Sowjetische und westliche Industriegesellschaft bei Herbert Marcuse: Zwei Seiten derselben Medaille

Eine Spurensuche


Hausarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsstand

2 Analyse der sowjetischen Gesellschaft
2.1 Der Kommunismus und seine anomalen Existenzbedingungen
2.2 „Neue Rationalität“ und innere Widersprüche des Sowjetstaats
2.3 Perspektiven einer sozialistischen Demokratie in der UdSSR

3 Analyse der westlichen Gesellschaft
3.1 Die Sphären der „falschen“ Freiheit
3.2 Die Ohnmacht der Opposition
3.3 Verewigungstendenzen des Systems

4 Vergleich
4.1 Frappierende Gemeinsamkeiten
4.2 Entscheidende Unterschiede
4.3 Auswege? – Prognosen zur gesellschaftlichen Entwicklung S

5 Kritik

6 Schlussbetrachtung
6.1 Fazit
6.2 Ausblick

7 Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Wie kein zweiter Vertreter der Kritischen Theorie vermochte Herbert Marcuse (1898-1979) zu polarisieren: Während seine Anhängerschaft, vornehmlich die akademische Jugend in den USA und Westdeutschland, ihn bewunderte und als Mentor der studentischen 68er Bewegung vereinnahmte, war er bei seinen Kritikern mehr als umstritten. Und selbst enge Freunde oder Weggefährten fanden immer wieder Reibungspunkte bzw. sahen sich gezwungen, Marcuses oft missverstandene Gesellschaftsdiagnosen zu erklären, mitunter auch zu relativieren. Viele seiner Gegner nahmen ihren Hauptanstoß daran, dass der unkonventionelle Querdenker durch seine Thesen zur Ikone des geistigen Widerstands wurde – und das ausgerechnet gegen eine für ihre Begriffe in nie da gewesenem Maße freiheitliche Gesellschaft.

Geleitet von der Grundannahme, dass Marcuse den „Befund einer totalitären Technokratie [...] für die kapitalistische und sozialistische Industriegesellschaft gleichermaßen konstatiert“[1], ist es das Anliegen dieser Arbeit, die Bilder nachzuzeichnen, die Marcuse von der sowjetischen Gesellschaft auf der einen und den westlichen Gesellschaften auf der anderen Seite entwirft, um faktische wie tendenzielle Gemeinsamkeiten herauszustellen. Im Mittelpunkt der stark textorientierten Untersuchung und jeweils stellvertretend für die Analyse eines der beiden weltweit vorherrschenden Gesellschaftssysteme in den 1950er/1960er Jahren stehen „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“[2] sowie „Der eindimensionale Mensch“[3], deren englischsprachige Erstauflagen 1957 bzw. 1964 publiziert wurden.

Die konkrete Fragestellung lautet: Inwiefern zeigt Marcuse Analogien oder Parallelen hinsichtlich totalitärer Tendenzen in der historischen Wirklichkeit, Ausgestaltung und Fortentwicklung der von ihm untersuchten Gesellschaftssysteme auf? Wie begründet er diese? Und reichen seine Befunde aus, um sowjetischen Kommunismus und westlichen Kapitalismus trotz ihrer antagonistischen Ausrichtung tatsächlich als „zwei Seiten derselben Medaille“ zu charakterisieren?

1.2 Aufbau

Nach einer kurzen Darstellung des Forschungsstandes bilden die von Marcuse jeweils in Form einer Ideologiekritik angestellten Betrachtungen der gesellschaftlichen Grundlagen und Entwicklungstendenzen von Sowjetkommunismus und westlichem Kapitalismus den ersten inhaltlichen Schwerpunkt. In Kapitel 2 (Analyse der sowjetischen Gesellschaft) liegt der Fokus zunächst auf dem sowjetischen Marxismus, dessen Selbstverständnis eine „neue Rationalität“ hervorbringt, welche den dialektischen Widersprüchen innerhalb des Sowjetstaates mithilfe repressiver Maßnahmen zu begegnen versucht. Im Anschluss daran widmet sich Kapitel 3 (Analyse der westlichen Gesellschaft) der fortgeschrittenen Industriegesellschaft in der „freien“ Welt, die – so meint Marcuse – aufgrund ihrer Eindimensionalität neue Sphären der Unfreiheit bildet, diese verewigt und jegliche Opposition erfolgreich zu neutralisieren scheint.

Auf Grundlage der vorangegangenen Ausführungen wird in Kapitel 4 anhand verschiedener Kriterien ein Vergleich der von Marcuse skizzierten Gesellschaftsbilder unternommen. In diesem Zusammenhang und in Hinblick auf die Fragestellung ist das Herausstellen der Gemeinsamkeiten – bei gleichzeitiger Sensibilität für grundlegende Unterschiede! – von zentraler Bedeutung. Weiterhin sollen allgemeine Probleme sowie die von Marcuse angedachten Auswege thematisiert werden.

