Das „Event“ im Kontext der missionarischen Jugendarbeit


Masterarbeit, 2012

82 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Jugendarbeit
2.1 Geschichtliche Entwicklung der Jugendarbeit als Gruppe innerhalb der Gemeinde
2.1.1 Entdeckung der Jugend als eigenständige Phase im Prozess des Erwachsenwerdens
2.1.2 Entwicklung der Jugendarbeit als fester Bestandteil der Gemeindearbeit
2.1.3 Das Spektrum aktueller kirchlicher Jugendarbeit
2.2 Soziologische Begründung für Jugendarbeit
2.3 Biblische Konnotationen zur Jugendarbeit

3 Missionarische Jugendarbeit
3.1 Was heißt missionarisch?
3.2 Eine missionstheologische Verortung der missionarischen Jugendarbeit.. …22

4 Die Lebenswelten der Jugendlichen
4.1 Jugendkultur
4.2 Religiosität
4.3 Freizeitgestaltung

5 Das Event
5.1 Events in der aktuellen Gesellschaft
5.2 Allgemeine Definition von Events

6 Events im Kontext missionarischer Jugendarbeit
6.1 Merkmale eines Events in diesem Kontext
6.2 Eine Kategorisierung von Events innerhalb missionarischer Jugendarbeiten
6.2.1 „Große“ Events
6.2.1.1 Weltjugendtag 2005 in Köln
6.2.2 Jugendfreizeiten
6.2.2.1 Jugend-Camps
6.2.2.2 Jugend-Mission-Trips
6.2.3 „Special Events“
6.2.3.1 Outreach Event
6.2.3.2 Jugendgottesdienste
6.2.3.3 Sozialdiakonische Events

7 Chancen und Gefahren von Events im Kontext missionarischer Jugendarbeit
7.1 Chancen von Events
7.1.1 Ein Highlight
7.1.2 Opener
7.1.3 Projektorientierte Mitarbeit
7.2 Gefahren von Events
7.2.1 Eventchristentum
7.2.2 Event als Strohfeuer
7.2.3 Event statt Beziehungen

8 Faktoren, damit ein Event positive Auswirkungen auf die missionarische Jugendarbeit hat

9 Ausblick

10 Literaturverzeichnis
10.1 Internetquellen.

1 Einleitung

In der kirchlichen Jugendarbeit lässt sich seit einigen Jahren ein wahrer Boom an großen Events feststellen. Events in ihren unterschiedlichen Formen und Bezeichnungen, wie Festivals, alternative Gottesdienste, Kongresse und Jugendtage, ziehen tausende von Jugendlichen an. Aber auch außerhalb der kirchlichen Jugendarbeit scheinen Events ein deutlicher Trend zu sein, der kaum einen Gesellschaftsbereich unberührt lässt. „Events nehmen ständig zu – an Zahl, an Bedeutung und an Größe.“[1] Es geht um das Außergewöhnliche, das den Alltag aufbricht und etwas Besonderes ist. Vor allem Jugendliche wollen immer wieder etwas Einzigartiges erleben und suchen solche Erlebnisse flächendeckend in Events. Regelmäßige Treffen und Gruppen dagegen wirken eher als Freiheit entziehend und wie eine negative Verpflichtung. Diese Entwicklung bekommt natürlich auch die kirchliche Jugendarbeit mit und reagiert vielerorts mit einer „Event-Offensive“. Gerade die missionarische Jugendarbeit, welche die Jugendlichen ansprechen möchte, die noch keine Verbindung zur Kirche haben, investiert verstärkt in die Planung und Durchführung von Events. Innerhalb vorliegender Arbeit soll den Fragen nachgegangen werden, inwiefern Events der aktuellen Jugendkultur entsprechen, was die Merkmale von Events im Kontext der missionarischen Jugendarbeit sind und wie sich die vielen verschiedenen Veranstaltungen in diesem Bereich sinnvoll strukturieren lassen. Außerdem wird untersucht, worin sich die kontinuierlichen Angebote der Jugendarbeit von den besonderen Events unterscheiden und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Abschließend werden auf dieser Grundlage die Chancen und Gefahren von Events im Kontext der missionarischen Jugendarbeit dargelegt.

