Einen Entwurf für einen Raum zu erstellen, wird oftmals als dasselbe betrachtet, wie ein Kunstwerk zu erschaffen: Aus Kreativität und Schöpfergeist entsteht die ideale Lösung für einen Raum. Das Wort „Theorie“ hingegen fundiert auf wissenschaftlicher Präzision und Genauigkeit, was mit dem künstlerischen Freigeist wenig zu tun hat. Diese beiden Worte zu einem zu verbinden, ist somit ein Paradoxon: Ein Wiederspruch in sich selbst.
Nun bleibt aber dem Menschen nur die Analyse des gesamten Phänomens „Entwerfen“, um sein eigenes Wissen zu überprüfen oder weiterzugeben. Einzelne Facetten des Entwurfes und der Entwurfsziele werden im Folgenden anhand eines Beispiels untersucht. Hieraus bilden sich die Fundamente einer erweiterbaren Entwurfstheorie für städtische Plätze, welche immer unter der
Prämisse betrachtet werden soll, dass das Ganze immer mehr ist, als nur die Summe seiner Teile.
Schouwburgplein in Rotterdam, Büro West 8
Mit der Stadt Rotterdam als Bauherren entwarf das Büro West 8 im Jahr 1996 den „Schouwburgplein“, den Theaterplatz von Rotterdam (vgl. K. Brummel 1997, 55ff). Nach zahlreichen ungenügenden Vorschlägen zur Umgestaltung war es die Idee von West 8 an diesem Hauptplatz der Stadt ein Szenario der Leere zu entwickeln. Im Groben besteht der Platz aus einer um 35 cm gegenüber des
umliegenden Niveaus erhöhten freien Fläche welche den Eindruck eines schwebenden Podiums vermitteln soll. Dadurch gewinnt der Ort an Weite und wirkt in einer beeindruckenden Dimension,welche an Monumentalität grenzt. Auf allen vier Seiten seiner regelmäßigen Rechtecksform wird der Ort von Gebäudekanten gefasst. Intention des Büros West 8 war es, auf diesem Platz vor dem Musiktheater „De Doelen“ die Weite, Erhöhung und den Ausblick einer Theaterbühne zu erschaffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Entwurfstheorie
1. Schouwburgplein in Rotterdam, Büro West 8
2. Entwurfstheorie – Facetten des Entwerfens
2.1. Freiraum als Entwurfsgegenstand
2.2. Geschichte / Historie / Identität
2.3. Kontext
2.4. Funktionaler Raum / Sozialer Raum – Der Mensch als Entwurfs-Facette
2.5. Ästhetik und Formfindung
2.6. Individualität, Handschrift, Stil
3. Wissenschaft Entwerfen – Definition, Anforderungen, Ziele
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine erweiterbare Entwurfstheorie für städtische Plätze zu entwickeln, indem sie das Phänomen des "Entwerfens" analysiert und Facetten wie Kontext, Ästhetik und Funktion anhand des Fallbeispiels Schouwburgplein in Rotterdam untersucht.
- Analyse des Entwerfens als wissenschaftliches und gestalterisches Phänomen
- Bedeutung von Kontext, Historie und sozialem Raum für die Stadtplatzgestaltung
- Einfluss von Ästhetik, Formfindung und moderner Entwurfsstrategien
- Interaktion zwischen Mensch und öffentlichem Raum (Stadtbühne)
- Rolle der Individualität und Handschrift des Planers im Entwurfsprozess
Auszug aus dem Buch
Entwurfstheorie – Facetten des Entwerfens
Laut der Heisenbergschen Unschärferelation ist es unmöglich, bestimmte komplementäre Eigenschaften von Materie gleichzeitig zu bestimmen (vgl. K.B. Volk 2002, 14). Je nach Position des Betrachters rücken subatomare Teile der Materie in den Vordergrund und andere in den Hintergrund. Sie erscheinen als Teilchen oder Wellen und beherbergen in sich eine Doppelnatur: Je mehr ein Aspekt hervortritt, desto unschärfer wird ein anderer Aspekt. Die Beziehungen der Aspekte untereinander, wird durch die Heisenbergsche Unschärferelation beschrieben. Das von Heisenberg untersuchte Phänomen äußert sich auch in der Landschaftsarchitektur. Werden beispielsweise die Historie, die Kunst, die Soziologie, die Ökologie, die Ästhetik u.a. als „subatomare Aspekte“ eines Entwurfs betrachtet, findet sich hier die selbe Relation: Die subatomaren Teile stehen in Beziehung zueinander. Je mehr ein Entwurf sich auf einen dieser Punkte konzentriert, desto mehr treten die anderen Aspekte in den Hintergrund. Die starke Dominanz eines Aspektes kann zwar zu einem starken und stringentem Ergebnis führen, doch meist führt der Wiederstreit der wichtigen Aspekte eher zu einer Ratlosigkeit auf Seiten des Architekten. Ein Patentrezept des Entwurfs ist zwar nicht vorhanden, dennoch gibt es einzelne Facetten welche jeden Entwurf beeinflussen.