Kapitel 5 bietet Raum, um die von Marcuse hervorgebrachten Thesen kritisch zu reflektieren. Dabei werden die wesentlichen (Gegen)Argumente anderer Autoren einer Überprüfung unterzogen und mit den selbst erarbeiteten Erkenntnissen abgeglichen. Dies erscheint insofern sinnvoll, als dass auf diesem Wege eine möglichst große Objektivität in der Würdigung Marcuses erreichbar ist.

Schließlich fasst die Schlussbetrachtung die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal in kompakter Form zusammen und endet mit einem Ausblick auf offene beziehungsweise weiterführende Fragestellungen, die im Rahmen künftiger Abhandlungen aufgegriffen werden könnten.

1.3 Forschungsstand

Im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte sind zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erschienen, die das Leben und Werk von Herbert Marcuse aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten und damit eine große Bandbreite von Interpretationen, Meinungen und Wertungen anbieten. Eine übersichtliche Einführung, die den persönlichen Werdegang Marcuses mit seiner Theorieentwicklung verknüpft und anschaulich darstellt, liefern Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch.[4] Tim B. Müller beleuchtet in der 2010 veröffentlichten Arbeit „Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg“[5] die bis dato wenig erforschte Zeit des 1933 emigrierten Wissenschaftlers im US-amerikanischen Staatsdienst, welche einen erheblichen Einfluss auf sein Denken und die Ausbildung der vielzitierten Protesthaltung hatte.

Eine relativ große Gruppe von Schriften kann im weitesten Sinne als „Kritik“ an Marcuse verbucht werden. So lässt sich beispielsweise der 1968 von Jürgen Habermas herausgegebene Sammelband „Antworten auf Herbert Marcuse“[6] in diese Kategorie einordnen, und bietet dennoch – oder gerade deshalb – interessante Anregungen bzw. Impulse für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dessen Theorien.

Jeweils als Verteidiger eines der beiden von Marcuse kritisierten Gesellschaftssysteme seien stellvertretend Robert Steigerwald und Eckhard Jesse genannt. Ersterer ergreift in „Herbert Marcuses ‚dritter Weg’“[7] Partei für den Sowjetkommunismus und verurteilt jegliches Denken, welches dessen historische Wahrheit in Frage stellt. Letzterer tritt in der Tradition des klassischen totalitarismustheoretischen Denkens konsequent für den demokratischen Verfassungsstaat nach westlichem Muster ein.[8] Beiden gemein ist die erkenntnisreiche, zum Teil jedoch verunglimpfende Kritik an Marcuse.

Arbeiten, die sich inhaltlich konkret mit der oben aufgeworfenen Fragestellung auseinandersetzen, sind nicht bekannt und wurden trotz intensiver Literaturrecherche nicht gefunden.

2 Analyse der sowjetischen Gesellschaft

2.1 Der Kommunismus und seine anomalen Existenzbedingungen

Obgleich „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“ heute nur Kennern ein Begriff sein dürfte, gewährt dieses Werk bemerkenswerte, vielleicht sogar entscheidende Einblicke in die Gedankenwelt von Herbert Marcuse, der dazu „selbst erklärte, er habe sich von der ‚Ideologie des Kaltes Krieges’ freimachen und einen Denkraum jenseits der in Ost und West offiziell gebildeten Ansichten erschließen wollen“[9].

Nun ist es kein Geheimnis, dass Marcuse sich intensiv mit Marx beschäftigte, worin auch begründet liegen mag, dass er dessen Lehre als Ausgangspunkt für seine Betrachtungen wählte. Insofern stellte der Sowjetmarxismus für ihn nichts anderes als den „Versuch dar, das geerbte Corpus der Marxschen Theorie mit einer historischen Situation zu versöhnen, die die zentrale Konzeption dieser Theorie selbst, nämlich die Marxsche Konzeption des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, umzustoßen schien“[10]. Was genau meinte er damit?

Aus marxistischer Perspektive konnte die bipolare Welt, die in der Nachkriegszeit besonders deutlich zum Vorschein kam, nur eine historische Anomalie sein. Die weltumspannende Revolution des Proletariats war ausgeblieben, revolutionäre Kräfte wurden zu reformistischen und der Kapitalismus stabilisierte sich zusehends. Wollten die Machthaber in der Sowjetunion an Marx und dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft festhalten, so musste dies zunächst durch eine Anpassung der Theorie an die realen Verhältnisse geschehen. Marcuse stellte anno 1957 fest: „Für den Sowjetmarxismus besteht der entscheidende Faktor in der Weltlage darin, daß die Entwicklung des Sozialismus mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus koexistiert und zu ihr parallel läuft (anstatt auf sie zu folgen, wie die Marxsche Theorie es vorsieht)“[11]. Das aus dieser Einsicht abgeleitete Primat einer Außenpolitik der friedlichen Koexistenz kam jedoch keiner dauerhaften Akzeptanz des kapitalistischen Systems gleich, sondern entstand aus der rationalen Notwendigkeit heraus, existenzgefährdende militärische Konfrontationen mit dem „Systemfeind“ bis auf weiteres zu vermeiden.