Zu Beginn sollen die Entwicklung der Jugendphase als eigenständiger Lebensabschnitt und die damit einhergehende Entstehung der kirchlichen Jugendarbeit näher beleuchtet werden. Darauf aufbauend wird das Spektrum der aktuellen Jugendarbeit mit ihren unterschiedlichen Formen dargestellt und auf die soziologische und religionspsychologische Begründung für eine solche verwiesen. Der Abschnitt drei geht der Frage der missionstheologischen Verortung der missionarischen Jugendarbeit nach. Des Weiteren soll die Lebenswelt der Jugendlichen als Kontext der missionarischen Jugendarbeit untersucht werden. Nach einem Überblick über die Bedeutung von Events für die aktuelle Gesellschaft im fünften Abschnitt, schließt sich eine allgemeine Definition dieser Veranstaltungsform und eine Aufzählung ihrer grundlegenden Merkmale an. Auf dieser Grundlage soll im nächsten Abschnitt dargelegt werden, was ein Event im Kontext missionarischer Jugendarbeit auszeichnet und von anderen Events unterscheidet. Danach erfolgt eine Einteilung solcher Events in drei verschiedene Hauptkategorien, ausgehend von der Form, dem Veranstalter, der Zielgruppe und ihren besonderen Aspekten. Zentrale Chancen und Gefahren solcher Events werden im Abschnitt sieben erörtert und abschließend, unter Punkt acht, fünf Faktoren dargestellt, die eine positive Auswirkung von Events auf die missionarische Jugendarbeit sicherstellen oder zumindest intensiv fördern.

2 Jugendarbeit

Das Ziel dieses Kapitels ist die Darstellung der Entwicklung und verschiedener Begründungen für die aktuelle Jugendarbeit und ihre jetzige Form. Dazu soll zuerst die Entstehung der Jugendphase betrachtet werden, um dann auf die Anfänge der kirchlichen Jugendarbeit bis hin zu ihrer festen Etablierung innerhalb der Gemeinden und ihre aktuelle Ausprägung einzugehen. Anschließend wird eine soziologische Begründung für Jugendarbeit gegeben, in deren Zentrum die Jugendphase mit ihren besonderen Entwicklungsbereichen steht. Die Herstellung einer Verbindung zur Jugendarbeit erfolgt im nächsten Abschnitt. Des Weiteren sollen zwei verschiedene Ansätze innerhalb der Religionspsychologie und die Bedeutung einer Jugendgruppe in diesem Zusammenhang beleuchtet werden. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels legt den Schwerpunkt auf die biblische Konnotation zur Jugendarbeit.

2.1 Geschichtliche Entwicklung der Jugendarbeit als Gruppe innerhalb der Gemeinde

2.1.1 Entdeckung der Jugend als eigenständige Phase im Prozess des Erwachsenwerdens

In früheren und heutigen Kulturen außerhalb des westlichen Abendlandes, gab und gibt es Initiationsriten, teilweise auch Pubertätsriten genannt, die den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter kennzeichneten.[2] Die Phase der Jugend wurde lange Zeit nicht als eigener zeitlicher Abschnitt definiert, sondern nur eine Differenzierung zwischen Kind und Erwachsenem[3] vorgenommen. Damit stellt sich die Jugendphase als „ein gesellschaftliches und kulturgeschichtliches Phänomen“[4] dar. Laut Affolderbach ist „Jugend […] keine natürliche Phase individueller menschlicher Entwicklung, sondern eine historisch und gesellschaftlich bedingte Verhaltensform, die vor allem als ein Ergebnis der abendländischen Kulturgeschichte und in deren Folge der Herausbildung der modernen Industriegesellschaft anzusehen ist.“[5] In dem Erziehungsbuch „Emile“ von Rousseau aus dem Jahr 1762 findet sich der Begriff der Jugend zum ersten Mal für eine „eigenständige Lebensphase“[6], in Abgrenzung zur Kindheit und zum Erwachsenenalter, verwendet. Daraus entwickelte sich in der Deutschen Aufklärung folgendes Erziehungsleitbild: „Die Jugendphase wird zur Reifezeit erklärt und reklamiert damit für sich eine eigenständige Bedeutsamkeit.“[7]