Als größte und wichtigste Facette des Entwerfens ist die klare Linie und Stringenz des Entwurfsergebnisses anzustreben. Das Thema eines Stadtplatzes in Rotterdam schließt es aus, beim Entwurf an die Anlage einer Moorlandschaft zu denken. Die Architekten von West 8 gingen aber weniger nach einem Ausschlussprinzip, als nach dem „Zielprinzip“ vor. Die Frage die sich bei jedem Entwurf stellt ist: Worauf will ich hinaus – wo will ich ankommen? Aus dieser Frage ergibt sich zwangsläufig die Ableitung eines Themas. Im Fall des Schouwburgplein wurde das Grundmotiv der Stadtbühne entwickelt. Diesem Thema werden alle anderen Facetten und Bestandteile des Entwurfes untergeordnet: Allein durch diese Tatsache gewinnt der Entwurf an Stärke, Schlüssigkeit und an Lesbarkeit für den Betrachter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung Entwurfstheorie: Die Einleitung kontrastiert den künstlerischen Schöpfergeist mit der wissenschaftlichen Theorie und führt das Phänomen "Entwerfen" als untersuchungswürdiges Thema ein.
1. Schouwburgplein in Rotterdam, Büro West 8: Anhand des Projekts Schouwburgplein von West 8 wird die konzeptionelle Idee der "Stadtbühne" und deren Gestaltungselemente vorgestellt.
2. Entwurfstheorie – Facetten des Entwerfens: Dieses Kapitel erläutert theoretische Parameter des Entwerfens, wie Freiraumbetrachtung, Identität, Kontext, soziale Funktionen und Ästhetik.
2.1. Freiraum als Entwurfsgegenstand: Fokus auf die hierarchische Gliederung von Raum durch Grenzen und Elemente sowie die Wirkung auf den Nutzer.
2.2. Geschichte / Historie / Identität: Diskussion über den Umgang mit historischem Erbe als Inspiration für die Identitätsbildung moderner Plätze.
2.3. Kontext: Analyse des Einflusses der Umgebung, atmosphärischer Gegebenheiten und Verbindungen auf den Entwurfsprozess.
2.4. Funktionaler Raum / Sozialer Raum – Der Mensch als Entwurfs-Facette: Untersuchung, wie infrastrukturelle und soziologische Faktoren das Verhalten im öffentlichen Raum prägen.
2.5. Ästhetik und Formfindung: Gegenüberstellung von Schönheit und Ästhetik sowie Analyse moderner Formensprache und Reduktionsstrategien (z.B. "less is more").
2.6. Individualität, Handschrift, Stil: Betrachtung des Entwerfens als Prozess, der durch die Handschrift des Planers und die Eigenarten des Ortes bestimmt wird.
3. Wissenschaft Entwerfen – Definition, Anforderungen, Ziele: Abschließende Reflexion darüber, inwiefern Entwerfen als wissenschaftliches Vorgehen betrachtet werden kann und warum eine allgemeingültige Theorie aufgrund der Subjektivität des Entwerfenden kaum möglich ist.
Schlüsselwörter
Entwurfstheorie, Landschaftsarchitektur, Schouwburgplein, West 8, Stadtplatz, Stadtbühne, Freiraum, Kontext, Ästhetik, Formfindung, Raumgestaltung, Urbanität, Entwurfsprozess, Identität, Heisenbergsche Unschärferelation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung einer Entwurfstheorie im Bereich der Landschaftsarchitektur, indem sie theoretische Ansätze mit praktischen Entwurfsprozessen verknüpft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Analyse von Raumstrukturen, die Integration von Geschichte und Kontext, sowie die wissenschaftliche Fundierung des Entwerfens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Grundlagen einer erweiterbaren Entwurfstheorie für städtische Plätze zu erarbeiten, wobei das Ganze als mehr als die Summe seiner Teile betrachtet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse eines Fallbeispiels (Schouwburgplein in Rotterdam) kombiniert mit theoretischen Referenzen (u.a. Heisenbergsche Unschärferelation, Architekturtheorien von Loos und Mies van der Rohe).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Facetten des Entwerfens, darunter Raumhierarchien, soziale Raumbildung, ästhetische Formfindung und die Rolle der Planer-Individualität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Stadtbühne, Entwurfstheorie, Raumkontext und die Synthese aus Kunst und Wissenschaft beschreiben.
Warum wird die Heisenbergsche Unschärferelation auf die Landschaftsarchitektur angewandt?
Der Autor nutzt sie als Analogie, um zu verdeutlichen, dass bei einem Entwurf die Fokussierung auf bestimmte Aspekte (wie Historie oder Ästhetik) zwangsläufig andere Aspekte in den Hintergrund treten lässt.
Wie definiert der Autor das Konzept des "Schouwburgplein"?
Der Platz wird als eine "Stadtbühne" verstanden, die durch Leere, gezielte Lichtgestaltung und eine klare Materialität den Nutzern Raum zur freien Bespielung und Entdeckung bietet.
Kann man Entwerfen als eine objektive Wissenschaft bezeichnen?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der untrennbaren Verknüpfung von Beobachter (Planer) und Beobachtetem (Entwurf) keine objektiv allgemeingültige Theorie möglich ist.
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- Dipl.-Ing. Sarah Wiesner (Author), 2008, Entwurfstheorie Landschaftsarchitektur: Der Schouwburgplein in Rotterdam, Büro West 8, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212042