. 272.

[7] Im Folgenden sämtliche Textzitate aus: (Flaubert, Madame Bovary, 2011).

[8] (Ott, 2011), S. 272.

[9] Vgl. (Bernard, 1999), S. 42 f.

[10] Vgl. (Bernard, 1999), S. 42 f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Madame Bovary und die Gefahren des Zuckers
Untertitel
Madame Bovary et le danger des sucreries
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V212004
ISBN (eBook)
9783656399377
ISBN (Buch)
9783656399384
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
madame, bovary, gefahren, zuckers
Arbeit zitieren
Nicole Romig (Autor:in), 2011, Madame Bovary und die Gefahren des Zuckers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212004

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