Der Beginn der Jugendphase lässt sich noch relativ deutlich festlegen und zwar „mit der einsetzenden Pubertät zwischen 9 und 13 Jahren“[8]. Die damit beginnende Phase der Adoleszenz, ist „die Zeit, die junge Menschen brauchen, um sich mit der durch den pubertären Umbruch ausgelösten Situation psychisch zu arrangieren, um den neuen Körper ‚bewohnen‘ zu lernen und um sich ihren jeweiligen Platz in der Gesellschaft zu suchen“[9]. Soziale Errungenschaften des letzten Jahrhunderts und die damit verbundenen besseren Bildungsmöglichkeiten sowie größere Chancengleichheit, Demokratisierung usw. führten zu einer Ausdehnung der Jugendphase.[10] Diese Ausdehnung wird von Barz und Schmid einerseits als „Vorverlagerung der Frühadoleszenz“ und andererseits als „Verlängerung und unklare Abgrenzung gegenüber dem Erwachsensein“ beschrieben.[11] Die Tendenz der immer früher einsetzenden Pubertät und die längere Dauer dieser Phase werden als Frühadoleszenz und Postadoleszenz beschrieben.

Hieraus ergibt sich ein weites Altersspektrum, welches je nach Person eine Jugendphase zwischen neun Jahren und Ende zwanzig umfasst.[12] Ein recht hilfreicher Versuch einer Unterteilung der Jugendphase in drei verschiedene Abschnitte findet sich bei Bernhard Schäfers, obwohl er in seiner Aufteilung von einem sehr späten Beginn der pubertären Phase ausgeht. Er unterscheidet zwischen

- „einer pubertären Phase (ca. 12-17 Jahre): Jugendliche im engeren Sinn;
- einer nachpubertären Phase (ca. 18-21 Jahre): die Heranwachsenden;
- der Phase nach dem Erreichen der vollen Rechtsmündigkeit bis zum Abschluss der Erstausbildung (21 Jahre bis ca. Ende des zweiten Lebensjahrzehnts): die jungen Erwachsenen.“[13]

In Anlehnung an Schröder und um den Begriff „Jugend“ noch schärfer fassen zu können, werden in dieser Arbeit mit der Bezeichnung „Jugend“ diejenigen Personen beschrieben, die sich innerhalb einer Altersspanne von ungefähr 12 bis 21 Jahren befinden.

2.1.2 Entwicklung der Jugendarbeit als fester Bestandteil der Gemeindearbeit

Die Entwicklung der Jugendarbeit als selbstständiger Bereich der Gemeindearbeit gründet auf der Herausbildung der Jugendphase als einer eigenständigen Phase. Seit den Anfängen der Gemeinde gehörten alle Generationen zur Gemeinde dazu, aber erst ab der Wahrnehmung der Jugendphase als ein eigener Abschnitt des Lebens, wurden auch gezielte Angebote für diese Zielgruppe geschaffen. Unter anderem beeinflusst durch die Erweckungsbewegung, lassen sich ab dem 19. Jahrhundert die Anfänge der evangelischen Jugendarbeit beobachten. Engagierte Christen gründeten „Missionsjünglingsvereine, Studentenbibelkreise und Kreise für Handwerker“[14]. Gleichzeitig wurden „Hilfsvereine für in Not geratene Jugendliche“[15] ins Leben gerufen. Für die Jugendarbeit, die vordergründig aus der Erweckungsbewegung kam, stand der missionarische Gedanke im Zentrum, für andere Gruppen der Jugendarbeit dagegen verstärkt eine diakonische Ausrichtung.[16] Diese beiden Pole der Orientierung der Arbeit finden sich bis heute als zentraler Unterschied verschiedener Zielsetzungen.[17] Getragen wurde die Jugendarbeit in ihren Anfängen vor allem durch ehrenamtlich tätige Christen, aber auch Pfarrer waren in diesem Bereich engagiert.[18] „1855 wird auf einer Weltkonferenz in Paris die sogenannte Pariser Basis des CVJM als einer gemeinde- und konfessionsübergreifenden Laienbewegung beschlossen.“[19] Im Jahr 1863 findet die erste Einrichtung einer Stelle für einen Jugendgeistlichen in Stuttgart statt, welche den Beginn des Deutschen evangelischen Jugendpfarramtes markiert.[20] Die besondere Aufgabe des Jugendgeistlichen Karl Neef war es, sich um die Betreuung der Lehrlinge zu kümmern. Zu diesem Zwecke eröffnete er im Jahr 1867 das erste evangelische Jugendhaus in Stuttgart.[21] Somit wurde der Jugendarbeit auch in personaler Hinsicht ein besonderer Schwerpunkt zugesprochen.[22] Spätestens ab diesem Zeitpunkt lässt sich die Jugendarbeit als fester Bestandteil der Gemeindearbeit sehen. Weitere Stationen in der Entwicklung der Jugendarbeit sollen hier nicht dargelegt werden, da sie den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. Zu nennen wären hier die Jugendbewegung, die Weimarer Republik und die Zentralisierung und Vereinnahmung der Jugendarbeit in Deutschland unter den Nationalsozialisten.