Neben der internationalen Rekonsolidierung des Kapitalismus wurde vor allem die territoriale Beschränkung des Sozialismus auf rückständige, agrarisch geprägte Länder für innere wie äußere Widersprüche der Sowjetgesellschaft verantwortlich gemacht.[12] Die so konstruierte Zwangslage kommentierte Marcuse nüchtern: „Das Erreichen der internationalen Ziele – insbesondere die Schwächung der westlichen Gesellschaft von innen – hängt letztlich vom Erreichen eines höheren Niveaus der Sowjetgesellschaft ab“[13]. Auf dem Zwanzigsten Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 wurde die ökonomische Hauptaufgabe dann auch mit dem Einholen bzw. Überholen des Pro-Kopf-Einkommens der höchstentwickelten kapitalistischen Länder beschrieben.[14]

Die fortwährende Systemkonkurrenz stellte die Sowjetunion allerdings vor ein Dilemma, welches Marcuse wie folgt zusammenfasste: „Nach dem Sowjetmarxismus erzwingt die ‚kapitalistische Umwelt’ die dauernde Verstärkung der repressiven politischen und militärischen Macht und verhindert die freie Nutzbarmachung der Produktivkräfte, um individuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Aber die dauernde Verstärkung der sowjetischen politischen und militärischen Macht verewigt ihrerseits die ‚kapitalistische Umwelt’ und fördert sogar ihren interkontinentalen Zusammenschluß“[15]. Natürlich wurde dieser von Marcuse aufgedeckte Widerspruch von der sowjetischen Führung, wenigstens offiziell, nicht eingeräumt. Doch zeigte sich gerade im Inneren, im Umgang mit dem eigenen Volk, dass genau dies den problematischen Kern des vermeintlich sozialistischen Projektes ausmachte.

2.2 „Neue Rationalität“ und innere Widersprüche des Sowjetstaats

Nicht umsonst galten Marcuses Schriften in der DDR als „Giftschrankliteratur höchsten toxischen Grades“[16]. Denn als Theoretiker des linken Antiautoritarismus kam er trotz seiner grundsätzlichen Sympathie für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft nicht umhin, die totalitären Züge und repressiven Mittel der tatsächlichen Machtausübung in der Sowjetunion bloßzustellen. Gleichzeitig zeigte er ein gewisses Verständnis, „entschuldigte“ die Absurdität des Sowjetmarxismus gar mit der „Absurdität einer historischen Situation, in der die Verwirklichung der Marxschen Versprechen sich abzeichnete – bloß, um wieder verzögert zu werden“[17] – und kam vor diesem Hintergrund wie selbstverständlich zu der Einschätzung, dass das, was von außen irrational erscheint, innerhalb des Systems durchaus rational sei.[18]

[...]


[1] Möll, Marc-Pierre: Kulturkritik von Herbert Marcuse. Totalitarismustheoretisches Denken von links. In: Aufklärung und Kritik, 1/2004, S. 7.

[2] Vgl. Marcuse, Herbert: Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, Sonderausgabe der Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1974.

[3] Vgl. Ders.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, München 1994.

[4] Vgl. Brunkhorst, Hauke / Koch, Gertrud: Herbert Marcuse zur Einführung, 2. Aufl., Hamburg 1990.

[5] Vgl. Müller, Tim B.: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg, Hamburg 2010.

[6] Vgl. Habermas, Jürgen (Hrsg.): Antworten auf Herbert Marcuse, 2. Aufl., 11.-20. Tausend, Frankfurt am Main 1968.

[7] Vgl. Steigerwald, Robert: Herbert Marcuses „dritter Weg“, Berlin 1969.

[8] Vgl. Jesse, Eckhard: Die Totalitarismuskonzeption von Herbert Marcuse. In: Ders.: Diktaturen in Deutschland. Diagnosen und Analysen, Baden-Baden 2008.

[9] Müller (2010), S. 448.

[10] Marcuse (1974), S. 30.

[11] Ebd., S. 69.

[12] Vgl. ebd., S. 96.

[13] Marcuse (1974), S. 155.

[14] Vgl. ebd., S. 158.

[15] Ebd., S. 99f.

[16] Wolle, Stefan: Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 22-23/2001, S. 42.

[17] Marcuse (1974), S. 91.

[18] Vgl. ebd. S. 88.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Sowjetische und westliche Industriegesellschaft bei Herbert Marcuse: Zwei Seiten derselben Medaille
Untertitel
Eine Spurensuche
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V212105
ISBN (eBook)
9783656400776
ISBN (Buch)
9783656401384
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herbert Marcuse, Sowjetmarxismus, Der eindimensionale Mensch, Kalter Krieg, Frankfurter Schule, Ideologiekritik, Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Stalinismus, Sowjetunion, Freiheit, Revolution, Neue Rationalität, Kritische Theorie, Totalitarismus, Totalitäre Systeme, Karl Marx, Marxismus, Technologiekritik, Sowjetkommunismus, Bipolarität, Industriegesellschaft, Gesellschaftssysteme
Arbeit zitieren
B.A. Frank Bodenschatz (Autor), 2012, Sowjetische und westliche Industriegesellschaft bei Herbert Marcuse: Zwei Seiten derselben Medaille, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212105

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