Die praktische Theologie verweist heute auf drei zentrale Handlungsfelder, in denen Jugendliche in Berührung mit der Kirche kommen. Zum einen im Religionsunterricht, zum zweiten im Konfirmandenunterricht bzw. Firmunterricht und außerdem in der kirchlichen Jugendarbeit.[23] Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird ausschließlich auf den Bereich der kirchlichen Jugendarbeit eingegangen.[24] Diese umfasst ein weites Spektrum, das sich im letzten Jahrhundert entwickelt hat. Dieses Spektrum soll im folgenden Abschnitt aufgezeigt werden, um dann ausführlicher auf die lokale kirchliche Jugendarbeit einzugehen.

2.1.3 Das Spektrum aktueller kirchlicher Jugendarbeit

Für Jugendliche finden sich kirchliche „Jugendzentren, Teestuben, Jugendwerkstätten, Bildungs- und jugendtouristische Angebote“[25]. Abhängig davon, in wie weit man von einer Postadoleszenz ausgeht, gehören auch die Militärseelsorge und die Studentengemeinden in eine klassische Einordnung von Jugendarbeit hinein.[26] Darüber hinaus sind eine große Anzahl von „Einrichtungen der Jugendsozialarbeit und der Jugendhilfe“[27] in kirchlicher Trägerschaft. Über die lokale Jugendarbeit von Kirchen oder anderen Trägern hinaus gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Netzwerken. Dazu gehören Verbindungen zu anderen Jugendarbeiten auf regionaler Ebene, Landesebene, nationaler und internationaler Ebene. Diese Netzwerke können denominationaler, konfessioneller oder ökumenischer Art oder auf ein bestimmtes Profil hin ausgerichtet sein.[28] Größere Netzwerke sind zum Beispiel der CVJM (Christlicher Verein Junger Menschen) mit nationaler und überkonfessioneller Ausrichtung und insgesamt ungefähr 45 Millionen Mitgliedern[29] oder die größte Arbeitsgemeinschaft für Jugendarbeit in Deutschland, die aej (Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland). Diese Arbeitsgemeinschaft sieht sich als Interessenvertreter von etwa 1,2 Millionen jungen Menschen.[30] Die verschiedenen Netzwerke wiederrum sind Träger von Events mit unterschiedlichen Ausrichtungen innerhalb der Jugendarbeit. Personell wird die kirchliche Jugendarbeit von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern mit unterschiedlichen „biblisch-theologischen, pädagogischen, sozialpädagogischen oder psychologischen Qualifikationen“[31] gestaltet. Auch das Amt des Jugendpastors ist ein nicht mehr weg zu denkender Bestandteil dieser Arbeit.[32]

Zusätzlich zur Trägerschaft beziehen sich weitere Unterschiede innerhalb der kirchlichen Jugendarbeit auf die Form und die Ausrichtung bzw. Zielsetzung. Die meist umgangssprachlich verwendeten Begriffe kirchliche Jugendarbeit oder christliche Jugendarbeit sind noch eher weit gefasste Bezeichnungen und konfessionell nicht determiniert. Andere Bezeichnungen, wie zum Beispiel evangelische Jugendarbeit, sind zwar konfessionell festgelegt, aber bezüglich der Trägerschaft offen und können dadurch Vereine und Verbände mit einschließen.[33] „Oftmals dienen Adjektive dazu, ein bestimmtes Konzept oder inhaltliche Profile herauszuheben.“[34] Hierzu zählen, unter anderem, die Bezeichnungen missionarische, evangelistische, offene, gemeindliche, ganzheitliche und ökumenische Jugendarbeit. Die Adjektive kann man nicht gegeneinander ausspielen und sie schließen sich auch nicht grundsätzlich gegenseitig aus. Eine Jugendarbeit kann sich zwar gemeindliche Jugendarbeit nennen, aber trotzdem offen und missionarisch ausgerichtet sein. Über die bewusst gewählte Ergänzung durch ein Adjektiv wird der grobe Schwerpunkt der Arbeit angedeutet. Oftmals wird dieser auch in Abgrenzung zu anderen Konzepten verwendet, um dadurch das eigene Profil deutlich zu machen. In diese Kategorie lässt sich die offene Jugendarbeit einordnen, die sich als Alternative zu einer exklusiven oder geschlossenen Jugendarbeit versteht, wobei sich letztere jedoch nicht offiziell so nennen würden. Was unter der Formulierung missionarische Jugendarbeit verstanden wird, soll in Kapitel 3 ausführlich dargelegt werden.

Insgesamt und unabhängig von der Ausrichtung und der Trägerschaft sieht die aej fünf unterschiedliche Grundformen von Jugendarbeit in Deutschland.[35] Diese Grundformen sollen an dieser Stelle kurz dargelegt werden, um den recht allgemeinen Begriff Jugendarbeit noch genauer fassen zu können. Sie lassen sich nicht strikt voneinander abgrenzen und gehen teilweise auch flüssig ineinander über, geben jedoch eine gewisse Orientierung und einen Überblick darüber, welche Formen es in der Jugendarbeit gibt.

Die Grundform der Gruppenarbeit beschreibt eine feste Gruppe von ungefähr gleichaltrigen Jugendlichen mit gemeinsamen Interessen, die sich regelmäßig treffen.[36] Zentrale Elemente sind eine verlässliche Gemeinschaft mit Entfaltungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten.[37]

Im Gegensatz dazu steht die Offene Jugendarbeit, deren Angebot auf diejenigen Jugendlichen ausgerichtet ist, die mit einer klassischen Gruppenarbeit nicht angesprochen werden. Der zentrale Grundwert ist hierbei die Niederschwelligkeit der Veranstaltungen für Jugendliche.[38] Mike Corsa und Michael Freitag beschreiben dies im Folgenden noch genauer: „Sie kann als eine Form der sozialen Arbeit für Jugendliche in besonders prekären Lebenslagen konzipiert sein, als offene Freizeit- und Bildungsangebote für unterschiedliche Milieus und Bildungsgrade (Jugendzentren und Jugendclubs) oder auch als explizit religiös-missionarisches Angebot (z.B. Jugendkirchen, missionarische Coffee-Shops).“[39]

Jugendgottesdienste sind speziell auf die Bedürfnisse und die Kultur der Jugend ausgerichtete Gottesdienste. Sie stellen eine Reaktion auf die Feststellung dar, dass ein Großteil der Jugend nicht durch die traditionellen Sonntagsgottesdienste angesprochen wird und diese auch weniger besucht.[40] Die Formen reichen von ruhigen, meditativen Taizé-Gottesdiensten bis hin zu lauten, flippigen, rockigen Gottesdiensten, in denen die Predigt gerappt wird.[41] Häufige Grundelemente sind eine angenehme Atmosphäre mit spaßigen Elementen, die aktive Mitarbeit von Jugendlichen selbst und eine auf die Zielgruppe zugeschnittene Predigt.[42]

Des Weiteren bilden „Großveranstaltungen; Festivals und Events […] eine zunehmend attraktive und darum wichtige Veranstaltungsform der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit“[43]. Auf die Grundform des Events soll an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen werden, da sie in Kapitel 5 ausführlich dargelegt wird.

Ein neuer Trend in der Jugendarbeit, welcher im besonderem von der EKD und aej sehr hoffnungsvoll[44] begleitet und unterstützt wird, ist die Gründung von Jugendkirchen. Darüber, was man unter eine Jugendkirche zu verstehen hat und wie diese sich wiederum voneinander unterscheiden, gibt es verschiedene Ansichten.[45] Einen für diese Arbeit hilfreichen Versuch der Differenzierung bietet David Schäfer. Er unterscheidet zwischen Jugendkirche als Tochtergemeinde, Jugendkirche als Jugendarbeit innerhalb der Gemeinde und Jugendkirche als Gemeinde.[46] Noch relativ scharf lassen sich Jugendkirchen als eigene Gemeinden oder Tochtergemeinden[47] in starker Distanz und Eigenständigkeit zu anderen Gemeinden oder der Muttergemeinde abgrenzen, obwohl auch in dieser Dreiteilung der Jugendkirchen die Grenze zwischen Jugendkirche als Tochtergemeinde und Jugendarbeit innerhalb der Gemeinde recht schwammig ist. Der genaue Punkt, ab wann von einer Jugendarbeit oder Jugendkirche innerhalb einer Gemeinde gesprochen wird, ist jedoch noch weniger klar definiert. Wo man in einigen Gemeinden die Jugendarbeit als Jugendkirche bezeichnet, wird eine vergleichbare Arbeit in einer anderen Gemeinde mit der Überschrift „Jugendarbeit mit eigenem Profil“[48] benannt. Häufige Elemente für Jugendkirchen oder Jugendarbeiten innerhalb einer Gemeinde sind regelmäßige[49] Jugendgottesdienste, die zusätzlich zum Gesamtgottesdienst stattfinden, eine Kleingruppenstruktur und weitere Veranstaltungen, die auf das Altersspektrum von Jugendlichen ausgerichtet sind.[50] Insgesamt lässt sich festhalten, dass Jugendarbeiten, die mehrere Formen der Jugendarbeit in sich vereinen, im Besonderen die des regelmäßigen Jugendgottesdienstes, immer mehr als Jugendkirchen bezeichnet oder als solche angesehen werden, obwohl sie sich bewusst oder unbewusst nicht so nennen.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird jedoch der Begriff Jugendarbeit und nicht Jugendkirche verwendet, weil so stärker die Bindung an die Gesamtgemeinde deutlich wird, auch wenn diese sie möglicherweise als Jugendkirche bezeichnen würde. In dieser Arbeit wird eine Jugendarbeit betrachtet, die mehrere der oben dargelegten Formen in sich vereint und nicht nur ausschließlich in Form von Gruppenarbeit existiert. Ihre Hauptkriterien sind, dass sie zu einer lokalen Gemeinde gehört, regelmäßige (wöchentliche) Treffen stattfinden und darüber hinaus „besondere“ Veranstaltungen organisiert werden, wie zum Beispiel Events, Gottesdienste, Freizeiten oder kleinere Aktionen. Nur der Teil von Jugendarbeiten wird in dieser Arbeit dargelegt, der Events im Rahmen seiner Arbeit besucht, mitgestaltet oder selbst veranstaltet. Eine weitere Eingrenzung des Begriffs Jugendarbeit soll im Abschnitt 3 dargelegt werden, in welchem speziell die missionarische Ausrichtung näher betrachtet wird.

2.2 Soziologische Begründung für Jugendarbeit

Die Jugendphase wird als eine besonders prägende Lebensphase erachtet, in der sich die Jugendlichen mit mehreren Fragen und sogenannten „Entwicklungsaufgaben“ auseinandersetzen müssen, um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.[51] Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen, nach Achim Schröder, vier Grundbereiche:[52]

1. Ablösung von der Familie und Hinwendung zu den Peers
2. Liebesfähigkeit und Sexualität - über den Unterschied zwischen Wissen und Fühlen
3. Arbeitsfähigkeit - Chancen zu einer eigenständigen Lebensführung
4. Umgang mit Widersprüchen im Selbst

Ausgehend von diesen vier Bereichen sollen exemplarisch die Chancen aufgezeigt werden, die die Jugendarbeit den Jugendlichen bieten kann, um sie in diesem Entwicklungsprozess unterstützend zu begleiten. Als erstes lässt sich hier auf die Ablösung vom Elternhaus verweisen. Im Vordergrund steht dabei das Bestreben nach Eigenständigkeit, welches, laut Schröder, vor allem im sexuellen Reifen und dem Verlangen, die Sexualität auszuleben, begründet sei.[53] Im Zusammenhang damit findet auf der einen Seite eine Distanzierung von den Eltern und auf der anderen Seite eine Hinwendung zu einer Gruppe von Gleichaltrigen (Peergroups) statt. „In der Peergroup fühlen sie sich am ehesten aufgehoben und verstanden.“[54] Jugendarbeiten können daher einen Raum bieten, der nicht zum Wirkungsbereich der Eltern gehört und somit die in dieser Phase gewünschte Möglichkeit der Distanz zu diesen schafft.[55] In solchen Räumen können Jugendliche außerdem passende Peergroups für sich finden. „Die Jugendarbeit sollte die Bedeutung der Peers ernst nehmen, an den Cliquen ansetzen, Gleichaltrigenleben ermöglichen und zugleich Neues und Erweiterndes bieten.“[56] Darüber hinaus besteht die Chance, durch eine hinterfragende Art und Weise neue Impulse zu setzen, um eine bewusste Auseinandersetzung mit den Prozessen in dieser Lebensphase zu fördern. Da, wo Jugendliche Vertrauen in die Arbeit und die beteiligten Personen haben, können zentrale Themen gemeinsam angesprochen und diskutiert werden, um so zu einer eigenen Meinung zu kommen. Wie oben dargelegt, gehören zu diesen Themen die Beziehung zu Eltern und Freunden, die eigene Sexualität und die umfassende Frage, wie man sein Leben überhaupt führen möchte. Auch das Erlernen von Verhaltensweisen, wie man mit Wiedersprüchen, Spannungen und Ambivalenzen im eigenen Leben oder dem von anderen umgehen kann, nimmt hier eine übergeordnete Rolle ein.[57] Gerade für diese positive Auseinandersetzung bieten Jugendarbeiten einen geeigneten Ort, an dem unterschiedlich geprägte Jugendliche in Interaktion miteinander kommen, ohne dass, wie in der Schule oftmals, der Leistungsgedanke dominiert. Weil der Besuch solcher Jugendarbeitsangebote, im Gegensatz zur Schule, „unter der Bedingung radikaler Freiwilligkeit der Teilnahme“[58] geschieht, ist hier eine vollkommen andere Grundlage für persönliche Themen gegeben. Außerdem besteht eher die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten auszuprobieren und bei den Aktionen mitzuhelfen.

Zusätzlich zur soziologischen Begründung für Jugendarbeit soll diese auch in ihrer Verbindung mit der religionspsychologischen Bedeutung der Jugendphase für den Glauben betrachtet werden. In diesem Zusammenhang liegt der Schwerpunkt auf zwei Theorieansätzen der religiösen Entwicklung von Jugendlichen. Der lebenszyklisch-identitätstheoretische Ansatz steht in enger Verbindung mit dem Prozess der Ablösung der Jugendlichen von ihren Eltern, während dessen sie auch ihren persönlichen Glauben überprüfen.[59] Dieser scheint, ausgehend von der Beobachtung, dass Jugendliche von „etwa 12 bis ca. 18/20 Jahren fast ausnahmslos der gleichen Religionsgemeinschaft“[60] angehören wie ihre Eltern, bis zu diesem Zeitpunkt von den Eltern übernommen worden zu sein. In diesem Ansatz steht demnach die Ablösung von den Eltern und ihrem Glauben im Fokus. Hieraus kann dann eine eigene Identitäts- und Sinnfindung geschehen.[61] In Abgrenzung dazu, gehen die Religionspsychologischen Stufentheorien von zwei Übergängen aus, und zwar „im frühen Jugendalter vom ‚mythisch-wörtlichen‘ zum ‚synthetisch-konventionellen‘ Glauben und im späten Jugendalter zu einem ‚krit.-reflektierenden‘ Glauben“[62]. Bei dem ersten Übergang, der Loslösung vom Kindheitsglauben, orientieren sich Jugendliche vor allem „an den Überzeugungen einer Gruppe (oft der Gleichaltrigen), der sie zugehören (wollen)“[63]. Gerade in Bezug auf diesen Ansatz kann der Jugendarbeit eine besondere Bedeutung zugerechnet werden. Sie gibt in dieser ersten Übergangsphase, der Weiterentwicklung des kindlichen Glaubens, eine Orientierung, wie ein persönlicher Glaube aussehen kann. Aber auch der zweite Übergang, hin zum kritischen und reflektierten Glauben, in welchem das Bedürfnis nach Orientierung an einer Gruppe etwas zurücktritt und der eigene, autonome Glaube in den Fokus rückt, sollte theologisch kompetent begleitet werden.[64]

[...]


[1] Hitzler 93.

[2] Vgl. Schröder 91.

[3] Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit jeweils nur die weibliche oder männliche Form genannt, die jeweils das andere Geschlecht mit einbezieht.

[4] Affolderbach, Jugend 409.

[5] Ebd.

[6] Schwab, Jugend 650.

[7] Ebd.

[8] Schröder 90.

[9] AaO 91.

[10] Vgl. Litau 23.

[11] Barz 34-35.

[12] Manche Forscher gehen daher auch von einer Auflösung der Jugendphase aus. Vgl. Schröder 90.

[13] Schäfers 24.

[14] Affolderbach, Jugendvereinigungen 684.

[15] AaO 684-685.

[16] Vgl. aaO 685.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Schwab, Jugendpfarrer 672.

[19] Affolderbach, Jugend 417.

[20] Vgl. Schwab, Jugendpfarrer 672.

[21] Vgl. ebd.

[22] Dagegen sieht Affolderbach erst nach der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert, dass „die Kirche allmählich ihre Verantwortung für die Jugend“ erkannte. Affolderbach, Jugend 416.

[23] Vgl. Bucher 655.

[24] Diese Eingrenzung geschieht in dem Bewusstsein, dass auch im Konfirmandenunterricht/Firmunterricht neue Methoden, wie zum Beispiel Freizeiten, Kurssysteme, besondere Veranstaltungen etc. übernommen worden. Vgl. Affolderbach, Jugend 414. Gerade die Freizeiten des Konfirmandenunterrichts könnten auch in den Bereich der Events fallen, werden aber im Rahmen dieser Arbeit nicht erörtert.

[25] Affolderbach, Jugend 414.

[26] Vgl. ebd.

[27] Ebd.

[28] Vgl. Affolderbach, Jugend 416.

[29] Vgl. CVJM, www.cvjm.de.

[30] Vgl. aej, www.evangelische-jugend.de.

[31] Affolderbach, Jugend 416.

[32] Vgl. Schwab, Jugendpfarrer 673.

[33] Vgl. Affolderbach, Jugend 416.

[34] Ebd.

[35] Vgl. Grundformen, www.evangelische-jugend.de.

[36] Vgl. Fauser 17.

[37] Vgl. Gruppenarbeit, www.evangelische-jugend.de.

[38] Vgl. Kinder- und Jugendarbeit, www.evangelische-jugend.de.

[39] Corsa 1.

[40] Vgl. Wiggermann 668-669; Gottesdienst , www.evangelische-jugend.de.

[41] Vgl. Reinhardt, www.pz-news.de.

[42] Vgl. Fields, Jugendarbeit 111.

[43] Events, www.evangelische-jugend.de.

[44] Vgl. Krebs 153-154. Reinhold Krebs steht jedoch dieser Beurteilung der Form der Jugendkirchen als „Zauberwort“ kritisch gegenüber und verweist auf die aktuellen 54 evangelischen Jugendkirchen. „Nimmt man diese Gruppe durch eine Online-Recherche unter die Lupe, ergibt sich ein ernüchterndes Bild.“ Krebs 154. Die aej spricht hingegen von einer Erfolgsbilanz. Freitag, Jugendkirchen 1.

[45] Vgl. Schäfer 13-14. Michael Freitag unterscheidet sechs verschiedene Typen von Jugendkirchen. Vgl. Freitag, Immer anders 3-6. Krebs sieht einen wichtigen Unterschied zwischen Jugendkirchen und Jugendgemeinden. Vgl. Krebs 155-156

[46] Vgl. Schäfer 13-15.

[47] Dagegen versteht Freitag unter Jugendkirchen als Tochtergemeinde ein größeres Spektrum, welches auch Jugendkirchen als Teil der Gemeinde mit einbezieht. Vgl. Freitag, Innovation 64-65.

[48] Schäfer 14.

[49] Schäfer verweist schon bei Veranstaltungen, die nur alle drei Monate oder sogar monatlich stattfinden auf die starke Tendenz zur Jugendkirche als Tochtergemeinde. Vgl. Schäfer 13.

[50] Vgl. Freitag, Innovation 65; Schäfer 13.

[51] Vgl. Schröder 92. Ergänzend sei hier auf Affolderbach verwiesen, der sogar von einer Ausdehnung dieser Entwicklungsaufgaben auf das gesamte Leben ausgeht. „Angesichts der beschleunigten gesellschaftlichen Veränderungen ist die Suche nach Orientierung und Selbstvergewisserung eine Aufgabe, die heute von fast jeder Altersstufe jeweils neu zu leisten ist.“ Affolderbach, Jugend 413.

[52] Schröder 92-94.

[53] Vgl. aaO 93.

[54] Ebd.

[55] Vgl. Schröder 95.

[56] Schröder 95.

[57] Vgl. aaO 94.

[58] Fromme 139.

[59] Vgl. Schweitzer 675.

[60] Schäfers 120.

[61] Vgl. Schweitzer 675.

[62] Ebd.

[63] Ebd.

[64] Vgl. Schweitzer 676.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Das „Event“ im Kontext der missionarischen Jugendarbeit
Hochschule
Theologisches Seminar Elstal
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
82
Katalognummer
V212017
ISBN (eBook)
9783656396741
ISBN (Buch)
9783656396949
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
event, kontext, jugendarbeit
Arbeit zitieren
Jonas Schilke (Autor), 2012, Das „Event“ im Kontext der missionarischen Jugendarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212017

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